"Maschallah! Ein Segelschiff!" antwortete er, mir mit seemännischer Verachtung den Rücken zukehrend.
Etwas abseits stand der alte Limandar (* Hafenmeister.), den ich an seinem Abzeichen erkannte. Ihm legte ich dieselbe Frage vor und erfuhr, daß es die "Bouteuse" aus Marseille sei.
"Wohin?"
"Nach Stambul."
"Geht ein anderes Schiff bald dorthin?"
"Es ist keines da."
Da hatten wir es! Nun hielten wir am Strande! Was machen? Der Engländer schimpfte englisch, und die Irländer halfen; Jacub schimpfte türkisch, und ich hätte ihm helfen mögen. Aber das konnte keinen Nutzen bringen.
"Wir müssen nach Beirut. Dort finden wir sicher ein Fahrzeug nach Stambul," schlug ich vor.
"Glaubst du wirklich, Herr?" fragte Jacub Afarah.
"Ich bin überzeugt davon."
"Aber du wolltest doch nach Jerusalem!"
"Dazu ist auch später Zeit. Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich weiß, ob die Juwelen für dich verloren sind oder nicht."
Halef, mein kleiner Hadschi, fragte, ob ich ihn mitnehmen wolle. Das verstand sich ganz von selbst. Und daß Lindsay uns nicht allein reisen lassen werde, war ebenso gewiß. Jacub lohnte seinen Führer und den Pferdeverleiher ab; dasselbe tat auch der Engländer. Es wurden andere Führer und Tiere genommen, und am andern Morgen setzte sich der Zug in Bewegung.
In der Hafenstadt angekommen, erfuhren wir, daß ein amerikanischer Schoner daliege, welcher nach Stambul fahren wolle. Wir sahen ihn uns an. Er war scharf auf dem Kiele gebaut und hatte Klippertakelage, war also ein guter Segler, dem man sich anvertrauen konnte, wenn man keine Scheu vor ein wenig Sturzsee hatte. Wir sprachen mit dem Capt'n und wurden mit ihm einig. Ade, ade, du stolzer Libanon! Dieses Mal bin ich achtlos an dir vorübergegangen. Ade also für ein anderes Mal!
- - -
Siebentes Kapitel: In Stambul
Da saßen zwei in einem Zimmer des Hotel de Pest in Pera, tranken den famosen Ruster, den ihnen der Wirt, Herr Totfaluschi, eingeschenkt hatte, rauchten dazu und langweilten sich entsetzlich, wie es schien.
Sie sahen nicht gar sehr "geschniegelt und gebügelt" aus. Das Aeußere des einen bestand in langen, starken Juchtenstiefeln, einer braunen Hose, braunen Jacke, sonnverbranntem Gesichte und braunen Beduinen-Händen. Das Aeußere des andern war "grau in grau gemalt", die Nase ausgenommen, welche sich mit einem ausdauernden holden Erröten präsentierte. Sie tranken und rauchten, und rauchten und tranken in allertiefster Schweigsamkeit. War es wirklich aus Langeweile, oder trugen sie sich mit großen, weltbewegenden Gedanken, für welche die Sprache der Menschen glücklicherweise keinen passenden Ausdruck fand?
Es schien das letztere der Fall zu sein, denn plötzlich öffnete der Graue den Mund, schüttelte die Nase und schloß die Augen; er konnte es nicht länger verhindern; einer seiner großen Gedanken befreite sich und riß sich los in den siegreich hervorgestoßenen Worten:
"Master, was haltet Ihr von der orientalischen Frage?"
"Daß sie nicht mit einem Frage-, sondern mit einem Ausrufzeichen zu markieren ist," lautete die Antwort des Braunen.
Der Graue tat seinen Mund wieder zu, riß die Augen auf und machte ein Gesicht, als habe er soeben einen Band von Keladis "Sprüche eines Weisen", Großfolio und in Schweinsleder gebunden, verschlingen müssen.
Der Graue war Sir David Lindsay, und der Braune, der war ich. Ich habe mich niemals leidenschaftlich mit Politik beschäftigt, und die orientalische Frage ist mir gar ein Greuel. Wer sie erst definieren kann, der mag sie danach lösen. Sie und der sogenannte "kranke Mann" haben mich selbst in der lebhaftesten Gesellschaft zum sofortigen Schweigen gebracht. Ich habe nicht politische Medizin studiert und kann also nicht sagen, an welcher Krankheit dieser Mann leidet; aber ich meine sehr, daß grad ganz in seiner Nähe Zustände herrschen, welche ich nicht gesund nennen möchte.
Der Türke ist ein Mensch, und einen Menschen macht man nicht damit gesund, daß die Nachbarn sich um sein Lager stellen und mit Säbeln ein Stück nach dem andern von seinem Leibe hacken, sie, die sie Christen sind. Einen kranken Mann macht man nicht tot, sondern man macht ihn gesund, denn er hat ein ebenso heiliges Recht, zu leben, wie jeder andere. Man entzieht seinem Körper die Krankheitsstoffe, welche ihm schädlich sind, und reiche ihm dagegen das Mittel, welches ihn heilt und wieder zu einem leistungsfähigen Menschen macht. Der Türke war einst ein zwar rauher, aber wackerer Nomade, ein ehrlicher, gutmütiger Gesell, der gern einem jeden gab, was ihm gehörte, sich aber auch etwas. Da wurde seine einfache Seele umsponnen von dem gefährlichen Gewebe islamitischer Phantastereien, Lügen und Widersprüche; er verlor die Klarheit seines ja sonst schon ungeübten Urteils, wollte sich gern zurecht finden und wickelte sich desto tiefer hinein. Da ward der bärbeißige Gesell zornig, zornig gegen sich und andere; er wollte sich einmal Gewißheit schaffen, wollte einmal sehen, ob es wahr sei, daß das Wort des Propheten auf der Spitze der Schwerter über den Erdkreis schreiten werde. Er hing sich den Köcher um, griff zu Speer und Bogen, bestieg ein zottiges Roß und nahm den ersten, den besten Nachbar beim Schopfe. Er siegte und siegte wieder; das begann, ihm zu gefallen. Er fühlte mit den Siegen seine Kräfte und sein Selbstvertrauen wachsen; darum ging er mit kühnen Schritten weiter. Es lagen ihm Tausende zu Füßen; er konnte in Gold und Perlen wühlen, aber er aß seinen trockenen Schafkäse zu dem harten Haferbrote nach wie vor, denn das gab ein festes Knochengerüste und eine eiserne Muskulatur.
Das blieb so, bis er gezwungen wurde, bis an den Leib in dem Sumpfe byzantinischer Heuchelei und griechischer Raffinerie zu waten. Man schmeichelte ihm, man machte ihn zum Halbgott; man zerstreute ihn durch hundert Aufmerksamkeiten; man erfand tausende Sünden, um Einfluß auf ihn zu gewinnen, und lehrte ihn Bedürfnisse, die ihn zugrunde richten mußten. Seine Natur widerstand lange; aber als er einmal zu siechen begann, nahm die Krankheit Riesenschritte an, und nun liegt er da, umgeben von eigennützigen Ratgebern, welche sich sogar nicht scheuen, noch zu seinen Lebzeiten sein Erbe an sich zu reißen.
Nur ein einziger steht von Ferne, mit christlicher Teilnahme im Herzen. Er war ihm einst ein ehrlicher Feind und möchte ihm nun auch ehrlicher Freund sein. Er hat eingesehen, daß der Türke ein ebenso großes Recht hat, sein Land zu behaupten, wie Preußen sein Schlesien, Sachsen und Hannover behalten hat. Dem Kranken, um welchen die Geier lauern, ist schon der aufrichtige Blick dieses Einen eine Bürgschaft der Genesung, und darum fühlt er sich bereit, ihm zuliebe selbst das zu tun, was er sich von anderen nie erzwingen ließe.
Dieser Einzige ist der Deutsche. Ist dem Germanen wirklich die weltgeschichtliche Rolle zugeteilt, der Träger christlicher Humanität zu sein, so ist er sicher überzeugt, daß Mekka einst veröden wird, wenn die Liebe dem Hasse das Schwert aus der Hand gewunden hat. Oder ist es vielleicht Wahnsinn, zu glauben, daß der Türke ein Christ werden könne? Das hieße nichts anderes, als die Macht des Evangeliums verleugnen. - - -
Warum aber diese Einleitung? Einfach darum: Ich hasse den Türken nicht, sondern er dauert mich, weil ich ein Christ bin, und es tut mir immer wehe, wenn ich einen Türkenfresser behaupten höre, daß dem Osmanen nicht zu helfen sei. Das ist Pharisäerhochmut, aber kein Christensinn. Die Streiter unserer heiligen Kirche besitzen mächtigere Waffen, als Schwerter und Kanonen es sind. Diese Waffen haben Weltreiche ohne Blut erobert. Warum soll diese Eroberung des Friedens nicht still und kräftig weiterschreiten? Das ist die Lösung der orientalischen Frage, wie der Christ sie sich denkt. - - -
Drunten im goldenen Horn liegt die "Bouteuse". Sie hat die Flügel eingezogen und sich an die Kette legen lassen. Vorher aber war sie eine gute Seglerin und zeigte sich unserem amerikanischen Klipper gewachsen, denn sie war einen vollen Tag eher als wir in Stambul angekommen.
Als wir an das Land stiegen, war mein erster Ausflug zur "Bouteuse". Der Kapitän derselben empfing mich mit der liebenswürdigen Freundlichkeit, welche den Franzosen im gesellschaftlichen Leben eigentümlich ist.
"Sie wünschen, mein Schiff zu besehen?" fragte er mich.
"Nein, Kapitän; ich wünsche, mich bei Ihnen nach einem Ihrer letzten Passagiere zu erkundigen."
"Ich stehe zu Ihren Diensten!"
"Es ist in Tripoli ein Mann bei Ihnen an Bord gegangen - -"
"Ein einziger, ja."
"Darf ich fragen, unter welchem Namen?"
"Ah, Sie sind Polizist?"
"Nein, ich bin ein einfacher Deutscher; der Mann, nach dem ich frage, hat in Damaskus einem Freunde von mir sehr wertvolle Pretiosen gestohlen. Wir folgten ihm, kamen aber in Tripoli erst an, als Sie im Begriffe standen, die See zu gewinnen. Wir konnten nur in Beirut Gelegenheit finden, Ihrem Kurs zu folgen. Das die Gründe meines Besuches auf Ihrem Fahrzeug."
Der Mann strich sich sehr nachdenklich das Kinn.
"Ich bedauere Ihren Freund von Herzen, weiß aber nicht, ob ich Ihnen von Nutzen werde sein können, so gern ich das auch möchte."
"Dieser Mann ist sofort vom Bord gegangen?"
"Sofort. Ah, da fällt mir ein, daß er einen Hammal (* Lastträger.) an Bord winkte, um sich seine Sachen tragen zu lassen; sie waren nicht bedeutend, denn er hatte nur ein Paket. Ich würde diesen Hammal wieder erkennen. Der Mann nannte sich Afrak Ben Hulam."
"Das ist ein falscher Name!"
"Wahrscheinlich. Kommen Sie einmal wieder an Bord. Ich will Ihnen versprechen, diesen Hammal anzureden, wenn er mir begegnen sollte."
Ich ging. Die Anderen erwarteten mich am Ufer. Jacub Afarah stellte sich an unsere Spitze, um uns nach dem Hause seines Bruders zu führen. Weder ich, noch Lindsay hatte die Absicht, die Gastfreundschaft desselben zu benutzen; aber uns ihm vorzustellen, das konnten wir schon wagen.
Maflei, der Großhändler, wohnte in der Nähe der Jeni Dschami, der neuen Moschee, und das Aeußere seines Hauses ließ keinen Schluß auf die Größe seines Reichtums machen. Wir wurden, ohne daß wir unsere Namen nannten, in das Selamlik geführt, wo wir nicht lange auf den Eintritt des Hausherrn warten durften.
Er schien über den zahlreichen Besuch erstaunt zu sein; als er jedoch seinen Bruder erkannte, vergaß er ganz die dem Moslem sonst so unveräußerliche Gravität und eilte mit großen Schritten auf ihn zu, um ihn zu umarmen.
"Maschallah, mein Bruder! Begnadigt Allah meine Augen mit wahrem Lichte?"
"Du siehst richtig, mein Bruder!"
"So segne Allah deinen Eintritt und den deiner Freunde!"
"Ja, es sind Freunde, welche ich dir bringe."
"Kommst du in Geschäften nach Stambul?"
"Nein. Doch davon sprechen wir weiter. Ist Isla, der Sohn deines Herzens, in Stambul oder auf Reisen?"
"Er ist hier. Seine Seele wird sich freuen, dein Angesicht zu sehen."
"Er wird auch noch andere Freude empfinden. Rufe ihn!"
Es vergingen einige Minuten, ehe Maflei zurückkehrte. Er brachte Isla Ben Maflei mit, und ich trat bei seinem Anblick ein wenig zur Seite. Der junge Mann umarmte seinen Oheim und sah sich dann im Kreise um. Sein Blick fiel auf Halef, und sofort erkannte er ihn:
"Allahu! Hadschi Halef Omar Agha, du hier? Du bist in Stambul!" rief er erstaunt. "Sei mir gegrüßt, du Diener und Beschützer meines Freundes! Hast du dich von ihm getrennt?"
"Nein."
"So ist er auch in Stambul?"
"Ja."
"Warum kommt er nicht mit dir?"
"Sieh dich um!"
Isla wandte sich um und lag mir im nächsten Augenblick an dem Halse.
"Effendi, du weißt nicht, welche Freude du mir bereitest! Vater, sieh dir diesen Mann an! Das ist Kara Ben Nemsi Effendi, von dem ich dir erzählt habe, und das ist Hadschi Halef Omar Agha, sein Freund und Diener."
Jetzt gab es eine Szene, bei welcher selbst das Auge des Engländers leuchtete. Diener mußten springen, um Pfeifen und Kaffee zu holen. Maflei und Isla schlossen sofort ihr Geschäft, um sich nur uns zu widmen, und bald saßen wir erzählend auf den Polstern.
"Aber wie kommst du mit dem Effendi zusammen, Oheim?" fragte Isla Ben Maflei.
"Er war mein Gast in Damaskus. Wir trafen uns in der Steppe und sind Freunde geworden."
"Warum bringst du uns nicht Grüße von Afrak Ben Hulam, dem Enkel meines Oheims?"
"Grüße kann ich dir nicht bringen, aber Nachricht habe ich für dich."
"Nachricht, aber keine Grüße? Ich verstehe dich nicht."
"Es ist ein Afrak Ben Hulam bei mir angekommen, aber er war der richtige nicht."
"Allah 'l Allah! Wie ist das möglich? Wir gaben ihm einen Brief mit. Hat er ihn dir nicht überbracht?"
"Ja. Ich nahm ihn auf, wie ihr es begehrtet; ich gab ihm einen Platz in meinem Hause und in meinem Herzen, aber er war undankbar, indem er mir für viele Beutel Diamanten stahl."
Die beiden Verwandten vermochten bei dieser Kunde kein Wort zu sagen, so erschraken sie. Dann aber sprang der Vater auf und rief:
"Du irrst! Das tut kein Mensch, der das Blut unserer Väter in seinen Adern hat!"
"Ich stimme dir bei," antwortete Jacub. "Der, welcher mir deinen Brief brachte und sich Afrak Ben Hulam nannte, war ein Fremder."
"Glaubst du, daß ich einem Fremden solche Briefe gebe?"
"Es war ein Fremder. Früher hieß er Dawuhd Arafim, dann nannte er sich Abrahim Mamur, und jetzt - -"
Da sprang Isla auf.
"Abrahim Mamur? Was sagst du von ihm? Wo ist er? Wo hast du ihn gesehen?"
"In meinem Hause war er, unter meinem Dache hat er gewohnt und geschlafen; ich habe ihm Schätze anvertraut im Werte von Millionen, ohne zu ahnen, daß es Abrahim Mamur war, der euer Todfeind ist!"
"Allah kerihm! Meine Seele wird zu Stein!" meinte der Alte. "Welch ein Unglück hat da mein Brief angerichtet! Aber wie ist er in seine Hand gekommen?"
"Er hat den echten Afrak Ben Hulam ermordet und ihm den Brief abgenommen. Nachdem er diesen gelesen hatte, entschloß er sich, als mein Verwandter zu mir zu gehen und meinen ganzen Laden zu leeren. Nur diesem Effendi allein danke ich es, daß es nicht geschehen ist."
"Was hast du mit ihm getan?"
"Er entfloh uns, und wir sind ihm nachgejagt. Er ist gestern mit einem französischen Schiffe hier angekommen, wir aber kamen erst heut."
"So werde ich mich gleich bei dem Franzosen erkundigen," meinte Isla, sich erhebend.
"Du kannst bleiben," sagte ich. "Ich war bereits dort; der Dieb hatte das Schiff bereits verlassen, aber der Kapitän versprach, uns behilflich zu sein. Er hat mich eingeladen."