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作者:德- Karl May 当前章节:15487 字 更新时间:2026-6-23 07:58

Ah, da sagte er es ja ganz deutlich: die Zahlung des Lösegeldes sei nur zur Strafe, und dann sei mein Leben doch noch keinen Pfennig wert! Aber ich konnte wenigstens Zeit gewinnen und meinte daher in ernstem Tone:

"Du vergleichst mich mit dem giftigsten Gewürme! Ist das die Höflichkeit, welche ich zur Bedingung gemacht habe? Tötet mich; ich habe nichts dagegen! Ich zahle keinen einzigen Piaster, wenn du nicht in anderer Weise mit mir sprichst!"

"Du sollst deinen Willen haben; aber je mehr Höflichkeit du forderst, desto größer wird die Summe sein, welche wir verlangen."

"Nenne sie!"

"Bist du reich?"

"Ich tausche nicht mit dir!"

"So warte!"

Er erhob und entfernte sich. Der andere blieb zurück, beobachtete aber das tiefste Schweigen. Ich hörte Stimmen in dem vordersten Raume, konnte aber kein Wort unterscheiden, doch merkte ich, daß man verschiedener Meinung war. Es verging wohl über eine halbe Stunde, ehe er zurückkehrte. Er setzte sich nicht nieder, sondern fragte im Stehen:

"Zahlst du fünfzigtausend Piaster?"

"Das ist viel, sehr viel!"

Ich mußte mich doch ein wenig sträuben. Er machte eine Gebärde der Ungeduld und sagte:

"Keinen Para weniger! Willst du? Antworte sogleich, denn wir haben keine Zeit!"

"Gut, ich zahle sie!"

"Wo hast du das Geld?"

"Natürlich nicht bei mir. Ihr habt mir ja alles genommen, was ich in den Taschen trug. Auch nicht hier in Edreneh."

"Wie willst du uns da bezahlen?"

"Ich gebe euch eine Anweisung auf Konstantinopel."

"An wen?"

"An den Eltschi von Farsistan."

"An den Gesandten von Persien?" fragte er erstaunt. "Ihm soll der Brief vorgezeigt werden?"

"Ja."

"Wird er bezahlen?"

"Glaubst du, daß der Vertreter des Schah-in-Schah kein Geld habe?"

"Er hat sogar sehr viel Geld; aber wird er bereit sein, es für dich auszugeben?"

"Er weiß sehr genau, daß er alles, was er für mich bezahlt, wiederbekommen wird."

Ich machte keine Lüge, denn ich war fest überzeugt, daß der Perser den Ueberbringer meiner Anweisung ebenso wie mich selbst für wahnsinnig halten werde. Der Sohn der Zoroasterlehre hatte gar keine Ahnung von der irdischen Existenz eines deutschen Federfüchserleins meines Namens.

"Wenn du dessen sicher bist, so schreibe die Anweisung!"

"Worauf? Wohin? Etwa auf diese Wand?"

"Wir werden dir bringen, was du brauchst, und dir auch die Hände frei geben."

Diese Zusicherung elektrisierte mich. Die Hände frei! Da gab es vielleicht Gelegenheit, mir meine Befreiung zu erzwingen. Ich konnte den Derwisch fassen und ihm mit Erwürgung drohen. Ich konnte ihn so lange bei der Gurgel halten, bis er mich freigab.

Aber diese mehr als romantische, diese überspannte Idee gelangte nicht einmal zu einem Versuche der Ausführung. Der Derwisch, welcher übrigens heute nicht die Kleidung seines Ordens trug, war vorsichtig. Er traute mir nicht und kam mit vier Kerls zurück, welche sich, mit den Waffen in den Händen, zur Rechten und zur Linken von mir niederließen. Ihre Gesichter glänzten dabei gar nicht etwa in vertraulicher Holdseligkeit. Die geringste verdächtige Bewegung wäre mein Verderben gewesen.

Ich erhielt ein Blatt Pergament nebst Papier zum Umschlage und schrieb, das Knie als Unterlage benutzend, nachdem man mir den Strick von den Händen gelöst hatte:

"Meinem Bruder Abbas Jesub Haman Mirza, dem Strahle der Sonne Farsistans, welcher jetzt leuchtet in Stambul.

Gib für mich, dem unwürdigen Abglanz deiner Freundlichkeit, dem Ueberbringer dieses Mektub (* Brief.) sogleich fünfzigtausend Piaster. Mein Sandykdschi (** Kassierer.) wird sie dir zurückzahlen, so- bald du es von ihm verlangst! Frage den Boten nicht, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht! Ich bin der Schatten deines Lichtes.

Hadschi Kara Ben Nemsi."

Diesen Namen unterschrieb ich, da ich annehmen konnte, daß er dem Derwisch von dem Diener seines Vaters als der meinige genannt worden sei. Nachdem ich den Umschlag adressiert hatte, reichte ich Ali Manach beides hin. Er las es laut vor, und es war mir ein nicht ganz unangenehmes Gefühl, die Genugtuung in den Gesichtern der ehrenwerten Gesellschaft zu lesen. Im stillen dachte ich dabei an das Gesicht, welches der Gesandte, der übrigens jedenfalls ganz anders hieß, denn seinen Namen kannte ich nicht, bei der Lektüre des Briefes machen werde. Wehe dem Ueberbringer!

Der Derwisch nickte mir befriedigt zu und sagte:

"Das ist gut! Und du hast klug getan, ihm zu schreiben, daß er nicht fragen solle. Er würde doch nichts erfahren haben. Jetzt bindet ihm die Hände wieder. Der Kiradschi wartet bereits!"

Ich mußte mir die Erneuerung der unangenehmen »Bandage« gefallen lassen; dann gingen sie und ließen mich in der Finsternis allein zurück.

Zunächst begann ich, die Festigkeit meiner Fesseln zu probieren. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht gelingen werde, mich von ihnen zu befreien. Ich begann also, anstatt mit den Händen, mit dem Geiste zu arbeiten.

Wie kam der Derwisch nach Adrianopel? Jedenfalls nicht, um uns zu verfolgen, denn er hatte gar nichts von uns gewußt. Er hatte einen Boten seines Vaters erhalten. Dieser also hatte ihn herbeigerufen. Wozu? War seine Anwesenheit zu dem Streiche, welcher beabsichtigt worden war, notwendig gewesen? Oder handelte es sich um ein neues Unternehmen, von dem ich gar nichts ahnte und wußte?

Wo befand ich mich überhaupt? Wer waren diese Menschen? Gehörten sie zu der weit verbreiteten Bande des Usta? Oder standen sie in anderer Beziehung zu dem entkommenen Barud el Amasat und dessen Befreier? Ich hatte Lust, das letztere anzunehmen. Die vier Kerls, die neben mir gesessen hatten, waren im Besitze von ausgesprochen skipetarischen Physiognomien gewesen. Ich hielt sie für Arnauten.

Und sodann hatte der Derwisch gesagt, daß der Kiradschi bereits warte. Die Kiradschia sind Fuhrleute, die Gelegenheitsfuhren über die ganze Balkanhalbinsel unternehmen, ungefähr in derselben Weise, wie früher die »Harzer« Landfuhrleute mit ihren schweren Lastwagen und messingbehangenen Pferden die verschiedensten Kaufmannsgüter durch Deutschland und die angrenzenden Gebiete schleppten. Der Kiradschi ist der Spediteur des Balkans; er ist überall und nirgends; er kennt alles und alle; er weiß auf jede Frage Antwort. Wo er anhält, da ist er willkommen, denn er weiß zu erzählen, und in den wilden, zerrissenen Schluchten des Balkans gibt es Gegenden, in welche während des ganzen Jahres keine Kunde von außen dringen würde, wenn nicht einmal der Kiradschi käme, um nachzufragen, ob der einsame Hirt Käse genug für eine Wagenladung angesammelt habe.

Die Fuhrleute bekommen Güter von hohem Werte anvertraut, ohne daß man von ihnen irgend eine Kaution verlangt. Die einzige Garantie besteht in ihrer Ehrlichkeit. Sie kommen nach Monaten, ja oft nach Jahren erst zurück; aber sie kommen und bringen das Geld. Ist der Vater unterdes gestorben, so bringt es der Sohn oder der Schwiegersohn; aber gebracht wird es.

Diese Ehrlichkeit der Kiradschia ist seit alter Zeit ein bewährtes Sprichwort; leider aber scheint es jetzt anders werden zu wollen. Zwischen die altbekannten Fuhrmannsfamilien haben sich Neulinge eingedrängt, welche sich das gewohnte Vertrauen zunutze machen und da ernten, wo ehrliche Leute säeten. Sie bringen den Kiradschi, dessen Namen auch sie natürlich angenommen haben, um seinen sauer erworbenen guten Ruf.

Ein solcher Fuhrmann wartete also bereits! Doch nicht vielleicht gar auf mich? Sollte ich transportiert werden? Hier inmitten der Stadt durfte ich Hoffnung auf Befreiung haben. War ich bis am nächsten Morgen nicht bei Hulam, so wurde von seiten meiner Freunde und besonders meines kleinen Hadschi sicherlich nichts unterlassen, um mich ausfindig zu machen.

Wenn ich an diese dachte und an die sechs Khawassen, welche mit dem Tutemr bei Tagesanbruch vor dem Tore halten sollten, so hätte ich vor Grimm die Fesseln zerreißen mögen; leider aber waren sie zu fest!

Ich hatte Halef wegen seiner Unvorsichtigkeit ausgezankt; jetzt war ich selbst viel dümmer gewesen; ich war in eine außerordentlich plumpe Falle gerannt. Daß meine Gutherzigkeit daran die Schuld trug, konnte mir weder zur Entschuldigung noch zum Troste gereichen. Es galt jetzt, Geduld zu haben, das Kommende kaltblütig abzuwarten und jede Gelegenheit des Entkommens energisch beim Schopfe zu ergreifen.

Da, jetzt kamen die vier Menschen wieder. Ohne ein Wort zu sagen, banden sie mir ein dick zusammengelegtes Tuch um den Mund; man wickelte mich in einen alten Teppich und schleppte mich fort. Wohin, das konnte ich natürlich nicht sehen.

Der Atem wollte mir vergehen. Das Tuch stank nach Knoblauch und nach allen möglichen Hexenkesselingredienzien. Ich schnappte nach Luft und fand doch keine. So muß es einem lebendig Begrabenen zu Mute sein, wenn er die ersten Schaufeln Erde auf den Sarg fallen hört. Diese Menschen schienen gar nicht an die Möglichkeit gedacht zu haben, daß ich unter dem Tuche und unter dem fauligen Teppich vielleicht gar ersticken könne!

Die Bewegung, welche ich bisher gespürt hatte, hörte auf. Ich fühlte festen Halt unter mir. Man hatte mich irgend wohin gelegt; aber wohin, das wußte ich nicht. Dann war es mir, als ob ich das Knarren von Rädern vernähme; ich wurde auf und ab, herüber und hinüber geschüttelt. Ja, ich lag in einem Wagen; man schaffte mich aus Adrianopel fort!

Die einzelnen Glieder konnte ich nicht bewegen; aber die Beine anzuziehen und auszustrecken, das vermochte ich. Ich tat dies und wiederholte es so oft, bis der Teppich sich ein wenig gelockert hatte. Nun spürte ich durch die Nase doch wenigstens eine Ahnung besserer Luft; der fürchterliche Alp wich von der Brust, und ich fragte mich, ob meine Lage denn gar so hilf- und hoffnungslos sei, daß es nichts als Ergebung gebe.

So sehr und angestrengt ich lauschte, ich hörte niemand sprechen. Ich konnte also nicht erfahren, ob ich der Obhut eines oder mehrerer Menschen übergeben sei. Ich rollte mich nach rechts und dann nach links. Der Spielraum war nicht groß, der Wagen also sehr schmal, und übrigens stieß ich hüben und drüben so weich an, daß ich vermutete, man habe mich mit Stroh oder Heu bedeckt.

An der Bewegung bemerkte ich, daß ich mit dem Kopfe nach hinten liege. Könnte es mir doch gelingen, da hinten vom Wagen zu stürzen! Es war Nacht und Dunkel. Ich hätte mich weit, weit fortwälzen können, um nicht gefunden zu werden, und dann wäre ich gerettet gewesen.

Ich machte die Beine krumm, stemmte die Absätze ein und schob mich nach hinten. Da fand ich aber festen Widerstand gegen den alle Anstrengung nutzlos war. Ich mußte auf diese Hoffnung verzichten.

Nun verging eine Zeit, welche mir aus mehreren Ewigkeiten zusammengesetzt zu sein schien. Da endlich, endlich merkte ich, daß menschliche Hände sich mit dem Teppich zu beschäftigen schienen. Ich wurde um und um gerollt, bis das Paket aufgewickelt war. Ich lag in tiefem Stroh, sah, daß der Tag angebrochen war, und über mir erschien das Gesicht des Dieners Barud el Amasats.

"Wenn du mir versprichst, zu schweigen, so nehme ich dir das Tuch vom Munde," sagte er.

Ich nickte natürlich schleunigst und mit großem Eifer. Er band mir den Knebel herab, und nun strömte - Gott sei Dank! - die reine, frische Luft in meine Lungen ein. Es war mir, als ob ich aus der Hölle in den Himmel gekommen sei.

"Hast du Hunger?" fragte er mich.

"Nein."

"Durst?"

"Auch nicht."

"Du wirst Speise und Trank bekommen, und wir werden dich nicht quälen, solange du dich schweigsam verhältst und keinen Versuch machst, die Stricke zu lösen. Bist du aber ungehorsam, so habe ich den Befehl, dich zu töten."

Das Gesicht verschwand über mir. Ich hatte freiere Bewegung, da der Teppich mich nicht mehr umhüllte, und konnte mich in sitzende Stellung bringen. Ich befand mich im hinteren Teile eines schmalen, ewig langen Wagens, welcher mit einer Plane oder Plahe versehen war; hart vor mir hockte der Diener als mein Wächter, und vorn saßen zwei nebeneinander. Den einen von ihnen mußte ich auch gesehen haben; er gehörte zu jenen, in deren Hände ich geraten war. Der andere aber war auf alle Fälle der Fuhrmann, der Kiradschi, von welchem der Derwisch gesprochen hatte. Ich sah von ihm nichts als den Pelz, welchen der Kiradschi auch im Sommer trägt, einen ungeheuer gekrempten Hut und die Peitsche; aber der Mann, welcher unter diesem monströsen Hute und in diesem schmierigen Pelze steckte, war mir jetzt von unsagbarer Wichtigkeit.

Ich konnte mir nicht denken, daß ein Kiradschi der alten, ehrlichen »Schule« ein Verbündeter von Verbrechern sein könne, und doch konnte ich mich auch nicht zu der Annahme entschließen, daß der vorsündflutliche Pelz einen Fuhrmann neuerer Schule beherbergen könne. Man mußte das abwarten. Ich lehnte mich also an die Hinterwand zurück und behielt den Mann im Auge.

Da endlich, nach langer Zeit, drehte er sich einmal um. Sein Blick fiel auf mich. Die großen, blauen Augen blieben einige Augenblicke starr auf mein Gesicht gerichtet, dann wendete er den Kopf wieder ab. Vorher aber hatte er Zeit gefunden, die Brauen hoch empor zu ziehen und das linke Auge zuzukneifen.

Ich verstand diese Pantomime sofort. Die Bewegung der Brauen deutete mir an, daß ich aufmerksam sein solle, und der Wink des Auges wies mich auf die linke Seite des Wagens hin. Gab es dort irgend etwas für mich Vorteilhaftes?

Ich musterte die innere Seite des Wagens, konnte aber nur eine Schnur entdecken, welche an dem oberen Teile der Wagenleiter befestigt war und, von da herniedergehend, sich unter dem Heu verlief. Sie war straff angespannt, es schien also etwas daran zu hängen. War es diese Schnur, auf welche mich der Mann aufmerksam machen wollte?

Ich tat so, als ob mir meine gegenwärtige Lage unbequem wäre, und rutschte weiter vor. Ich lehnte mich so an die linke Seite an, daß ich mit den Händen, trotzdem dieselben gebunden waren, die betreffende Stelle untersuchen konnte. Ich mußte mir Mühe geben, einen Laut der Freude zu unterdrücken, denn an der Schnur hing - - ein Messer. Der brave Kiradschi hatte es für mich bestimmt und war glücklicherweise so klug gewesen, es nicht fest anzuknoten, sondern es nur mittels einer Schlinge, welche ich leicht aufziehen konnte, zu befestigen.

Im nächsten Augenblick war es von der Schnur gelöst und steckte im Schafte meines Stiefels, so daß die Klinge, mit der Schneide nach auswärts gerichtet, aus demselben hervorragte. Ich bog die Knie und zog sie so weit an den Leib, daß ich mit den Händen die Klinge erreichen konnte. Sie war sehr scharf; ein vier- oder fünfmaliges Hin- und Hersägen genügte, die Fessel zu zerschneiden, und die Befreiung meiner Füße war nun eine Leichtigkeit.

Ich atmete tief auf. Jetzt war ich kein Gefangener mehr und hatte in dem Messer eine Waffe, auf welche ich mich verlassen konnte. Alle diese Bewegungen waren unter dem Heu vor sich gegangen. Niemand konnte sehen, daß ich frei war.

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