"Bleibt hier, so lange es euch beliebt, und erlaubt, daß ich mich jetzt bei euch niederlasse! Ich habe gehört, daß ihr Franken seid; ich habe auch das Schreiben meines Vorgesetzten gelesen, und deshalb komme ich selbst, um euch mitzuteilen, daß ich alles tun werde, um eure Wünsche zu erfüllen. Ist es euch recht, daß ich die Khawassen nach Damaskus zurückgeschickt habe?"
"Du hast sie zurückgesandt?"
"Ja. Ich hörte, daß sie im Kaffeehause saßen und eure Angelegenheiten ausplauderten. Könnt ihr den Dieb fangen, wenn es so bekannt wird, daß ihr ihn fangen wollt? Und dann hat mir auch dieser Jacub Afarah aus Damask gesagt, daß sie ihm und euch ungehorsam gewesen sind und euch Bakschisch abverlangten bei allem, was sie tun sollten. Darum habe ich sie fortgejagt und dem Tschausch einen Brief mitgegeben an seinen Kaimakam, damit sie bestraft werden. Der Großherr, den Allah segne, will, daß Ordnung sei in seinem Reiche, und auch wir sollen das wollen."
Das war denn einmal ein ehrlicher Beamter, eine Seltenheit im Reiche des Großherrn. Im weiteren Verlaufe der Unterhaltung tat es ihm förmlich leid, daß er uns nicht einen direkten Nutzen bringen könne, da wir ihn baten, für Verschwiegenheit zu sorgen und uns dann im übrigen gewähren zu lassen.
"Seid froh, daß ihr zu keinem andern Kodscha Pascha gekommen seid!" sagte er. "Wißt ihr, was ein anderer täte?"
"Wir bitten dich, es uns zu sagen!"
"Er würde euch das Gold und die Steine abverlangen, um zu entscheiden, wem es gehören solle. Es muß doch bewiesen werden, daß wirklich ein Diebstahl vorliegt, daß die Sachen wirklich die gestohlenen seien und daß die beiden Parteien in Wahrheit der Dieb und der Bestohlene sind. Darüber vergeht eine lange Zeit, und während so langer Zeit kann sich vieles verändern, auch Gold und Steine."
Er hatte recht. Jacub konnte sich gratulieren, an einen so ehrlichen Mann gekommen zu sein. Der Kodscha bat uns, ihm unsere Pferde anzuvertrauen, sie aber einzeln zu bringen, damit alles Auffällige vermieden werde, und dann entfernte er sich, nachdem er uns noch vorher vor den unterirdischen Gängen und Gewölben gewarnt hatte, in denen man leicht verunglücken könne.
Diese Gänge hatten zur Zeit der ägyptischen Invasion verschiedenem Gesindel zum Schlupfwinkel gedient, und wohl heute noch kam es vor, daß sich einer dort verbarg, welcher Ursache hatte, sich nicht sehen zu lassen.
Jacub hatte sein Pferd bereits bei dem Kodscha Pascha zurückgelassen. Wir sattelten nun auch unsere Pferde ab und schafften sie nach und nach zur Stadt. Die Stadt ist klein und hat ein um so verkommeneres Aussehen, als die Ruinen, bei welchen sie steht, imponieren müssen. Die Bewohner treiben ein wenig Seidenzucht und sind außerdem durch ihre schönen Pferde und Maulesel bekannt.
Das Haus des Bürgermeisters war eines der besten Gebäude, und der Stall, in welchen er die Pferde führen ließ, befriedigte unsere Ansprüche vollständig. Wir saßen einige Zeit beisammen, und dann kehrte ich zurück, aber nicht auf dem Wege, welchen ich gekommen war. Ein einzelner Mann konnte dem entflohenen Diebe, falls er ja Spähe hielt, nicht auffällig sein, und darum wanderte ich langsam durch die Ruinen, mich ganz dem Eindrucke überlassend, den sie auf mich machten.
Welch ein Unterschied zwischen dem Geschlechte, das solche Massen zu überwältigen verstand, und demjenigen, dessen Hütten da hinter mir an den Trümmern lehnten!
Jetzt sah ich Schlangen zwischen den Säulen dahinhuschen; ein Chamäleon blickte mich neugierig an, und hoch droben in den Lüften schwebte ein Turmfalke, der sich in einer Schneckenlinie auf einer der aufrechtstehenden Säulen niederließ. Er horstete da.
Halt, war da drüben nicht eine Gestalt vorübergehuscht, schnell und geschmeidig, wie der Schatten einer Wolke? Es war jedenfalls Täuschung, aber ich schritt langsam der Stelle zu, an welcher ich den Schatten erblickt hatte.
Hinter der Doppelsäule öffnete sich da eine tunnelartige Aushöhlung, welche eine gewisse Neugierde in mir erweckte. Wie mochte es in einem dieser Gänge beschaffen sein, in denen beim Glanze düsterer Fackeln die Opfer Baals dahin geschlachtet wurden? Es konnte nicht schaden, einige Schritte in den Gang zu tun. Wenn ich nur so weit ging, als das Licht des Tages reichte, so konnte mir ja unmöglich ein Unglück geschehen.
Ich trat in die Oeffnung und tat einige Schritte weiter. Der Gang war so breit, daß vier Personen nebeneinander Platz hatten; die Decke wurde von mächtigen Bogen getragen, und die Luft war rein und vollständig trocken. Ich schaute und horchte in die mächtige Finsternis hinein, und meine Phantasie malte sich den Schreck aus, welchen ich empfinden müsse, wenn da hinten plötzlich Lichter auftauchten und Sonnendiener hervorbrächen, um mich zu packen und zu den Opfern Molochs zu gesellen.
Ich kehrte mich wieder dem Eingange zu. Wie anders da draußen das helle, warme Tageslicht! Im Glanze der Sonne muß - - - halt, knisterte es nicht hinter mir? Ich wollte mich umwenden, erhielt aber in diesem Momente einen fürchterlichen Schlag gegen den Kopf. Ich weiß noch, daß ich taumelte und die Arme nach dem Manne ausstreckte, welcher den Hieb geführt hatte; dann aber wurde es schwarz um mich.
Wie lange ich ohne Besinnung gewesen bin, weiß ich nicht. Sie kehrte zurück, nur langsam und allmählich, denn es bedurfte einiger Zeit, ehe ich mich dessen erinnerte, was mit mir geschehen sei. Ich lag an der Erde; meine Füße waren zusammengebunden und meine Hände auch. Wo befand ich mich? Es herrschte das tiefste Dunkel und Schweigen um mich her; aber da, grad vor mir, erblickte ich zwei kleine, runde Stellen, welche einen eigentümlichen Schimmer hatten, der von Augenblick zu Augenblick verschwand und wieder erschien. Das waren zwei Augen, zwei scharf auf mich gerichtete Augen, über welchen sich die Lider öffneten und schlossen. Sie gehörten keinem Tiere, sondern einem Menschen an; das merkte ich.
Wer war der Mann? Jedenfalls doch der, welcher mir den Schlag versetzt hatte. Warum hatte er mich so feindlich behandelt? Eben wollte ich eine Frage aussprechen, als ich daran verhindert wurde; der Mann redete selbst.
"Ah, endlich bist du wieder wach! Nun kann ich mit dir sprechen."
Himmel! Diese Stimme kannte ich! Wer sie einmal gehört hatte, der vergaß den kalten, scharfen, spitzen Ton derselben sicher nicht wieder. Der Mensch, der mir hier gegenüber saß, war kein anderer als Abrahim Mamur, den wir fangen wollten. Sollte ich ihm antworten? Warum nicht? Hier im Finstern war es ja gar nicht möglich, ihm durch die Miene zu zeigen, daß ich nicht aus Furcht, sondern aus Verachtung schweige. Daß mich nichts Gutes erwarte, das wußte ich; aber ich verzagte dennoch nicht und beschloß, ihm nicht ein einziges bittendes Wort zu sagen. "Nun kann ich mit dir sprechen!" hatte er gesagt, und ich ahnte, daß er jetzt alles aufbieten werde, um mich innerliche Qualen leiden zu lassen. Er sollte sich täuschen.
"Sprich!" sagte ich kurz.
"Kennst du mich?"
"Ja."
"Das glaube ich nicht. Woher solltest du wissen, wer ich bin?"
"Meine Ohren sagen es mir, Abrahim Mamur."
"Ah, wirklich, du kennst mich; aber du sollst mich noch besser kennen lernen! Denkst du an Aegypten?"
"Ja."
"An Güzela, die du mir geraubt hast?"
"Ja."
"Der Schellal hat mich damals nicht verschlungen, als ich in seine tosenden Fluten stürzte; Allah will also, daß ich mich rächen soll."
"Ich war es selbst, der dir das Leben rettete. Allah will also, daß ich deine Rache nicht fürchte."
"Meinst du?" zischte er. "Warum hätte er dich da in meine Hand gegeben? Ich habe damals in Kahira nach dir geforscht und habe dich nicht entdeckt; hier aber in Damaskus, wo ich nicht an dich dachte, sah ich dich - - -"
"Und bist vor mir geflohen. Abrahim Mamur, oder vielmehr Dawuhd Arafim, du bist ein Feigling!"
"Stich nur, Skorpion; ich bin der Löwe, welcher dich fressen wird! Ich wußte, daß du mich verraten würdest; daher ging ich; denn ich wollte mir mein schweres Werk nicht von dir vernichten lassen. Ihr habt mich verfolgt und mir alles wieder abgenommen; aber ich werde mir die Steine wieder holen; darauf kannst du dich verlassen!"
"Tue es!"
"Ja, ich tue es. Ich werde sie dir bringen und zeigen; darum habe ich dich nicht getötet. Aber sterben wirst du doch, denn du bist schuld an tausend Qualen, welche ich erlitten habe. Du nahmst mir Güzela, durch welche ich ein besserer Mann geworden wäre. Du hast mich wieder zurückgeschleudert in die Tiefe, aus welcher ich mich erheben wollte; nun sollst du deine Strafe haben. Sterben sollst du, aber nicht schnell durch das Messer oder die Kugel; nein, langsam und mit Millionen Schmerzen. Der Hunger soll deine Eingeweide zerreißen, und der Durst deine Seele auflecken, daß sie vor Qualen zischt wie der Wassertropfen, an dem das Feuer frißt!"
"Das traue ich dir zu!"
"Spotte nicht und glaube ja nicht, daß du mir entkommen kannst! Wüßtest du, wer ich bin, so würdest du versteinern vor Schreck."
"Ich brauche es nicht zu wissen!"
"Nicht? Oh, du sollst es doch erfahren, damit du eine jede Hoffnung aufgibst und damit die Hand der Verzweiflung dein Herz erfaßt. Ja, du sollst alles wissen, damit du hilflos deine Zähne zusammenknirschest. Weißt du, was ein Tschuwaldar (* Wörtlich: Sackmann. Einer, der seine Ermordeten im Sacke in das Wasser wirft.) ist?"
"Ich weiß es," antwortete ich, denn ich hatte mir viel von den Tschuwaldar erzählen lassen, welche vor gar nicht langer Zeit Konstantinopel so fürchterlich unsicher gemacht hatten.
"Weißt du auch, daß die Tschuwaldar eine Familie bilden, welche von einem Oberhaupte regiert wird?"
"Nein."
"Nun so wisse, daß ich dieses Oberhaupt gewesen bin und daß ich es auch noch jetzt bin."
"Prahler!"
"Zweifle nicht! Hast du nicht in Aegypten gesehen, wie reich ich bin? Woher sollte ich den Reichtum haben, ich, der ausgepeitschte Beamte? Auch Afrak Ben Hulam aus Adrianopel wurde gesäckt, denn einer meiner Leute hatte viel Geld bei ihm gesehen. Man brachte mir die Briefe, welche er bei sich trug; ich öffnete sie vorsichtig, und als ich den Inhalt sah, beschloß ich, an seiner Stelle nach Damask zu gehen und den Laden auszuplündern, sobald die Zeit dazu gekommen sei. Da aber kamst du, Giaur, und ich mußte mich mit wenigem begnügen. Der Scheïtan öffne dir dafür den heißesten Pfuhl der Dschehennah!"
"Du hast selbst das wenige wieder verloren!"
"Ich bekomme es wieder; du wirst es sehen. Aber das soll auch das letzte sein, was du auf Erden erblickst. Ich werde dich dann hier an einen Ort schaffen, von welchem keine Wiederkehr ist. Ich kenne diesen Ort, denn wisse, daß ich in Sorheïr geboren wurde. Mein Vater lebte in diesen Gängen, als der Pascha von Aegypten nach Syrien kam und Männer und Söhne in die Reihen seiner Krieger steckte. Ich war ein Knabe; ich war bei ihm; wir durchschlichen die Finsternis und durchforschten das Dunkel; wir lernten jeden Winkel dieser Tiefe kennen, und ich kenne den Ort, wo deine Leiche faulen wird, wenn du nach langer Qual verschmachtet bist."
"Allah kennt ihn ebenso!"
"Aber Allah wird dir nicht helfen, Giaur! So fest, wie dich jetzt die Fesseln halten, so fest wird dich das Verderben fassen, dem ich dich bestimmt habe. Dein Tod ist besiegelt."
"So sage mir zu dem allen noch, wo sich jener Barud el Amasat befindet, welcher Senitza als Sklavin an dich verkaufte!"
"Das wirst du nicht erfahren!"
"Siehst du, Feigling! Wüßtest du gewiß, daß ich hier sterben würde, so könntest du mir dies ruhig sagen!"
"Nicht deshalb schweige ich; du sollst keinen Wunsch mehr haben, welcher Erfüllung findet. Jetzt schweige! Ich werde schlafen, weil die Nacht neue Kräfte von mir fordern wird."
"Du wirst nicht schlafen können, denn dein Gewissen läßt dich niemals ruhen."
"Ein Giaur mag ein Gewissen haben; ein Gläubiger verachtet es!"
Ich hörte an dem Rascheln seiner Kleider, daß er sich zum Liegen ausstreckte. Wollte er wirklich schlafen? Unmöglich! Oder sollte dies eine neue Qual für mich bedeuten? Wollte er mit mir spielen, wie der Knabe mit dem Käfer an der Schnur?
Ich beobachtete ihn scharf. Nein, er wollte nicht schlafen. Er schloß zwar die Augen, aber wenn er sie öffnete, um nach mir zu sehen, so geschah dies nicht müd und schläfrig, sondern ich sah die runden Stellen mit Anstrengung auf mich gerichtet. Er hätte ja nicht schlafen können, sobald er nur an die Art und Weise dachte, wie er mich gefesselt hatte. Er hatte mir etwas um die beiden Fußknöchel und etwas um die Handgelenke gebunden, und da ich die Arme vorn hatte, so konnte ich mit Bequemlichkeit bis zu den Füßen langen.
Hätte ich nur ein Messer gehabt! Aber er hatte mir ja die Taschen ausgeleert. Welch ein Glück übrigens, daß ich nur das Messer und die zwei Revolver bei mir getragen hatte! Mußte ich wirklich hier elend umkommen, so erbte doch wenigstens Halef die Waffen, anstatt daß sie diesem Menschen in die Hände fielen.
Aber umkommen! War es denn wirklich so weit? Vermochte ich mich nicht zu wehren? Da ich die Arme ein wenig rühren konnte, war es ja nicht unmöglich, ihm ein Messer zu entreißen. Wenn ich das fertig brachte und es mir dann gelang, nur fünf Sekunden lang mich von ihm frei zu machen, so war ich gerettet. Und das mußte bald geschehen. Es war seit meinem Eintritte in den Gang gewiß eine sehr lange Zeit vergangen, und wie leicht konnte es ihm einfallen, mich doch noch zu erschießen, um meines Todes gewiß zu sein, was aber nicht der Fall war, wenn er mich, obgleich gebunden, hier zurücklassen mußte.
Ich überlegte. Konnte ich mich sachte zu ihm beugen und mit den Spitzen meiner Finger möglichst leise in seinem Gürtel nach dem Griffe seines Messers suchen? Das war unmöglich. Oder mich auf ihn werfen und ihn mit den Händen erwürgen? Ich konnte ja meine Hände nicht so weit auseinander bringen, als nötig ist, einen starken Männerhals zu umfassen. Oder sollte ich meine Füße als Angriffswaffe benützen? Vielleicht mit ihnen seine Schläfe zu treffen suchen? Auch das ging nicht, denn wenn ich die rechte Stelle nicht traf, so war alles verloren. Gleich der erste Griff mußte mich zu einem Messer bringen, sonst war jede Mühe und jedes Wagen umsonst.
Darum versuchte ich es, mich leise, ganz leise zunächst in sitzende Stellung zu erheben. Kein Fältchen meines Gewandes durfte knittern oder rauschen, und ich mußte meine Augen schließen, damit er aus der Stellung derselben nicht auch die Stellung meines Körpers erraten konnte. Denn grad so, wie ich seine Augen sehen konnte, vermochte er ja auch die meinigen zu erkennen.-
Es gelang, und nach langer, langer Anstrengung kam ich auch auf die Füße zu kauern. Ich schloß die Augen jetzt nur halb, um einen seiner Blicke zu erhaschen. Jetzt sah er nach mir herüber - und kaum hatte er die Lider geschlossen, so stieß er einen Schrei aus: mein rechtes Knie lag auf seiner Kehle, und mein linkes auf seiner Brust. Er fuhr in augenblicklicher Angst mit den beiden Händen nach dem Halse, um diesen frei zu machen, und das gab mir Raum und Gelegenheit, mit den zusammengebundenen Händen an seinen Gürtel zu kommen. Ich tastete den Griff eines Messers und zog es heraus. Er fühlte das und erkannte die Gefahr, in der er sich befand. Mit einem gewaltigen Rucke warf er mich ab und sprang auf.