Ich wagte es, den einen Arm zu erheben und die untere Kante der Plahe ein wenig zu lüften, um hinausblicken zu können. Da draußen ritt - - Ali Manach Ben Barud el Amasat, der Derwisch. Es war anzunehmen, daß auf der andern Seite sich noch ein zweiter Wächter befand.
Mein Plan war schnell gemacht. Die Begleiter des Wagens waren mit Schießwaffen versehen; ich mußte also vorerst jeden Kampf vermeiden und mich mehr auf die List als auf Körperkraft verlassen. Ich rückte also wieder ganz nach hinten und hielt die Hände immer unter dem Heu. Unter dessen Schutz begann ich, den unteren Teil der alten, morschen Korbwand auszuschneiden, und hatte nach Verlauf einer Viertelstunde eine Oeffnung fertig, welche groß genug war, um hinten aus dem Wagen zu schlüpfen.
Das alles aber war nicht so leicht gewesen, als man glauben sollte, denn der alte Teppich genierte mich ungeheuer, und der Wächter warf zuweilen einen forschenden Blick auf mich. Zum Glück war das Geräusch, welches mein Messer in dem Korb hervorbrachte, bei dem Stampfen der Hufe, dem Gekreische der Räder und dem Gerumpel des Wagens nicht zu hören gewesen.
Ich wartete, bis abermals einer jener Blicke auf mich gefallen war, wühlte mich unter das Heu und kroch - mit den Beinen voran - zu der Oeffnung hinaus. Ich berührte mit den Füßen den Boden und zog den Kopf in das Freie nach.
Jetzt erst war ich meiner Freiheit völlig sicher, und es galt, zu einem Pferde zu kommen.
Wir befanden uns in einer ebenen Gegend und auf einem, wie es schien, wenig befahrenen Wege; auf beiden Seiten war Wald. Links ritt der Derwisch und rechts ein zweiter, ganz so, wie ich vermutet hatte. Das Pferd des ersteren war nicht groß, schien mir aber besser als dasjenige des andern zu sein. Es hatte ein wolliges Fell, eine prächtige Mähne und einen Schweif, welcher fast die Erde berührte. Sein Gang war kräftig und doch elastisch leicht. Ah, wenn es zwei Personen tragen könnte!
Dieser Gedanke elektrisierte mich. Erst ich der Gefangene des Derwisches, und dann er der meinige!
Ich nahm das Messer zwischen die Zähne. Der Reiter hatte keine Ahnung von dem Vorgang hinter ihm. Er trabte wohlgemut neben dem Wagen her und konnte also von den andern nicht gesehen werden. Er hatte nur die Spitzen seiner Füße in den Bügelschuhen. Zwar war sein Sitz ein fester, da das Pferd türkisch gesattelt war; aber ein Hieb in das Genick mußte seinen Oberkörper nach vorn stoßen, so daß er voraussichtlich bügellos wurde. Dann mußte er seitwärts aus dem Sattel gebracht werden. Für mich war dabei die Hauptsache, mich fest auf dem Pferde zu halten, um nicht abgeworfen zu werden.
Einige rasche Schritte brachten mich hinter den Gaul. Ich holte aus und kniete im nächsten Augenblick auf der Kruppe hinter dem Reiter. Das Pferd war über diesen plötzlichen Ueberfall einige Sekunden ganz verdutzt. Es blieb stehen. Das genügte. Ein Fauststoß in das Genick brachte die Füße des Reiters aus den Bügelschuhen. Ich packte ihn bei der Gurgel, erhob mich aus der knieenden Stellung, riß ihn dadurch aus dem Sattel und ließ mich in denselben fallen, ohne ihn los zu lassen. Das geschah grad noch zur richtigen Sekunde, denn jetzt stieg das Pferd vorn empor. Ich fand noch Zeit, mit der freien Hand die Zügel zu erfassen, drückte das Tier herum und ritt langsam und so leise als möglich davon - natürlich den Weg zurück, welchen wir gekommen waren.
Dieser machte sehr bald eine Biegung. Vor derselben blickte ich mich um. Der Wagen war ruhig weiter gerollt: man hatte also noch gar nichts bemerkt. Das war nur dadurch möglich, daß die durchweg hölzernen Räder auf den ebenso hölzernen Achsen ein wahrhaft höllisches Gekreisch hervorbrachten; daß ferner der Wagen zwischen mir und dem zweiten Reiter gewesen war, und daß es endlich demselben auch nicht ein einziges Mal eingefallen war, sich umzusehen.
Ich wäre gar zu gern Zeuge der Verblüffung gewesen, welche sich dieser Leute bemächtigen mußte, wenn sie merkten, daß ihr Anführer und ihr Gefangener zugleich verschwunden seien. Es wäre mir auch gar nicht schwer gefallen, mich zu verstecken und - ohne Gefahr für mich selbst - diesen Augenblick abzuwarten; aber ich wollte das Glück denn doch nicht in Versuchung führen und dachte auch an die Freunde, welche jedenfalls in nicht gewöhnlicher Sorge um mich waren.
Darum nahm ich den Derwisch quer über meine Beine herüber und spornte das Pferd zu einem gestreckten Galopp an.
Ali Manach war von meinem Angriff so überrascht worden, daß er sogar vergessen hatte, einen Schrei auszustoßen. Dann hatte ich ihm die Gurgel so zusammengedrückt, daß es ihm gar nicht möglich gewesen war, einen lauten Ruf hervorzubringen. Ein gurgelndes Röcheln war alles gewesen, was er hatte hören lassen. Jetzt aber lag er vor mir, still und bewegungslos, und ich glaubte, ihn erdrosselt zu haben.
Das Pferd galoppierte so weich, eben und ausdauernd, daß ich nicht zu befürchten brauchte, eingeholt zu werden. Uebrigens hatte ich jetzt nicht mehr Veranlassung, einen Kampf zu scheuen, denn ich war nun auch mit Schießwaffen versehen. Ali Manach hatte nämlich zwei geladene Pistolen im Gürtel stecken, welche ich natürlich mir aneignete.
Während des Reitens untersuchte ich seine Taschen. Da fand ich denn meine Uhr und meinen Geldbeutel, und das Gewicht desselben überzeugte mich, daß sich mehr in demselben befand, als ich gestern abend darin gehabt hatte. An der Seite des Pferdes hing ein Leinwandsack als Satteltasche. Ich langte mit der einen Hand hinein und fühlte Munition und Lebensmittel. Man hatte es also wohl auf eine längere Reise abgesehen gehabt.
Der Wald ging zu Ende, und ich sah eine offene Ebene vor mir, auf welcher es große Maisfelder und Rosengärten gab. Als ich mich nach einiger Zeit umblickte, gewahrte ich einen Reiter, welcher mir im Galopp nachgesprengt kam. Jedenfalls war es derjenige, welcher zur rechten Seite des Wagens geritten war. Man hatte also jetzt die Flucht bemerkt, und er war zurückgekehrt, um sich zu informieren.
Mein Pferd war, obgleich es zwei zu tragen hatte, ebenso schnell wie das seinige. Ich hatte nichts zu fürchten. Und als ich nach einiger Zeit eine belebte Straße gewahrte, in welche mein Weg mündete, fühlte ich mich völlig sicher. Ich sah auch wirklich bald, daß der Mann sein Pferd zu zügeln begann, und nach kurzer Zeit war er meinen Augen entschwunden.
Jetzt hielt ich an und stieg ab, sowohl um das Pferd ausruhen zu lassen, als auch um des Derwisches willen. Ich legte ihn auf die Erde und untersuchte ihn. Das Herz schlug ganz regelrecht, und ebenso atmete er normal.
"Ali Manach, verstelle dich nicht!" sagte ich. "Ich weiß, daß du vollständig bei Sinnen bist. Oeffne die Augen!"
Er war erst allerdings besinnungslos gewesen, hatte sich dann später aber ohnmächtig gestellt, wohl um meinen Fragen auszuweichen und sich sein Verhalten zu überlegen; vielleicht auch, um eine Gelegenheit zur Flucht zu ergreifen. Er machte trotz meiner Worte die Augen nicht auf.
"Gut!" sagte ich. "Bist du wirklich tot, so will ich mich wenigstens davon überzeugen. Ich werde dir also dieses Messer in das Herz stoßen!"
Ich zog das Messer. Kaum aber fühlte er die Spitze desselben auf seiner Brust, so riß er vor Entsetzen die Augen so weit wie möglich auf und rief:
"Ah Waï! Halt! Willst du mich wirklich erstechen!"
"Einen Lebenden tötet man nicht gern. Einem Toten aber kann ein Messerstich ja nichts mehr schaden. Willst du diese Klinge von dir fern halten, so laß mich ja nicht wieder vermuten, daß du gestorben seist!"
Er hatte lang ausgestreckt am Boden gelegen; jetzt richtete er sich zum Sitzen auf. Ich sprach:
"Sage einmal, Ali Manach, wohin du mich bringen wolltest!"
"In Sicherheit," antwortete er.
"Das ist sehr zweideutig gesprochen. Wer sollte sicher sein? Ich vor euch oder ihr vor mir?"
"Beides."
"Das mußt du mir erklären, damit ich es begreifen kann."
"Es sollte dir nichts geschehen, Effendi. Wir wollten dich nach einem Orte bringen, von wo du nicht hättest entfliehen können. Mein Vater sollte Zeit gewinnen, um zu entkommen. Dann hätten wir dich gegen das Lösegeld wieder freigelassen."
"Das ist sehr liebenswürdig von euch. Welches ist der Ort, nach dem ich gebracht werden sollte?"
"Es ist ein Karaul in den Bergen."
"Ah, ein Wachtturm! Ihr habt also geglaubt, daß dein Vater sicherer entkommen werde, wenn ich mich in eurer Gewalt befinde?"
"Ja, Effendi."
"Warum?"
"Weil du vielleicht entdeckt hättest, wohin er sich gewendet hat."
"Wie könnte ich das entdecken! Ich bin nicht allwissend."
"Dein Hadschi hat erzählt, daß du alle Spuren aufzufinden verstehest."
"Hm! Wie soll ich in Edreneh die Spur deines Vaters finden?"
"Ich weiß es nicht."
"Nun, Ali Manach, ich will dir sagen, daß ich diese Spur bereits habe. Dein Vater ist mit dem Gefängniswärter und mit Manach el Barscha längs der Arda nach Westen geritten. Sie hatten zwei Schimmel und ein dunkles Pferd."
Ich sah, wie sehr er erschrak.
"Du irrst! Du irrst sehr!" beeilte er sich zu sagen.
"Ich irre nicht. Ich werde hoffentlich bald noch mehr erfahren. Wo ist der Zettel, welchen ihr mir abgenommen habt?"
"Welcher Zettel?"
"Du selbst hast ihn mir aus der Tasche meiner Weste genommen. Ich hoffe, daß er noch vorhanden ist."
"Ich habe ihn weggeworfen. Es stand ja nichts Wichtiges darauf."
"Mir scheint im Gegenteile, daß er sehr wichtiges enthalten habe. Ich werde einmal suchen. Zeige deine Taschen her!"
Er erhob sich, damit ich, wie er sich den Anschein gab, seine Taschen bequemer untersuchen könne; kaum jedoch streckte ich die Hand nach ihm aus, so trat er zurück und sprang auf das Pferd zu. Ich hatte so etwas vorausgesehen. Er hatte den Fuß noch nicht im Bügel, so erfaßte ich ihn und warf ihn zu Boden.
"Bleibe liegen, sonst jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!" drohte ich. "Deine Geschicklichkeit mag hinreichend sein für das Kloster der Tanzenden in Stambul; aber mir zu entwischen, reicht sie nicht aus!"
Ich durchsuchte seine Taschen, ohne daß er mir Widerstand leistete; aber ich fand nichts. Auch in der Satteltasche suchte ich vergeblich. Da fiel mir mein Geldbeutel ein. Ich zog ihn hervor. Er enthielt eine Anzahl von Goldstücken, welche ich nicht besessen hatte, und richtig, da steckte auch der Zettel mit den drei Zeilen, welche im Nestaalik geschrieben waren, in jener nach links halb schiefen Schrift, welche zwischen der flüchtigen arabischen Kurrentschrift (Neskhi) und dem sehr schiefen Taalik mitten inne liegt.
Jetzt war ich befriedigt. Ich hatte keine Zeit, den Zettel zu entziffern; ich steckte ihn wieder ein und sagte:
"Ich hoffe, daß diese Zeilen denn doch etwas Wichtiges enthalten werden. Du weißt natürlich, wohin dein Vater sich gewendet hat?"
"Ich weiß es nicht, Effendi."
"Das darfst du mich nicht glauben machen wollen!"
"Er war bereits fort, als ich gestern in Edreneh ankam!"
"Aber du hast doch erfahren, wohin er geht. Jedenfalls reitet er nach Iskenderiëh, wo Hamd el Amasat, sein Bruder, der dein Oheim ist, auf ihn wartet."
Bei diesen Worten tat ich nicht, als ob ich ihn scharf beobachtete. Es glitt etwas wie Befriedigung über sein Gesicht. Nach Iskenderiëh war sein Vater also nicht.
"Es ist möglich," antwortete er; "aber ich weiß es nicht. Nun jedoch sage mir, Effendi, was du mit mir beabsichtigst!"
"Was denkst du wohl?"
"Du wirst mich fortreiten lassen."
"Ah! Nicht übel! Also nicht gehen, sondern reiten willst du!"
"Das Pferd ist ja mein Eigentum!"
"Und du bist mein Eigentum, folglich gehört auch das Pferd mir. Ich werde mich sehr hüten, dich laufen zu lassen!"
"Aber du bist ja frei, und ich habe dir nichts zu leid getan!"
"Das nennst du nichts? Du wirst mich nach Edreneh begleiten, und zwar nach dem Hause, in welches ihr mich gestern abend gelockt habt. Ich bin doch neugierig, zu erfahren, wer da wohnt. Natürlich geht der Kadi mit."
"Effendi, das wirst du nicht tun! Ich habe vernommen, daß du ein Christ bist, und daß Isa Ben Marryam, euer Heiland, euch geboten hat: Liebet eure Feinde!"
"So gibst du also zu, mein Feind zu sein?"
"Ich war nicht der deinige, sondern du warst der meinige geworden. Ich hoffe, daß du ein guter Christ bist und dem Gebote deines Gottes Gehorsam leistest!"
"Das werde ich gern tun!"
"Nun, warum lässest du mich denn da nicht frei, Effendi?"
"Eben weil ich dem Gebote gehorsam bin, Ali Manach. Ich liebe dich so sehr, daß ich gar nicht von dir lassen kann!"
"Du spottest meiner! Ich zahle dir ein Lösegeld!"
"Bist du reich?"
"Ich nicht, aber mein Vater wird es bald sein."
"Er wird seinen Reichtum gestohlen und geraubt haben. Solches Geld möchte ich gar nicht berühren!"
"So gebe ich dir anderes. Du sollst das deinige zurückerhalten!"
"Das meinige? Hast du Geld von mir?"
"Nein; aber der Bote ist bereits fort, um in Stambul das Geld zu holen, welches du uns für deine Freiheit bezahlen solltest. Lässest du mich frei, so erhältst du es zurück, sobald er es bringt."
"Oh, Ali Manach Ben Barud el Amasat, du hast dir in Stambul den Verstand vertanzt! Euer Bote wird nicht einen einzigen Piaster erhalten. Den Namen, welchen ich euch nannte, gibt es gar nicht. Und der Perser, den der Bote vielleicht aufsucht, kennt mich gar nicht!"
"Effendi, so hast du uns getäuscht? Wir hätten also kein Geld empfangen?"
"Nein."
"So wärest du ja verloren gewesen!"
"Das wußte ich. Ich wäre aber wohl auch verloren gewesen, wenn man das Geld bezahlt hätte. Uebrigens habe ich mich nicht gar sehr vor euch gefürchtet, und daß ich daran recht tat, habe ich dir bewiesen: - ich bin frei."
"So willst du mich also wirklich als Gefangenen nach Edreneh bringen?"
"Ja."
"So gib mir das Geld zurück, welches ich in deinen Beutel getan habe!"
"Warum?"
"Es gehört mir. Ich brauche es. Ich muß essen und trinken, auch wenn ich im Gefängnisse bin."
"Man muß dir geben, was du brauchst; Leckereien werden es allerdings nicht sein. Uebrigens schadet es einem Tanzenden nichts, wenn er einmal ein wenig hungert!"
"So willst du mich also bestehlen?"
"Nein. Siehe mich an! Ihr habt mir während meiner Gegenwehr die Kleider zerrissen; ich muß mir andere kaufen. Du bist schuld daran, und so kann ich, ohne einen Diebstahl zu begehen, mich deines Geldes bemächtigen. Aber ich werde es dennoch nicht tun, sondern es dem Kadi übergeben. Darf denn ein Tanzender Geld besitzen? Ich denke, daß alles, was er einnimmt, dem Orden gehört!"