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作者:德- Karl May 当前章节:15390 字 更新时间:2026-6-23 07:58

Leider beobachtete ich, daß der Kaftan allerdings fast die einzige Bedeckung Baruchs sei; die Hose bekam ich gar nicht zu sehen, und der Jackenärmel, welcher heute abend aus dem Aermelloche des Kaftans hervorblickte, war auch bereits aus »Rand und Band« gegangen. Hier konnte mit wenigem geholfen werden, und ich beschloß, es zu tun. Natürlich hatte Baruch mit seinem Juwelen- und Antiquitätengeschäft nur geflunkert, doch war dies nicht in böser Absicht geschehen; diese armen Menschen hatten von einem Piaster und für acht oder zehn Pfennige Brot täglich leben müssen, und ich machte sie ganz glücklich, als ich ihnen erklärte, daß sie die Aufwartung bei uns übernehmen und dafür täglich fünf Piaster erhalten sollten.

Im Laufe des Gespräches konnte ich mich unauffällig nach meiner andern Nachbarschaft erkundigen.

"Effendi," sagte Baruch, "es wohnen lauter arme Leute hier in dieser Gasse. Manche sind gut und ehrlich, manche aber auch böse und schlimm. Sie sind ein Schreiber und werden hier in dieser Gegend keine Arbeit finden; Sie haben also mit diesen Leuten nichts zu tun, aber dennoch bitte ich Sie, sich ganz besonders vor dem anderen Nachbarhause in acht zu nehmen."

"Warum?"

"Es ist gefährlich, davon zu sprechen."

"Ich bin verschwiegen!"

"Das glaube ich Ihnen, aber Sie werden vielleicht Ihre neue Wohnung sogleich wieder verlassen, wenn ich plaudere, und das würde mir leid tun."

"Ich verspreche Ihnen, meine Wohnung trotzdem zu behalten. Ich hoffe, daß wir Freunde sind, und da denke ich, daß Sie ehrlich und aufrichtig gegen mich sein müssen. Ich bin nicht reich, aber auch ein armer Mann kann dankbar sein."

"Ich habe Ihre Güte bereits kennen gelernt und will Ihrem Versprechen glauben. Alle Bewohner dieser Gasse wissen, daß in Ihrem Nachbarhause nichts Gutes vorgeht, aber sie bekümmern sich nicht darum; es hat einmal einer sich in das andere, nebenan liegende Haus, welches unbewohnt ist, geschlichen, um zu lauschen; er war am andern Morgen noch nicht zurückgekehrt, und als die Seinen nach ihm sahen, fanden sie ihn an einem Balken aufgehängt. Er selbst hatte das sicherlich nicht getan."

"So meinen Sie, daß meine Nachbarn nicht nur verdächtige, sondern sogar gefährliche Leute sind?"

"Ja. Sie müssen sich vor ihnen sehr in acht nehmen."

"Aber man darf doch wenigstens wissen, wer das Haus bewohnt?"

"Es wohnt ein Grieche da, der ein Weib und einen Sohn hat. Sie haben Wein zu trinken und halten viele schöne Knaben und junge Mädchen, die man aber auf der Gasse niemals zu sehen bekommt. Mehrere Männer gehen von früh bis am Abend durch die Stadt, um Gäste herbei zu bringen. Da kommen vornehme Herren und gewöhnliche Leute, Einwohner von Stambul und Fremde; es wird gespielt und Musik gemacht, und ich glaube nicht, daß alle wieder fortgehen, die gekommen sind. Man hört manchmal des Nachts einen Hilferuf oder ein Waffengeklirr, und dann sieht man gewöhnlich des Morgens eine Leiche auf dem Wasser schwimmen. Auch kommen oft des Nachts ganze Trupps von Männern, die keine Laternen haben, dafür aber mit allerlei Dingen bepackt sind, die in das Haus geschafft werden. Dann wird geteilt."

"Sie sagen, daß sich niemand um dieses Haus bekümmern mag, und dennoch wissen Sie das alles so genau. Haben Sie vielleicht auch einmal gelauscht?"

"Effendi, das darf ich keinem Menschen sagen; ich wäre verloren!"

"Auch mir nicht?"

"Ihnen ganz und gar nicht, denn Sie wären imstande, dasselbe zu tun, was ich getan habe, und dabei könnte es Ihnen ganz so gehen wie jenem Manne, der aufgehängt ward."

"Vielleicht sagen Sie bloß, daß Sie etwas gesehen haben, um mich furchtsam zu machen!"

"Effendi, wahrlich, ich lüge nicht!"

"Das denke ich wohl auch, aber vielleicht haben Sie nur geträumt."

Das half. Der Alte wollte weder für einen Lügner noch für einen Träumer gehalten sein und meinte deshalb:

"Ich will gar nichts sagen, aber ich bitte Sie nur, weder das Brett noch die Stange anzurühren."

"Welches Brett?"

"In der rechten Wand Ihres Selamlik ist ein Brett locker; es hängt nur noch am obersten Nagel, und daher kann man es unten zur Seite schieben. Dann kommt ein kleiner Zwischenraum, hinter dem sich die Bretterwand des Nachbarhauses befindet; auch da ist ein Nagel los; ich selbst habe ihn herausgemacht. Schiebt man das Brett zur Seite, so blickt man in das Gemach, in dem die Opiumraucher liegen, und daneben hört man die Gläser klingen und die Knaben und Mädchen lachen."

"Da sind Sie sehr unvorsichtig gewesen! Wenn man nun auch drüben einmal bemerkt, daß die Bretter locker sind!"

"Ich wollte doch sehen, was man drüben treibt, und so mußte ich den Nagel entfernen, anders ging es nicht."

"Es wäre doch anders und besser gegangen. Sie brauchten nur in das Brett des Nachbarhauses ein kleines Loch zu bohren, so klein, daß es drüben nicht bemerkt werden kann."

"Da hätte ich zu wenig sehen können."

"Und was ist es mit der Stange?"

"Sie liegt in dem Schuppen, der an das Nachbarhaus stößt, und ist lang genug, daß man sie als Leiter gebrauchen und an ihr emporklettern kann. Auch die Wand des Hofgebäudes besteht nur aus Brettern, und ich kenne eines derselben, das ein Astloch und eine große Ritze hat. Wenn man hindurchblickt, so sieht man eine große, lange Kammer, in welcher sich die Männer versammeln, wenn sie ihre Beute verteilen."

"Welches Brett ist es?"

"Ich habe, um es mir leicht merken zu können, einen Kalkstrich daran gemacht."

"Aber wie kommt es, daß Sie keine Anzeige erstattet haben? Das wäre doch Ihre Pflicht gewesen!"

"Effendi, meine erste Pflicht ist, mir das Leben zu erhalten. Ich will nicht auch aufgehängt werden."

"Sie wären aber von der Polizei ja doch nicht verraten worden!"

"Herr, Sie wohnen wohl noch nicht lange in Stambul? Als ich durch das Astloch blickte, habe ich vornehme Herren gesehen; ich habe auch Derwische und Khawassen erkannt. Es gibt manchen hohen Mansubli (* Beamter.), dem der Großherr kein Gehalt bezahlt und der deshalb nur von dem Bakschisch lebt, welches er überall herauszupressen sucht. Und was soll ein solcher Mann tun, wenn auch das Bakschisch nicht hinreichend ist? Wer Ihren Nachbar anzeigt, der kommt wohl grad zu einem Karawulder (** Polizeiwachtmeister.) oder Kadi, welcher mit da drüben in der Kammer gesessen hat, und es ist ganz sicher um ihn geschehen. Nein, ich weiß nun, was in jenem Hause vorgeht, und werde mich nicht weiter darum kümmern. Nur Ihnen allein habe ich es mitgeteilt, und ich hoffe, daß Sie sich von mir warnen lassen!"

Ich hatte nun genug erfahren und hütete mich, noch weiter in Baruch zu dringen. Ich hegte jetzt die Ueberzeugung, daß ich selbst mit meinen Gefährten mich in Gefahr befand. Der Grieche erfuhr jedenfalls, daß er eine neue Nachbarschaft bekommen habe; er erkundigte sich auf alle Fälle nach uns und ließ uns aufmerksam beobachten. Dies letztere war ihm sehr leicht und konnte geschehen, ohne daß wir es merken mußten, da er nur durch eine Bretterwand von uns getrennt war. Des Tages über durften wir uns nur unter großer Vorsicht in den Hof begeben, denn es war ja möglich, daß uns jemand sah, der uns von früher kannte. Deshalb war es gut, daß ich Baruch unsere Bedienung übertragen hatte; auf diese Weise konnten wir ruhig in der Wohnung stecken bleiben.

Meine Gefährten hatten vielleicht das Licht brennen lassen. Das konnte durch irgend eine Ritze hinüber in das Nachbarhaus scheinen, oder sie sprachen an einem Orte zusammen, wo sie von drüben gehört werden konnten. Darum litt es mich nicht länger bei dem Juden, und ich kehrte nach Hause zurück. Vorher aber instruierte ich noch Baruch, wie er sich zu verhalten habe, falls er nach uns gefragt werde. Er hatte zu sagen, ein armer Schreiber, ein Hamal und ein noch ärmerer Araber hätten das Logis inne, also drei Männer, welche genug mit sich selbst zu tun hätten. Da die Wohnungen zusammenstießen, so brauchte ich, wenn ich des Juden bedurfte, nur an die Wand zu pochen; er mußte es hören.

Als ich unsere Vordertüre erreichte, war sie nur angelehnt, und Omar stand auf der Wache. Er sagte mir, daß bereits mehrere Personen das Nachbarhaus betreten hätten. Dieselben seien durch das Loch neben dem Eingange nach ihrem Begehr gefragt worden und hätten dann mit dem Worte "El Nassr" geantwortet. Ich bat ihn, das Haus zu verschließen und mir nach der Wohnung zu folgen. Halef befand sich im Hofe; er hatte nichts gesehen und gehört und kam mit uns in die Wohnung. Hier brannte kein Licht, und ich zog es vor, im Dunkeln zu bleiben.

Nachdem ich ihnen meine Unterhaltung mit Baruch erzählt hatte, untersuchte ich die rechte Wand des Selamlik und fand sehr leicht das Brett, welches sich verschieben ließ. Ich zog es beiseite und langte mit der Hand dahinter. In der Entfernung einer Balkenbreite fühlte ich die Bretterwand des Nebenhauses und zugleich das entsprechende Brett derselben. Ich schob auch dieses leise, ganz leise fort und bemerkte, daß der dahinter liegende Raum vollständig dunkel sei. Ich brachte also die Wand wieder in ihre vorige Ordnung, und dann zogen wir uns die Strohsäcke und Decken herbei, um im Finstern zu warten, ob wir vielleicht etwas erlauschen könnten.

So mochten wir wohl über eine Stunde gesessen haben, indem wir uns nur flüsternd unterhielten, als sich drüben ein Geräusch vernehmen ließ. Ich saß hart vor dem Brett und schob es zur Seite. Ich hörte schwere Schritte von mehreren Männern, und ein Aechzen; dann erklang eine Stimme:

"Hierher! So! Hassan mag sich zum Gehen fertig machen!" Und nach einer Pause fuhr die Stimme fort: "Kerl, du kannst doch schreiben?"

"Ja," hörte ich antworten.

"Hast du Geld in deinem Hause?"

"Du verlangst Geld! Was habe ich euch getan, daß ihr mich hierher lockt und dann bindet?"

"Getan? Nichts, gar nichts! Deinen Geldbeutel, Uhr und Ringe, auch deine Waffen haben wir, aber das ist noch nicht genug. Wenn du nicht geben kannst, was wir verlangen, so findet man dich morgen früh im Wasser."

"Allah kerihm! Wie viel verlangt ihr?"

"Du bist reich; fünftausend Piaster ist nicht zu viel für dich."

"Es ist zu viel, denn ich habe sie nicht."

"Wie viel hast du daheim?"

"Dreitausend kaum."

"Wird man sie dir schicken, wenn du einen Boten sendest? Belüge uns nicht, denn ich schwöre dir, daß es deine letzte Stunde ist, wenn wir das Geld nicht erhalten!"

"Allah 'l Allah! Man wird es euch senden, wenn ich einen Brief schreibe und mit meinem Ring untersiegle."

"Den Ring werde ich dir borgen. Bindet ihm die Hände los; er mag schreiben!"

Von jetzt an war eine Weile kein Geräusch zu vernehmen und auch kein Wort zu hören. Ich legte mich auf den Strohsack nieder und langte in die Wand hinein. So leise und vorsichtig wie möglich schob ich auch das zweite Brett zur Seite, bis ein schmaler Spalt entstand, durch den ich zu blicken vermochte. Grad vor dem Spalte saß ein Mann, mit dem Rücken nach uns gekehrt. Sein Kopf war unbedeckt und die Kleidung zerrissen, als ob sie bei seiner Gegenwehr zu Schaden gekommen sei. Vor ihm standen drei bewaffnete Kerle, der eine in griechischer Tracht, jedenfalls der Wirt, und die beiden Anderen in gewöhnlicher türkischer Kleidung. Sie sahen zu, wie er jetzt auf seinem Knie das Schreiben versiegelte.

Ich schob das Brett in seine vorige Lage zurück und horchte weiter. Nach ganz kurzer Zeit hörte ich den Griechen sagen:

"So! Bindet ihn wieder, und schafft ihn nebenan. Wenn er sich da nicht ruhig verhält, wird er einfach erstochen. Du hast's gehört, merke es dir!"

Ich vernahm, daß man eine Tür öffnete und sich dann wieder entfernte.

Es wurde drüben wieder still, und ich sagte den beiden Anderen leise, was ich gesehen und gehört hatte.

"Das sind Diebe," meinte Halef. "Was tun wir?"

"Das sind nicht nur Diebe, sondern Mörder," flüsterte ich. "Glaubst du denn, daß sie den Mann wieder frei geben? Sie wären ja sogleich verloren. Sie werden warten, bis sie die dreitausend Piaster erhalten haben, und ihn dann unschädlich machen."

"So müssen wir ihm helfen!"

"Ohne Zweifel! Aber wie?"

"Wir werden die Bretter zerschlagen und ihn befreien."

"Das macht Lärm und ist gegen unsern Zweck. Es kann einen Kampf geben, der uns gefährlich ist, und selbst wenn wir Sieger bleiben, werden sie das Haus verlassen, und wir haben das Nachsehen. Besser wäre es, wenn wir Polizei herbei holten; aber wer weiß, wann wir diese finden; bis dahin kann viel geschehen sein. Wer weiß auch, ob die Polizei sogleich bereit ist, sich in das Haus zu wagen? Am besten ist es, wir machen so leise wie möglich je hüben und drüben noch ein Brett los; dann entsteht eine Oeffnung, durch welche wir kriechen können. Wir holen den Mann herüber, bringen die Bretter wieder in Ordnung und werden dann wohl erfahren, was weiter getan werden muß."

"Wir haben ja keine Zange für die Nägel!"

"Nein, aber ich habe mein Messer. Die Hauptsache ist, daß sie nichts von unserer Arbeit hören. Ich werde sofort anfangen."

"Weißt du auch, wo der Mann sich befindet?"

"Ja. Durch das Zimmer, von dem mir Baruch erzählte, daß dort die Knaben und Mädchen sind, haben sie ihn gebracht; es scheint jetzt leer zu sein. Gegenüber von unserer Wand gibt es einen zweiten Raum, dessen Tür ich gesehen habe; in diesem befindet er sich jedenfalls."

Ich untersuchte unsere Wand durch das Tastgefühl und bemerkte, daß jedes Brett oben und unten nur durch einen Nagel befestigt war. Der Nagel auf unserer Seite schien sehr leicht herauszuziehen zu sein; ich brauchte nur ein Messer zwischen Brett und Balken zu stecken und das Brett vorsichtig loszusprengen. Es gelang, aber leider merkte ich, daß die Oeffnung doch für die Gestalt eines Mannes zu schmal war; ich mußte noch ein drittes Brett lockern. Ich wurde auch mit diesem fertig, ohne daß das geringste Geräusch zu hören gewesen war. Die Bretter waren um ihre oberen Nägel leicht zu bewegen; ich schob sie empor, und Omar mußte sie halten. Nun betastete ich die gegenüberliegende Holzwand und fühlte, daß die Nägel derselben an den Spitzen umgeschlagen waren. Das erschwerte meine Arbeit um ein Bedeutendes, ich mußte die Messerklinge als Feile gebrauchen, um die Nägel zu durchschneiden; das konnte nicht ohne ein verräterisches Geräusch geschehen, und die Hände ermüdeten so, daß ich öfters wechseln mußte.

So verging eine lange, sehr lange Zeit, und eben hatte ich die Arbeit glücklich beendet, als ich Schritte vernahm, die sich näherten. Es war der Grieche mit einem Lichte. Er öffnete die unserer Wand gegenüber liegende Tür, aber ohne einzutreten.

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