"Wir haben es erst nachher erfahren. Ein Steuerpächter hat ihn befreit, welcher Manach el Barscha heißt."
"Manach el Barscha? O, den kenne ich! Er war früher Pächter der Steuern und wohnte in Uskub; aber jetzt ist er es nicht mehr. Er wohnt in den Bergen."
Er wohnt in den Bergen, das heißt, er hat in die Berge fliehen müssen. Daher fragte ich:
"Hast du ihn heute während des Verhörs nicht gesehen?"
"Nein. Woher kennst du ihn?"
"Ich erfuhr seinen Namen und seinen Aufenthalt hier von einem Kleiderhändler. Er wohnte bei dem Handschia Doxati, hat Pferde gekauft und ist heute abend mit Barud el Amasat und einem dritten aus der Stadt geritten."
"Wer war dieser dritte?"
"Ich weiß es nicht, vermute aber, daß es ein Aufseher, ein Schließer des Gefängnisses ist."
Wir erzählten ihm nun in Kürze, was geschehen war. Da ließ er sich seinen Degen kommen, befahl zehn Khawassen, uns zu begleiten, und machte sich auf den Weg nach dem Gefängnisse.
Der Nazar-Baschi (* Oberaufseher.) war nicht wenig erstaunt, zu so später Stunde solchen Besuch zu erhalten.
"Führe uns zu dem Gefangenen, welcher Barud el Amasat heißt!" befahl der Kadi.
Der Beamte gehorchte, war aber nicht wenig erschrocken, als die Zelle, in welcher Barud gesteckt hatte, leer war. Derjenige Schließer aber, welchem der Gefangene speziell anvertraut war, konnte nicht gefunden werden; er war mit ihm verschwunden.
Der Zorn des Kadi läßt sich gar nicht beschreiben. Dieser würdige Richter erging sich in Ausrufen, für welche die deutsche Sprache keine Worte hat, und ließ schließlich den Oberaufseher selbst einsperren. Ich suchte ihn durch die Mitteilung zu beruhigen, daß wir des andern Tages früh dem Entkommenen nacheilen würden, und er versprach, uns einige Khawassen mit einem Verhaftsbefehle mitzugeben. Dann verließen wir ihn und brannten vor der Gefängnistür die mitgebrachten Laternen wieder an. Ohne eine solche durfte man sich damals, wenigstens im Innern der Stadt, nicht antreffen lassen, wenn man nicht riskieren wollte, zur Polizei transportiert zu werden und dort eine Nacht in sehr "gemischter Gesellschaft" zuzubringen.
Wir waren noch nicht sehr weit gegangen, als wir, um die Ecke eines Hauses biegend, mit einem Manne zusammenstießen, welcher, wie ich damals wirklich glaubte, in großer Eile von der anderen Seite gekommen war. Er rannte an mich an, sprang zurück und rief:
"Atsch gözünü - nimm dich in acht!"
"Das hättest du eher sagen sollen!" antwortete ich.
"Aman, aman - verzeihe, verzeihe! Ich hatte so große Eile, und dabei ist mir meine Laterne verlöscht. Willst du nicht die Güte haben und mir erlauben, sie an der deinigen wieder anzuzünden?"
"Gern! Hier!"
Er nahm das Licht aus seiner Leuchte, welche aus geöltem Papier gefertigt war, und steckte es an dem unsrigen an. Dabei erklärte er, wie zu seiner weiteren Entschuldigung:
"Ich muß schnell einen Hekim (* Arzt.), Berber (** Barbier.) oder Edschzadschy (*** Apotheker.) holen. Es ist uns plötzlich ein Gast krank geworden, welcher fast nur nemtschedsche († Deutsch.) redet, weil er aus Nemtschistan ist."
Das erregte natürlich sofort mein Interesse. Ein Landsmann, hier plötzlich erkrankt und der Sprache des Landes so gut wie unkundig! War es da nicht meine Pflicht, mich wenigstens zu erkundigen? Ich fragte daher:
"Aus welchem deutschen Lande ist er?"
"Aus Bavaristan."
Also ein Bayer! An eine Lüge, eine Täuschung dachte ich nicht im mindesten. Was wußte man hier von Bayern! Der Name dieses Landes konnte, hundert gegen eins gewettet, nur aus dem Munde eines Mannes gehört worden sein, dessen Vaterland es wirklich war. Ich erkundigte mich also weiter:
"Welche Krankheit hat ihn überfallen?"
"Das Sytma sinirün (* Nervenfieber.)."
In diesem Augenblick fiel mir die Unwahrscheinlichkeit, welche in dieser Antwort lag, gar nicht auf. Ich dachte nur daran, daß ein Deutscher hilfsbedürftig am Fieber niederliege.
"Was ist er?" fuhr ich fort.
"Ich weiß es nicht. Er kam zu meinem Herrn, welcher Tütündschi (** Tabak-Fabrikant oder -Händler.) ist, um Tabak zu kaufen."
"Wohnt ihr weit von hier?"
"Nein."
"So führe mich hin!"
"Bist du denn ein Arzt oder ein Apotheker?"
"Nein; aber ich bin ein Deutscher und will sehen, ob ich meinem Landsmanne von Nutzen sein kann."
"Inisch Allah - geb's Gott! Komm, folge mir!"
Mein Begleiter wollte auch mitgehen; ich bat ihn aber, seinen Weg fortzusetzen, da ich ihn ja nicht brauchte. Ich gab ihm die Laterne und folgte dem Fremden.
Wir hatten in Wirklichkeit nicht weit zu gehen. Er hielt bereits nach einigen Minuten vor einer Türe, an welche er klopfte. Es wurde geöffnet, und ich, da ich noch auf der Straße hinter meinem Führer stand, hörte die Frage:
"Hekim buldun my - hast du einen Arzt gefunden?"
"Nein, aber einen Hamscheri (*** Landsmann.) des Kranken."
"Was kann der uns und ihm nützen!"
"Er kann den Terdschiman († Dolmetscher.) machen, da wir den Gast nicht gut verstehen."
"So mag er eintreten!"
Ich trat in einen engen Flur, welcher in einen kleinen Hof mündete. Das Licht der Papierlaterne erlaubte mir kaum, drei Schritte weit zu sehen. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung, daß mir eine Gefahr drohe, und horchte daher ganz erstaunt auf, als ich eine Stimme befehlen hörte:
"Onu tutyn! Gertsche dir- ergreift ihn! Es ist der Richtige!"
In demselben Augenblick erlosch die Laterne, und ich fühlte mich von allen Seiten von Fäusten gepackt. Natürlich dachte ich keinen Moment darüber nach, ob hier eine Verwechslung vorliege oder nicht. Laut um Hilfe rufen, konnte mir keinen Nutzen bringen, denn der kleine Hof war an seinen vier Seiten von Gebäudeteilen umschlossen. Es galt, die Angreifer abzuwerfen und durch den Gang zurück zur Türe und wieder auf die Straße zu gelangen. Ich stieß also, mich breitbeinig feststellend, die Arme so weit aus, als ich es bei dem Widerstand, welchen ich fand, vermochte, und zog sie dann plötzlich und kräftig wieder ein. Das gab einen Ruck, durch den wirklich zwei abgeschüttelt wurden; aber vorn und hinten hielten mich die anderen doch gefaßt, und die beiden hingen sich rasch wieder an mich.
Der Angriff galt wirklich mir, keinem anderen; davon war ich überzeugt. Man hatte mir beim Kadi aufgelauert und mich in diese Falle gelockt. Worte konnten mir keine Hilfe bringen, und so begann jetzt ein lautloses Ringen, bei dem ich meine Kräfte so anzustrengen hatte, daß mir die Brust zu platzen drohte - vergeblich! Es waren ihrer zu viele. Ich wurde niedergerissen, und trotzdem ich nach Möglichkeit auch da mich noch wehrte und mit Händen und Füßen um mich schlug, fühlte ich doch bald, daß ich mich in Stricken verfing, welche man um mich schlug.
Ich war gefangen und gefesselt!
Warum hatte ich nicht um Hilfe geschrieen? Warum hatte ich keinen Laut von mir gegeben? Um wenigstens das Leben zu retten, wenn auch die Freiheit verloren war. Auf das erstere schien man es, wenigstens in diesem Augenblick, nicht abgesehen zu haben, sonst hätte man mich ja sofort durch einen Schuß oder Stich niederstrecken können. Machte ich aber Lärm, so daß man die Entdeckung des Anschlages zu befürchten hatte, so konnte ich leicht den Tod für mich heraufbeschwören.
Auch ein nicht übermäßig kräftiger Mann entfaltet in einer solchen Lage einen ungewöhnlichen Widerstand. Ich hatte keinen Atem mehr, doch meine Angreifer keuchten ebenso wie ich. Ich hatte ein Messer und eine Pistole im Gürtel gehabt; sie waren mir aber gleich im ersten Momente aus demselben gerissen worden. An ein Zuschlagen war ich gar nicht gekommen, da ich von zehn bis vierzehn Armen eingeschnürt gewesen war.
Jetzt fluchten die Kerls in allen Tonarten um mich herum, und dabei war es so finster, hier zwischen den Mauern, daß man die Hand vor den Augen nicht zu erkennen vermochte.
"Hazyr - fertig?" fragte eine Stimme.
"Ewet - ja!"
"Schafft ihn hinein!"
Man faßte mich an und schleppte mich fort. Ich konnte zwar den Körper und die Knie bewegen und hätte noch jetzt einigen Widerstand zu leisten vermocht, doch verzichtete ich darauf, da es mir meine Lage nur zu verschlimmern, nicht aber zu verbessern vermochte.
Ich bemerkte, daß man mich durch zwei finstere Räume in einen dritten schaffte, wo man mich einfach zu Boden warf. Die Träger entfernten sich. Nach einiger Zeit traten zu mir zwei Männer ein. Der eine trug eine Lampe.
"Kennst du mich noch?" fragte der andere.
Er stellte sich so, daß der Schein des Lichtes auf sein Gesicht fiel. Man denke sich mein nicht eben sehr freudiges Erstaunen, als ich in ihm -- Ali Manach Ben Barud el Amasat erkannte, den Sohn des Entflohenen, den Derwisch, mit welchem ich in Konstantinopel im Kloster gesprochen hatte.
Ich antwortete nicht. Er versetzte mir einen Fußtritt und wiederholte:
"Ich frage, ob du mich noch kennst?"
Das Schweigen konnte mir keinen Nutzen bringen. Wollte ich wissen, was man mit mir vorhabe - und das war für mich jetzt ja die Hauptsache - so mußte ich sprechen.
"Ja," antwortete ich.
"Lügner! Du warst kein Nassr!"
"Habe ich mich für einen ausgegeben?"
"Ja!"
"Nein. Ich hatte nur keine Veranlassung, dir deinen Irrtum zu benehmen. Was wollt ihr von mir?"
"Wir werden dich töten!"
"Meinetwegen!" antwortete ich darauf möglichst gleichgültig.
"Tue nicht so, als ob du das Leben nicht liebtest! Du bist ein Giaur, ein Christ, und diese Hunde wissen nicht zu sterben, weil sie keinen Kuran, keinen Propheten und kein Paradies haben!"
Bei diesen Worten versetzte er mir einen zweiten Fußtritt in die Seite. Hätte ich nur eine einzige Hand frei gehabt! Dieser Derwisch hätte noch ganz anders tanzen sollen, als vor kurzem in Stambul!
"Was kann ich dagegen tun, wenn ihr mich töten wollt?" meinte ich. "Ich werde ebenso ruhig sterben, wie ich jetzt so kaltblütig deine Fußtritte ertrage. Ein Christ würde nicht so feig sein, einen Gefesselten zu quälen. Nimm mir die Stricke ab, und dann wollen wir sehen, wessen Prophet größer und wessen Paradies herrlicher ist!"
"Hund! Drohe nicht, sonst lernst du den Mezardschy (* Totengräber.) noch vor dem Morgen kennen!"
"So laß mich in Ruhe, und packe dich!"
"Nein; ich habe mit dir zu sprechen. Willst du vielleicht die Güte haben, einen Tschibuk dabei zu rauchen?"
Das war eine prächtige Ironie von diesem Knaben, über welche ich mich hätte ärgern können, wenn ich mich nicht über sie gefreut hätte.
"Daß du ein guter Choradschi (** Tänzer.) bist, habe ich gesehen; daß du aber ein noch viel besserer Schakadschi (*** Spaßvogel.) sein kannst, das habe ich nicht geglaubt, da den »Tanzenden« doch das Anlama († Der Verstand.) zum Witze zu fehlen pflegt. Wenn du wirklich mit mir zu sprechen hast, so bedenke, mit wem du redest. Ich sage dir, daß du nur dann meine Stimme hören wirst, wenn du die Achtung vor meinem Barte zeigst, welche dir der Prophet gebietet!"
Das war mit Absicht eine Beleidigung. Unter dem Worte Chora, der Tanz, versteht der Türke jene sinnlichen Bewegungen, welche nur Frauenzimmern gestattet sind, deren sich aber jeder Mann streng enthält. Der Tanz der Derwische ist ein anderer, er gilt für heilig. Es gab keine größere Beleidigung für ihn, als daß ich ihn einen Choradschi nannte und noch dazu den Angehörigen seines Ordens den Verstand absprach. Ich machte mich infolgedessen auf erneute Fußtritte gefaßt und war daher im stillen erstaunt, daß er mir zwar einen vor Zorn flammenden Blick zuwarf, dann aber sich ruhig auf den Boden niedersetzte. Der andere blieb stehen.
"Wärest du ein Moslim, so würde ich dich zu züchtigen wissen," sagte der Derwisch; "ein Christ aber kann einen wahren Gläubigen niemals beleidigen. Wie sollte eine Kröte die Sonne beschmutzen können! Ich will einiges von dir wissen. Ich werde dich fragen, und du wirst antworten!"
"Ich bin bereit zur Antwort, wenn deine Fragen so höflich sind, wie ich es zu fordern habe!"
"Du bist derselbe fränkische Arzt, welcher in Damaskus die Absicht des Usta zuschanden machte?"
"Ja."
"Du hast den Usta dann später in Stambul getroffen?"
"Ja."
"Du hast auf ihn geschossen, als er in das Wasser sprang?"
"Nicht ich, sondern mein Diener."
"Hast du den Usta später wieder gesehen?"
"Ja."
"Wo?"
"Vor dem Turme von Galata, wo er als Leiche lag."
"So ist es also doch wahr, was mir hier dieser Mann sagt!"
Er deutete dabei auf den Menschen, welcher die Lampe hielt.
"Du hast nicht gewußt, daß der Usta tot ist?" fragte ich.
"Nein. Er war verschwunden. Man fand Kolettis tot und neben ihm eine Leiche, die niemand kannte."
"Es war der Usta!"
"Ihr habt ihn vom Turme gestürzt?"
"Wer hat dir das gesagt?"
"Dieser Mann hier. Ich kam nach Edreneh, ohne irgend etwas zu wissen. Ich war zu meinem Vater gerufen. Ich suchte ihn bei Hulam, ohne zu sagen, wer ich sei, und hörte da, daß er sich in Gefangenschaft befinde. Er ist gerettet worden ohne mein Zutun. Dieser Mann hier ist sein Diener und hat mit ihm bei Hulam gewohnt. Dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar hat ihm alles erzählt, und so erfuhr ich es wieder. Ich suchte meinen Vater beim Handschia Doxati. Er war bereits fort, aber ihr befandet euch im Stalle. Wir beobachteten euch. Ich hatte erfahren, daß du ein Nemtsche bist, und darum mußte einer von uns an der Ecke auf euch warten und dir dann sagen, daß ein Nemtsche krank geworden sei. Jetzt nun bist du in unserer Gewalt. Was glaubst du wohl, was wir mit dir tun werden?"
Diese Erklärung gab eigentlich viel Stoff zum Nachdenken; ich nahm mir jedoch keine Zeit dazu und antwortete rasch:
"Um mein Leben habe ich keine Sorge. Töten werdet ihr mich nicht."
"Warum sollten wir das nicht tun? Du bist in unserer Gewalt!"
"Dann würde euch das Lösegeld entgehen, welches ich bezahlen kann."
Seine Augen blitzten auf. Ich hatte das Richtige getroffen. War das Geld bezahlt, so konnten sie mich ja noch auf die Seite schaffen. Er fragte:
"Wie viel willst du geben?"
"Wie hoch schätzest du meinen Wert?"
"Dein Wert ist nicht größer als der Preis eines Agreb (* Skorpion.) oder Jylon (** Schlange.). Beide sind giftig, und man tötet sie, sobald man sie erwischt. Dein Leben ist nicht den zehnten Teil eines Para wert. Aber das, was du uns getan hast, erfordert eine große Strafe, und darum sollst du ein Lösegeld zahlen müssen!"