Als wir das Hamam (* Bad.) verließen, fanden wir den Abend so köstlich, daß wir uns entschlossen, noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Wir verließen die Stadt auf der Westseite derselben und promenierten am Ufer des Arda dahin, welcher sich hier in die Maritza ergießt.
Es war spät geworden, als wir umkehrten. Es mochte noch eine Stunde an Mitternacht fehlen; aber es war ziemlich hell. Noch hatten wir die Stadt nicht erreicht, als uns drei Reiter entgegen kamen. Zwei ritten auf Schimmeln; der dritte hatte ein dunkles Pferd. Sie trabten an uns vorüber, ohne uns zu beachten. Dabei machte der eine der ersteren gegen den anderen eine an sich gleichgültige Bemerkung. Ich hörte dies und blieb unwillkürlich stehen.
"Was ist's?" fragte Isla. "Kanntest du sie?"
"Nein; aber diese Stimme kam mir bekannt vor."
"Du wirst dich täuschen, Sihdi. Stimmen sind sich oft sehr ähnlich."
"Das ist wahr, und das beruhigt mich. Ich hätte sonst gedacht, daß es die Stimme dieses Barud el Amasat sei."
"Dann müßte er ja entflohen sein!"
"Allerdings! Aber das ist ja gar keine Unmöglichkeit."
"Wäre es der Fall, so würde er die breite Straße nach Filibe (** Phlippopel.) eingeschlagen und nicht diesen einsamen, unsicheren Weg gewählt haben."
"Grad dieser Weg ist für einen Flüchtling sicherer als die belebte Straße nach Filibe. Die Stimme war ganz die seinige."
Es war, als ob mir eine geheime Stimme sage, daß ich mich nicht geirrt habe. Ich beschleunigte meine Schritte, und die anderen mußten mir mit derselben Schnelligkeit folgen. Als wir nach Hause kamen, wurden wir schon seit längerer Zeit erwartet, und zwar von Osco, welcher unter dem Tore stand.
"Endlich, endlich!" rief er. "Ich habe euch mit Schmerzen erwartet. Mir scheint, es ist etwas geschehen."
"Was?" fragte ich gespannt.
"Ich lag, als es dunkel war, am Tore des Gefängnisses. Da kam einer, welcher sich öffnen ließ. Er trat ein und kam nach einiger Zeit mit noch zwei anderen aus dem Hause."
"Hast du einen erkannt?"
"Nein; aber als sie gingen, hörte ich den einen sagen: »Das ist schneller geglückt, als ich dachte!« Ich schöpfte Verdacht und schlich ihnen nach, aber an der Ecke einer Straße verlor ich sie."
"Und dann?"
"Dann ging ich hierher, um euch den Vorfall zu melden. Ich fand euch nicht daheim und habe vergeblich gewartet."
"Gut! Wir werden uns sofort überzeugen. Hulam mag mitkommen; die andern können bleiben."
Ich eilte mit dem Genannten nach der Straße, in welcher Doxati sein Fremdenhaus hatte. Das Tor war noch geöffnet, und wir traten ein. Es gab ein gemeinschaftliches Zimmer, welches nach dem Hofe zu geöffnet war, aber nach der Straße kein Fenster hatte. Ohne da hineinzugehen, gebot ich einem der anwesenden dienstbaren Geister, mir den Wirt zu bringen.
Doxati war ein kleines, altes Männchen mit einem sehr verschlagenen griechischen Gesichte. Er machte mir eine tiefe Reverenz und fragte nach meinem Begehr.
"Ist heute abend ein Gast hier eingekehrt?" fragte ich ihn.
"Mehrere, Herr," antwortete er.
"Ich meine einen kleinen Mann, welcher zu Pferde kam."
"Der ist da. Er hatte einen Bart, welcher so dünn ist, wie der Schwanz einer alten Henne."
"Du sprichst sehr unehrerbietig; aber es wird derjenige sein, welchen ich suche. Wo ist er?"
"In seinem Oda (* Zimmer, Stube.)."
"Führe mich zu ihm!"
"Komm, Herr!"
Er schritt voran in den Hof, hinaus und eine Art Stiege empor. Dort oben sah man beim Scheine einer Lampe mehrere Türen. Er öffnete eine derselben. Auch hier brannte eine Lampe; aber das mit einer einzigen, alten Matte versehene Gemach war leer. "Wohnt er hier?" fragte ich.
"Ja."
"Aber er ist ja nicht da!"
"Allah weiß es, wo er ist!"
"Wo hat er sein Pferd?"
"Im Stalle, welcher sich im zweiten Awlu (* Hof.) befindet."
"War er heut abend unten bei den andern Gästen?"
"Ja. Dann aber stand er lange Zeit unter dem Tore."
"Ich suche außer ihm noch einen andern Mann, welcher Manach el Barscha heißt. Kennst du ihn?"
"Warum soll ich ihn nicht kennen? Er hat ja heute bei mir gewohnt!"
"Hat! Er wohnt also nicht mehr hier?"
"Nein, er ist abgereist."
"Allein?"
"Nein, sondern mit zwei Freunden."
"Sie ritten?"
"Ja."
"Was für Pferde?"
"Zwei Schimmel und einen Braunen."
"Wohin sind sie?"
"Sie wollen nach Filibe und dann weiter nach Sofia."
"Kanntest du die beiden Freunde?"
"Nein. Er ging aus und brachte sie mit."
"Hatte er drei Pferde mitgebracht?"
"Nein, sondern nur den Braunen. Die Schimmel hatte er heute gekauft, als es beinahe Abend war."
Jetzt wußte ich genau, daß mein Gehör mich nicht getäuscht hatte. Barud el Amasat war mit Hilfe dieses Manach el Barscha entkommen. Wer aber war der dritte gewesen? Vielleicht ein Schließer des Gefängnisses, welcher den Gefangenen herausgelassen hatte und infolgedessen gezwungen gewesen war, sich ihnen anzuschließen? Ich fragte weiter:
"Der Mann, nach welchem ich dich zuerst fragte, ist ihnen nicht nachgefolgt?"
"Nein."
"Weißt du das genau?"
"Sehr genau; ich stand am Tore, als sie fortritten."
"Führe uns zu seinem Pferde!"
Er führte uns über den vordern Hof und durch einen gewölbten Durchgang nach einem niedrigen Gebäude. Der Geruchssinn sagte mir schon von weitem, daß es ein Stall sei. Er öffnete die Türe desselben. Es war dunkel; aber ein leises Schnaufen sagte mir, daß ein Pferd vorhanden sei.
"Man hat das Licht gelöscht," sagte er.
"Brannte eins?" fragte ich.
"Ja."
"Standen die Pferde dieses Manach el Barscha auch hier?"
"Ja. Ich war nicht dabei, als er sie holte."
"So wollen wir anzünden."
Ich zog ein Zündhölzchen heraus, und bald hatten wir Licht in der alten Laterne, welche an der Mauer hing. Jetzt erkannte ich Halefs Pferd und daneben auf dem Boden einen formlosen Klumpen, welcher in einen Kaftan gewickelt und mit Stricken umwunden war. Ich riß die Stricke auf und entfernte den Kaftan. Es war - - mein kleiner Hadschi Halef Omar. Er sprang auf, ballte beide Fäuste und rief:
"Allah l' Allah! Sihdi, wo sind die Hunde, die mich überfallen haben, die Söhne von Hunden und Enkel von Hundesöhnen, welche mich dann einwickelten und banden?"
"Das mußt du doch wissen!" antwortete ich.
"Ich? Ich soll es wissen? Wie kann ich es wissen, da ich doch gefesselt war, wie der heilige Kuran, welcher in Damask an eisernen Ketten hängt!"
"Warum hast du dich fesseln lassen?"
Er blickte mich ganz erstaunt an.
"Das fragst du mich? Du, der mich hierher beordert hat, damit ich - -"
"Damit du eine Probe deiner Klugheit geben sollst," unterbrach ich ihn. "Sie ist nicht sehr rühmlich für dich ausgefallen!"
"Sihdi, kränke mich nicht! Wenn du dabei gewesen wärest, so würdest du mich entschuldigen!"
"Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Weißt du, daß Manach el Barscha entkommen ist?"
"Ja. Der Scheïtan mag ihn fressen!"
"Und Barud el Amasat mit ihm?"
"Ja. Die Dschehenna mag ihn verschlingen!"
"Und daß du schuld bist an allem?"
"Nein; das weiß ich nicht; das ist nicht wahr!"
"So erzähle!"
"Das werde ich tun! Als ich zu diesem Handschia Doxati kam, der hier steht und den Mund aufsperrt, als ob er der Scheïtan sei, welcher Manach el Barscha verschlingen soll, da hörte ich, daß der letztere drei Pferde besitze, weil er in der Dämmerung zwei Schimmel gekauft habe. Ich beobachtete ihn und sah, daß er das Haus verließ."
"Ahntest du, was er vorhatte?"
"Ja, Sihdi."
"Warum folgtest du ihm nicht?"
"Ich dachte, daß er nach dem Gefängnisse gehen werde. Dort aber stand ja Osco auf der Lauer."
"Hm, das ist allerdings nicht unrichtig!"
"Siehst du, daß du mir recht geben mußt, Sihdi!"
Man hörte es der Stimme des kleinen Mannes an, daß er sich jetzt bedeutend erleichtert fühlte. Er fuhr fort:
"Ich ahnte, daß er den Gefangenen befreien wolle; aber ich wußte auch, daß er seine Pferde brauche. Jedenfalls mußte er nach dem Stalle zurückkommen, und darum versteckte ich mich dort, um ihn zu überraschen."
"Verstecken? Das war nun nicht grad nötig. Du hättest nach einigen Khawassen schicken oder sie selbst herbeiholen sollen. Das wäre das Sicherste gewesen."
"O, Sihdi, das Sicherste ist nicht allemal auch das Schönste, und ich dachte es mir so schön, die Schurken allein zu fangen."
"Das müssen wir jetzt büßen!"
"Allah wird sie uns wieder in die Hand geben! Also ich wartete. Als sie kamen, waren es drei. Sie fragten mich, was ich da wolle; aber kaum hatte mich Barud el Amasat angesehen, so erkannte er mich. Ich war ja beim Verhöre als Zeuge gegen ihn aufgetreten. Es entspann sich eine Prügelei. Ich wehrte mich nach Kräften. Ich zerriß sogar diesem Barud die Kleider; aber die Prügel bekam ich."
"Warum gebrauchtest du deine Waffen nicht?"
"Sihdi, sechs Arme hielten mich umschlungen, und ich habe ja nur zwei. Hätte mir Allah zehn Arme verliehen, so wären mir vier davon für die Waffen übrig geblieben. Ich wurde endlich auf den Boden gerungen; man wickelte mich in meinen Kaftan und umwand mich mit Stricken. Da habe ich gelegen, bis du kamst, mich zu befreien. So ist es geschehen!"
"O weh, Hadschi Halef Omar! O weh!"
"Sihdi, auch ich möchte rufen: Wai, wai! Aber das hilft uns nun doch nichts. Sie sind fort! Befänden wir uns in der Wüste, so wäre es leicht, ihre Spuren zu finden; aber hier in dem großen Edreneh wird das unmöglich sein."
"Ich habe ihre Spur. Ich weiß, wohin sie sind."
"Hamdulillah! Preis sei Allah, welcher dir den Verstand gegeben hat, den - -"
"Den du heute nicht besessen hast!" unterbrach ich ihn.
"Die Spur eines Mannes ist nicht der Mann selbst. Aber leuchte einmal nieder! Was liegt hier?"
Halef bückte sich nieder und hob einen ziemlich großen Fetzen Tuches auf. Er betrachtete ihn und sagte:
"Das ist ein Stück, welches ich Barud el Amasat aus seinem Kaftan gerissen habe. Da hängt noch die Tasche daran."
"Ist etwas darin?"
Er griff hinein und sagte:
"Ein Stück Papier. Hier ist es."
Ich betrachtete es beim Scheine der Laterne und öffnete es. Es war ein winzig kleines, aber mit einem großen Siegel versehenes Briefchen gewesen. Drei kurze Zeilen standen darin. Sie waren in arabischer Schrift geschrieben, und zwar so klein, daß ich sie hier unmöglich lesen konnte. Ich steckte also das Briefchen zu mir und suchte nach anderen Ueberresten des ungleichen Kampfes; es fanden sich keine mehr.
Unbegreiflich war es, daß die drei Männer meinem Halef sein Messer und die beiden Pistolen gelassen hatten, welche in seinem Gürtel steckten. Sein Gewehr hatte ich in einem Winkel seiner Stube lehnen sehen.
"Hatte auch Manach el Barscha ein Zimmer bei dir?" fragte ich den Wirt, welcher ganz verwundert zugesehen und zugehört hatte.
"Ja," antwortete er.
"Er ist oft bei dir eingekehrt?"
"Ja."
"So kennst du ihn genau?"
"Ja. Er heißt so, wie du ihn nennst, und ist Steueraufseher."
"Wo wohnt er?"
"In Uskub. Aber er ist nicht oft zu Hause. Er hat viele Orte gepachtet und muß also viel reisen, um die Steuern zu holen."
"Führe uns auf das Zimmer, welches er bewohnt hat!"
Dies geschah. Ich hatte gehofft, irgend einen Fingerzeig zu entdecken; aber es zeigte sich nicht das Mindeste, was geeignet gewesen wäre, noch einen weiteren Aufschluß zu geben. Der Auftrag, den ich Halef gegeben hatte, war erfüllt, aber leider mit dem unglücklichsten Ausgange; ich schickte den kleinen Hadschi mit seinem Pferde nach Hause. Er trabte höchst niedergeschlagen von dannen und murmelte tausend Verwünschungen in die Haarfäden, welche er Bart nannte. Hulam aber wurde von mir veranlaßt, sich sofort zum Kadi zu begeben. Er hatte bisher kein Wort gesprochen; jetzt aber meinte er:
"Ketir, ketir- das ist zu viel, viel zu viel! Wer hätte das für möglich gehalten! Wären wir nicht in das Bad gegangen, sondern daheim geblieben, so hätte uns Osco zur rechten Zeit getroffen und die Flucht wäre nicht geglückt!"
"Wir müssen denken, daß es so hat sein sollen!"
"Aber was wollen wir da beim Kadi? Kann er es anders machen?"
"Wir müssen ihm das Geschehene anzeigen, und nur mit seiner Hilfe können wir den Beweis holen, daß der Gefangene sich wirklich nicht mehr in Haft befindet."
"Der Kadi wird bereits schlafen!"
"So wecken wir ihn."
"Wird er das dulden?"
"Er muß!"
Der Beamte hatte sich, wie wir erfuhren, allerdings zur Ruhe begeben, und es kostete mich einige Kraftworte, ehe man es wagte, ihn zu wecken. Dann wurden wir vorgelassen. Er empfing uns mit nicht sehr freundlicher Miene und fragte nach unserm Begehr.
"Wir haben Barud el Amasat in deine Hand gegeben," antwortete ich, allerdings auch nicht in übermäßig höflichem Tone. "Hast du dafür gesorgt, daß er gut bewacht wird?"
"Bist du nur gekommen, um mir diese Frage vorzulegen?"
"Ich werde deine Antwort hören!"
"Der Gefangene wird gut bewacht. Ihr könnt gehen."
"Nein, nicht wir können gehen, sondern er ist gegangen!"
"Er? Wer?"
"Der Gefangene."
"Allah akbar! Gott ist groß, er kann dich verstehen; ich aber begreife deine Worte nicht."
"So muß ich deutlicher sein: Barud el Amasat ist entflohen."
Der Kadi sprang von dem Polster auf, auf welchem er bei unserem Eintritte gesessen und vor demselben vielleicht auch geschlafen hatte.
"Was sagst du?" fragte er. "Entflohen ist er?"
"Ja."
"Entsprungen? Aus dem Zindan entsprungen?"
"Ja."
"Woher weißt du es?"
"Wir sind ihm begegnet."
"ïa Allah! Warum habt ihr ihn nicht festgehalten?"
"Wir kannten ihn nicht."
"Woher wißt ihr es dann, daß er es gewesen ist?"