Die beiden Männer waren ganz glücklich über dieses Geschenk, und mir machte die Ausgabe keinen Schaden, da ich sie von dem Gelde Ali Manachs bestritten hatte.
Jetzt wurde nach Polizisten geschickt, welche bald eintrafen. Ehe wir aber den Gang antraten, gab der Kadi mir einen Wink, mit ihm zur Seite zu treten. Ich war neugierig auf die vertrauliche Mitteilung, welche er mir zu machen hatte.
"Effendi," sagte er, "bist du wirklich deiner Sache sicher, daß er der Derwisch aus Stambul ist?"
"Vollständig!" antwortete ich.
"Er war dabei, als du gefangen wurdest?"
"Ja. Er bestimmte sogar die Höhe des Lösegeldes, welches ich bezahlen sollte."
"Und er hat dir abgenommen, was du in deinen Taschen hattest?"
"Ja."
"Auch deinen Geldbeutel?"
"Ja," antwortete ich.
Jetzt begann ich zu ahnen, was er beabsichtigte. Ich hatte, als ich mein Erlebnis erzählte, aufrichtig erwähnt, daß ich in der Börse mehr Geld gefunden habe, als erst darin gewesen war. Auf diesen Betrag war es abgesehen; der Kadi wollte ihn konfiszieren! Er erkundigte sich im freundlichsten, vertraulichsten Tone weiter:
"Heute hatte er ihn in seiner Tasche?"
"Ja. Ich habe ihn herausgenommen."
"Und es war mehr Geld darin als vorher?"
"Es waren Goldstücke darin, welche ich nicht hinein getan habe. Das ist wahr."
"So wirst du wohl zugeben, daß sie nicht dir gehören!"
"Ah! Wem sonst?"
"Ihm natürlich, Effendi!"
"Das will mir nicht einleuchten. Aus welchem Grunde soll er sein Geld in meine Börse getan haben?"
"Weil dein Beutel ihm besser gefallen hat, als der seinige. Kein Mensch aber darf das behalten, was ihm nicht gehört!"
"Da hast du ganz recht. Aber meinst du denn, daß ich etwas behalten habe, was mir nicht gehörte?"
"Natürlich! Die Goldstücke, welche er hineingetan hat."
"Wallahi! Hast du nicht aus seinem eigenen Munde gehört, daß er leugnet, Geld in meinen Beutel getan zu haben?"
"Es sind Lügen!"
"Das muß bewiesen werden. Ich weiß nichts von dem Geld."
"Aber du sagst ja selbst, daß es sich vorher nicht in dem Beutel befunden habe!"
"Das gestehe ich ein. Niemand kann es sagen, wie es hineingekommen ist; nun es sich aber darin befindet, ist es mein Eigentum."
"Das darf ich nicht zugeben. Die Obrigkeit muß es an sich nehmen, um es dem richtigen Eigentümer zurückzugeben."
"Sage mir vorher, wem das Wasser gehört, welches es über Nacht in deinen Hof regnet!"
"Wozu diese Frage?"
"Holt die Obrigkeit das Wasser, um es dem richtigen Eigentümer zurückzugeben? Es hat über Nacht in meinen Beutel geregnet. Das Wasser gehört mir, denn der Einzige, welchem es außer mir gehören konnte, hat darauf verzichtet."
"Ich höre, daß du ein Franke bist, der die Gesetze dieses Landes nicht kennt."
"Das mag sein; aber darum befolge ich meine eigenen Gesetze. Kadi, das Geld behalte ich! Du bekommst es nicht!"
Bei diesen Worten wendete ich mich von ihm ab, und er machte keinen Versuch, mich zu einer Aenderung zu bewegen. Es war gar nicht meine Absicht, das Geld für mich zu verwenden; aber ich konnte damit größeren Nutzen schaffen, als wenn ich es in die bodenlose Tasche des Beamten gelangen ließ.
Jetzt setzten wir uns in Bewegung, alle, die wir beteiligt waren. Die Khawassen erhielten den Befehl, uns von weitem zu folgen, damit ein allzugroßes Aufsehen vermieden werde.
Wir erreichten die Ecke, an welcher wir gestern abend mit dem Manne zusammengetroffen waren. Auch Hulam erinnerte sich ihrer genau. Von hier an aber mußte ich allein als Führer dienen. Es wurde mir nicht schwer, das Haus zu finden. Die Türe war verschlossen. Wir klopften; aber es erschien kein Mensch, um uns zu öffnen.
"Sie fürchten sich," meinte der Kadi. "Sie haben uns kommen sehen und verstecken sich!"
"Das glaube ich nicht," antwortete ich. "Es wird mir einer dieser Leute, als ich mit Ali Manach durch die Straßen ritt, begegnet sein. Er hat gesehen, daß der Derwisch gefangen und daß der Anschlag verunglückt ist. Daher hat er die anderen sogleich benachrichtigt, und nun haben sie die Flucht ergriffen."
"So müssen wir mit Gewalt eindringen!"
Jetzt blieben die Passanten stehen, um zu sehen, was sich hier ereignen würde. Der Kadi ließ sie durch seine Khawassen fortweisen, und dann wurde die Türe, welche keinen großen Widerstand bot, einfach eingestoßen.
Ich erkannte den langen schmalen Gang sogleich wieder. Die Polizisten hatten sich im Nu über alle Räume verteilt, vermochten aber nicht, ein menschliches Wesen aufzufinden. Verschiedene Anzeichen ließen darauf schließen, daß die Bewohner eine sehr eilige Flucht ergriffen hatten.
Ich suchte auch den Raum auf, in welchem ich gelegen hatte. Als ich in den kleinen, engen Hof zurückkehrte, hatte der Kadi dort ein abermaliges Verhör mit Ali Manach begonnen. Dieser trat jetzt mit noch größerer Sicherheit auf, als vorher. Er mochte Angst gehabt haben, von den Bewohnern des Hauses verraten zu werden. Diese Angst war jetzt ebenso verschwunden, wie die Leute, welche hier zu finden wir erwartet hatten. Ich mußte meine Aussagen wiederholen; ich mußte die Stelle zeigen, an welcher er neben mir gesessen hatte; ich zeigte auch diejenige, an welcher ich im Hofe mich gegen die Uebermacht der Angreifer gewehrt hatte.
"Und du willst dieses Haus wirklich nicht kennen?" fragte ihn der Kadi.
"Ich kenne es nicht," antwortete er.
"Du warst noch niemals hier?"
"Nie in meinem Leben!"
Da wendete sich der Beamte an mich:
"So kann doch kein Mensch leugnen, Effendi! Ich beginne zu glauben, daß du dich wirklich irrst!"
"Dann müßte auch Isla sich irren, der ihn in Stambul gesehen hat."
"Ist das nicht möglich? Viele Menschen sehen sich ähnlich. Dieser Fischer aus Inada kann sehr unschuldig sein!"
"Willst du einmal mit mir auf die Seite kommen, o Kadi?"
"Warum?"
"Ich möchte dir etwas sagen, was diese anderen nicht zu hören brauchen."
Er zuckte die Achsel und antwortete:
"Diese Leute können alles hören, was du mir zu sagen hast, Effendi!"
"Willst du, daß sie Worte hören, welche in deinen Ohren nicht angenehm klingen können?"
Er besann sich doch und sagte dann in fast strengem Tone:
"Du wirst nicht wagen, ein einziges Wort auszusprechen, das ich nicht gern hören möchte. Aber ich werde gnädig sein und dir deine Bitte erfüllen. Komm und sprich!"
Er entfernte sich einige Schritte und ich folgte ihm.
"Wie kommt es, daß du jetzt plötzlich in ganz anderer Weise als vorher mit mir redest, Kadi?" fragte ich. "Wie kommt es, daß du jetzt plötzlich an die Schuldlosigkeit dieses Menschen glaubst, von dessen Schuld du doch vorher so überzeugt zu sein schienst?"
"Ich habe eingesehen, daß du dich irrst."
"Nein," entgegnete ich mit gedämpfter Stimme. "Nicht, daß ich mich irre, hast du eingesehen, sondern daß du selbst dich geirrt hast!"
"In wem soll ich mich geirrt haben? In diesem Fischer?"
"Nein, sondern in mir. Du glaubtest, in den Besitz meines Beutels kommen zu können. Das ist dir nicht geglückt, und nun ist der Verbrecher unschuldig."
"Effendi!"
"Kadi!"
Er schnitt ein sehr ergrimmtes Gesicht und sagte:
"Weißt du, daß ich dich wegen dieser Beleidigung festnehmen lassen kann?"
"Das wirst du bleiben lassen! Ich bin ein Gast dieses Landes und seines Beherrschers; du hast keine Macht über mich. Ich sage dir, daß Ali Manach alles gestehen wird, wenn du so tust, als ob er die Bastonade erhalten soll. Ich habe dir keine Vorschriften zu machen; aber ich möchte daheim in Dschermanistan erzählen, daß die Richter des Großsultans gerechte Beamte sind."
"Das sind wir auch; ich werde es dir sofort beweisen!"
Er trat wieder zu den anderen und fragte den Gefangenen:
"Kennst du den Handschia Doxati hier?"
Der Gefragte entfärbte sich. Er antwortete in einem sehr unsicheren Tone:
"Nein. Ich bin ja noch nie in Edreneh gewesen!"
"Und er kennt auch dich nicht?"
"Wo sollte er mich gesehen haben?"
"Er lügt," fiel ich ein. "Du mußt es ihm ansehen, daß er die Unwahrheit redet, Kadi! Ich verlange, daß Doxati ihn zu hören bekommt, um - - halt! Um Gottes willen zurück!"
Ganz zufälligerweise hatte ich, während ich sprach, den Blick emporgerichtet. Wir befanden uns in dem kleinen Hofe, welcher ringsum von Gebäuden umgeben war. Da, wohin mein Blick jetzt fiel, gab es eine Art Söller, ein hölzernes Gitterwerk, durch dessen Lücken ich zwei Gewehrläufe auf uns gerichtet sah: den einen grad auf mich und den anderen auf den Gefangenen, wie es mir schien. Ich warf mich sofort zur Seite und schnellte nach dem Eingange hinüber, um dort Schutz zu suchen. In demselben Augenblick krachten die zwei Schüsse.
Ein lauter Schrei erscholl.
"Allah ïa Allah! Ma una! Gott, o Gott, zu Hilfe!"
Diesen Ruf hatte einer der Khawassen ausgestoßen, indem er sich neben einen anderen niederwarf, der sich am Boden in seinem Blute wälzte.
Die eine Kugel hatte mir gegolten; das war sicher. Nur einen Augenblick später, und ich wäre eine Leiche gewesen. Der Schütze war bereits im Abdrücken gewesen, als ich zur Seite sprang; er hatte die Kugel nicht zu halten vermocht und sie war dem Khawassen, welcher dicht hinter mir gestanden hatte, in den Kopf gedrungen.
Die zweite Kugel hatte ihr Ziel erreicht. Ali Manach lag tot an der Erde.
Mehr sah ich nicht. Einen Augenblick später war ich wieder über den Hof hinüber. Eine schmale, hölzerne Treppe führte da nach oben, wo sich das Gitterwerk befand. Ich folgte einem augenblicklichen Impulse.
"Hinauf, Sihdi! Ich komme auch!"
Das war die Stimme meines kleinen, tapfern Hadschi, welcher mir sofort nacheilte. Ich gelangte hinauf in einen schmalen Gang, an welchen einige Stuben stießen, die allerdings viel eher Löcher hätten genannt werden können. Der Gang mündete auf das Gitterwerk. Der Geruch des Pulvers war noch vorhanden, ein Mensch aber nicht. Ich durchsuchte mit Halef die Stuben. Auch hier fand sich niemand. Es war geradezu unerklärlich, wie die zwei Mörder hatten verschwinden können. Zwei waren es gewesen, denn ich hatte ganz deutlich die Flintenläufe gesehen.
Da hörte ich jenseits des Gebäudes eilige Schritte. Das mußten zwei Menschen sein. Die Wand war nur von Brettern gebildet. Ich bemerkte ein Astloch, trat hinzu und blickte hindurch! Richtig! Ueber den Nachbarhof eilten zwei Männer, von denen jeder eine lange, türkische Flinte in der Hand trug.
Ich sprang hinaus auf den Gang und rief in den Hof hinab:
"Rasch hinaus auf die Gasse, Kadi! Die Mörder fliehen durch das Nebenhaus!"
"Das ist nicht möglich!" antwortete er herauf.
"Ich habe sie ja gesehen! Schnell, schnell!"
Er wendete sich zu seinen Leuten und gebot ihnen in aller Gemächlichkeit:
"Seht einmal nach, ob er recht hat!"
Zwei von ihnen entfernten sich langsamen Schrittes. Nun, mir konnte es schließlich sehr gleichgültig sein, ob die beiden ergriffen wurden oder nicht. Ich stieg also wieder in den Hof hinab. Als ich da ankam, fragte der Kadi:
"Effendi, bist du ein Hekim?"
Der Orientale erblickt in jedem Franken einen Arzt oder einen Gärtner. Der weise Kadi war derselben Ansicht.
"Ja," antwortete ich, um die Sache kurz zu machen.
"So sieh einmal nach, ob diese beiden vollständig totgeschossen sind!"
Bei Ali Manach konnte kein Zweifel herrschen. Die Kugel war ihm zu der einen Schläfe hineingedrungen und zu der anderen wieder heraus. Der Polizist war in die Stirne getroffen, lebte aber noch; doch stand mit Gewißheit zu erwarten, daß auch er in einigen Minuten tot sein werde.
"Mein Vater, mein Vater!" klagte der andere Khawasse, welcher sich neben ihm niedergeworfen hatte.
"Was jammerst du!" sagte der Kadi. "Es ist sein Kismet. Es hat im Buche gestanden, daß er auf diese Weise sterben solle. Allah weiß, was er tut!"
Da kamen die beiden zurück, welche mit Gemächlichkeit zur Verfolgung aufgebrochen waren.
"Nun, hat dieser Effendi recht?" fragte der Kadi.
"Ja."
"Ihr habt die Mörder gesehen?"
"Wir sahen sie."
"Warum habt ihr sie denn nicht gefangen?"
"Sie waren bereits eine Strecke in die Gasse hinein."
"Warum seid ihr ihnen denn nicht nachgeeilt?"
"Wir durften nicht. Du hattest es uns nicht befohlen. Du gebotest uns nur, nachzusehen, ob dieser Effendi recht habe."
"Ihr seid faule Hunde! Springt ihnen sofort alle nach, und seht, ob ihr sie ergreifen könnt!"
Jetzt sprangen alle in größter Eile von dannen. Ich war doch überzeugt, daß sie, sobald sie außer Hörweite seien, diese Schnelligkeit sehr mäßigen würden.
"Allah akbar - Gott ist groß!" murmelte Halef grimmig vor sich hin. "Diese beiden Hunde wollten dich erschießen, Sihdi, und nun dürfen sie entkommen!"
"Laß sie laufen, mein guter Halef! Es ist der Mühe nicht wert, hier nur einen Schritt zu tun."
"Aber wenn die Kugel dich getroffen hätte?"
"So wären sie verloren gewesen. Du hättest sie nicht entkommen lassen!"
Der Kadi hatte sich mit der Leiche des Gefangenen beschäftigt. Jetzt sagte er: "Kannst du dir denken, Effendi, warum sie ihn erschossen haben?"
"Natürlich! Sie glaubten, daß er sie verraten werde. Er war kein starker, mutiger Charakter. Wir hätten von ihm alles erfahren können."
"Er hat seinen Lohn dahin! Aber warum haben sie auch auf diesen andern geschossen?"
"Nicht er war gemeint, sondern die Kugel galt mir. Nur weil ich noch im letzten Moment zur Seite sprang, traf sie ihn, da er hinter mir stand."
"So haben sie sich an dir rächen wollen?"
"Jedenfalls. Was wird mit der Leiche geschehen?"
"Ich verunreinige mich nicht mit ihr. Dieser Mensch hat seinen Lohn; ich werde ihn einscharren lassen. Das ist alles, was man tun kann. Sein Pferd steht noch bei Hulam. Ich werde es holen lassen."
"Und sein Vater? Soll dieser entkommen?"
"Willst du ihm noch nachjagen, Effendi?"
"Natürlich!"
"Wann?"
"Du wirst unserer nicht mehr bedürfen?"
"Nein. Du kannst abreisen."
"So sind wir in zwei Stunden bereits unterwegs."