Ich drängte mich nach dem Turme zu und trat ein. Ein Bakschisch erwarb mir die Erlaubnis, ihn zu besteigen. Ich eilte auf den fünf Steintreppen durch die fünf untersten Stockwerke, dann die nächsten drei Holztreppen bis in den Kaffeeschank empor. Nur der Kawehdschi war zu sehen, aber kein Gast. Bis hier herauf sind 144 Stufen zu steigen. Nun stieg ich noch die 45 Stufen bis zu dem Glockenstuhle empor, der mit Blech gedeckt und sehr abschüssig ist. Von hier aus schwang ich mich hinaus auf die Galerie. Ich suchte den etwa fünfzig Schritt betragenden Umkreis derselben ab und fand auf derjenigen Seite, wo unten die Toten lagen, mehrere Blutflecken. Es hatte ein Kampf stattgefunden, ehe sie hinabgeworfen worden waren. Ein Kampf in dieser Höhe, auf glattem, abschüssigem Boden, und zwar einer gegen zwei, wie ich vermutete! Es war schrecklich!
Ich stieg, ohne mich in der Kaffeestube zu verweilen, eilig wieder nach unten und lief nach Hause. Der erste, welcher mir im Selamlik entgegentrat, war Jacub Afarah. Sein Gesicht glänzte vor Freude; er umarmte mich und rief:
"Emir, freue dich mit mir; ich habe meine Juwelen wieder!"
"Undenkbar!" antwortete ich.
"Und dennoch ist es wahr!"
"Wie hast du sie wieder erhalten?"
"Dein Freund Omar hat sie mir gebracht."
"Woher hat er sie?"
"Ich weiß es nicht. Er gab mir das Paket und ging sofort hinüber in das Gartenhaus, wo er sich in seine Stube eingeschlossen hat. Er will keinem Menschen öffnen."
"Ich werde sehen, ob er nicht mit mir eine Ausnahme macht."
An der Tür des Gartenhauses stand Halef. Er trat mir nahe und sagte halblaut:
"Sihdi, was ist geschehen? Omar Ben Sadek kam nach Hause und blutete. Jetzt wäscht er sich die Wunde aus."
"Er hat Abrahim Mamur getroffen und ihn vom Turme gestürzt."
"Maschallah! Ist es wahr?"
"Ich vermute es, doch wird es nicht viel anders sein. Natürlich dürfen nur wir davon wissen. Schweig also!"
Ich ging an Omars Tür, pochte an und nannte meinen Namen. Er öffnete sogleich und ließ auch Halef eintreten. Er erzählte uns ganz unaufgefordert, was geschehen war.
Er war erst mit dem Arzte, den er zurückbegleitete, und dann wieder mit den Trägern, welche den Barbier holen sollten, nach Kolettis' Wohnung gekommen und hatte dort Abrahim Mamur und Alexander Kolettis im leisen Gespräche sitzen sehen, ohne jedoch einen von ihnen zu kennen. Er hatte einige zerstreute Worte ihres Gespräches vernommen und war aufmerksam geworden. Er stand auf und verließ das Zimmer, kehrte aber durch die zweite Tür des Flures in die leere Nebenstube zurück, wo er das Gespräch der beiden hörte, da sie sich unbeobachtet glaubten und also lauter redeten.
Sie hatten von den Kleinodien aus Damaskus gesprochen, welche sie aus dem Turme holen wollten, wo einer der Wächter zu den Leuten Abrahims gehörte. Omar kannte die Geschichte von dem Raube in Damaskus; er hatte sie von Halef gehört und glaubte nun, Abrahim Mamur gefunden zu haben. Der weitere Verlauf ihres Gespräches überzeugte ihn, daß seine Vermutung die richtige sei, denn Abrahim erzählte von seiner gestrigen Flucht über das goldene Horn.
Der Lauscher kehrte nun in die Stube zurück und beschloß, den beiden nach dem Turme zu folgen. Er hatte sie so unbeachtet belauschen können, weil die Wirtin draußen im Hofe beschäftigt gewesen war. Als sie gingen, folgte er ihnen. Sie waren mit einem der Wächter lange Zeit in dem schmutzigen Erdgeschoß des Turmes geblieben, welches als Hühnerstall benutzt wird, und dann die Treppen emporgestiegen. Er folgte. In der Kaffeestube hatte jeder eine Tasse getrunken; dann waren sie noch weiter hinauf gegangen, während der Wächter zurückkehrte. Auch hier folgte Omar. Als er die Glockenstube betrat, hatten sie draußen auf der Galerie gestanden und ihm den Rücken zugekehrt, im Glockenstuhle aber lag das Päckchen. Er war ihnen näher getreten und auf die Galerie hinausgestiegen, und da hatten sie ihn nun sehen müssen.
"Was willst du?" hatte Abrahim gefragt. "Warst du nicht soeben auch bei Kolettis?"
"Was geht das dich an?" hatte Omar geantwortet.
"Willst du uns vielleicht belauschen, Hund?"
Da hatte sich Omar erinnert, daß er ein Sohn der freien und tapferen Uëlad Merasig sei, und es war wie der Stolz und Mut eines Löwen über ihn gekommen.
"Ja, ich habe euch belauscht," hatte er freimütig gestanden. "Du bist Abrahim Mamur, der Mädchenräuber und Juwelendieb, dessen Höhle gestern von uns ausgeräuchert worden ist. Die Rache ist dir nahe. Ich grüße dich von dem Emir aus Frankistan, der dir Güzela wieder nahm und dich aus Damask vertrieb. Deine Stunde ist gekommen!"
Abrahim hatte wie versteinert dagestanden; das hatte Omar benutzt und ihn blitzschnell ergriffen und über das Geländer hinausgeschwungen. Kolettis hatte einen Schrei ausgestoßen und nach dem Dolche gegriffen. Nur einen Augenblick lang hatten sie gerungen. Omar war im Nacken etwas tief geritzt worden, und das hatte ihm doppelte Kraft verliehen; auch der zweite war über das Geländer hinausgeflogen. Da aber hatte Omar bemerkt, daß Abrahim sich mit einer Hand festgehalten hatte; er nahm sein Messer und versetzte dem Todesängstigen einen Schnitt über die Hand, welche nun nachließ.
Dies war so schnell geschehen, wie man es nicht erzählen kann. Er kroch wieder in den Glockenstuhl hinein, nahm das Paket und entfernte sich. Es gelang ihm, unten unbemerkt zu entschlüpfen, trotzdem sich bereits viele Menschen um die beiden Leichen versammelt hatten.
Das erzählte er so gleichmütig, als habe er etwas ganz Alltägliches getan. Auch ich machte nicht viele Worte und verband ihm seine ungefährliche Schramme. Dann mußte er uns nach dem Vorderhause folgen, wo sein Bericht allerdings einen ganz andern Erfolg hatte. Nur einige laute Ausrufe ausstoßend, sprangen Maflei, sein Bruder und Isla auf und rannten, ihre Muselmanns-Gravität ganz verleugnend, fort, um sich die Toten anzusehen. Sie kehrten erst nach längerer Zeit zurück und berichteten, daß man die Leichen einstweilen in das Erdgeschoß des Turmes geschafft habe. Niemand kenne jene, und auch sie hatten mit keiner Miene verraten, daß sie eigentlich Auskunft geben könnten.
Ich fragte Halef, ob er seinen alten Bekannten, den griechischen Dolmetscher Kolettis, nicht einmal ansehen wolle, und er antwortete darauf mit verächtlichem Achselzucken:
"Wenn es Kara Ben Nemsi oder Hadschi Halef Omar wäre, so würde ich hingehen: dieser Grieche aber ist eine Kröte, die ich nicht sehen mag."
Es dauerte lange, ehe Maflei mit seinen Verwandten sich in die Tatsache gefunden hatte und sich in Ruhe über dieselbe äußern konnte.
"Es ist dies keine genügende Strafe für ihn," sagte Isla. "Ein kurzer Augenblick der Todesangst ist nicht genügend für alles, was er getan hat. Man hätte ihn lebendig in die Hände bekommen sollen!"
"Nun bleiben noch die beiden Amasat," fügte sein Vater hinzu. "Ob wir wohl je einen davon zu sehen bekommen werden?"
"Für euch genügt der eine: Barud el Amasat; der andere hat euch nichts getan. Wenn ihr mir versprecht, nicht gewalttätig gegen ihn zu verfahren, sondern ihn dem Richter zu überliefern, so sollt ihr ihn haben."
Diese Worte riefen eine neue Aufregung hervor. Ich wurde mit Fragen und Bitten bestürmt, doch ich blieb fest und sagte nichts, bis ich das verlangte Versprechen erhalten hatte. Dann erzählte ich ihnen meine heutige Unterredung mit dem Derwisch.
Ich hatte kaum geendet, so sprang Jacub Afarah empor und rief:
"Allah kerihm! Ich errate, was diese Menschen wollen. Sie haben es auf unsere ganze Familie abgesehen, weil Isla diesem Abrahim Mamur Senitza abgenommen hat. Erst sollte ich arm werden; das ist nicht gelungen. Nun gehen sie nach Adrianopel, und dann kommt auch Maflei dran; bei seinem Lieferanten beginnen sie bereits. Wir müssen sofort schreiben, damit Hulam und Galingré gewarnt werden!"
"Schreiben?" entgegnete Isla. "Das ist nichts! Wir selbst müssen nach Adrianopel gehen, um diesen Barud el Amasat zu fangen. Effendi, gehst du mit?"
"Ja," antwortete ich. "Es ist das beste, was getan werden kann, und ich begleite euch, weil Adrianopel auf dem Wege nach meiner Heimat liegt."
"Du willst heimkehren, Effendi?"
"Ja. Ich bin nun viel länger in der Ferne gewesen, als ich eigentlich beabsichtigte."
Ich kann sagen, daß dieser Entschluß nur Gegner fand, doch als ich ihnen meine Gründe des näheren auseinandersetzte, gestanden sie mir ein, daß ich recht habe. Während dieses ganzen Freundschaftsstreites war's nur einer, welcher kein Wort sagte, nämlich Halef; aber es war seiner zuckenden Miene anzusehen, daß er eigentlich mehr zu sagen hatte, als alle die Andern.
"Und wann gehen wir?" fragte Isla, der es sehr eilig hatte.
"Sogleich!" antwortete Osco. "Ich mag keinen Augenblick verlieren, bis ich diesen Freund Barud el Amasat in meinen Händen habe."
"Ich glaube, daß wir einiger Vorbereitungen bedürfen," bemerkte ich. "Wenn wir morgen mit dem frühesten aufbrechen, so ist es nicht zu spät, und wir haben den ganzen Tag vor uns. Fahren oder reiten wir?"
"Wir reiten!" entschied Maflei.
"Und wer geht mit?"
"Ich, ich, ich, ich!" rief es rund im Kreise.
Es stellte sich heraus, daß alle mitreisen wollten. Nach einer längeren Debatte wurde beschlossen, daß sich folgende beteiligen sollten: Schafei Ibn Jacub Afarah, welcher mit Barud eigentlich nichts auszugleichen hatte, aber diese seltene Gelegenheit, seinen Verwandten zu besuchen, einmal benützen wollte; Isla, der es sich nicht nehmen ließ, den Verräter seines Weibes fest zu fassen; Osco, der seine Tochter zu rächen hatte; Omar, welcher von Adrianopel nach Skutari wollte, um mit Hamd el Amasat abzurechnen; ich, der ich nach der Heimat wollte. Maflei hatte sich nur mit Mühe bestimmen lassen, zurückzubleiben; allein es war unbedingt notwendig, daß die Interessen seines Geschäftes gewahrt blieben, und da Isla sich uns anschloß, war er es, der ausgeschlossen bleiben mußte.
Halef hatte kein Wort verloren; als ich ihn fragte, antwortete er:
"Denkst du etwa, daß ich dich allein ziehen lasse, Sihdi? Allah hat uns zusammengeführt und ich werde bei dir bleiben!"
"Aber denke an Hanneh, die Blume der Frauen! Du entfernst dich immer weiter von ihr."
"Sei still! Du weißt, daß ich stets tue, was ich mir einmal vorgenommen habe. Ich reite mit!"
"Aber einmal müssen wir uns doch trennen!"
"Herr, diese Zeit wird bald genug kommen, und wer weiß, ob wir uns dann im Leben noch einmal wiedersehen. Ich werde mich jetzt wenigstens nicht eher von dir trennen, als die andern, und bis ich weiß, daß du dies Land verlässest!"
Er stand auf und ging hinaus, um jeden weiteren Einwand abzuschneiden; ich war also gezwungen, seine Begleitung anzunehmen.
Meine Reisevorkehrungen bereiteten mir wenig Mühe; ich brauchte mit Halef nur die Pferde zu satteln, so waren wir fertig. Eine Pflicht aber hatte ich vorher zu erfüllen: ich mußte Lindsay aufsuchen, um ihm das Geschehene und unser Vorhaben mitzuteilen. Als ich in seine Wohnung kam, war er soeben von einem Ausfluge nach Bujukdere zurückgekehrt. Er bewillkommnete mich, halb erfreut und halb schmollend, und meinte:
"Welcome! Schlechter Kerl! Zieht da hinauf nach Baharive Keui, ohne mich mitzunehmen! Was wollt Ihr bei mir, he?"
"Sir, ich muß Euch melden, daß ich nicht mehr in Baharive Keui wohne."
"Nicht mehr? Ah! Schön! Zieht bald her zu mir, Master!"
"Danke! Ich werde morgen früh Konstantinopel verlassen. Wollt Ihr mit oder nicht?"
"Verlassen? Ah! Oh! Schlechter Spaß! Yes!"
"Es ist Ernst; das versichere ich Euch!"
"Also wirklich? Warum so schnell? Habt ja dieses Nest kaum erst betreten!"
"Ich kenne es genugsam, und wenn diese Abreise auch schneller kommt, als ich es dachte, so mache ich mir nichts daraus."
Ich erzählte ihm nun umständlich, was geschehen war.
Als ich mit meinem Bericht zu Ende war, nickte Lindsay befriedigt und meinte:
"Schön! Prächtig, daß dieser Kerl seinen Lohn erhalten hat! Werdet auch noch die beiden andern bekommen. Well! Möchte gern dabei sein, kann aber nicht; bin engagiert."
"Wodurch?"
"War auf dem Konsulate und habe einen Vetter getroffen, auch ein Lindsay, aber kein David. Er will nach Jerusalem, versteht aber das Reisen nicht und hat mich gebeten, mitzugehen. Schade, daß Ihr nicht auch mitkönnt! Yes! Werde heute abend Maflei besuchen, um Abschied zu nehmen."
"Das ist es, was ich von Euch erbitten wollte, Sir. Wir haben im Verlaufe einiger Monate durchgemacht, was andere während der ganzen Zeit ihres Daseins nicht erleben, und das kettet zusammen. Ich habe Euch sehr lieb gewonnen, und das Scheiden tut mir weh, aber man muß sich in das Unvermeidliche fügen; es bleibt ja doch die Hoffnung auf ein Wiedersehen!"
"Yes! Oh! Ah! Well! Wiedersehen! Miserables Scheiden! Gefällt mir ganz und gar nicht!" meinte er mit unsicherer Stimme, indem er mit der einen Hand seine Nase beruhigte und mit der andern nach dem Auge langte. "Aber da fällt mir ein: Was wird mit dem Pferde?"
"Mit welchem?"
"Mit dem Eurigen - Rih!"
"Was soll da werden? Ich reite es."
"Hm! Immer? Nehmt Ihr es mit nach Deutschland?"
"Das weiß ich noch nicht."
"Verkauft es, Sir! Das macht ein schönes Geld. Ueberlegt es! Wenn Ihr es auch jetzt noch braucht, so bringt es doch wenigstens später nach Old England. Ich handle nicht, sondern bezahle, was Ihr verlangt. Well!"
Dieses Thema war mir nicht sehr angenehm. Was konnte ich als armer Literat mit einem solchen Pferde tun? In der Heimat trat ich ja in Verhältnisse, die mir durchaus verboten, ein Reitpferd zu halten. Aber verkaufen? Das Geschenk des Scheik der Haddedihn? Und welch einen Herrn würde mein wackerer Rappe bekommen! Nein; ich konnte ihn allerdings nicht behalten, aber verkauft wurde er sicherlich auch nicht; ich wußte, was ich zu tun hatte! Ich war dem herrlichen Tiere, das mich durch so manche Gefahr getragen hatte, schuldig, ihm einen Herrn zu geben, der es zu behandeln verstand. Es sollte nicht im kalten Norden verkommen; es sollte die Weiden des Südens, es sollte sein Geburtsland, die Lagerplätze der Haddedihn wiedersehen.
Da wir uns am Abend treffen wollten, so brauchte ich mich nicht lange bei Lindsay zu verweilen. Ich ging noch einmal nach der Gesandtschaft, wo ich abermals den Kanzler traf. Er erzählte mir, daß der angebliche Barbier aus Jüterbogk uns keine Mühe mehr mache, da er gestorben sei. Man war mit ihm nicht sonderlich rücksichtsvoll verfahren; er hatte gestehen müssen, wer und was er sei, und so hatte man erfahren, daß er aus einer der kleinen Residenzen Thüringens stamme und ein entwichener Verbrecher sei. Ich bemitleidete den jungen Mann, der bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten ganz andere Aussichten gehabt hatte, als so elendiglich in dem fernen Lande um das Leben zu kommen.