Dieser Mann war ein Feigling. Als er sich von so vielen ergriffen sah, machte er nicht den geringsten Versuch der Gegenwehr; er ließ sich ruhig binden und auf den Boden niedersetzen.
"Herr, glaubst du nun noch an die Frömmigkeit dieses Mannes?" fragte der kleine Hadschi den Wirt. "Er wollte dich bestehlen und dann fliehen."
"Ihr hattet recht," antwortete der Wirt. "Was geschieht mit ihm?"
Da streckte Osco die Hand gegen den Gefangenen aus und sagte:
"Er hat mir die Tochter geraubt und mich hinausgetrieben, sie unter Gram und Herzeleid zu suchen. Er gehört mir, denn so wollen es die Gesetze der schwarzen Berge."
Da trat ich ihm entgegen.
"Diese Gesetze gelten nur auf den schwarzen Bergen, nicht aber hier. Uebrigens hat der Fürst deines Landes diese Gesetze aufgehoben. Ihr habt mir versprochen, diesen Mann dem Richter zu übergeben, und ich hoffe, daß ihr Wort halten werdet."
"Effendi, die Richter dieses Landes sind bekannt," antwortete der Montenegriner. "Sie werden sich bestechen lassen und ihm Gelegenheit geben, zu entfliehen. Ich verlange ihn für mich!"
"Was wirst du mit ihm tun, wenn wir ihn in deine Hand geben?" erkundigte sich unser Wirt.
Der Gefragte zog seinen Dolch hervor und antwortete:
"Er wird an diesem Stahle sterben."
"Das kann ich nicht zugeben, denn er hat kein Blut vergossen!"
"Er hat in Stambul zu den Mördern gehört!"
"Grad darum darfst du ihn nicht töten. Soll sein Sohn straflos bleiben? Sollen auch alle entkommen, die man nicht fangen konnte, obgleich sie zu denen gehörten, welche das Wort »en Nassr« kannten? Er muß leben bleiben, damit man ihre Namen erfährt."
"Wer aber macht mich glauben, daß er auch wirklich seine Strafe findet?"
"Ich! Der Mann, welcher Hulam heißt, ist nicht der Geringste unter den Bewohnern dieser Stadt. Ich werde noch jetzt zu dem Richter gehen, damit er diesen Menschen abholen und gefangen nehmen läßt, und ich schwöre dir bei Allah und dem Propheten, daß er seine Pflicht erfüllen wird!"
"So tue es!" sagte Osco finster. "Aber ich sage dir, daß ich dich bei deinem Schwure festhalten werde so lange, bis ich gerächt worden bin!"
Barud el Amasat wurde eingeschlossen, und der grimmige Osco tat es nicht anders, er mußte mit ihm zusammengesteckt werden. Hulam begab sich zu dem Beamten, und wir warteten des Bescheides, den er bringen werde. Als er zurückkehrte, folgten ihm mehrere Khawassen, welche den Gefangenen abzuholen hatten. Er wurde ihnen übergeben, und als sie mit ihm verschwunden waren, konnten wir mit dem Bewußtsein zur Ruhe gehen, unseren Wirt vor Nachteil bewahrt und einen bösen Menschen unschädlich gemacht zu haben.
Der Richterspruch eines Kadi läßt nicht lange auf sich warten, und so beschlossen wir, zu bleiben, bis das Urteil gesprochen werde. Wir hatten nun Zeit, uns Adrianopel anzusehen.
Wir besuchten die Moschee Selims und Murads, ebenso eine türkische Medresse; dann durchwanderten wir den berühmten Bazar Ali Paschas und machten endlich eine Kahnfahrt auf der Maritza, an welcher die Stadt liegt. Zur Mittagszeit kehrten wir heim und fanden eine Vorladung vor, bei dem Kadi zu erscheinen. Um neun Uhr türkischer Zeit, was nach unserer Uhr nachmittags drei Uhr ist, erschienen wir vor dem Richter.
Das Verhör war ein öffentliches, und es hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden. Ein jeder einzelne von uns mußte seine Aussage tun, und der Gefangene saß dabei, um es zu hören. Als wir alle gesprochen hatten, fragte der Kadi den Angeklagten:
"Du hast gehört, was diese Männer sagen. Ist es wahr oder nicht?"
Der Gefragte antwortete nicht; der Kadi wartete eine Minute und fuhr dann fort: "Du kannst also nichts sagen, um die Anklage dieser Männer zurückzuweisen, und bist also alles dessen schuldig, wessen sie dich bezichtigt haben. Da du ein Glied der Bande bist, welche in Stambul sündigte, so muß ich dich dorthin schaffen; dort wirst du auch die Strafe für den Raub des Mädchens erfahren; aber dafür, daß du es gewagt hast, hier in Edreneh ein Verbrechen begehen zu wollen, werde ich dir hundert Streiche auf die Füße geben lassen. Das wird sogleich geschehen!"
Er winkte den Khawassen, welche in seiner Nähe standen, und gebot ihnen:
"Holt das Brett und die Stöcke!"
Zwei von ihnen entfernten sich, um die angegebenen Gegenstände herbeizuschaffen.
Außer den Beamten und den Parteien war auch ein zahlreiches Publikum anwesend, welches sich eingestellt hatte, um das Schauspiel dieser Verurteilung zu genießen. In diesem Augenblick machte sich im Publikum eine Bewegung geltend, welche an sich zwar unbedeutend war, einem aufmerksamen Beobachter aber nicht entgehen konnte. Es drängte sich nämlich ein Mann langsam, doch nachhaltig von hinten nach vorn. Mein Blick fiel auf ihn. Er war lang und hager gebaut, hatte sich in die Tracht der gewöhnlichen Bulgaren gekleidet, schien mir aber keiner zu sein. Sein langer Hals, die Habichtsnase, das lange, schmale Gesicht mit dem herabhängenden Schnurrbart, die außerordentlich gewölbte Brust, das alles ließ in ihm eher einen Armenier als einen Bulgaren vermuten.
Weshalb drängte dieser Mann sich nach vorn? Tat er es nur aus einfacher Neugierde, oder hatte er vielleicht einen besonderen Zweck? Ich beschloß, ihn genau zu beobachten, es aber nicht merken zu lassen.
Die Khawassen kamen zurück. Der eine von ihnen trug einige jener ominösen Stöcke, welche bei der Bastonnade unumgänglich notwendig sind; der andere ein Brett, an welchem sich vorn und in der Mitte hänfene Schlingen befanden, um Arme und Leib des Delinquenten festzuhalten. Am hinteren Teile war eine einfache Vorrichtung angebracht, um die Beine des Verurteilten emporzuhalten, damit die entblößten Fußsohlen in eine horizontale Lage kamen.
"Zieht ihm das Gewand und die Schuhe aus!" befahl der Kadi.
Die Khawassen traten zu ihm heran, um den Befehl zu vollführen. Da endlich zeigte er, daß er sprechen könne.
"Halt!" rief er. "Ich lasse mich nicht schlagen!"
Die Augenbrauen des Kadi zogen sich zusammen.
"Nicht?" fragte er. "Wer will es mir verbieten, dir die Bastonnade geben zu lassen?"
"Ich!"
"Hund! Wagst du, so mit mir zu sprechen! Soll ich dir zwei Hundert geben lassen, anstatt nur ein Hundert?"
"Nicht einen einzigen Schlag darfst du mir geben lassen! Du hast wohl verschiedenes gesagt und gefragt; aber das Notwendigste hast du doch vergessen. Oder hast du dich etwa erkundigt, wer und was ich bin?"
"Das ist nicht nötig! Du bist ein Mörder, ein Dieb. Das ist genug."
"Ich habe bis jetzt noch nicht das Geringste zugegeben. Aber schlagen lassen darfst du mich auf keinen Fall."
"Warum?"
"Weil ich kein Moslem bin, sondern ein Christ."
Während dieser Worte hatte er den Fremden bemerkt, der sich herbeigedrängt hatte. Dieser hütete sich wohl, eine verräterische Bewegung zu machen, welche ihn in den Verdacht der Bekanntschaft oder gar des Einvernehmens mit dem Anderen hätte bringen können. Aber seine Miene, sein Blick, seine ganze Haltung war darauf berechnet, sich ihm zu zeigen und ihm Mut einzuflößen.
Man sah es dem Kadi an, daß die soeben vernommenen Worte doch einigen Eindruck auf ihn machten.
"Ein Giaur bist du?" fragte er. "Wohl gar ein Franke?"
"Nein; ich bin ein Armenier."
"Also doch ein Untertan des Padischah, dem Allah tausend Leben schenken möge! Da darf ich dich also auch schlagen lassen."
"Du irrst," antwortete der Armenier, indem er sich bemühte, eine möglichst sichere Haltung anzunehmen und seinem Tone einen stolzen Ausdruck zu geben. "Ich stehe nicht unter dem Sultan, auch nicht unter dem Patriarchen. Ich bin der Geburt nach ein Armenier; aber ich bin ein evangelischer Christ geworden und als Dolmetscher bei der englischen Gesandtschaft angestellt. Ich bin in diesem Augenblick englischer Untertan und mache dich auf die Verantwortung aufmerksam, welche du auf dich ladest, wenn du mich als Untertan des Großherrn behandeln und nun gar schlagen lassen willst!"
Der Kadi machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. Er hatte es sich vorgenommen gehabt, dem in Adrianopel so hoch angesehenen Hulam nach allen Kräften zu Diensten zu sein, und nun kam ihm diese Aussage des Armeniers dazwischen.
"Kannst du es beweisen?" fragte er ihn.
"Ja."
"So beweise es!"
"Frage bei der englischen Gesandtschaft in Stambul an!"
"Nicht ich bin es, sondern du bist es, der den Beweis zu führen hat!"
"Ich kann ihn nicht führen, da ich ja Gefangener bin."
"So werde ich einen Boten nach Stambul senden. Aber die hundert Streiche werden sich in das Doppelte verwandeln, wenn du mich belogen hast!"
"Ich sage die Wahrheit. Aber selbst dann, wenn dies nicht der Fall wäre, dürftest du mich nicht schlagen lassen oder ein Urteil über mich fällen. Du bist Kadi; ich aber verlange, vor ein ordentliches Mewlewit (* Obergerichtshof.) gestellt zu werden."
"Ich bin dein Mewlewit!"
"Das ist nicht wahr. Ich verlange, von den Bilad i Kamse Mollatari (** Molla´s der fünf Städte.) gerichtet zu werden. Und selbst wenn ich von einem der Kasi (*** Untergericht.) vernommen werden soll, darf dies nicht aus einem einzigen Manne bestehen, sondern aus einem Kadi, einem Mufti, einem Naib, einem Ajak Naib und einem Basch Kiatib!"
Die von dem Armenier angeführten Behörden bedeuten der Reihe nach: Richter, Kron- oder Staatsanwalt, dessen Stellvertreter, einen Zivilleutnant und einen Gerichtsschreiber.
Jetzt machte der Kadi ein wirklich sehr verdrießliches Gesicht. Der Grimm blitzte aus seinen Augen.
"Mensch!" rief er. "Du kennst die Gesetze und die Ordnung der Prozesse so gut und hast die Gesetze doch übertreten. Ich werde dafür sorgen, daß deine Strafe eine dreifache wird!"
"Tue, was du willst, aber sieh zu, ob es dir auch gelingt. Ich protestiere im Namen des Gesandten von Großbritannien gegen die Schläge, welche du mir zugedacht hast!"
Der Kadi blickte uns verlegen der Reihe nach an und sagte dann:
"Das Gesetz zwingt mich, auf deine Worte zu hören. Glaube aber nicht, daß deine Sache dadurch eine für dich bessere Wendung bekommt. Du bist ein Mörder und wirst deinen Kopf lassen müssen! Führt ihn in das Gefängnis zurück, und bewacht ihn zehnfach strenger als alle anderen Gefangenen!"
Der Armenier wurde abgeführt und warf vorher einen Blick des Triumphes und Einverständnisses auf den Fremden, welcher diesen Blick erwiderte, ohne daß dies - außer von mir - bemerkt worden wäre.
Sollte ich den Kadi auf diesen Mann aufmerksam machen? Was konnte es nützen? Selbst wenn der Fremde dem Gefangenen näher als gewöhnlich bekannt war, lagen keine Gründe vor, sich amtlich seiner zu bemächtigen. Und falls dies auch geschehen konnte, so war zu erwarten, daß diese beiden sich sicherlich nicht verraten würden. Ich traute überdies dem Kadi gar nicht zu, der rechte Mann für so verschlagene Leute zu sein. Darum beschloß ich, diesen Fremden ganz im stillen auf mich zu nehmen.
Die Sitzung war beendet, und die Zuschauer entfernten sich. Der Kadi trat zu Hulam, um sich zu entschuldigen, und Osco, der Montenegriner, wendete sich ärgerlich an mich:
"Habe ich es nicht gesagt, Effendi, daß es so kommen werde?"
"Diese Wendung hatte ich nicht erwartet," antwortete ich. "Ich bin zwar kein Kadi und Mufti, aber ich denke, daß der Richter allerdings nicht anders handeln kann."
"Er muß in Stambul anfragen, ob dieser Mensch die Wahrheit gesagt hat oder nicht?"
"Ja."
"Aber wie lange das dauern wird?"
"Man muß sich darein fügen!"
"Und wenn er wirklich ein englischer Untertan ist?"
"So wird er dennoch seine Strafe erhalten."
"Und ist er es nicht?"
"So hat er den Kadi belogen, und dieser wird das Seinige tun, daß der Richterspruch so streng wie möglich ausfällt. Uebrigens glaube ich kein Wort von dieser englischen Untertanenschaft."
"Oh, es ist doch vielleicht möglich. Weshalb hätte er sich eine solche Lüge aussinnen sollen?"
"Zunächst, um der Bastonnade zu entgehen, und sodann, um Zeit zu gewinnen. Man muß dem Kadi begreiflich machen, daß er den Gefangenen auf das strengste bewachen soll. Ich bin überzeugt, daß dieser alles tun wird, um zu entkommen."
"Effendi, willst du nicht mit dem Kadi sprechen?"
"Tut Ihr es; mir fehlt die Zeit. Ich habe einen eiligen Weg, von dem ich Euch vielleicht nachher berichten werde. Wir sehen uns dann bei Hulam wieder."
Der Fremde, welchen ich für einen Armenier hielt, hatte nämlich jetzt auch den Ort verlassen. Ich wollte irgend etwas über ihn erfahren, und so ging ich ihm nach. Er schritt langsam und nachdenklich dahin, und ich folgte ihm wohl zehn Minuten lang.
Da wendete er sich ganz plötzlich und rasch um und erblickte mich. Ich war während der Verhandlung natürlich hervorragend beteiligt gewesen; er hatte mich dort gesehen und beobachtet und erkannte mich sofort wieder. Er ging weiter, bog aber dann in eine sehr enge Nebengasse ein.
Ich beschloß dennoch, ihn nicht aus den Augen zu lassen, und nahm den Gang und die Haltung eines Mannes an, der nur mit sich selbst beschäftigt ist und keine große Acht auf Andere hat.
Er mochte das Gäßchen halb durchschritten haben, da drehte er sich zum zweiten Male um. Er mußte mich abermals erblicken, und das fiel ihm sicherlich auf. So ging es durch mehrere Gassen und Gäßchen, er sich zuweilen nach mir umsehend, und ich ihn nicht aus dem Auge lassend. Im Eifer der Verfolgung war es mir schließlich ganz gleich geworden, ob er es bemerkte, daß ich es auf ihn abgesehen hatte. Der Umstand, daß er sich vor mir scheute, bestärkte mich nur in meiner Ueberzeugung, er könne sich nicht eines guten Gewissens rühmen.
Das mochte er auch einsehen. Denn als er abermals in eine kleine Gasse eingebogen war und ich dann eine halbe Minute später um die Ecke kam, stand er hinter derselben. Er blickte mich mit flammendem Auge an und fragte:
"Folgst du etwa mir?"
Ich blieb vor ihm stehen, betrachtete ihn genau und antwortete:
"Was geht dich mein Weg an?"
"Sehr viel! Er scheint der meinige zu sein."
"Wohl dir, wenn es so ist; denn der Weg, den ich gehe, ist ein ehrlicher und offener."
"Willst du etwa damit sagen, daß der meinige dies nicht sei?"
"Ich kenne deine Wege nicht und habe nichts mit dir zu schaffen!"
"Das hoffe ich," meinte er höhnisch; "darum sollst jetzt du einmal vorangehen!"
"Mir gleich," antwortete ich.