Inzwischen waren die von Barbicane erkannten Berge immer mehr aus der dunkeln Masse hervorgetreten. Es waren der Leibnitz und Dörfel, welche in der Gegend um den Südpol des Mondes emporragen.
Alle Berge der sichtbaren Hemisphäre sind mit größter Genauigkeit gemessen worden. Man staunt vielleicht, daß dieses so vollkommen möglich ist, und doch sind die hypsometrischen Methoden sehr strenge. Man kann sogar behaupten, daß die Höhe der Mondberge ebenso genau bestimmt ist, als die Berghöhen der Erde.
Die am meisten angewendete Methode besteht darin, daß man den von den Bergen geworfenen Schatten mißt, wobei man den Höhestand der Sonne im Moment der Beobachtung in Anschlag bringt. Dieses Messen geschieht leicht vermittelst eines Fernrohrs, woran ein Netzchen mit zwei parallelen Fäden angebracht ist, indem man voraussetzt, daß der wirkliche Durchmesser der Mondscheibe genau bekannt sei. Mit dieser Methode läßt sich ebenso die Tiefe der Krater und Vertiefungen des Mondes messen. Galiläi hat sie angewendet, und seitdem mit dem größten Erfolg Beer und Mädler.
Es läßt sich noch eine andere Methode zur Messung der Höhen auf dem Monde verwenden. Dies geschieht in dem Moment, wo die Berge leuchtende Punkte, gesondert von der Scheidungslinie zwischen Licht und Schatten bilden, welche auf dem dunkeln Theile der Scheibe hervorglänzen. Diese leuchtenden Punkte entstehen durch Sonnenstrahlen, die höher sind als die, welche die Grenze der Phase bestimmen. Daher giebt das Maß des Zwischenraums zwischen dem beleuchteten Punkt und der nächsten beleuchteten Stelle der Phase genau die Höhe dieses Punktes an. Aber es versteht sich, dieses Verfahren läßt sich nur bei Bergen anwenden, welche nahe bei der Scheidungslinie von Licht und Schatten liegen.
Eine dritte Methode bestände darin, daß man das Profil der Mondberge, welche von dem Hintergrund sich abheben, mit dem Mikrometer mißt; sie ist aber nur bei Höhen in der Nähe des Mondrandes anwendbar.
In allen diesen Fällen merke man sich, daß diese Messung der Schatten, der Zwischenräume oder Profile nur dann anzuwenden ist, wann die Sonnenstrahlen im Verhältniß zum Beobachter schief auf den Mond fallen. Fallen sie aber senkrecht, kurz, wenn es Vollmond ist, so ist jeder Schatten aufgehoben, und die Beobachtung ist nicht mehr möglich.
Galiläi hat, nachdem er zuerst die Existenz der Mondberge erkannt, die Methode der geworfenen Schatten angewendet. Er schrieb ihnen, wie oben gesagt, eine Durchschnittshöhe von viertausendfünfhundert Toisen zu. Helvetius setzte diese Ziffern bedeutend herab, und Riccioli erhöhte sie wieder auf's Doppelte. Diese Maße waren beiderseits übertrieben. Herschel kam mit Hilfe seiner vervollkommneten Instrumente der Wahrheit näher. Schließlich aber muß man diese bei den Berichten der neuesten Beobachter suchen.
Beer und Mädler, die vollendetsten Selenographen der ganzen Welt, haben tausendfünfundneunzig Mondberge gemessen. Aus ihren Berechnungen ergiebt sich, daß deren sechs über fünftausendachthundert Meter hoch sind, zweiundzwanzig über viertausendachthundert. Der höchste Gipfel des Mondes mißt siebentausendsechshundertunddrei Meter; er ist also niedriger als die Berge der Erde, von denen einige um fünf- bis sechshundert Toisen höher sind. Doch ist eine Bemerkung nicht überflüssig. Nimmt man die Gesammtmasse der beiden Gestirne in Vergleichung, so sind die Mondberge verhältnißmäßig weit höher zu nennen, als die Erdberge.
Die Höhe der ersteren beträgt den vierhundertsten Theil des Monddurchmessers, und die der letzteren nur den vierzehnhundertundvierzigsten Theil des Erddurchmessers. Sollte ein Erdberg verhältnißmäßig eben so hoch wie ein Mondberg sein, so müßte seine Höhe senkrecht gemessen sechs und eine halbe Lieue ausmachen. Der höchste aber ist nur neun Kilometer hoch.
Also, um die Vergleichung weiter zu führen, die Himalayakette zählt drei Gipfel, welche höher sind als die Mondberge: der Everest von achttausendachthundertsiebenunddreißig Meter; der Kunchinjuga achttausendfünfhundertachtundachtzig Meter hoch, und der Dwalagiri von achttausendeinhundertsiebenundachtzig Meter. Die Mondberge Dörfel und Leibnitz sind an Höhe dem Jewahir in derselben Kette gleich, nämlich siebentausendsechshundertdrei Meter. Newton, Casatus, Curtius, Short, Tycho, Clavius, Blancanus, Endymion, die hauptsächlichen Gipfel des Kaukasus und der Apenninen, sind höher als der Montblanc, der viertausendachthundertundzehn Meter mißt. Dem Montblanc an Höhe gleich sind Moret, Theophilus, Catharnia; dem Monte Rosa mit viertausendsechshundertsechsunddreißig Meter kommen gleich Piccolomini, Werner, Harpalus; dem Cervin mit viertausendfünfhundertzweiundzwanzig Meter, Macrobius, Eratosthenes, Albateque, Delambre; dem Teneriffa, der dreitausendsiebenhundertundzehn Meter mißt, Bacon, Cysatus, Phitolaus und die Spitzen der Alpen; dem Mont Perdu der Pyrenäen mit dreitausenddreihunderteinundfünfzig Meter Römer und Boguslawski; dem Aetna mit dreitausendsiebenhundertsiebenunddreißig Meter Herkules, Atlas, Furnerius.
Diese verglichenen Punkte geben einen Maßstab für die Schätzung der Mondberge. Nun führte gerade die Bahn des Projectils in die Gebirgsgegend der südlichen Hemisphäre, wo die schönsten Musterexemplare der Mondorographie empor ragen.
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Siebenzehntes Capitel
Tycho
Um sechs Uhr Abends fuhr das Projectil um den Südpol, nicht ganz sechzig Kilometer davon entfernt. Also gleiche Entfernung wie bei der Annäherung an den Nordpol; die Curve war streng elliptisch gezogen.
In diesem Augenblick kamen die Reisenden wieder in die wohlthuende Bestrahlung der Sonne. Sie sahen wieder die langsam von Osten nach Westen sich bewegenden Sterne. Das strahlende Gestirn wurde mit dreifachem Hurrah begrüßt. Zugleich mit dem Licht genoß man auch wieder die Wohlthat der Wärme, die bald durch die metallenen Wände drang. Die Fenster wurden wieder durchsichtig; wie durch Zauber verschwand ihre Eisdecke. Sogleich wurde aus Sparsamkeit das Gas gelöscht. Nur der Luftapparat brauchte, wie bisher, seinen gewohnten Bedarf.
»Ach! rief Nicholl, wie wohlthuend das, diese warmen Strahlen! Wie ungeduldig müssen die Seleniten nach so langer Nacht das Wiedererscheinen des Tagesgestirns erharren!
– Ja, erwiderte Michel Ardan, den trefflichen Aether einschlürfend, Licht und Wärme, darin besteht das Leben!«
In diesem Augenblick strebte das Bodenstück des Projectils sich etwas von der Mondoberfläche zu entfernen, so daß es eine ziemlich lange Ellipse beschrieb. Von diesem Punkt aus hätten Barbicane und seine Genossen die Erde, wäre sie in vollem Licht gewesen, wieder erblicken können. Aber ganz von der Sonne umstrahlt, war sie durchaus unsichtbar. Ein anderes Schauspiel dagegen mußte ihre Blicke auf sich ziehen, der Anblick der Südregion des Mondes, welche durch das Fernrohr bis auf eine halbe Viertel Lieue nahe gebracht war. Sie wichen nicht mehr vom Fenster und zeichneten Alles im kleinsten Detail auf, was sie auf dem seltsamen Continent sahen.
Dörfel und Leibnitz bilden zwei gesonderte Berggruppen, welche sich nahe am Südpol entwickeln. Die erste Gruppe erstreckt sich vom Pol bis zum vierundachtzigsten Breitegrad auf der Ostseite des Gestirns; die zweite, am Ostrand, reicht vom fünfundsechzigsten Grad bis zum Pol.
Auf ihrem launisch gezeichneten Grat zeigten sich blendende Streifen, wie sie vom Pater Secchi angezeigt wurden. Barbicane konnte ihre Natur mit noch mehr Gewißheit als der berühmte englische Astronom erkennen.
»Das ist Schnee! rief er aus.
– Schnee? wiederholte Nicholl.
– Ja, Nicholl, Schnee, dessen Oberfläche ganz mit Eis überzogen ist. Sehen Sie, wie sie die Lichtstrahlen reflectirt. Gefrorene Lava würde keinen so starken Reflex geben können. Es giebt also Wasser, es giebt Luft auf dem Mond. Sei's auch noch so wenig, aber die Thatsache ist unbestreitbar!«
Nein, sicherlich nicht! Und wenn jemals Barbicane wieder auf die Erde kommt, werden seine Notizen in den selenographischen Beobachtungen die wichtige Thatsache bezeugen.
Diese Dörfel und Leibnitz erheben sich mitten in Ebenen von mäßiger Ausdehnung, welche von einer unübersehbaren Reihe von Circus und Ringwällen begrenzt waren. Diese beiden Ketten sind die einzigen, welche in der Region der Circus sich treffen. Verhältnißmäßig wenig uneben ragen hie und da einige schroffe Spitzen empor, von welchen der höchste siebentausendsechshundertunddrei Meter mißt.
Aber das Projectil gewährte von alle diesem nur den Gesammtüberblick, und das Einzelne der Bodengestaltung verschwand in diesem stark blendenden Glanz der Scheibe. Den Augen der Reisenden zeigten sich wieder die Mondlandschaften in dem uralterthümlichen Aussehen mit rohen Tönen ohne Abstufung der Farben, ohne Nuancen der Schatten, grell weiß und schwarz, weil das zerstreute Licht mangelte. Doch verfehlte der Anblick dieser öden Welt nicht, selbst durch seine Seltsamkeit sie zu fesseln. Aber nirgends sahen sie eine Spur von Vegetation, einen Anschein von Städten; nichts als Schichtungen, Rinnen von Lavaströmen, ausgeworfenen Massen, glatt wie ungeheure Spiegel, welche die Sonnenstrahlen mit unerträglichem Glanz reflectirten. Nichts von lebender Welt, nur eine erstorbene, wo die Lavinen, vom Gipfel der Berge herabrollend, geräuschlos in den Abgrund versanken. Sie hatten zwar die Bewegung, aber das Geräusch fehlte ihnen noch.
Barbicane stellte durch wiederholte Beobachtung fest, daß die Bodenerhöhungen am Rand der Mondscheibe, obwohl sie der Einwirkung anderer Kräfte unterworfen waren, als die der Region der Mitte, doch eine gleichförmige Bildungsform zu erkennen geben. Die gleiche, kreisförmige Gestaltung, dieselben Bodenerhebungen. Doch konnte man denken, es müßten damit nicht auch ihre Beschaffenheiten analog sein. Im Centrum war in der That die noch dehnbare Kruste des Mondes der doppelten Anziehung des Mondes und der Erde unterworfen, welche in entgegengesetzter Richtung gemäß eines von einem zum andern verlängerten Radius wirkte. Dagegen an den Rändern der Scheibe war die Anziehung des Mondes so zu sagen senkrecht zur Anziehung der Erde gewesen. Es scheint nun, als hätten die unter diesen beiden Bedingungen bewirkten Bodenerhebungen eine verschiedene Form bekommen müssen. Aber so war es nicht. Der Mond hatte nämlich in sich allein das Princip seiner Bildung und Grundbeschaffenheit gefunden. Er verdankte nichts äußeren Kräften. Dies rechtfertigte den merkwürdigen Satz Arago's: »Keine von außen einwirkende Kraft hat zur Bodengestaltung auf dem Monde beigetragen.«
Wie dem auch sei, in ihrem gegenwärtigen Zustand war diese Welt das Bild des Todes, ohne daß man sagen konnte, es sei jemals vom Leben beseelt gewesen.
Michel Ardan glaubte jedoch einen Haufen Ruinen zu erkennen, welche er der Aufmerksamkeit Barbicane's empfahl. Es war dies etwa unterm achtzigsten Breitegrad und dem dreißigsten der Länge. Diese Haufen von ziemlich regelmäßig daliegenden Steinen bildeten wohl die Figur einer ungeheuren Befestigung, welche einen der langen Streifen beherrschte, die vormals in vorhistorischer Zeit Flußbette waren. Nicht weit entfernt erhob sich zu einer Höhe von fünftausendsechshundertsechsundvierzig Meter das Ringgebirge Short, welches dem asiatischen Kaukasus gleicht. Michel Ardan behauptete in seiner gewohnten Hitze, das Festungswerk sei klar erwiesen. Darunter gewahrte er die niedergeworfenen Wälle einer Stadt; hier die noch unverletzte Wölbung eines Porticus; dort zwei bis drei Säulen unter ihrem Säulenstuhl; weiter hinaus eine Reihe von Bogengewölben, welche zur Stütze einer Wasserleitung bestimmt waren; anderswo die Pfeiler einer Riesenbrücke. Dieses alles erkannte er, aber mit so viel Phantasie im Anschauen durch ein phantastisches Fernrohr, daß man auf seine Beobachtung sich nicht verlassen kann. Und doch, wer möchte behaupten, wer wagte zu sagen, daß der liebenswürdige Kamerad nicht wirklich sah, was seine beiden Genossen nicht sehen wollten?
Die Augenblicke waren zu kostbar, um sie einer müßigen Erörterung zu opfern. Die Selenitenstadt, eingebildete oder wirkliche, war schon in der Ferne nicht mehr sichtbar. Die Entfernung des Projectils von der Mondscheibe war im Zunehmen begriffen, und die Einzelheiten singen an, in unklarer Verworrenheit zu verschwinden. Nur die Erhöhungen, die Circus, Krater, Ebenen blieben kenntlich, um ihre begrenzenden Linien zu sehen.
In diesem Augenblick zeigte sich links eine der schönsten Circus der Mondorographie, eine der Merkwürdigkeiten dieses Continents. Es war Newton, den Barbicane nach der Mappa selenographica leicht erkannte.
Newton liegt genau unterm 77° südl. Br: und 16° östl. Länge. Er bildet einen ringförmigen Krater, dessen siebentausendzweihundertvierundsechzig Meter hohen Wälle unübersteigbar schienen.
Barbicane machte seinen Genossen die Bemerkung, daß der Krater dieses Berges bei Weitem tiefer sei, als die umgebende Ebene. Diese enorme Höhlung ließ sich gar nicht messen, und bildete einen finsteren Abgrund, auf dessen Grund niemals die Sonnenstrahlen zu dringen vermochten. Da herrscht, nach Humboldt's Ausdruck, absolute Finsterniß, von keinem Lichtstrahl der Sonne oder der Erde gemildert. Die Mythologie würde da mit Recht den Eingang zur Unterwelt gefunden haben.
»Newton, sagte Barbicane, ist ein vollendetes Charakterbild der Ringberge, wovon man auf der Erde nicht eine Spur findet. Sie beweisen, daß die Formbildung des Mondes auf dem Wege des Erkaltens gewaltsamen Ursachen zuzuschreiben ist; denn während, von einem Feuer emporgetrieben, die Bodenerhebungen zu beträchtlicher Höhe gediehen, zog sich der Boden zurück und ward weit niedriger, als das Niveau des Mondes.
– Ich widerspreche dem nicht«, erwiderte Michel Ardan.
Einige Minuten, nachdem man an Newton vorüber war, beherrschte das Projectil direct das Ringgebirge Moret. Es fuhr ziemlich entfernt vor den Gipfeln des Blancanus vorüber, und erreichte gegen halb acht den Circus Clavius.
Dieser Circus, einer der merkwürdigsten der Scheibe, liegt unterm 58° südl. Br. und 15° östl. Länge. Seine Höhe wird auf siebentausendeinundneunzig Meter geschätzt. Die Reisenden, welche vierhundert Kilometer entfernt waren, die sich durch das Fernrohr auf vier beschränkten, konnten das Ganze dieses ungeheuren Kraters bewundern.
»Die Vulkane der Erde, sagte Barbicane, sind doch nur Maulwurfshügel in Vergleichung mit denen des Mondes. Mißt man die alten Krater des Aetna und Vesuv, welche durch ihre ersten Ausbrüche gebildet wurden, so findet man sie kaum sechstausend Meter breit. Der Circus des Cantal in Frankreich zählt zehn Kilometer; auf Ceylon mißt der Circus der Insel siebenzig Kilometer, und er wird als der größte des Erdballs angesehen. Was wollen diese Diameter gegen den des Clavius bedeuten, welchen wir in diesem Augenblick betrachten?
– Wie breit ist er denn? fragte Nicholl.
– Zweihundertsiebenundzwanzig Kilometer, erwiderte Barbicane. Dieser Circus ist allerdings der bedeutendste auf dem Mond; aber manche andere messen zweihundert, hundertundfünfzig, hundert Kilometer!
– Ach! meine Freunde, rief Michel aus, stellen Sie sich vor, was mußte dieses friedliche Nachtgestirn sein, als seine Krater voll Donner und Blitz alle auf einmal Lavaströme, Steinhagel, Rauchgewölke und Feuerstrahlen auswarfen! Was für ein wundervolles Schauspiel damals, und jetzt welcher Verfall! Dieser Mond ist nur noch das magere Gerippe eines Kunstfeuerwerks, dessen Petarden, Raketen, Serpentofen, Sonnen nach einem prachtvollen Glanz nur traurige Auszackungen von Karton hinterlassen haben. Wer vermöchte die Ursache, den Grund, die Berechtigung dieser gewaltsamen Umbildung anzugeben?«