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作者:德- Karl May 当前章节:15517 字 更新时间:2026-6-23 07:58

"Wohin willst du?"

"Ich soll diesen Agha zu dem fremden Effendi bringen."

"Zu dem Emir aus Dschermanistan meinst du! Du kannst umkehren, denn du mußt doch wissen, daß man bei einem Emir nicht so eintreten darf, wie bei einem Paputschi oder Terzi (* Schuster oder Schneider.). Der Emir, welchen Allah mir als Herrn gegeben hat, ist gewohnt, daß man nur mit der größten Höflichkeit mit ihm verkehrt."

"Wo ist dein Herr?" hörte ich barsch die Stimme des Hauptmanns fragen.

"Erlaube mir, Hoheit, dich erst zu fragen, wer du bist!"

"Das wird dein Herr wohl sehen!"

"Aber ich weiß ja nicht, ob es ihm beliebt, es zu sehen. Er ist ein sehr strenger Herr, und ich darf es nicht wagen, jemand zu ihm zu lassen, ohne ihn zuvor um Erlaubnis zu fragen."

Ich sah im Geiste mit Vergnügen das demütig-freundliche Gesicht des kleinen Schlaukopfs gegenüber den grimmigen Zügen des barschen Offiziers, der den Befehl seines Vorgesetzten auszuführen hatte und also nicht umkehren durfte, was er jedenfalls am liebsten getan hätte. Er antwortete:

"Ist dein Herr wirklich ein so großer und vornehmer Emir? Solche Leute pflegen anders zu wohnen, als wir es gestern bemerkten!"

"Das tat er nur zu seinem Vergnügen. Er langweilte sich und beschloß, einmal zu sehen, wie unterhaltend es ist, wenn sechzig tapfere Krieger zwanzig Knaben und Mädchen fangen, die Erwachsenen aber entlaufen lassen. Das hat ihm sehr gefallen, und nun sitzt er auf seinem Diwan und hält seinen Kef, wobei ich ihn nicht stören möchte."

"Du bist verwundet. Warst du nicht gestern auch dabei?"

"Ja. Ich war es, der unten an der Tür stand, wo eigentlich eine Wache hingehörte. Aber ich sehe, daß du dich gern mit mir hier unterhalten willst. Erlaube, Hoheit, dir einen Sitz zu bringen!"

"Halt, Mensch! Ich glaube gar, du sprichst im Ernste! Sage deinem Herrn, daß ich mit ihm reden möchte!"

"Und wenn er mich fragt, wer du bist?"

"So sage, daß ich der Jüsbaschi von gestern abend sei."

"Gut! Ich werde ihn einmal bitten, seine Güte über dir leuchten und dich eintreten zu lassen, denn ich weiß, was man um einen Mann von deiner Würde wagen darf."

Er trat herein und zog die Tür hinter sich zu. Sein ganzes Gesicht funkelte vor Vergnügen.

"Soll er sich neben dich setzen?" fragte er leise.

"Nein. Lege ihm das Kissen grad mir gegenüber nahe an die Tür, aber mit der größten Höflichkeit; dann bringst du ihm eine Pfeife und Kaffee."

"Dir auch Kaffee?"

"Nein; ich trinke nicht mit ihm."

Er öffnete jetzt und ließ unter einem demütigen »der Emir erlaubt es« den Wartenden eintreten. Dieser grüßte nur mit einer leisen Verneigung seines Hauptes und begann:

"Ich komme, um das dir gestern gegebene Versprechen zu - -"

Er hielt inne, denn eine rasche Handbewegung meinerseits hatte ihm auf ganz unzweideutige Weise Schweigen geboten. Ein höflicher Gruß einem Franken gegenüber dünkte ihm wohl gar nicht nötig, und so hatte ich große Lust, ihm zu zeigen, daß auch ein Christ an Achtung gewöhnt sein kann.

Er stand noch an der Tür. Halef brachte das Kissen und legte es ihm grad vor die Füße; dann verließ er den Raum. Es war ein wirkliches Schauspiel, das Gesicht des Jüsbaschi zu beobachten, in welchem Empörung, Erstaunen und Scham um die Herrschaft rangen. Er fügte sich aber doch in das Unvermeidliche und ließ sich nieder. Es mußte den stolzen Moslem eine bedeutende Ueberwindung kosten, bei einem Christen nur an der Tür Platz zu nehmen.

Bei der orientalischen Art und Weise, stets kochendes Wasser für den Kaffee über dem Feuer zu haben, dauerte es nur sehr kurze Zeit, bis Halef ihm eine Tasse des Getränkes und Feuer brachte. Er nahm beides, trank den Kaffee und ließ sich die Pfeife anbrennen. Halef blieb hinter ihm stehen, und nun konnte die Unterhaltung beginnen.

"Mein Sohn," begann ich in väterlich freundlichem Tone, obgleich das Wort eigentümlich klingen mußte, da ich auch nicht älter war, als er selbst; "mein Sohn, ich ersuche dich, einiges zu merken, was mein Mund dir zu sagen hat. Wenn man die Wohnung eines Bilidschi (* Gebildeter Mann, Mann von Erfahrung.) betritt, so sagt man ihm einen Gruß, sonst wird man entweder für stumm oder für unwissend gehalten. Auch darf man die Rede nie zuerst beginnen, sondern muß warten, bis man angesprochen wird, denn der Hausherr hat das Recht, das Zeichen zum Beginn zu geben. Wer einen andern beurteilt, ohne ihn vorher kennen gelernt zu haben, der wird sich sehr viel irren, und vom Irrtum ist oft nur ein kleiner Schritt zur Demütigung. Du wirst meine gut gemeinten Worte dankbar beherzigen, denn die Erfahrung hat die Pflicht, die Jugend zu belehren. Und nun magst du mir sagen, welche Bitte du auszusprechen hast!"

Der Mann hatte die Pfeife sinken lassen und öffnete den Mund vor Erstaunen über mein Verhalten. Jetzt aber platzte er rasch los:

"Es ist keine Bitte, sondern ein Befehl, welchen ich dir bringe!"

"Ein Befehl? Mein Sohn, es ist sehr vorteilhaft, langsam zu sprechen, denn nur auf diese Weise vermeidet man es, Dinge zu sagen, welche man nicht überlegt hat! Ich kenne in Stambul keinen Menschen, der mir zu gebieten hätte. Du meinst wohl, daß du selbst einen Befehl erhalten hast und infolgedessen zu mir kommst, denn du bist ein Untergebener, ich aber bin ein freier Mann. Wer sendet dich zu mir?"

"Der Mann, welcher uns gestern kommandierte."

"Du meinst den Mir Alai - -?"

Ich fügte den Namen hinzu, welchen ich gestern von dem Soldaten erfahren hatte. Der Jüsbaschi machte eine Bewegung der Bestürzung und rief:

"Du kennst ihn und seinen Namen?"

"Wie du hörst! Hat er einen Wunsch an mich?"

"Ich soll dir befehlen, nicht nach ihm zu forschen und von der gestrigen Begebenheit zu keinem Menschen zu sprechen."

"Ich habe dir bereits gesagt, daß mir niemand etwas zu befehlen hat. Sage dem Mir Alai, daß die Begebenheit in der nächsten Nummer des Bassiret erscheinen wird! Da ich keine Befehle entgegennehmen kann, so ist unsere Unterredung beendet."

Ich erhob mich und ging in das Nebenzimmer. Der Jüsbaschi aber vergaß vor Erstaunen sowohl das Sprechen als auch das Aufstehen, und erst nach einer ganzen Weile kam Halef, um mir zu melden, daß der Besuch mit einigen kräftigen Flüchen verschwunden sei.

Es war für gewiß anzunehmen, daß der Mir Alai sofort wieder schicken werde; ich fühlte aber keine Verpflichtung, auf seinen Boten zu warten, und rüstete mich zum Ausgehen. Mein Weg war nach dem Derwischkloster gerichtet, wo ich mit Ali Manach sprechen wollte. Ich fand ihn, wie gestern, in seiner Zelle, wo er saß und betete. Als er mich grüßen hörte, blickte er auf, und seiner Miene nach schien mein Besuch ihm nicht unangenehm zu sein.

"Sallam!" dankte er. "Bringst du vielleicht wieder eine Gabe?"

"Ich weiß es noch nicht. Wie soll ich dich nennen, Ali Manach Ben Barud al Amasat oder en Nassr?"

Mit einem schnellen Sprunge war er vom Diwan empor und stand ganz nahe vor mir.

"Pst! Schweige hier!" raunte er mir ängstlich zu. "Gehe hinaus auf den Friedhof; ich werde in kurzer Zeit nachkommen!"

Ich ahnte, daß ich gewonnenes Spiel hatte; freilich mußte ich mir auch eingestehen, daß ich mich auf einige diplomatische Gesprächswendungen einrichten müsse, wenn ich mich nicht verraten wollte. Ich verließ das Klostergebäude, schritt quer über den Hof und trat durch die Gitterpforte auf den Gottesacker.

Da ruhten sie, die Hunderte von Derwischen. Sie hatten ausgetanzt, und nun lag ein Stein zu ihren Häuptern, auf dem der Turban thronte. Ihre Komödie war ausgespielt. Wie werden sie über die »Brücke der Prüfung« gelangen!

Ich hatte mich noch nicht weit zwischen die Gräber vertieft, als ich den Derwisch kommen sah. Er schritt, scheinbar in fromme Betrachtung versunken, einem abgelegenen Winkel zu, und ich folgte ihm. Wir trafen dort zusammen.

"Was hast du mir zu sagen?" fragte er.

Ich mußte außerordentlich vorsichtig sein; darum antwortete ich:

"Erst muß ich dich kennen lernen. Kann man sich auf dich verlassen?"

"Frage den Usta (* Meister, Gebieter.); er kennt mich genau!"

"Wo ist er zu finden?"

"In Dimitri, bei dem Rum (** Grieche.) Kolettis. Bis gestern waren wir in Baharive Keui, aber man hat uns entdeckt und vertrieben. Der Usta wäre beinahe erschossen worden. Nur durch Schwimmen konnte er sich retten."

Diese Worte sagten mir allerdings, daß Abrahim Mamur der Anführer der Freibeuter sei; er hatte mich also in Baalbek nicht belogen. Aber der Derwisch hatte einen Mann genannt, der mich an ein früheres Ereignis erinnerte. Hatte nicht jener Grieche, welcher während des Kampfes im »Tal der Stufen« in meine Hände fiel, Alexander Kolettis geheißen? Ich erkundigte mich weiter:

"Sind wir bei Kolettis sicher?"

"Vollständig. Weißt du, wo er wohnt?"

"Nein. Ich bin erst seit kurzer Zeit in Stambul."

"Woher kommst du?"

"Aus Damask, wo ich den Usta getroffen habe."

"Ja, er war dort, aber das Werk ist ihm nicht gelungen. Ein fränkischer Hekim hat ihn erkannt, und er mußte fliehen."

"Ich weiß es; er hat dem reichen Schafei Ibn Jacub Afarah nur einen Teil seiner Geschmeide abnehmen können. Ist es verkauft?"

"Nein."

"Weißt du dies genau?"

"Ganz genau, denn ich und mein Vater sind seine Vertrauten."

"Ich komme, um dieser Sachen wegen mit ihm zu sprechen. Ich weiß einen sicheren Mann, der alles kauft. Hat er es sofort bei der Hand?"

"Es steckt im Turm von Galata an einem sichern Orte. Vielleicht kommst du zu spät, denn der Bruder Kolettis' hat auch einen Mann gefunden, welcher heute kommen will."

Das machte mir Sorge, doch ließ ich mir nichts merken.

"Wo ist Barud el Amasat, dein Vater? Ich habe eine wichtige Botschaft an ihn."

"Bist du treu?" fragte er nachdenklich.

"Probiere es!"

"Er ist in Edreneh (* Türkisch: Adrianopel.) bei dem Kaufherrn Hulam zu finden."

Jetzt erschrak ich förmlich, denn hier war gewiß wieder eine Heimtücke im Spiele, doch faßte ich mich schnell.

"Ich weiß es," bemerkte ich zuversichtlich. "Dieser Hulam ist der Verwandte jenes Jacub Afarah in Damask und auch des Händlers Maflei hier in Stambul."

"Ich sehe, du weißt alles. Ich kann dir vertrauen."

"So sage mir noch, wo sich dein Oheim Hamd el Amasat befindet!"

"Auch diesen kennst du?" fragte er verwundert.

"Sehr genau. Er war in der Sahara und in Aegypten."

Sein Erstaunen wuchs. Er schien mich für ein ganz bedeutendes Mitglied seiner sauberen Verbrüderung zu halten, denn er fragte:

"So bist du wohl gar der Usta in Damask?"

"Frage jetzt nicht, sondern antworte mir!"

"Hamd el Amasat ist jetzt in Skutari. Er wohnt bei einem fränkischen Kaufmann, welcher Galino oder Galineh heißt."

"Galingré willst du sagen."

"Herr, du weißt wahrhaftig alles!"

"Ja; aber eins weiß ich noch nicht. Wie nennt sich der Usta jetzt?"

"Er ist aus Koniëh und heißt Abd el Myrrhatta."

"Ich danke dir. Du wirst bald mehr von mir hören!"

Er antwortete auf meinen Abschiedsgruß mit einer Unterwürfigkeit, welche mir bewies, daß es mir vollständig gelungen war, ihn zu täuschen. Nun aber galt es, keinen Augenblick zu versäumen, sonst konnte meine jetzige Errungenschaft schnell wieder verloren gehen. Ohne mich erst zu Maflei zurück zu begeben, ritt ich nach Dimitri, um mich in dem Weinhause nach Kolettis zu erkundigen. Ich fand den Wirt nicht anwesend, aber sein Weib war da. Meine erste Frage war nach dem Barbier, und ich erfuhr, daß ein Arzt gekommen sei und ihn anders verbunden habe. Später, vor noch nicht langer Zeit, sei er abgeholt worden. Nun fragte ich nach Kolettis. Die Frau blickte mich ganz erstaunt an und sagte:

"Kolettis? So heißt ja mein Mann!"

"Ah! Das wußte ich nicht. Ist hier nicht ein Mann aus Koniëh zu finden, welcher Abd el Myrrhatta heißt?"

"Er wohnt bei uns."

"Wo ist er jetzt?"

"Er ist nach dem Turme von Galata lustwandeln gegangen."

"Allein?"

"Mit dem Bruder meines Mannes."

Das traf sich ja ganz außerordentlich! Wollten sie die Schmucksachen holen? Ich mußte ihnen nach. Ich erfuhr noch, daß sie erst vor ganz kurzem fortgegangen seien. Ich erfuhr auch, daß Omar noch dagewesen war, als sie gingen, und er hatte gleich hinter ihnen das Haus verlassen. Der Rächer war also bereits hinter dem Mörder her. Ich stieg zu Pferde und trabte nach Galata hinab. In den finstern Straßen dieses Stadtteiles wimmelt es von Matrosen, Schiffssoldaten, schmutzigen Töpfern, Hammaliks, zudringlichen Schiffern, spanischen Juden und anderen eilfertigen Persönlichkeiten, so daß nicht leicht durch das Gedränge zu kommen ist.

Am größten wurde dieses Gedränge, als ich den Turm erreichte. Es mußte irgend etwas ganz Außerordentliches geschehen sein, denn ich bemerkte ein Schieben und Stoßen, welches beinahe lebensgefährlich zu werden drohte. Ich bezahlte den Besitzer meines Mietgaules und trat hinzu, um mich zu erkundigen. Ein aus dem Chaos sich wieder herausarbeitender Kaïkschi gab mir Auskunft:

"Es sind zwei auf die Galerie des Turmes gestiegen und über das Geländer gestürzt; sie liegen ganz zerschlagen auf der Erde."

Da wurde mir angst. Omar war den beiden nachgegangen; war ihm vielleicht ein Unglück passiert?

Ich drängte mich mit aller Gewalt und Rücksichtslosigkeit vorwärts; ich hatte allerdings manchen Puff und Stoß, manchen Hieb und Tritt hinzunehmen, aber ich kam hindurch und sah nun innerhalb eines engen, von der Menschenmenge umschlossenen Kreises zwei menschliche Körper liegen, deren Anblick ein entsetzlicher war. Die Galerie des Genueserturmes in Galata hatte eine Höhe von ca¨ 140 Fuß; man kann sich also denken, wie die Leichen aussahen. Omar war nicht dabei, das sah ich an den Kleidern. Das Gesicht des einen war unverletzt, und ich erkannte augenblicklich jenen Alexander Kolettis, welcher den Haddedihn wieder entkommen war. Aber wer war der andere? Er war schlechterdings unmöglich zu erkennen. Er hatte einen fürchterlichen Tod gehabt, wie mir einer der Nahestehenden bemerkte, welcher es mit angesehen hatte. Es war ihm nämlich geglückt, schon während er im Stürzen war, mit der Hand den unteren Teil eines der Gitterstäbe zu erfassen; aber er hatte sich kaum eine Minute lang festhalten können, dann war er herabgestürzt.

Unwillkürlich warf ich einen Blick auf seine Hände. Ah, er hatte quer über die rechte Hand einen Schnitt; dies war jedenfalls diejenige, mit der er sich festgehalten hatte; er war nicht verunglückt, sondern er war herabgestürzt worden. Wo war Omar?

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