Da konnte das Eiland trotz aller seiner Perlenschätze kein angenehmer Aufenthalt sein, und ich war herzlich froh, als ich vernahm, daß wir schon am Nachmittage die Insel wieder verlassen würden.
Die Motordschonke blieb hier, um fernerhin Razzias gegen die Piraten zu veranstalten. Wir benutzten zur Weiterfahrt einen der beiden kleinen Dampfer, und auf diesen wurden auch die gefangenen Chinesen und wenigen Japaner untergebracht, die wir aus dem Wasser gefischt hatten. Sie blieben an Händen und Füßen gebunden, wurden aber sonst sehr bequem untergebracht. Auch wenigstens die Hälfte der Besatzung der Dschonke kam mit hinüber auf den Dampfer, vorläufig noch als Chinesen verkleidet. Unter ihnen befand sich auch der kleine, krummbeinige Nasenkönig, den ich nun schon als eine gewichtige Persönlichkeit kennen gelernt hatte. Ferner nahm der Dampfer alle seit Wochen gesammelten Perlen mit, einen ansehnlichen Sack voll.
Wir verließen die Bucht noch am hellen Tage und hatten bei Anbruch der Dunkelheit die gefährlichsten Wasserstraßen hinter uns. Es wurde die ganze Nacht gedampft, und als ich am andern Morgen an Deck kam, wußte ich noch immer nicht unser Ziel.
Einige Stunden später erhob sich vor uns aus der See ein dunkler Gegenstand. Ich kann nicht schildern, wie sich dieser nach und nach zu einem imposanten Felsplateau entwickelte, welches mit schroffen Wänden aus dem Meere stieg.
Zu Mittag speiste ich allein mit Nobody in dessen kleiner Kajüte, wurde von ihm immer nicht nur wie ein angesehener Gast, sondern wie ein vertrauter Freund behandelt, ohne daß ich mir noch klar werden konnte, woher diese liebenswürdige Zuvorkommenheit stammte, und als ich dann wieder mit ihm das Deck betrat, präsentierte sich mir der abgeplattete Felsenberg in seiner gewaltigen Majestät. Er war so geformt, daß er große Aehnlichkeit mit der Insel Helgoland hatte; wie eine Kiste lag er auf dem Meere, aber von weit mächtigeren Dimensionen und vor allen Dingen auch viel höher. Helgoland gleicht einer auf der breitesten Seite liegenden Zigarrenkiste. Hier war die Zigarrenkiste auf ein Kopfende gestellt.
»Kennen Sie diesen Berg?« fragte mich Nobody.
Solch ein schroff aus dem Meere steigendes Felsengebilde ist stets ein wichtiges Seezeichen für die Schiffer und auf allen Seefahrtskarten vermerkt, aber es gibt deren zahllose. Der am einsamsten im Weltmeer liegende Berg ist das englische Assuncion.
Ich verneinte die Frage.
»Es ist der Mountain of sulphur, der Schwefelberg. Als Seewahrzeichen kommt er nur wenig in Betracht.«
»Wem gehört er?«
»Mir!« lautete die lakonische Antwort.
»Ihnen?« wiederholte ich erstaunt.
Ich hatte doch gemeint, ob er den Engländern oder den Chinesen gehöre.
»Unter englischer Flagge steht er, aber er ist dennoch mein oder unser Eigentum. Als England ganz Australien und die polynesischen Inseln okkupierte, wurde das alles durch Lose an die englischen Lords verteilt. Das ist gegen Entschädigung wieder zurückgenommen worden, doch es gibt noch Ausnahmen. Der Eigentümer dieses Schwefelberges nebst der darumliegenden Inseln ist Lord Hannibal Roger; er hat sich erst vor kurzem in diesem Besitze parlamentarisch bestätigen lassen und darauf die Schwefelinseln samt diesem Berge mir oder vielmehr der Firma Nobody & Kompanie rechtskräftig abgetreten.«
Erst jetzt gewahrte ich eine Inselgruppe, welche sich um den Berg, herum lagerte. Die Eilande, obwohl ebenfalls bergig, verschwanden gegen den Meeresriesen, welcher selbst immer mächtiger hervortrat.
»Wie groß ist der Schwefelberg?«
»Acht englische Meilen im Umfang.«
»Nicht möglich!«
»Doch. Wir sind noch weit ab, und da kann man sich sehr irren.«
»Und wie hoch?«
»Etwa tausend Meter. Aber das ist nur indirekte Messung. Bestiegen hat ihn noch kein Mensch.«
»Weshalb nicht?«
»Weil er eben unersteigbar ist. Wie soll man da hinaufkommen?«
»Ich erkenne doch treppenartige Terrassen.«
»Ja, aber wie hoch diese Stufen sind!« lachte Nobody. »Da kann man keine Leitern anlegen. Die Terrassen sind auch nicht so regelmäßig, wie sie von hier aus erscheinen.«
»Ist es ein erloschener Vulkan?«
»Sicher nicht. Gerade hier ist der Boden gar nicht vulkanisch. Das Plateau ist jedenfalls völlig eben.«
»Aber deutet Schwefel nicht immer auf vulkanische Eruptionen hin?«
»Sie meinen wegen des Namens Schwefelberg und Schwefelinseln? Diese Inseln heißen wahrscheinlich deshalb so, weil auf ihnen der Schwefel fehlt. Man sagte, einige Quellen sollten Schwefel enthalten. Ich habe daraufhin sämtliche Quellen und Bäche untersuchen lassen, aber auch nicht die geringste Spur von Schwefel darin gefunden.«
»Ich sehe Vögel zu- und wegfliegen.«
»Sehen Sie wirklich? Donnerwetter, haben Sie gute Augen!« bewunderte mich Nobody, der das Fernrohr zur Hand genommen hatte. »Sie sehen ja bald noch schärfer als ich. Was schließen Sie daraus, daß dort oben Vögel leben?«
»Dann muß es dort oben auch Wasser geben.«
»Ist nicht nötig. Es können auch Seevögel sein, Möwen, die dort oben nur nisten, die brauchen kein frisches Wasser.«
»Nein, ich unterscheide auch Landvögel.«
»Können Sie das wirklich unterscheiden? Ich bewundere Sie. Nun ja, es mag sich auf dem Plateau Regenwasser ansammeln.«
»Wie kommt es nur, daß England aus diesem Meeresfelsen kein zweites Gibraltar schafft?«
»Ich sagte Ihnen doch schon, daß der Felsen unersteigbar ist.«
»Es gibt gar keinen Felsen, keinen Berg, keine Felsenwand, die unersteigbar ist; die menschliche Ausdauer, verbunden mit unsrer heutigen Ingenieurwissenschaft, überwindet jedes Hindernis, sie erklimmt auch die steilste Wand und bringt auch die schwersten Geschütze hinauf. Warum schafft England hier nicht eine unüberwindliche Seefeste, wie es sonst seine Gewohnheit ist?«
Ich muß hierbei nochmals bemerken, wie Nobody immer direkt wollte, daß ich an ihn Fragen stellte, er wollte meine Ansichten hören, er verlangte es. Daran hatte ich mich nun schon gewöhnt, daß ich es ganz von selbst tat.
»Sie haben recht,« entgegnete er jetzt. »Auch ich lasse bereits einen Pfad in den Felsen hauen, auf welchem ich dann als erster Mensch diesen jungfräulichen Berg besteigen werde, um ihn danach >Nobodys Mountain< zu taufen. Kanonen lassen sich da freilich noch lange nicht hinausschaffen, das kostet vielleicht die Arbeit von hundert, von einigen hundert Jahren. Ich kenne das. Bringen Sie nur einmal kleine Geschütze einen gewöhnlichen Alpenpaß hinauf! Uebrigens hat dieser Felsenberg für eine Seemacht besonders deshalb gar keine Bedeutung, weil auf drei Seiten zu seichtes Fahrwasser für größere Kriegsschiffe ist, und auf der vierten Seite gibt es auch keine Inseln, da hebt sich die Felswand vollständig senkrecht aus dem Meere.«
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf eine der Inseln gelenkt, der wir uns unterdessen so weit genähert hatten, daß von den andern nichts mehr zu sehen war. Wir liefen in einen von Quaimauern geschützten Hafen ein, in dem außer Dschonken und kleineren Fahrzeugen auch zwei ziemlich große lagen, das eine davon wie ein großes Torpedoboot aussehend. Das waren die >Heliotrop< und die >Wetterhexe<.
An den Ufern sah ich Hunderte von Chinesen beschäftigt, meist mit Mauerarbeiten, sie waren Sklaven, wurden aber von keiner Sklavenpeitsche angetrieben - überall erblickte ich nur heitere und zufriedene Gesichter.
Nahe am Hafen erhob sich eine stattliche Häuserstadt, daran grenzten Fluren und Wälder, wie ich die ganze Lieblichkeit dieser im gesegnetsten Klima gelegenen Insel auch schon von weitem hatte bewundern können, und einige von Kanonen starrende Bastonaden störten diesen friedlichen Eindruck nicht.
Noch hatten wir den Dampfer nicht befestigt, als ein Boot sich längsseit legte, und ich war nicht wenig überrascht, daß zwei Frauen die ersten waren, welche das Deck betraten. Das heißt, von einem >Betreten< kann eigentlich nicht die Rede sein, sie stürzten vielmehr gleich auf Nobody zu, der sich jetzt aber nicht mehr als Chinese präsentierte.
Die eine hätte ich bald für eine Müllerin gehalten, sie hatte so ein weites, weißbestäubtes Sacktuch um, desgleichen um den Kopf, während die andre, ein schwarzer Lockenkopf, in dem kurzen Reitkleid mit Ledergamaschen einen mehr amazonenhaften Eindruck machte, aber zugleich auch einen etwas zigeunerhaften, denn an ihrem Kostüm flatterten einige Fetzen.
»Alfred!«
»Gabriele, Turandot!«
Die eine, die Müllerin, lag an Nobodys Brust, die andre, die Zigeunerin, hing sich ihm, weil sie vorn keinen Platz mehr hatte, hinten auf den Rücken.
Hiermit wollen wir August Hammers persönlichen Bericht abbrechen, obgleich er in Wirklichkeit noch weitergeht.
Der Zweck war, dem Leser so kurz wie möglich zu schildern, was Nobody in China treibt, und wie er sich auf der Insel, die er einmal seine zukünftige Heimat nannte, eingerichtet hat.
Daß längere Zeit bei dem Schwefelberge verweilt wurde, hat seine besondere Bedeutung, wie später erkannt werden wird. Er sollte in Nobodys Leben noch eine große Rolle spielen.
Es sei nun bloß noch einer Person in Kürze gedacht, bei der sich Hammers Bericht zu lange aufhält.
Das ist Gabriele. Hammer sieht sie zwar schon an Deck des Dampfers und denkt, es ist eine Müllerin, weil sie so einen staubigen Kittel anhat, lernt sie aber erst richtig in ihrem Bildhaueratelier kennen, wo sie von einem italienischen Künstler, den Nobody direkt aus Rom >bezogen< hat, unterrichtet wird, soweit sie noch eines Unterrichtes bedarf, um das Höchste in der Bildhauerei zu erreichen.
Daß wir das junge Mädchen, oder jetzt vielmehr die junge Frau, welche noch vor kurzem als Jussuf el Fanit die libysche Wüste unsicher machte, jetzt auf einer einsamen Insel als Bildhauerin wiederfinden, ist durchaus nicht wunderbar.
Wolle sich der geneigte Leser nur entsinnen, wie Nobody als vorgeblicher Blinder in der Felsenkammer des Geiergebirges die aus Stein gehauene Badewanne mit der plastischen Skulptur, badende Nymphen darstellend, bewunderte, und was damals über die französischen Journale gesagt wurde, welche solche in Mode gekommene Badewannen abbildeten.
Das war ganz einfach aus Gabrieles eigner Hand hervorgegangen, das und noch manches andre, was Nobody dann noch später zu sehen bekam. Sie hatte es nicht gelernt, niemand hatte es ihr gezeigt, sie konnte es. Das ist das Genie. Ein innerer Drang hatte ihr, wenn sie sich in die Einsamkeit zurückzog, immer wieder Hammer und Meißel in die Hand gegeben. Die Vorlage zu jenen badenden Nymphen hatte sie einem französischen Journal entnommen.
»Seelenverwandtschaft,« sagte Nobody in seiner trocknen Weise, wenn das Gespräch daraufkam, »das ist Fügung, daß wir beide für alles schwärmen, was von Stein ist. Nur ein kleiner Unterschied ist dabei: meine Frau macht Figuren, und ich mache Löcher.« -
Der Mann, der ein Fürstentum im Stich gelassen, hatte sich im Handumdrehen ein neues Reich geschaffen, über das er unumschränkter als jeder Monarch herrschte. In der Welt war er ein Niemand, hier aber sollte seine Heimat sein. Hier auf dieser Insel schleppte er alles zusammen, was er bei seinen Abenteuern draußen in der Welt schön und stark und groß und edel fand, und was ihm nicht gefiel, durfte nicht in sein abgesperrtes Reich hinein - was wohl kein andrer Fürst durchsetzen kann.
Aber es lag nicht in Nobodys Charakter, sich nun auf seinen Lorbeeren auszuruhen und den allmächtigen Gewalthaber zu spielen. Dazu war er viel zu unruhig, er mußte wieder hinaus, neue Abenteuer zu bestehn, das war geradezu eine Sucht bei ihm; dabei sammelte er Schätze, das heißt vor allen Dingen Menschen, die ihm gefielen, die >kaufte< er sich, brachte sie mit nach seiner Insel oder schickte sie hin, und wenn es nötig war, so mußte ihm alles behilflich sein, um seine Pläne auszuführen oder sein Ziel zu erreichen.
So werden wir die Hauptpersonen, welche wir bereits aus Nobodys Tagebuch näher kennen lernten, ab und zu immer wieder irgendwo auftauchen sehen, um gemeinsam mit Nobody zu operieren, und hierzu gehört auch die gefangene Prinzeß Marguérite.
Was für ein Unternehmen Nobody nun gleich nach dem Betreten seiner Insel vorbereitete, das ist das abenteuerlichste und kühnste zugleich, auf das sich ein Mensch wohl jemals eingelassen hat, und zwar ist es die Einleitung zu einem furchtbaren, historischen Drama, welches gerade jetzt alle Welt beschäftigt.
2. Vorbereitungen
Der Leser kennt das Märchen von den sieben Zwergen, die in sieben Bettchen schlafen.
So lagen sie da, aber nicht sieben Zwerge, sondern sieben erwachsene Japaner, von einem Graubart an bis zum bartlosen Jüngling, und sie lagen nicht in weichen Bettchen, sondern auf Pritschen, die allerdings mit Matratzen belegt waren, aber oben und unten an dem starken Brette waren eiserne Ringe eingelassen, und an diese waren Hände und Füße mit kurzen Ketten geschlossen.
So lagen die Gefangenen auf dem Rücken da, wie die geprellten Frösche, unfähig, ein Glied zu rühren. Sie trugen noch dieselben japanischen, stark mitgenommenen Kleider, in denen man sie aus dem Wasser gefischt hatte, denn es waren die Japaner von dem in den Grund gerammten Dampfer, die gerettet worden waren, obwohl sie es gar nicht gewollt hatten.
Alle hatten die Augen geschlossen; ihre Brust ging ruhig.
Die sieben Pritschen standen in einem geräumigen, sonst leeren Zimmer, durch dessen Mitte ein weicher Teppichläufer ging, und auf diesem wanderte mit geräuschlosem Schritt ein in einfache Seemannstracht gekleideter Mann auf und ab, am Gürtel den Entersäbel und zwei Revolverfutterale. Es war der Wächter.
Die Tür ging auf. Der uns schon bekannte Mr. Hawsken, Nobodys Sekretär, trat ein, gefolgt von Hammer und einigen andern Männern, welche rauchende Speisekessel, Teller und andres Geschirr trugen.
Beim Anblick der sieben Japaner schien Hawsken zu stutzen; fragend sah er den Wächter an.
»Die sind ja gefesselt!? Wer hat das angeordnet?«
»Mr. Paulsen.«
»Hat das der Master befohlen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Unsinn! Das kann er nicht gewollt haben, denn wen der Master einschläfert, der liegt fester als in Fesseln. Zum Essen müssen sie sich auch frei bewegen können. Hole den Schlüssel! - Auf meine Verantwortung!«
Während der Matrose gehorchte, ging Hawsken von einem der noch immer wie schlafend Daliegenden zum andern, setzte jedem zwei Fingerspitzen auf die Augen und schob so die Lider in die Höhe. Bei allen sah er von den Augen nur das Weiße, so waren die Pupillen nach oben verdreht.
»Alles in Ordnung; sie schlafen wie die Gelenkpuppen.«
Schon war der Schlüssel zur Stelle; die Fesseln wurden aufgeschlossen.
Hawsken hieß die Männer mit ihren rauchenden Schüsseln zurücktreten, er selbst blieb in der Mitte des Zimmers stehn. Man sah, wie er sich sammelte, seine Willenskraft konzentrierte.
Das Nächstfolgende war nur denen verständlich, welche Japanisch sprachen. Wir können es natürlich nur auf deutsch wiedergeben.
»Tausendeins!!« rief Hawsken, nicht besonders laut, aber energisch.
Wie von einer Viper gestochen, zuckte der erste Japaner von links zusammen, blieb aber noch liegen.