Ihre von Barbicane aufgezeichneten Beobachtungen waren sehr genau bestimmt. Sie wurden vermittelst Fernröhren gemacht, zur Controle dienten ihre Karten.
Der erste Beobachter des Mondes war Galiläi, dessen unzureichendes Fernrohr nur dreißigmal vergrößerte. Dennoch erkannte er in den Flecken, womit die Mondscheibe, »wie der Pfauenschweif mit Augen« bedeckt ist, Gebirge, und maß einige Höhen, welche er in übertriebenem Maßstab einem Fünftheil des Durchmessers der Scheibe gleich setzte, nämlich achttausendachthundert Meter. Galiläi entwarf keine Karte von seinen Beobachtungen.
Einige Jahre später setzte der Danziger Astronom Helvetius – durch ein Verfahren, das nur zweimal im Monat, zur Zeit des ersten und zweiten Viertels, genau sein konnte – die Höhebestimmungen Galiläi's auf den sechsundzwanzigsten Theil des Monddurchmessers herab. Das war eine Uebertreibung in entgegengesetzter Richtung. Man verdankt aber diesem Gelehrten die erste Mondkarte. Die hellen runden Flecken bilden auf derselben ringförmige Gebirge, und die dunkeln sind als ausgedehnte Meere bezeichnet, die in Wirklichkeit nur Ebenen sind. Diesen Bergen und Gewässern gab er von der Erde entliehene Namen. Man sieht da den Sinai mitten in einem Arabien, einen Aetna im Centrum von einem Sicilien, die Alpen, Apenninen, Karpathen, dann das Mittelländische, das Marmora- und Schwarze Meer, das Kaspische. Diese Namen sind um so unpassender, als sie nicht an die Gestaltung der gleichnamigen Gebirge erinnern. Kaum könnte man in dem großen weißen Flecken, der südlich an ausgedehnte Continente grenzt und in eine Spitze ausläuft, das umgekehrte Bild der indischen Halbinsel, des bengalischen Golfs und Cochinchinas erkennen. Darum hat man auch diese Namen nicht beibehalten. Ein anderer Kartograph, der mit dem menschlichen Herzen besser bekannt war, schlug eine neue Benennung vor, welche von der menschlichen Eitelkeit eifrig angenommen wurde. Pater Riccioli nämlich, ein Zeitgenosse des Helvetius, verfaßte eine plumpe Karte, die zwar voller Irrthümer war, aber den Mondbergen Namen großer Männer des Alterthums und von Gelehrten jener Zeit gab, ein Gebrauch, dem man nachher gern folgte.
Eine dritte Mondkarte wurde im siebenzehnten Jahrhundert von Dominico Cassini entworfen; besser zwar ausgeführt als die Riccioli's, ist sie in Hinsicht der Messungen ungenau. Es wurden zwar einige Ausgaben derselben mit Abänderungen veröffentlicht, aber die lange aufbewahrte Platte wurde doch zuletzt als altes Kupfer nach dem Pfund verkauft.
Die vier Meter hohe Karte La Hire's wurde nie gestochen. Der deutsche Astronom Tobias Mayer begann um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Herausgabe einer prächtigen Mondkarte nach strenge berichtigten Messungen; aber durch seinen Tod 1762 blieb die schöne Arbeit unvollendet.
Hierauf kam Schröter, aus Lilienthal, der zahlreiche Mondkarten entwarf, hernach ein gewisser Lohrmann aus Dresden, welchem man eine Platte von fünfundzwanzig Abtheilungen verdankt, wovon vier gestochen wurden.
Im Jahre 1830 lieferten Beer und Mädler ihre berühmte Mappa selenographica nach orthographischer Projection. Diese Karte stellt die Mondscheibe genau so, wie sie scheint, dar; doch sind die Zeichnungen der Berge und Ebenen nur auf dem mittleren Theile richtig; überall sonst, nördlich und südlich, östlich und westlich, sind diese in Verkürzung gegebenen Zeichnungen nicht mit denen in der Mitte zu vergleichen. Diese fünfundneunzig Centimeter hohe, in vier Abtheilungen getheilte Karte ist das Hauptwerk der Mondkartenzeichnung.
Nach diesen Gelehrten sind noch die Reliefkarten des deutschen Astronomen Julius Schmitt anzuführen, die topographischen Arbeiten des Pater Secchi, die prächtigen Probedrucke des Engländers Waren de la Rue, und endlich eine Karte von Lecoutourier und Chapuis nach orthographischer Projection, deren Original im Jahre 1860 entworfen wurde, von sehr richtiger Zeichnung und sehr klarer Anordnung.
Dieses sind die verschiedenen Karten, welche man von der Mondwelt hat. Barbicane besaß die beiden von Beer und Mädler und von Chapuis und Lecoutourier. Sie konnten ihm seine Beobachtungen erleichtern.
Die optischen Instrumente, welche er zur Verfügung hatte, waren ausgezeichnete See-Fernrohre, welche besonders für diese Reise gefertigt worden waren. Sie vergrößerten hundertfach, konnten also auf der Erde den Mond bis zu einer Entfernung von nicht tausend Lieues nahe bringen. Aber bei der damaligen Nähe, welche um drei Uhr Morgens nicht mehr als hundertundzwanzig Kilometer betrug, und in der von keiner Atmosphäre getrübten Umgebung, mußte durch diese Instrumente die Mondfläche auf nicht ganz mehr als fünfzehnhundert Meter nahe kommen./p>
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Elftes Capitel
Phantasie und Wirklichkeit
»Haben Sie jemals den Mond gesehen?« fragte ein Professor ironisch einen seiner Schüler.
– Nein, mein Herr, erwiderte noch ironischer der Schüler, aber ich darf sagen, daß ich von demselben reden gehört habe.
Die scherzhafte Antwort könnte in gewissem Sinn von der immensen Majorität der Leute unter dem Mond gegeben werden. Wie viele Leute haben von dem Mond reden gehört, ohne ihn jemals zu sehen ... wenigstens durch ein Fernrohr oder Teleskop! Wie viele haben selbst nie eine Mondkarte genau angesehen!
Betrachtet man eine Mondkarte, so springt eine Eigenthümlichkeit sogleich in die Augen. Gerade umgekehrt wie bei der Erde und dem Mars nehmen die Continente vorzugsweise die südliche Hemisphäre ein. Diese zeigen nicht so deutliche und so regelmäßige Grenzlinien, wie Nordamerika, Afrika und die indische Halbinsel. Ihre eckigen, launenhaften, tief ausgezackten Küsten sind reich an Golfen und Halbinseln. Sie erinnern leicht an das ganze Durcheinander der Sunda-Inseln, wo das Land übermäßig zerstückelt ist. Wenn jemals auf der Mondoberfläche Schifffahrt stattfand, mußte sie ganz besonders schwierig und gefährlich sein; und es sind auf dem Mond die Seeleute und die Hydrographen zu beklagen; letztere, wenn sie die zerrissenen Küsten aufnehmen, erstere, wenn sie an den gefährlichen Stellen landen mußten.
Man wird ferner bemerken, daß auf der Mondkugel der Südpol weit mehr mit Festland besetzt ist wie der Nordpol. Der letztere ist nur wie von einem leichten Käppchen mit Land bedeckt, welches durch ungeheure Meere vom anderen Festland gesondert ist. Südlich bedecken die Continente fast die ganze Hemisphäre. Möglich also, daß die Seleniten bereits auf einem ihrer Pole die Fahne aufgesteckt haben, während die Franklin, Roß, Kane, Dumont d'Urville, Lambert an diesen unbekannten Punkt des Erdballs noch nicht gelangen konnten.
Inseln giebt's auf der Mondoberfläche sehr viele. Fast alle länglich oder kreisrund und wie mit dem Zirkel gemacht, scheinen sie einen ungeheuren Archipel zu bilden, der reizenden Gruppe zwischen Griechenland und Kleinasien vergleichbar, welche die Mythologie ehemals mit ihren schönsten Sagen geschmückt hat. Unwillkürlich fallen einem die Namen Naxos, Tenedos, Milo, Karpathos ein, und unsere Augen suchen das Schiff des Ulysses oder den »Klipper« der Argonauten. Dies wenigstens wünschte Michel Ardan zu sehen, einen griechischen Archipel. Die wenig phantasiereichen Augen seiner Gefährten wurden durch den Anblick dieser Küsten vielmehr an die zerstückelten Lande Neu-Braunschweig und Neu-Schottland erinnert, und da, wo der Franzose die Helden der Fabel aufspürte, fanden diese Amerikaner die für Errichtung von Comptoiren günstigen Punkte im Interesse von Handel und Gewerben auf dem Mond.
Zum Schluß dieser Beschreibung des Festlandes auf dem Mond einige Worte über seine orographische Beschaffenheit. Man unterscheidet darauf sehr deutlich Gebirgsketten, einzelne Berge, Ringberge und Streifen. Unter diese Abtheilung läßt sich die ganze Bodenerhebung des Mondes begreifen, welche außerordentlich zerrissen ist. Es ist eine ungeheure Schweiz, ein ununterbrochenes Norwegen, wo sich alles auf plutonischem Wege gebildet hat. Diese so tief eingerissene Oberfläche ist das Ergebniß wiederholter Zusammenziehungen der Bodenrinde zur Zeit, als das Gestirn noch in seiner Bildung begriffen war. Die Mondscheibe ist daher geeignet zum Studium der großen geologischen Erscheinungen. Nach der Bemerkung einiger Astronomen ist die Oberfläche des Mondes, wenngleich älter als die Oberfläche der Erde, dennoch neuer. Es giebt da keine Gewässer, welche die ursprüngliche Bodengestaltung abändern, und deren zunehmendes Einwirken eine Art allgemeiner Abflachung erzeugt; keine Luft, deren zersetzender Einfluß die orographischen Profile entstellt. Da ist die plutonische Arbeit, durch neptunische Kräfte nicht gestört, in ihrer ganzen natürlichen Reinheit. Gerade so die Erde, bevor die Sümpfe und Ströme schichtenweis ihren Bodenniederschlag absetzten.
Nachdem sie einen Ueberblick dieser weiten Continente genommen, gewährten ihnen die noch ausgedehnteren Meere ein anziehenderes Bild. Nicht allein ihre Gestaltung, ihre Lage, ihr Aussehen erinnern an die Oceane der Erde, sondern auch, gleichwie auf der Erde, nehmen diese Meere den größeren Theil der Oberfläche ein. Und doch sind es nicht mit Flüssigkeiten bedeckte Räume, sondern Ebenen, deren Natur die Reisenden bald zu bestimmen hofften.
Die Astronomen haben diese angeblichen Meere mit wenigstens seltsamen Namen geschmückt, welche die Wissenschaft bisher in Achtung behalten hat. Michel Ardan sagte in Beziehung auf dieselben: Diese Karte ist gleich dem. Leben sehr deutlich in zwei Theile getheilt, eine weibliche und eine männliche, den Frauen gehört die Hemisphäre zur Rechten, den Männern die zur Linken. Barbicane und Nicholl zuckten dabei die Achseln; doch ihr phantastischer Freund fuhr fort. In dieser Hemisphäre zur Linken erstreckt sich »das Wolkenmeer«, worin so oft die menschliche Vernunft ertrinkt. Nicht weit davon zeigt sich »das Regenmeer«, welches durch die Wirren des Lebens genährt wird. Daneben das »Meer der Stürme«, wo der Mensch unaufhörlich gegen seine Leidenschaften ankämpft, die ihn nur zu oft besiegen. Hernach, erschöpft durch Täuschungen, Verrath, Treulosigkeit sammt dem ganzen Gefolge irdischen Elends, was findet er am Ende seiner Laufbahn? Dieses ungeheure »Meer der Launen«, welches kaum durch einige Tropfen aus dem »Thau-Golf« versüßt wird! Wolken, Regen, Stürme, Launen, enthält das Leben des Menschen etwas anderes, und läßt sich's nicht in diese vier Begriffe zusammenfassen?
Die den Frauen gewidmete Hemisphäre zur Rechten enthält kleinere Meere, deren bezeichnende Namen alle Eigenthümlichkeiten weiblichen Lebens an sich tragen. Da ist »das Meer der Heiterkeit«, worüber das junge Mädchen sich neigt, und »der See der Träume«, welche ihm eine lachende Zukunft entgegen strahlt! Da ist »das Nectarmeer« mit seinen Wellen der Zärtlichkeit und seinem Fächeln der Liebe! Hier »das Meer der Fruchtbarkeit«, »das Meer der Krisen«, sodann »das Meer der Mißlaunen«, dessen Umfang vielleicht zu beschränkt ist, und endlich dieses ungeheure »Meer der Seelenruhe«, worin alle täuschenden Leidenschaften, alle unnützen Träume, alle unerfüllten Wünsche untergehen, und dessen Fluthen friedlich in den »See des Todes« verlaufen.
Welche seltsame Reihe von Namen, und welche sonderbare Deutung von Seiten des Phantasten Michel!
Aber seine ernsten Genossen mit einer mehr geographischen Anschauung der Dinge maßen die Winkel und Diameter.
Barbicane und Nicholl sahen in dem »Wolkenmeer« eine unermeßliche Niederung mit einigen zerstreuten ringförmigen Bergen, welche eine große Strecke des östlichen Theiles der Südhemisphäre bedeckte; sie umfaßte hundertvierundachtzigtausendachthundert Quadratlieues, und sein Centrum befand sich unterm 15° südlicher Breite und 20° westlicher Länge.
Der Ocean der Stürme, Oceanus Procellarum, die ausgedehnteste Ebene der Mondscheibe, umfaßte einen Flächenraum von dreihundertachtundzwanzigtausenddreihundert Quadratlieues, dessen Centrum unterm 10° nördlicher Breite und 45° östlicher Länge lag. Mitten aus demselben ragten die erstaunlichen strahlenförmigen Berge Keppler und Aristarch empor. Nördlicher und von dem Wolkenmeer durch hohe Gebirgsketten getrennt, erstreckte sich das »Regenmeer«, Mare Imbrium, mit seinem Mittelpunkt unter 35° nördlicher Breite und 20° östlicher Länge; es hatte fast kreisrunde Gestalt, und deckte einen Raum von hundertdreiundneunzigtausend Quadratlieues. Nicht fern davon das Meer des Humors, Mare Humorum, ein kleines Becken von nur vierundvierzigtausendzweihundert Quadratlieues, lag unterm 25° südlicher Breite und 40° östlicher Länge. Endlich sah man noch drei Golfe am Rande dieser Hemisphäre, benannt: der glühendheiße Golf, der Thau-Golf und der Regenbogen-Golf, kleine, schmale Ebenen zwischen hohen Gebirgsketten.
Die »weibliche« Hemisphäre, natürlich launenhafter, unterschied sich durch kleinere und zahlreichere Gewässer. Es waren nördlich das Frostmeer, Mare Frigoris, unter 55° nördlicher Breite und 0° der Länge, mit einer Oberfläche von sechsundsiebenzigtausend Quadratlieues, welches an den See des Todes und den See der Träume grenzte; das Meer der Heiterkeit, Mare Serenitatis, unter 25° nördlicher Breite und 20° westlicher Länge, hatte einen Umfang von sechsundachtzigtausend Quadratlieues; das Meer der Krisen, Mare Crisium, wohl abgegrenzt, sehr rund, umfaßte unterm 17° nördlicher Breite und 55° westlicher Länge eine Fläche von vierzigtausend Lieues, ganz gleich dem Kaspischen von Gebirgen rings umgeben. Sodann beim Aequator unter 5° nördlicher Breite und 25° westlicher Länge zeigte sich das Meer der Ruhe, Mare Tranquillitatis, von hunderteinundzwanzigtausendfünfhundertundneun Quadratlieues; dieses Meer grenzte südlich an das Nectarmeer, mit einer Fläche von achtundzwanzigtausendachthundert Quadratlieues unter 15° südlicher Breite und 35° westlicher Länge, und östlich an das Meer der Fruchtbarkeit, Mare Fecunditatis, das größte dieser Hemisphäre, mit einem Flächeninhalt von zweihundertneunzehntausenddreihundert Quadratlieues unter 3° südlicher Breite und 50° westlicher Länge. Endlich, ganz im Norden und ganz im Süden, stachen noch zwei Meere hervor, das Humboldt-Meer, Mare Humboldtianum, sechstausendfünfhundert Quadratlieues groß, und das Südmeer, Mare Australe, mit einer Fläche von sechsundzwanzigtausend.
In der Mitte der Mondscheibe, auf beiden Seiten des Aequators und des Meridians 0, erstreckte sich der Golf des Centrums, Sinus Medii, eine Art Bindestrich zwischen den beiden Hemisphären.
Aus diesen Theilen bestand, wie Nicholl und Barbicane vor Augen sahen, die stets sichtbare Oberfläche des Erdtrabanten. Als sie diese verschiedenen Maße addirten, ergab sich für diese Hemisphäre ein Flächengehalt von vier Millionen siebenhundertachtunddreißigtausendhundertundsechzig Quadratlieues, von welchen drei Millionen dreihundertsiebenzehntausendsechshundert Lieues auf die Vulkane, die Gebirgsketten, Ringberge, Inseln, kurz Alles, was den festen Theil des Mondes zu bilden schien, zu rechnen; und vierzehnhundertzehntausendvierhundert Lieues auf die Meere, Seen, Sümpfe, Alles was scheinbar dem flüssigen Theil angehörte.
Diese Hemisphäre ist demnach dreizehn und ein halb Mal kleiner als die Erdhemisphäre. Doch haben die Selenographen bereits über fünfzigtausend Krater auf derselben gezählt. So ist also, aufgetrieben, voll Runzeln und Schrunnen, wie ein Schaumgebäck, das Angesicht der schönen Diana, der blonden Phöbe, der reizenden Astarte, der Königin der Nacht, der Tochter Jupiter's und der Latona.