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作者:德- Karl May 当前章节:15496 字 更新时间:2026-6-23 07:58

Seit dem Verschwinden seiner Tochter, außer welcher er kein Kind besaß, war er ruhelos umhergewandert. Er hatte hier und da geglaubt, eine Spur von ihr gefunden zu haben, war aber immer bald zu der Einsicht gelangt, daß er sich getäuscht habe. Not hatte er während dieser Irrfahrten, welche sich meist über Kleinasien und Armenien erstreckt hatten nicht gelitten, denn er war mit reichlichen Mitteln versehen gewesen. In echt orientalischer Weise hatte er den Schwur getan, die Heimat und sein Weib nicht eher wiederzusehen, als bis er sein Kind gefunden habe, war aber durch die Vergeblichkeit seiner Bemühungen gezwungen worden, nach Konstantinopel zu gehen. Eine solche Odyssee ist nur im Orient möglich; bei den geordneten Zuständen des Abendlandes würde sie ein Wahnsinn zu nennen sein. Man kann sich vorstellen, welche Freude der Montenegriner gehabt hatte, da er seine Tochter als das Weib des Mannes fand, für den er sie hatte suchen wollen, und nicht nur seine Tochter hatte er gesehen, sondern auch sein Weib, welches der Tochter nach Stambul gefolgt war.

Er hatte den ganzen Zusammenhang erfahren und strebte nun nach Rache. Er war entschlossen, den Derwisch Ali Manach aufzusuchen, um ihn zu zwingen, Auskunft über den Aufenthaltsort seines Vaters zu erteilen, und ich hatte Mühe, ihn zu bestimmen, diesen Besuch mir zu überlassen.

Nun erst legten wir uns schlafen, und ich kann sagen, daß ich nach der überstandenen Anstrengung sofort in Schlummer fiel, und vielleicht wäre ich am Morgen noch nicht aufgewacht, wenn ich nicht geweckt worden wäre. Maflei schickte nämlich nach dem Gartenhause und ließ mir sagen, daß ein Mann da sei, der mich sehr notwendig zu sprechen habe. Da man im Orient gezwungen ist, in den Kleidern zu schlafen, so war ich sofort bereit, dem Rufe Folge zu leisten. Ich traf einen Mann, welcher mich nach meinem Namen fragte und mir dann sagte, daß ich nach dem Hause in Sankt Dimitri kommen solle, wo ich mit dem Jüterbogker Barbier gewesen sei; dieser wolle mit mir sprechen, und es sei außerordentlich eilig.

"Was will er?" erkundigte ich mich.

"Ich weiß es nicht," lautete die Antwort. "Ich wohne in der Nähe, und der Wirt kam zu mir, um mich zu bitten, zu dir zu gehen."

"So sage ihm, daß ich sogleich kommen werde!"

Ich bezahlte ihm den Gang, und er ging. Bereits fünf Minuten später war ich mit Omar unterwegs. Bei der Unsicherheit eines solchen Weinhauses hielt ich es für geraten, nicht allein zu gehen, und Halef wollte ich nicht belästigen, da er verwundet worden war. Auf unseren kleinen Mietpferden, hinter denen die Besitzer hertrabten, indem sie sich am Schwanze festhielten, ging es ziemlich schnell durch die Gassen. Als wir anlangten, kam uns der Wirt bis unter die Tür entgegen. Er grüßte höchst demütig und fragte:

"Effendi, du bist der Deutsche, der kürzlich mit einem gewissen Hamsad al Dscherbaja bei mir gewesen ist?"

"Ja."

"Er will mit dir sprechen."

"Wo ist er?"

"Er liegt oben. Dein Begleiter mag einstweilen unten einkehren."

Die Worte: »Er liegt oben« - ließen mich auf Krankheit oder gar auf einen Unfall schließen. Während Omar in die untere Stube trat, stieg ich mit dem Wirt die Stiege empor. Oben blieb er stehen und sagte:

"Erschrick nicht, Herr, wenn du ihn krank findest!"

"Was ist mit ihm?"

"O, weiter nichts, als daß er einen kleinen Stich erhalten hat."

"Ah! Wer hat ihn gestochen?"

"Ein Fremder, der noch nie bei mir gewesen ist."

"Weshalb?"

"Sie saßen erst beisammen und redeten sehr eifrig miteinander; dann spielten sie, und als dein Bekannter bezahlen sollte, hatte er kein Geld. Darüber wurden sie uneinig und zogen die Messer; er war betrunken und erhielt den Stich."

"Ist es gefährlich?"

"Nein, denn er war nicht sogleich tot."

Also nach der Meinung dieses guten Mannes war ein Stich nur dann gefährlich, wenn sogleich der Tod erfolgte.

"Du hast doch den andern festgehalten?"

"Wie konnte ich das?" antwortete er verlegen. "Dein Freund hatte kein Geld und zog das Messer zuerst."

"Aber du kennst ihn wenigstens?"

"Nein. Ich sagte dir bereits, daß er noch gar nicht bei mir gewesen ist."

"Hast du nach einem Arzt geschickt?"

"Ja. Ich ließ sogleich einen berühmten Hekim holen, der ihn verbunden hat. Du wirst mir doch bezahlen, was mir der Kranke dafür und für seine Zeche schuldig ist? Ich habe dem Fremden auch das geben müssen, was er von ihm gewonnen hatte."

"Ich werde mir das zuvor ein wenig überlegen. Führe mich zu ihm!"

"Tritt durch die hintere Türe. Ich habe unten zu tun."

Als ich in die bezeichnete Stube trat, welche nichts als eine Art Matratze enthielt, sah ich den Barbier todesbleich und mit eingefallenem Gesichte auf derselben liegen. Ich war sogleich überzeugt, daß der Stich gefährlich sei, und beugte mich zu ihm nieder.

"Ich danke Ihnen, daß Sie kommen!" sagte er langsam und mit Mühe.

"Dürfen Sie sprechen?" fragte ich ihn.

"Es wird mir nichts mehr schaden! Es ist aus mit mir!"

"Fassen Sie Mut! Hat Ihnen der Arzt keine Hoffnung gelassen?"

"Er ist ein Quacksalber."

"Ich werde Sie nach Pera bringen lassen. Sind Sie im Besitze eines Schutzscheines vom preußischen Gesandten?"

"Nein. Ich wollte nicht für einen Franken gelten."

"Woher war der Mann, mit dem Sie sich stritten?"

"Der? Oh, wissen Sie das nicht? Ich soll ihn ja für Sie suchen! Es war Abrahim Mamur!"

Ich fuhr zurück, als ich diesen Namen hörte.

"Das ist unmöglich; er ist ja tot!"

"Tot? Ich wollte, er wäre es!"

Es war eigentümlich: jetzt auf dem Kranken- oder Sterbelager redete der Barbier auf einmal nicht mehr seinen märkischen Dialekt, sondern das reinste Hochdeutsch! Das mußte mir natürlich auffallen.

"Erzählen Sie!" bat ich ihn.

"Ich war noch spät hier; da kam er, ganz naß, als ob er durch das Wasser geschwommen sei. Ich erkannte ihn sogleich, er mich aber nicht. Ich machte mich an ihn, und wir zechten; dann spielten wir, und ich verlor. Ich war betrunken und mag wohl verraten haben, daß ich ihn kenne und aushorchen wolle; ich hatte kein Geld, und deshalb kamen wir in Streit; ich wollte Ihnen einen Gefallen tun und ihn erstechen, er aber war rascher als ich. Das ist alles!"

"Ich will Sie nicht tadeln; das führt zu nichts, und Sie sind krank. Haben Sie nicht bemerkt, ob Abrahim Mamur mit dem Wirte bekannt ist?"

"Sie schienen sich sehr gut zu kennen; der Wirt gab ihm trockene Kleider, ohne daß er darum gebeten wurde."

"Seien Sie aufrichtig! Sind Sie nicht aus Jüterbogk?"

"Sie erraten es. Ich weiß, daß der Stich tödlich ist, und darum will ich es sagen: ich bin ein Thüringer. Das ist genug; ich habe keine Verwandte und durfte nicht in die Heimat zurück. Lassen Sie das gut sein! Wollen Sie mich wirklich nach Pera schaffen lassen?"

"Ja. Vorher jedoch will ich Ihnen einen verständigen Arzt senden, der untersuchen soll, ob Sie transportfähig sind. Haben Sie einen Wunsch?"

"Lassen Sie mir Scherbet geben und vergessen Sie mich nicht!"

Er hatte mir immer nur mit Mühe und unter vielen Unterbrechungen geantwortet. Jetzt schloß er die Augen; die Besinnung schwand ihm. Ich ging hinunter zum Wirte, gab ihm die geeigneten Instruktionen und versprach ihm, seine berechtigten Auslagen ehrlich zu bezahlen. Dann ritten wir schleunigst nach Pera. Hier begab ich mich zunächst in die preußische Gesandtschaft, deren Kanzler, welcher ein Perote war, meine kurze Darstellung schweigend anhörte und sich sodann in liebenswürdigster Weise bereit erklärte, sich des Verwundeten anzunehmen; auch die Sorge um den Arzt nahm er auf sich und ersuchte mich nur, ihm Omar als Führer da zu lassen. Natürlich fühlte ich mich trotzdem nicht der Teilnahme und Sorge für den Landsmann entbunden, konnte aber ruhig heimkehren, da ich ihn unter guter Obhut wußte.

Sofort nach meiner Ankunft suchte ich zunächst Isla auf, um ihm zu sagen, daß Abrahim Mamur heute nacht nicht von Halef erschossen worden sei, sondern noch lebe. Er befand sich in einem mit Büchern und allerhand Warenproben angefüllten Gemache, welches sein Comptoir zu sein schien. Er war sehr wenig erbaut von meiner Botschaft, beruhigte sich aber bald durch den Gedanken, daß es uns nun doch noch gelingen könne, den Menschen lebendig zu fangen. Was den Barbier betraf, so äußerte er kein Mitleid mit demselben und sagte mir, daß er ihn fortgejagt habe, weil er von ihm mehrfach bestohlen worden sei.

Während dieser Unterredung war mein Blick wiederholt auf das aufgeschlagene Buch gefallen, welches er vor sich liegen hatte. Es schien ein Kontobuch zu sein, dessen Inhalt mich nichts anging und mich auch gar nicht interessierte. Im Laufe des Gespräches irrten seine Finger wie spielend durch die Blätter, welche von ihnen hin und her gewendet wurden, und jetzt - eben blickte ich ganz zufällig wieder hin - fiel mein Auge auf einen Namen, der mich veranlaßte, meine Hand schnell auf das Blatt zu legen, damit es nicht umgewendet werde. Es war der Name »Henri Galingré, Schkodra«.

"Galingré in Schkodra (* Skutari nach türkischer Mundart.)?" fragte ich. "Dieser Name interessiert mich ganz außerordentlich. Du stehst mit einem Galingré in Skutari in Verbindung?"

"Ja. Es ist ein Franzose aus Marsilia (** Marseille in Frankreich.), einer meiner Lieferanten."

"Aus Marseille? O, das stimmt ja ganz auffällig! Hast du ihn vielleicht einmal gesehen und gesprochen?"

"Oefters. Er ist bei mir gewesen, und ich war auch bei ihm!"

"Weißt du nichts von seinen Schicksalen und von seiner Familie?"

"Ich erkundigte mich nach ihm, ehe ich das erste Geschäft mit ihm machte, und später hat er mir auch manches erzählt."

"Was weißt du von ihm?"

"Er hatte ein kleines Geschäft in Marsilia, und das genügte ihm nicht; darum ging er nach dem Orient, erst nach Stambul, dann nach Adrianopel; dort lernte ich ihn kennen. Seit einem Jahre aber wohnt er in Skutari, wo er einer der wohlhabendsten Männer ist."

"Und seine Verwandten?"

"Er hatte einen Bruder, dem es auch nicht in Marsilia gefiel. Dieser ging erst nach Algier und dann nach Blidah, wo er solches Glück hatte, daß der Bruder in Adrianopel ihm seinen Sohn sandte, damit derselbe im Geschäft zu Blidah seine Kenntnisse verwerte. Dieser Sohn nahm sich ein Mädchen aus Marsilia zum Weibe und kehrte dann zu seinem Vater zurück, wo er nach längeren Jahren das Geschäft übernahm. Einst mußte er nach Blidah zu seinem Oheim, um ein größeres Geschäft mit ihm zu besprechen, und grad als er sich dort befand, wurde der Oheim ermordet und seiner ganzen Kasse beraubt. Man hatte einen armenischen Händler in Verdacht, und der jüngere Galingré zog aus, um nach ihm zu forschen, da er meinte, daß die Polizei nicht fleißig genug suche. Er ist niemals zurückgekehrt. Sein Vater ist Erbe des Oheims geworden und hat dadurch sein Vermögen verdoppelt, aber er weint noch heut um den Sohn und würde viel geben, wenn er eine Spur von ihm fände. Das ist es, was ich dir sagen kann."

"Nun wohlan, ich kann ihn gleich auf diese Spur bringen."

"Du?" fragte Isla erstaunt.

"Ja. Wie konntest du so lange schweigen! Ich habe dir ja bereits in Aegypten erzählt, daß Abu en Nassr, welchen Omar sucht, im Wadi Tarfaui einen Franzosen erschlagen hat, dessen Sachen ich zu mir nahm. Habe ich dir nicht auch mitgeteilt, daß dieser Franzose Paul Galingré geheißen hat?"

"Den Namen hast du nicht genannt."

"Ich habe noch heute den Trauring hier an meinem Finger, welcher ihm gehörte; die anderen Gegenstände gingen leider mit der Satteltasche verloren, als mein Pferd im Schott Dscherid versank."

"Effendi, du wirst dem alten Manne noch Nachricht geben!"

"Das versteht sich!"

"Schreibst du ihm?"

"Ich werde sehen. Durch einen Brief kommt die Nachricht zu plötzlich über ihn. Der Weg in meine Heimat führt mich vielleicht in jene Gegend. Man muß sich diese Angelegenheit überlegen."

Nach diesem Gespräch suchte ich Halef auf, der es zunächst gar nicht glauben wollte, daß sein Schuß fehlgegangen sei; endlich aber gab er dennoch zu:

"Sihdi, so hat mein Arm also doch gezittert!"

"Jedenfalls."

"Aber dieser Mensch stieß doch einen Schrei aus und versank. Wir haben seinen Kopf nicht wieder gesehen!"

"Das hat er mit kluger Absicht getan; er muß ein guter Schwimmer sein. Mein lieber Hadschi Halef Omar, wir sind rechte Toren gewesen. Glaubst du wirklich, daß ein Mensch, welcher eine Kugel mitten durch den Kopf bekommt, noch schreien kann?"

"Ich weiß das nicht," meinte er, "denn ich habe noch keine Kugel durch den Kopf erhalten. Wenn man mich einmal durch den Kopf schießt, was Allah um meiner Hanneh willen verhüten möge, so werde ich versuchen, ob es mir möglich ist, zu schreien. Aber Sihdi, glaubst du, daß wir seine Spur wiederfinden werden?"

"Ich hoffe es."

"Durch den Wirt?"

"Entweder durch ihn oder durch den Derwisch, denn ich ahne, daß er diesem bekannt ist. Ich werde noch heute mit ihm sprechen."

Auch den Juden, welcher mit seinem Weibe ein kleines Gelaß unseres Gartenhauses bewohnte, besuchte ich. Er hatte sich in die Veränderung ergeben und klagte nicht mehr über die kleinen Verluste, die ihm das gestrige Feuer verursacht hatte. Er wußte ja, daß der reiche Maflei sein Versprechen, für ihn zu sorgen, leicht halten könne. Während meiner Abwesenheit in Dimitri und Pera war er bereits in Baharive Keui gewesen und sagte mir, daß sehr viele Häuser von dem Feuer verzehrt worden seien.

Wir sprachen noch miteinander, als ein schwarzer Diener Mafleis kam, um mir zu sagen, daß ein Offizier da sei, der mit mir sprechen wolle.

"Was ist er?" fragte ich ihn.

"Er ist ein Jüsbaschi (* Hauptmann.)."

"Führe ihn in meine Wohnung."

Ich hielt es nicht für angezeigt, dieses Mannes wegen einen Schritt zu tun, und begab mich deshalb, anstatt das Hauptgebäude aufzusuchen, nach meinem Zimmer, wo ich Halef fand, dem ich sagte, welchen Besuch ich zu erwarten habe.

"Sihdi," meinte er, "dieser Jüsbaschi ist grob gegen dich gewesen. Wirst du höflich sein?"

"Ja."

"Du meinst, dann muß er sich vor uns schämen? Wohlan, so werde auch ich sehr höflich gegen ihn sein. Erlaube, daß ich ihn als dein Chizmetkiar (** Diener.) empfange!"

Er trat hinaus vor die Tür, und ich setzte mich auf meinen Diwan, mir eine Pfeife anbrennend. Nach wenigen Minuten hörte ich die Schritte des Nahenden und gleich darauf die Stimme des kleinen Hadschi, welcher den Schwarzen fragte:

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