"Halef, wo bist du?" rief ich.
"Hier an der Tür!"
Wahrhaftig! Der tapfere Hadschi hatte sich meine an den Offizier gerichteten Worte zu Herzen genommen, und statt uns in das Nachbarhaus zu folgen, war er hinunter an unsere Tür geeilt. Die in dem hintersten Zimmer zusammengedrängten Männer hatten auch wirklich die dünne Wand hinausgeschlagen und waren hinunter in unsern Hof gesprungen. Die Hälfte derselben hatte sich bereits unten befunden, als es mir oben gelang, die Tür zu zerschlagen. Sie hatten durch unser Haus fliehen wollen, waren aber auf Halef getroffen, der, anstatt sich hinter die Tür in den Flur zu postieren, sie offen und kühn vor derselben empfangen hatte. Die Schüsse, welche ich gehört hatte, waren auf ihn gerichtet gewesen; ob ihn einer derselben getroffen hatte, konnte ich nicht sehen, aber er stand noch aufrecht da und verteidigte sich mit seiner langen umgekehrten Flinte.
Es ist etwas Eigenes um so einen nächtlichen Nahekampf. Die Sinne schärfen sich auf das Doppelte ihres gewöhnlichen Vermögens; man sieht, was man sonst nicht sehen würde, und ein gewisser Instinkt, nach welchem man in solchen Augenblicken der Gefahr handelt, und zwar augenblicklich handelt, besitzt die Ueberlegenheit eines wohldurchdachten Entschlusses. Mein Kolben brachte den Hadschi schnell aus der Gefahr; ich sah, daß seine Angreifer unter unsern Schlägen stürzten oder zur Seite flohen; aber ich hatte nur an eins zu denken:
"Wen hast du denn, Halef?" fragte ich ihn mitten im Kampfe.
"Abrahim Mamur!"
"Ihn? Ah! Wo?"
"Zu meinen Füßen. Ich habe ihn niedergeschlagen."
"Endlich! Bravo!"
Die wenigen Männer, welche uns noch belästigten, waren bald nach rechts und links auseinander gestoben. Ich bekümmerte mich nicht um sie und bückte mich nieder, um Abrahim Mamur in Augenschein zu nehmen. Es herrschte noch großes Getümmel im Hofe, denn es sprangen noch immer Leute von oben herab, welche vor den Soldaten flohen; ich achtete nicht auf sie, denn Abrahim war mir wertvoller als alle anderen. Ich zog ein Zündholz hervor, strich es an und leuchtete dem Daliegenden in das Gesicht.
"O weh, Halef; er ist es nicht!"
"Nicht, Sihdi? Unmöglich! Ich habe ihn beim Blitz eines Schusses deutlich erkannt!"
"So ist er entkommen, und du hast einen andern niedergestreckt. Wo ist er hin?"
Ich erhob mich und blickte wieder im Hofe umher. Da sah ich die Flüchtigen über die niederen Planken klettern, welche eine zwischen dem Hause und dem Schuppen befindliche Lücke ausfüllten, die nach dem Hofe Baruchs führte. Auch Halef hatte dies sofort bemerkt.
"Ihnen nach, Sihdi!" rief er. "Er ist da hinüber!"
"Sicher! Aber so bekommen wir ihn nicht. Er muß ja an unserer Vordertür vorbei. Komm!"
Ich sprang durch den Flur nach vorn und öffnete die Tür. Es eilten mehrere Gestalten vorüber, die aus Baruchs Hause kamen; es waren drei oder vier. Ein fünfter, der ihnen folgte und uns nicht bemerkte, rief:
"Halt! Bleibt beisammen!"
Das war er! Das war seine Stimme, jene Stimme, mit welcher er in jener Fluchtnacht am Nile seine Diener zusammengerufen hatte. Auch Halef erkannte sie und rief unkluger Weise laut:
"Er ist's, Sihdi! Ihm nach!"
Abrahim hörte es und rannte, ohne sich vorher erst umzublicken, davon; wir hasteten hinter ihm her. Er bog, um uns zu entkommen, um mehrere Ecken und tauchte in verschiedene dunkle, winkelige Gäßchen; aber ich war stets höchstens fünfzehn Schritte hinter ihm, und Halef hielt gleichen Schritt mit mir. Der Sprung in den Hof war doch nicht ohne Einfluß auf mich geblieben, sonst hätte ich den Menschen sicher bald erreicht. Er war ein guter Läufer, und meinem Halef wollte der Atem ausgehen.
"Bleib stehen und schieße ihn nieder, Sihdi!" keuchte er.
Die Befolgung dieses Zurufes wäre mir ein Leichtes gewesen, aber ich tat es nicht. Es hatten andere ein größeres Recht auf den Menschen als ich, und ich wollte ihn lebendig haben. Die Jagd dauerte also fort. Da öffnete sich die Gasse, durch die wir jetzt gelaufen waren, und das Wasser des goldenen Hornes lag vor uns. Gar nicht weit vom Ufer erkannte man trotz des nächtlichen Dunkels die Inselreihe, welche zwischen Baharive Keui und Sudludje im Wasser liegt.
"Rechts, Halef!" rief ich.
Er gehorchte, und ich sprang links hinüber. So hatten wir den Flüchtling zwischen uns und dem Wasser. Er blieb einen Augenblick stehen, um sich nach uns umzusehen; dann nahm er einen Anlauf gegen das Ufer und sprang in das Wasser, unter dessen Oberfläche er verschwand.
"O waïh!" rief Halef. "Aber er soll uns doch nicht entkommen!"
Er legte seine Flinte an, um zu schießen.
"Schieß nicht," riet ich ihm. "Du zitterst vom Laufen! Ich werde ihm nachspringen."
"Sihdi, wenn es diesem Bösewicht gilt, so zittere ich nicht!" war die Antwort.
Da tauchte der Kopf des Schwimmenden aus der Flut empor - der Schuß krachte - ein Schrei erscholl, und der Kopf verschwand unter lautem Gurgeln wieder in den Wellen.
"Ich habe ihn getroffen!" rief der Hadschi. "Er ist tot. Siehst du, Sihdi, daß ich nicht gezittert habe!"
Wir warteten noch eine Weile, aber Abrahim Mamur kam nicht wieder empor, und wir beide waren überzeugt, daß der Schuß ein wohlgezielter gewesen sei. Nun kehrten wir wieder nach dem Kampfplatze zurück.
Zwar hatte ich während unseres Dauerlaufes auf die Richtung geachtet und mir auch möglichst die Zahl und Lage der Gäßchen gemerkt, aber es fiel uns dennoch nicht leicht, uns zurecht zu finden, und es dauerte eine geraume Weile, ehe wir unsere Wohnung erreichten.
Dort hatte sich unterdessen vieles verändert. In der Gasse war es ziemlich hell geworden, denn ihre Bewohner und auch Leute aus den Nachbargassen standen mit Papierlaternen da. Ein Teil der Soldaten bildete Kordon vor den drei Häusern, und der andere Teil suchte entweder noch nach versteckten Flüchtlingen in den Höfen, oder er bewachte die Gefangenen, welche man gemacht hatte. Gefangen aber nannte man eine jede Person, welche heut in dem Hause des Griechen gewesen war. Dieser selbst war tot. Der Hauptmann hatte ihm mit einem Säbelhiebe den Kopf gespalten. Sein Weib aber stand bei den Mädchen und Knaben, welche man zusammengebunden hatte. Auch die Berauschten hatte man herbeigeschafft. Im Tumulte des Kampfes war ihnen die Besinnung so ziemlich zurückgekehrt. Einige Soldaten waren tot, mehrere verwundet, und es stellte sich leider heraus, daß auch mein wackerer Halef einen Streifschuß in den Vorderarm und einen, glücklicherweise ungefährlichen, Stich gleich daneben erhalten hatte. Gefangen hatte man nur vier Männer, von denen sicher zu sein schien, daß sie Mitglieder der Gaunergesellschaft wären. Sechs waren getötet worden, und den übrigen war es geglückt, zu entkommen. Omar, der sich am meisten vorgewagt hatte, lehnte sehr verdrießlich an der Treppe; er hatte Abu el Nassr nicht gefunden und sich dann um das weitere nicht gekümmert.
Der alte Baruch war schon schlafen gegangen, als geschossen wurde. Gleich darauf hatte man seine Flurtüren eingeschlagen, und er war vor Angst in seiner Stube eingeschlossen geblieben. Jetzt erst kam er hervor und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen, als er hörte, was geschehen sei. Endlich hatte man alle Gefangenen zum Transporte zusammengekoppelt, und nun gab der Offizier seinen Soldaten die Erlaubnis, das Haus des Griechen zu plündern. Dies ließen sie sich nicht zweimal sagen; in Zeit von zehn Minuten war alles fortgenommen, was sich nicht gar zu schwer transportieren ließ.
Während dieser Zeit suchte ich den Hauptmann auf, den ich nach dem Offizier fragte.
"Er steht draußen vor dem Hause," lautete die Antwort.
Das wußte ich bereits; aber es lag mir daran, etwas über diesen Mann zu erfahren. Erst hatte ich sein Schweigen geachtet; dann aber war er mir nicht in der Weise begegnet, die ich von ihm erwarten konnte; jetzt nach beendigtem Kampfe kümmerte er sich gar nicht um mich, und ich hielt es auch nicht mehr für nötig, diskret zu sein.
"Welchen Rang bekleidet er?" fragte ich.
"Frage nicht," erklang es ziemlich barsch. "Er hat verboten, es zu sagen!"
Eben deswegen mußte ich es erfahren! Einer der Soldaten war noch im Hofe Baruchs mit Suchen beschäftigt gewesen, als die anderen plünderten. Er war also schlechter weggekommen als sie und wollte fluchend durch das Haus nach der Gasse gehen. Dort fing ich ihn auf.
"Du hast nichts bekommen können?" fragte ich ihn.
"Nichts!" brummte er höchst ärgerlich.
"So sollst du dir bei mir etwas verdienen, wenn du mir eine Frage beantwortest."
"Welche Frage?"
"Welchen Rang bekleidet der Offizier, welcher euch heut angeführt hat?"
"Wir sollen von ihm nicht sprechen; aber er hat auch nicht an mich gedacht. Gibst du mir zwanzig Piaster, wenn ich es dir sage?"
"Du sollst sie haben."
"Er ist Mir Alai (* Oberst.) und heißt - -"
Er nannte mir den Namen eines Mannes, der später eine bedeutende Rolle spielte und noch heut als hoher Würdenträger bekannt ist. Er ist kein geborener Türke und hat sich vom Lieblingsdiener seines einstigen Herrn durch nichts weniger als geistige Verdienste zu seiner jetzigen Stellung emporgearbeitet.
Ich bezahlte die ausgedungene Summe und warf dann einen Blick hinaus auf die Gasse. Der Mir Alai stand grad vor der Tür und konnte mich unmöglich übersehen.
Wie ich es erwartet hatte, trat der Mir Alai herbei und fragte:
"Sind die Franken alle so furchtsam wie du? Wo warst du, als wir Andern kämpften?"
War das eine Frage! Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben.
"Auch wir kämpften," antwortete ich gleichmütig; "allerdings nur mit denen, welche du unnötiger Weise entschlüpfen ließest. Ein weiser Mann ist stets darauf bedacht, die Fehler Anderer gut zu machen."
"Wen habe ich entkommen lassen?" fuhr er auf.
"Alle, welche hier entkommen sind. Da du auf meinen Rat nicht hörtest, den Ausgang dieses Hauses zu besetzen, war ich mit meinem Diener nicht imstande, die große Hälfte der Schurken festzuhalten, während ihr euch mit der kleineren beschäftigtet. Was wird mit den Gefangenen geschehen?"
"Allah weiß es! Wo wirst du morgen wohnen?"
"Jedenfalls hier."
"Du wirst nicht mehr hier wohnen."
"Warum?"
"Das wirst du bald merken. Also wo wirst du morgen zu treffen sein?"
"Bei dem Bazirgian Maflei, welcher in der Nähe der Jeni Dschami wohnt."
"Ich werde zu dir senden."
Er wandte sich nach diesen Worten ohne einen Gruß von mir ab und gab ein Zeichen. Die Gefangenen wurden herbeigebracht und eingeschlossen; dann setzte sich der Zug in Bewegung. Ich kehrte, ohne ihm nachzublicken, in den Hof zurück und da bemerkte ich allerdings sogleich, weshalb ich morgen nicht mehr hier wohnen werde. Dieser freundliche Offizier hatte Feuer an das Haus des Griechen legen lassen, und die Flammen leckten bereits zu den Stubendecken empor. Das war eine echt muselmännische Art und Weise, mit einer nicht sehr ehrenvollen Erinnerung fertig zu werden.
Ich sprang, ohne Lärm zu schlagen, in unser Logis empor, um unsere Gewehre, die wir nicht gebraucht hatten, und das wenige andere, mit dem wir eingezogen waren, zusammen zu nehmen. Ich trug es in den Hof herunter, und nun schlug auch die Flamme so hoch empor, daß man sie und ihre Helligkeit auf der Gasse bemerken mußte. Das Geschrei und der Tumult, der sich nun erhob, ist ganz unmöglich zu beschreiben. Man muß Augenzeuge einer Feuersbrunst in Konstantinopel gewesen sein, um sich einen Begriff von der unendlichen Panik machen zu können, welche durch einen Brand entsteht. Man denkt gar nicht an das Löschen; man denkt nur an die Flucht, und da die Häuser meist nur hölzerne sind, so legt ein solches Feuer oft ganz beträchtliche Komplexe in Asche.
Mein alter Baruch war vor Schreck ganz sprachlos, und seine Frau konnte sich nicht rühren. Wir trösteten beide so gut wie möglich, packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und versprachen ihnen eine freundliche Aufnahme bei Maflei. Einige Lastträger waren bald zur Stelle, und so verließen wir ein Logis, welches wir nicht ganz einen Tag bewohnt hatten, während doch die Miete für eine ganze Woche entrichtet worden war. Der reiche Bäcker hatte an dem alten Hause jedenfalls keine Million verloren.
Wir fanden zu so später Stunde natürlich Mafleis Haus verschlossen, doch wurde uns auf unser Klopfen sehr bald geöffnet. Die Glieder der ganzen Familie versammelten sich; sie waren sehr enttäuscht, als sie hörten, daß unser Unternehmen auf diese Weise geendet hatte. Lieber hätten sie Abrahim Mamur in ihrer Gewalt gehabt, doch befriedigten sie sich schließlich mit der Ueberzeugung, daß er in den Fluten seinen Lohn gefunden habe.
Baruch wurde mit seinem Weibe willkommen geheißen, und der Hausherr versicherte ihm, daß er für ihn sorgen werde.
Schließlich, als uns gesagt worden war, daß wir unser Gartenhaus wieder bereit finden würden, bemerkte Isla mit freudigem Angesichte:
"Effendi, wir haben heute, als du abwesend warst, einen unerwarteten, aber sehr lieben Gast erhalten. Rate einmal, wer es ist!"
"Wer kann da raten! Kenne ich ihn?"
"Gesehen hast du ihn noch nicht, aber erzählt habe ich dir von ihm. Ich werde ihn rufen, und wenn du ihn gesehen hast, sollst du raten."
Ich war ein wenig gespannt auf diesen Gast, denn er mußte mit unseren Erlebnissen in Beziehung stehen. Nach kurzer Zeit trat Isla mit einem ältlichen Manne ein, den ich allerdings noch nicht gesehen hatte. Er trug die gewöhnliche türkische Kleidung und hatte nichts an sich, was mich auf die richtige Spur hätte bringen können. Seine sonnverbrannten Züge waren kühn und scharf geschnitten, doch die Falten, welche sein Gesicht durchfurchten, und der lange, schneeweiße Bart gaben ihm ein Aussehen, als habe er an einem schweren Kummer zu tragen.
"Dies ist der Mann, Effendi," meinte Isla. "Nun rate!"
"Ich errate es nicht."
"Und doch wirst du es erraten!" Und an den Fremden sich wendend, bat er: "Rede ihn in deiner Muttersprache an!"
Der Mann machte eine Verbeugung gegen mich und sagte:
"Szluga pokoran, wiszoko pocschtowani - Ihr ergebener Diener, mein hochgeehrter Herr."
Dieser höfliche, serbische Gruß brachte mich sofort auf die rechte Fährte. Ich reichte dem Mann beide Hände entgegen und antwortete:
"Nubo, otatz Osco, dobro, mi docschli - sieh da, Vater Osco! Willkommen!"
Es war wirklich Osco, der Vater von Senitza, und ich richtete große Freude damit an, daß ich ihn an diesem serbisch-montenegrinischen Gruße erkannt hatte. Natürlich war jetzt von Schlaf noch keine Rede, denn ich mußte zunächst wissen, wie es ihm ergangen war.