"Ich bin kein Tanzender mehr. Ich war nur für kurze Zeit im Kloster!"
"Jedenfalls aus Geschäftsrücksichten! Nun, das geht mich nichts an. Wir wollen aufbrechen. Gib deine Hände her!"
Ich zog bei diesen Worten eine Leine hervor, welche ich vorhin in der Satteltasche bemerkt hatte.
"Effendi, was willst du tun?" fragte er erschrocken.
"Ich werde dich mit den Händen an den Steigbügel binden."
"Das darfst du nicht! Du bist ein Christ, und ich bin ein Anhänger des Propheten. Du bist kein Khawasse. Du hast kein Recht, einen andern als Gefangenen zu behandeln!"
"Weigere dich nicht, Ali Manach! Hier ist der Strick. Gibst du nicht augenblicklich die Hände her, so schlage ich dich an den Kopf, daß du wieder ohnmächtig wirst. Ich erlaube dir keineswegs, mir vorzuschreiben, wie ich dich zu behandeln habe!"
Das wirkte. Dieser Pseudoderwisch schien überhaupt ganz ohne Mut und Energie zu sein. Er hielt mir die beiden Hände hin, welche ich ihm zusammenband. Dann befestigte ich ihn an den Steigbügel und stieg aufs Pferd.
"Was wirst du mit dem Pferde tun?" fragte er.
"Ich übergebe es dem Kadi. Vorwärts!"
Wir setzten uns in Bewegung. Ich hätte nicht geglaubt, so bald wieder nach Edreneh zurückkehren zu können, und noch dazu auf diese Art und Weise.
Wir erreichten bald die Hauptstraße. Es war diejenige, welche nach dem berühmten Karawanserei Mustafa Pascha führt. Wir begegneten vielen Reisenden. Man betrachtete uns erstaunt; man wunderte sich über uns beide; aber niemand hielt es der Mühe wert, ein Wort zu uns zu sprechen.
Je mehr wir uns der Stadt näherten, desto belebter wurde die Straße. Gleich in einer der ersten Gassen erblickte ich zwei Khawassen. Nachdem ich ihnen eine kurze Erklärung gegeben hatte, forderte ich sie auf, mich zu begleiten, und sie taten es. Es war meine Absicht, zunächst zu Hulam zu reiten, um vor allen Dingen die Freunde zu beruhigen. Mit Hilfe der Polizisten fand ich mich zurecht.
In einer der Straßen, durch welche wir kamen, bemerkte ich unter den vielen Passanten einen Mann, welcher, als er Ali Manach erblickte, mit allen Zeichen des Schreckens stehen blieb, dann aber mit raschen Schritten weiter eilte.
Kannte er meinen Gefangenen? Am liebsten hätte ich ihm einen der Polizisten nachgeschickt, um ihn festnehmen zu lassen. Wie nun, wenn dieser Mensch die andern warnte! Aber auf einen bloßen Verdacht, ja auf eine reine Vermutung hin konnte ich es doch nicht gut wagen, einen vielleicht ganz und gar Unschuldigen seiner Freiheit berauben zu lassen, wenn auch vielleicht nur auf eine einzige Stunde. Ich - ein Christ - befand mich ja in einem mohammedanischen Lande.
Bei dem Hause Hulams angekommen, klopfte ich an das Tor. Der Schließer blickte durch das Loch und stieß einen Ruf der Freude aus, als er mich sah.
"Hamdulillah! Bist du es wirklich, Effendi?"
"Ja. Oeffne, Malhem!"
"Sogleich, sogleich! Wir sind in großer Angst um dich gewesen, denn wir dachten, daß dir ein Unglück zugestoßen sei. Nun aber ist alles gut!"
"Wo ist Hadschi Halef Omar?"
"Im Selamlik. Alle sind dort versammelt und trauern über dein Verschwinden."
"Alargha - aufgeschaut!" rief da einer der beiden Khawassen. "Bist du denn vielleicht Kara Ben Nemsi, Effendi?"
"Ja, so heiße ich."
"Peh ne güzel - wie schön, wie schön! So haben wir also die dreihundert Piaster verdient!"
"Welche dreihundert Piaster?"
"Wir sind ausgesendet worden, nach dir zu suchen. Wer eine Spur von dir findet, soll diese Summe erhalten."
"Hm! Eigentlich habe ich euch gefunden! Aber ihr sollt das Geld empfangen. Kommt mit herein!"
Dreihundert Piaster sind ungefähr sechzig Mark. Also so sehr hoch hatte man mich taxiert! Ich konnte stolz darauf sein. Der Wärter hatte das Tor weit aufgerissen. Er machte ein sehr erstauntes Gesicht, als er den Derwisch erblickte, den er bisher nicht hatte sehen können. Kaum wurden im Hofe die Tritte des Pferdes hörbar, so kam man herbeigeeilt.
Der erste war mein kleiner Hadschi Halef Omar. Er machte einen gewaltigen Satz über sämtliche Stufen herab, ganz gegen die orientalische Würde, schnellte sich auf mich zu, ergriff meine Hand und jauchzte:
"Allah l'Allah! Bist du es? Bist du es wirklich, Sihdi?"
"Ich bin es, mein lieber Halef. Laß mich nur aus dem Sattel steigen!"
"Du kommst geritten? Du bist außerhalb der Stadt gewesen?"
"Ja. Ich habe viel Unglück gehabt, aber auch viel Glück."
Auch die Andern streckten ihre Hände nach mir aus. Mitten unter den Freudenrufen ertönte einer des Erstaunens. Isla hatte ihn ausgestoßen.
"Effendi, was ist das?" fragte er. "Wen bringst du hier? Das ist ja Ali Manach, der Tanzende!"
Man hatte bisher nur auf mich, weniger auf den Derwisch geachtet. Islas Rede lenkte die Aufmerksamkeit auf denselben. Man sah, daß er angebunden war.
"Ali Manach? Der Sohn des Entflohenen?" fragte Hulam.
"Ja," antwortete ich. "Er ist mein Gefangener. Kommt herein! Ich habe euch zu erzählen."
Wir begaben uns nach dem Selamlik und nahmen auch den Derwisch mit, hatten uns aber noch nicht gesetzt, als das Tor abermals geöffnet wurde. Es war der Kadi, welcher kam. Er war ebenso erstaunt wie erfreut, mich zu sehen.
"Effendi, du lebst? Du bist hier?" fragte er. "Allah sei Dank! Wir gaben dich verloren, obgleich ich nach dir suchen ließ. Wo bist du gewesen?"
"Nimm bei uns Platz, so sollst du es erfahren!"
"Ich werde hören, was du zu erzählen hast. Wie freue ich mich, daß dir nichts Böses widerfahren ist!"
Der Gefangene hatte sich in eine Ecke niedergekauert, und Halef hatte neben ihm Platz genommen. Der kleine Hadschi wußte, was er zu tun hatte, bevor ich zu sprechen begann.
Ich erzählte und wurde viele, viele Male unterbrochen, ehe ich zu Ende kam. Dann gab es eine Menge von Fragen und Ausrufungen der verschiedensten Art. Halef allein war es, der seine Ruhe bewahrte. Er rief laut:
"Still, ihr Männer! Man darf jetzt nicht reden, sondern muß handeln!"
Der Kadi warf dem Kleinen einen Blick zu, welcher zurechtweisend sein sollte, fragte ihn aber doch:
"Was meinst du denn, was getan werden soll?"
"Man muß sofort diesen Ali Manach verhören, dann aber das Haus aufsuchen, in welchem man meinen Sihdi überwältigt hat, und auch den Wagen verfolgen lassen, in welchem er nach dem Karaul geschafft werden sollte."
"Du hast recht! Ich werde diesen Sohn des Entflohenen sogleich in das Gefängnis bringen lassen und ihn dann vernehmen."
"Warum nicht hier, nicht jetzt?" fragte ich. "Ich möchte am liebsten noch in dieser Stunde zur Verfolgung seines Vaters aufbrechen, da bereits eine kostbare Zeit vergangen ist. Da ist es gut, vorher zu wissen, was er antwortet."
"Du wünschest es, und so soll es geschehen!"
Er nahm seine ernsteste, würdevollste Miene an und fragte den Gefangenen:
"Dein Name ist Ali Manach Ben Barud el Amasat?"
"Ja," antwortete der Gefragte.
"So heißt also dein Vater Barud el Amasat?"
"Ja."
"Es ist derjenige Mann, welcher uns entflohen ist?"
"Davon weiß ich nichts!"
"Du versuchst, zu leugnen? Ich werde dir die Bastonade geben lassen! Kennst du den früheren Steuereinnehmer Manach el Barscha?"
"Nein."
"Du hast gestern abend diesen Effendi in ein Haus locken lassen, um ihn gefangen zu nehmen?"
"Nein."
"Hund, lüge nicht! Der Effendi hat es ja selbst erzählt!"
"Er irrt."
"Aber du hast ihn ja gefesselt und heut in einem Wagen fortgeschafft!"
"Auch das ist nicht wahr! Ich ritt auf der Straße und erreichte den Wagen. Ich sprach mit dem Kiradschi, welchem der Wagen gehörte. Da erhielt ich plötzlich einen Hieb. Ich verlor das Bewußtsein, und als ich wieder zu mir kam, war ich der Gefangene dieses Mannes, dem ich gar nichts getan habe."
"Deine Zunge trieft von Unwahrheit; aber die Lüge wird deine Sache nicht verbessern, sondern verschlimmern! Wir wissen, daß du ein Nassr bist!"
"Ich weiß nicht, was das ist!"
"Du hast ja im Kloster der Tanzenden mit dem Effendi darüber gesprochen!"
"Ich bin niemals in einem Kloster der Tanzenden gewesen!"
Der Mann glaubte, sich retten zu können, wenn er alles in Abrede stellte. Der Kadi antwortete daher zornig:
"Bei Allah! Du wirst die Bastonade erhalten, wenn du fortfährst, die Wahrheit zu verheimlichen! Oder bist du etwa ein Untertan der Inglis, wie dein Vater?"
"Ich habe keinen Vater, welcher Untertan der Inglis ist. Ich bemerke, daß der Barud el Amasat, von welchem ihr redet, ein ganz anderer ist, als mein Vater, dessen Namen er unrechtmäßigerweise angenommen hat."
"Was bist du denn, wenn du kein Derwisch bist?"
"Ich bin ein Schaijad es semek (* Fischer.) und mache eine Reise."
"Woher?"
"Aus Inada am Meere."
"Wohin willst du?"
"Ich will nach Sofia, um Verwandte zu besuchen. Ich bin keine Stunde lang in Edreneh gewesen. Ich kam während der Nacht hier an und bin durch die Stadt zur andern Seite hinausgeritten. Später dann traf ich auf den Wagen."
"Du bist kein Fischer, sondern ein Lügner. Kannst du beweisen, daß du in Inada wohnst?"
"Sende hin, so wird man dir sagen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe."
Diese Frechheit brachte den Kadi beinahe aus der Fassung. Er wendete sich an Isla und fragte ihn:
"Isla Ben Maflei, hast du diesen Menschen wirklich im Kloster der Tanzenden zu Stambul gesehen?"
"Ja," antwortete der Gefragte. "Er ist es. Ich beschwöre es beim Barte des Propheten und bei den Bärten meiner Väter!"
"Und du, Kara Ben Nemsi Effendi, du hast ihn auch dort im Kloster gesehen?"
"Ja," antwortete ich. "Ich habe sogar mit ihm gesprochen."
"Und du behauptest, daß er dieser Derwisch ist?"
"Er ist es. Er hat es mir sogar gestern abend und dann auch heut eingestanden. Er glaubt, sich nun durch Leugnen retten zu können."
"Er wird sich nur um so unglücklicher machen. Wie aber wollen wir ihm beweisen, daß ihr recht habt?"
Das war eine wunderbare Frage!
"Ist er es nicht, welcher zu beweisen hat, daß wir unrecht haben?" antwortete ich.
"Das ist richtig! Aber da muß ich nach Inada senden!"
"Erlaubst du mir, eine Frage auszusprechen?"
"Rede!"
"Du hast den Zettel gesehen, welchen wir gestern im Stalle des Handschia gefunden haben?"
"Ja, Effendi."
"Würdest du ihn wieder erkennen?"
"Ganz gewiß."
"Ist es dieser?"
Ich nahm den Zettel aus dem Beutel und reichte ihn dem Kadi hin. Dieser betrachtete ihn genau und sagte dann:
"Er ist es. Warum fragst du?"
"Das wirst du gleich erfahren! Hadschi Halef Omar, kennst du meinen Geldbeutel?"
"So gut wie meinen eigenen," antwortete der Kleine.
"Ist es dieser?"
"Ja, er ist es."
Jetzt war ich sicher, den Derwisch zu fangen. Ich wendete mich mit der Frage an ihn:
"Ali Manach, sage mir, wem die Goldstücke gehören, welche sich hier in dem Beutel befinden?"
"Sie gehören mi - - sie gehören doch jedenfalls dir, wenn der Beutel wirklich dein Eigentum ist," antwortete er.
Er hätte sich doch beinahe überrumpeln lassen; aber noch während der Rede hatte er die Falle erkannt.
"Du machst also keine Ansprüche an das Geld?"
"Was habe ich mit deinem Gelde zu schaffen!"
Der Kadi schüttelte den Kopf.
"Effendi," sagte er, "wenn ich ihn nicht fange, dir gelingt es erst recht nicht. Ich werde den Kerl einschließen lassen und ihn schon zum Geständnis bringen!"
"So lang können wir aber nicht warten. Bringen wir ihn in das Haus, in welchem ich überfallen wurde! Die Bewohner desselben werden eingestehen müssen, daß er der Mann ist, für den wir ihn halten!"
"Du hast recht. Wir werden sie alle gefangen nehmen! Ali Manach, in welcher Gasse liegt dieses Haus?"
"Ich kenne es nicht," antwortete der Gefragte. "Ich bin noch nie in Edreneh gewesen!"
"Seine Lügen werden immer größer! Effendi, würdest du das Haus selbst finden?"
"Ganz gewiß. Ich habe es mir gemerkt."
"So wollen wir aufbrechen. Ich werde nach Khawassen senden, welche uns folgen und alle Personen, die sich in dem Hause befinden, gefangennehmen sollen. Aber dein Freund Hulam hat dreihundert Piaster geboten. Diese beiden Männer nun haben dich gefunden. Werden sie das Geld erhalten, Effendi?"
"Ja, ich werde es ihnen sofort geben."
Ich zog den Beutel; aber Hulam hielt mir den Arm fest und sagte im Tone eines Beleidigten:
"Halt, Effendi! Du bist der Gast meines Hauses. Willst du meine Ehre zuschanden machen, indem du mir nicht erlaubst, zu halten, was ich versprochen habe?"
Ich sah ein, daß ich ihm den Vorrang lassen mußte. Er zog seine Börse und stand bereits im Begriff, den beiden Khawassen, welche mit freudeglänzenden Blicken am Eingange auf der Lauer standen, das Geld zu geben, als der Kadi die Hand ausstreckte.
"Halt!" sagte er. "Ich bin der Vorgesetzte dieser Beamten der Polizei von Edreneh. Sage selbst, Effendi, ob sie dich gefunden haben!"
Ich wollte die armen Teufel nicht um ihre Gratifikation bringen und antwortete darum:
"Ja; sie haben mich entdeckt."
"Deine Worte sind sehr weise. Aber sage nun auch, ob sie dich entdeckt hätten, wenn ich sie daheim behalten hätte, anstatt sie auszusenden?"
"Hm! Dann hätten sie mich allerdings nicht angetroffen."
"Wem also hast du es eigentlich zu verdanken, daß du von ihnen gesehen worden bist?"
Ich war gezwungen, seiner Logik zu folgen. Uebrigens konnte es nicht zu unserem Vorteile sein, bei ihm anzustoßen; darum antwortete ich so, wie er es erwartete:
"Dir, im Grunde genommen."
Er nickte mir freundlich zu und fragte weiter:
"Wem also gehören diese dreihundert Piaster, Effendi?"
"Dir allein."
"So mag Hulam sie an mich bezahlen! Es soll keinem Menschen unrecht geschehen. Auch ein Kadi hat darauf zu sehen, daß er zu seinem Rechte kommt!"
Er erhielt das Geld und steckte es ein. Die beiden Polizisten machten sehr enttäuschte Gesichter. Ich suchte daher unbemerkt an sie zu kommen, nahm zwei Goldstücke aus dem Beutel und steckte einem jeden von ihnen eins zu. Das mußte heimlich geschehen, sonst wäre zu erwarten gewesen, daß der Kadi abermals Gerechtigkeit hätte walten lassen.