»Entschuldige, ich dachte nicht daran, daß dich so etwas erschrecken könnte.«
Nobody küßte Gabriele zärtlich die Hand und ließ sich in einem Fauteuil nieder. Sie setzte sich wieder an ihren Arbeitstisch, faltete aber die Hände im Schoß.
»Nein, erschrecken durchaus nicht, aber ... mir, dem in wilder Freiheit aufgewachsenen Weibe, ist schon der Gedanke entsetzlich, daß der Wille eines Menschen so beeinflußt werden kann, bis er nur noch ein Automat ist. Ich weiß nicht ... ich kann mich nicht ausdrücken ... ich fühle es ... solch ein Hypnotisierter wirkt auf mich fast nervenlähmend.«
»Ich verstehe dich vollkommen,« entgegnete Nobody, »und ich teile ja ganz deine Ansicht, wie ich dir schon oft gesagt habe. Ich beweise meinen Widerwillen gegen die Hypnose auch durch die Tat. Es wäre mir doch ein leichtes, Margarete durch einen posthypnotischen Befehl von ihrem unglücklichen Wahne zu heilen, aber es empört mich, einen Menschen so für sein ganzes Leben zum Sklaven eines fremden Willens zu machen. Doch was soll ich mit diesen sieben geretteten Japanern anfangen? Wie gesagt, ich könnte sie binden und knebeln, wie ich wollte, sie würden doch noch ein Mittel finden, Selbstmord zu begehn. Ein eigentümliches Volk, die Japaner! Das hängt mit ihrer buddhistischen Religion zusammen, welche die Wiedergeburt predigt. Was tut's, wenn ich sterbe? Ich komme immer wieder. Was täte es, wenn unsre ganze Nation durch einen Krieg aufgerieben würde? Mann für Mann werden wir wiederkommen, bis der Sieg unser ist. Denn der Japaner ist kein Indier. Dieselbe Lehre von der Wiedergeburt, welche den Indier zum jämmerlichen Weichling entnervt hat, entflammt den Japaner zu den heroischsten Taten. Ich aber denke anders über den Selbstmord. Es geht gegen mein Gewissen, Japans edelste Söhne freiwillig sterben zu sehen, weil sie zufällig in meine Gefangenschaft geraten sind.«
»Japans - edelste Söhne?« wiederholte Gabriele staunend. »Du sprichst doch nicht von jenen sieben Japanern?!«
»Gewiß, eben von diesen. Hast du es denn noch nicht vernommen? Ich glaubte, Flederwisch, dem ich ausführlich berichtete, hätte es dir erzählt. Nur drei von den Aufgefischten sind gewöhnliche Matrosen. Der Kapitän ist eigentlich auch nichts weiter, spielt nur eine hohe Anführerrolle im gelben Drachen. Aber von den drei andern ist der eine, der Graubärtige, Korvetten-Kapitän in der japanischen Kriegsmarine - der, den du eben gesehen hast, dessen Maske ich jetzt angenommen, das ist Baron Nogi, Leutnant im Gardedragonerregiment, Adjutant des Fürsten Tikono. Und weißt du, wer der Jüngling ist? Das ist Prinz Manimuri, der Neffe des Mikado.«
Gabriele war außer sich vor Staunen. Sie wollte es erst gar nicht glauben.
»Ja, wie kommen die denn aber nur auf den Dampfer, der doch mit der chinesischen Piratenbande zusammenarbeitete?«
»Na, die gehören eben alle mit zum Geheimbunde des gelben Drachen. Ich habe dir doch schon gesagt, daß dieser unter seinen Mitgliedern die edelsten und sogar die mächtigsten Männer Japans zählt.«
»Ja, wie können aber nur aktive Offiziere gemeinschaftliche Sache mit einem Piratenkapitän machen, ganz offen mit ihm auf den Raub auszugehn?!«
»Nun, so ist es allerdings nicht. Ich habe ja alles aus ihnen heraushypnotistert. Eine Inspektionsreise nach den Pirateninseln wollten sie schon einmal mitmachen! Da haben die Herren Offiziere eine Segelregatta verabredet und sich vom >Drachenkopf< von einer gewissen Insel abholen lassen. Nur einmal für einen oder zwei Tage! Nun kannst du dir aber denken, wie denen jetzt zumute ist! Als Besatzung eines Piratenschiffs gefangen! Sechzehn Japaner waren drauf, vier sind bei dem mörderlichen Zusammenstoß getötet worden, fünf haben sich gleich im Wasser den Leib aufgeschlitzt oder sich den Dolch ins Herz gestoßen, lauter Offiziere oder hohe Staatsbeamte, wenn auch nicht gerade Prinzen und Barone. Die sieben hier würden sich doch ebenfalls sofort töten. Was bleibt ihnen denn auch andres übrig? Zurück können sie nicht wieder.«
»Kannst du nicht ruhig mit ihnen sprechen? Du sicherst ihnen deine Teilnahme zu, gibst ihnen dein Ehrenwort, nichts zu verraten, sie haben bei der Segelregatta Schiffbruch erlitten, du hast sie auf deine Jacht aufgenommen ...«
»Höre auf, Gabriele! Wenn du so sprichst, dann kennst du die Japaner noch nicht. Bei den Matrosen ginge das vielleicht, aber doch nicht bei den Offizieren. Das sind stolze Samurais. - Na, lassen wir das jetzt! Ich werde doch noch ein Mittel finden, sie wieder in allen Ehren nach ihrer Heimat zurückschicken zu können, und bis dahin müssen sie eben schlafen. - Ich wollte jetzt mit dir über etwas sprechen, Gabriele, ich wollte mir deine Erlaubnis zu etwas einholen!«
»Meine Erlaubnis?« lächelte die junge Frau. »Seit wann hast du denn die nötig?«
»Bitte, es kann doch einmal der Fall eintreten. Die Sache ist die: endlich ist es mir gelungen, ein führendes Mitglied des gelben Drachen lebendig in meine Hände zu bekommen ...«
»Und nun willst du, nachdem du dich über alles orientiert hast, dich selbst in chinesischer oder japanischer Maske in die Höhle des gelben Drachen wagen und die Rolle eines Anführers spielen,« fiel ihm Gabriele gleichmütig ins Wort. »So geh doch!«
Es war eine ehemalige Wüstenräuberin, die so sprach, und sie wußte, daß sie keinen Spießbürger, sondern den Detektiv Nobody geheiratet hatte.
»So geh doch, dazu brauchst du meine Erlaubnis doch nicht!«
»Gestatte mal gütigst, daß ich vorläufig noch ein bißchen hier bei dir bleibe!« scherzte Nobody, es klang aber etwas gezwungen. »Nein, ich denke an etwas andres. Da käme nur der Piratenkapitän in Betracht, und das ist ein kleiner Mehlsack, in dessen Haut passe ich nicht. Außerdem beabsichtige ich, mit den Piraten, soweit sie im Dienste des gelben Drachen stehn, Frieden zu schließen. Das sind gar keine so unrechten Kerls. Vor allen Dingen gefällt es mir, daß sie alles Opium, was sie den Dschonken abnehmen, ins Meer versenken. Gern und freiwillig tun sie es ja nicht, sondern der gelbe Drache befiehlt es ihnen, und dieses Vieh ist es ja auch, das ich ganz gern etwas poussieren möchte. Trotzdem will ich noch immer in seine Höhlengeheimnisse dringen. Ich will noch mehr wissen, als ich als Piratenkapitän erfahren kann, und jetzt ist gerade die beste Gelegenheit, um mit demselben Schlage auch noch eine andre Fliege zu klatschen. Da ist der Baron Nogi, wie gesagt, Leutnant beim Leibregiment, Adjutant des japanischen Generalfeldmarschalls - soll ein höllisch schneidiger Kerl sein, der Baron Nogi nämlich - und klug dazu - ist schon im Generalstabe gewesen - außerdem ist es ganz bestimmt, das habe ich alles aus ihm heraus-hypnotisiert, daß er nächstens in geheimer Mission nach Petersburg geschickt wird, wird dort der japanischen Gesandtschaft beigesellt - da gäbe es für mich noch etwas andres auszuspionieren als nur die Geheimnisse des gelben Drachen, da handelt es sich um die höchste und allerhöchste Politik ...«
Nobody brach ab.
Nur der Blick seiner Frau hatte ihn verstummen lassen. Auch er war Mensch. Und eine Frau ist immer eine Frau.
»Alfred ... du willst ... doch nicht ... etwa ...?«
»Ja, ich will sehr stark,« nickte Nobody.
»Die Maske ... dieses japanischen Barons ... annehmen?«
»Habe ich bereits angenommen. Du, meine eigne Frau, hast mich ja nicht einmal von ihm unterscheiden können.«
»Du willst ... als dieser Baron Nogi ... nach Japan gehen?«
»Jawohl, nach Tokio.«
»Als Baron ...«
»Jawohl, ich habe auch Zutritt bei Hofe. Ei gewiß, ich bin immer einer von den ersten mit - ich bin doch der persönliche Adjutant des Fürsten Tikono - und mein Papa ist Schatzkämmerer des Mikado.«
»Als japanischer Offizier ...«
»O, ich will meine Dragoner schon auf dem Exerzierplatze drillen - bis sie rauchen.«
»Und du willst doch nicht etwa nach ...«
»Nach Petersburg? Ei freilich, das gibt ja gerade den Hauptspaß. Jawohl, ich gehe als geheimer Kurier nach Petersburg. Na, was denn? Nogi, Nobody - das klingt schon ganz ähnlich, wir fangen alle beide mit No an und hören mit i auf, und ich will überall durchkommen. Nur die japanische Kriegsschule fehlt mir; diese Kenntnisse kann ich nicht aus ihm heraushypnotisieren, aber sonst alles, was ich brauche. Mir soll einmal jemand nachweisen, daß ich nicht wirklich der Baron Nogi wäre.«
Gabriele schüttelte erst den Kopf, dann blickte sie zum Himmel empor. Dort oben sah sie vielleicht schon die fürchterlichsten Verwicklungen, die ihrem Manne drohten.
Dann aber, als sie sich ihm wieder zuwandte, sagte sie ganz gelassen: »Wenn du das Unternehmen für angebracht hältst, und wenn du glaubst, daß es dir gelingen wird, so tue es doch! Was brauchst du dazu meine Erlaubnis?«
Der eiserne Nobody wußte dann später nicht mehr, was mit ihm eigentlich vorgegangen war. Er kannte sich selbst nicht mehr. Wie gesagt, er war eben auch nur ein Mensch, und vor ihm saß seine Frau - noch dazu seine junge Frau.
Jetzt tastete er immer an der rechten Seite seiner gelben Pluderhose herum, und da er dort keine Tasche fand, fand er auch sein Taschentuch nicht, und er hätte sich doch so gern einmal die Nase geschneuzt.
»Ja, siehst du ... es ist wegen ... die Sache ist die ... du hast doch schon von der Baronin Nogi gehört?«
Nobody kam es vor, als ob er einen Frosch im Halse sitzen habe.
»Du meinst die Mutter des Barons? Nein, wie soll ich die kennen?«
»Nicht die Mutter, sondern ... sondern ...«
»Seine Frau? Ach so, er ist wohl schon verheiratet?«
»Ja, natürlich ist er schon verheiratet!« platzte Nobody heraus und war froh, daß es ihm endlich gelungen war. »Warum soll er denn nicht verheiratet sein?!« setzte er noch förmlich entrüstet hinzu. »Er ist doch alt genug dazu?!«
Es kam etwas ganz andres, als er erwartet hatte.
»Hat er schon ein Kind?« fragte Gabriele lebhaft,
Es war der erste Gedanke einer jungen Frau gewesen.
»Ei freilich ... ei gewiß ...«
»Einen Jungen?«
»Ei ... einen Jungen ... jawohl, ich glaube, 's ist ein Junge ... und ... und ...«
»Und ein Mädchen?«
»Jawohl, zwei ... zwei ... das heißt, eigentlich sind's zwei ... zwei Dutzend!«
Gott sei Dank, nun war's überstanden!
Gabriele aber machte natürlich große Augen.
»Was? Habe ich dich recht verstanden? Dieser Baron Nogi hätte schon vierundzwanzig Kinder?«
»Jawohl - vierundzwanzig - oder zwei Dutzend - zwei Dutzend oder vierundzwanzig, das ist doch ganz genau dasselbe, nicht wahr? Na, warum soll er sie denn nicht haben? Der hat eben jung angefangen.«
»Aber ich bitte dich, vierundzwanzig Kinder! Dieser Japaner ist doch noch keine dreißig!«
»Nee, das nicht, aber ... aber ...,« jetzt tastete Nobody krampfhaft an der linken Hälfte seiner gelben Seidenhose herum, ohne eine Tasche finden zu können. »Na, du kennst doch die japanischen Verhältnisse, er hat eben neben seiner ersten Frau noch fünf andre, das sind zusammen sechse - von jeder hat er also viere, sechsmal vier ist vierundzwanzig, und ... und ... das ist doch gar nicht zu viel? Meinst du nicht?«
Gabriele antwortete nicht, sie sah ihren Mann nur starr an - lange Zeit.
»Ah so, jetzt beginne ich erst zu verstehn, was du eigentlich willst,« begann sie dann zu flüstern, immer noch mit jenen starren Augen. »Du willst ja diesen Baron Nogi vorstellen, seine Kinder werden dich Vater nennen, seine Frau und seine Kebsweiber werden die deinen sein ...«
Plötzlich erhob sich Gabriele; hoheitsvoll stand sie vor ihm, als sie ihm die Hand hinhielt. »Also dazu willst du meine Erlaubnis haben? Du bedarfst ihrer nicht, denn ich kenne dich. Ich weiß, daß du mich liebst, und ich weiß, daß du ein Mittel finden wirst, um mir treu bleiben zu können.«
Auch Nobody war aufgesprungen, nahm hastig die dargebotene Hand, beugte sich tief darüber, küßte sie und eilte wortlos hinaus.
Als er in seinem Ankleidezimmer das japanische Kostüm mit seinem gewöhnlichen Anzuge vertauschte, wußte er, wie schon gesagt, selbst nicht, was mit ihm passiert war, daß er seiner Frau gegenüber so vollständig die Fassung verloren hatte. »Nur die verfluchte Pluderhose ist schuld daran,« murmelte er, als er diese abriß. »Ein Glück nur, daß die japanischen Offiziere schon europäische Uniformen tragen.«
Als er das Haus verließ, stieß er mit Kapitän Flederwisch zusammen.
»Hallo, Alfred! Hast du schon mit deiner Frau darüber gesprochen?«
»Ueber was?« fragte der Stehngebliebene ganz harmlos.
»Daß du die Rolle des Barons Nogi spielen willst?«
»Ja, ich habe es Gabriele mitgeteilt.«
»Nun, hat sie es dir erlaubt?«
»Erlaubt? Was erlaubt?« stellte sich Nobody ganz erstaunt. »Was hat mir meine Frau zu erlauben?«
»Na, zum Teufel, hast du ihr denn auch gesagt, daß der Japaner eine ganze Menge Frauen und Kinder hat, bei denen du nun den Gatten und den Vater vertreten mußt?«
»Ja, natürlich habe ich ihr das gesagt! Was ist da weiter dabei?«
»Und sie ist so ohne weiteres damit einverstanden?!« rief Flederwisch in ehrlichem Staunen.
Jetzt war es Nobody, der sich hoheitsvoll emporrichtete.
»Wenn du so sprichst, so kennst du meine Gabriele noch lange nicht! Es ist ein herrliches Weib! Ich wußte, daß sie nicht im geringsten an meiner Treue zweifelt, und sie weiß, daß ich der Mann bin, um aus jeder Lage einen Ausweg zu finden, und deshalb durfte ich ihr ganz frei und offen mit drei Worten sagen, was ich beabsichtige, und ich brauchte sie nicht erst um irgend welche Erlaubnis zu bitten, was du Pantoffelheld wahrscheinlich getan hättest. Nur dreier Worte bedurfte ich. - Mahlzeit!«
Ohne ob dieser kolossalen Flunkerei etwas errötet zu sein, drehte sich Nobody stolz um und ging seiner Wege.
»He, Alfred, noch einen Augenblick!«
Nobody blieb noch einmal stehn, Flederwisch war ihm nachgekommen.
»Na, was denn?«
»Wieviel Würmer hat dieser Japaner, die du jetzt deine eignen nennen mußt?«
»Würmer? Ich bitte, von meinen Nachkommen etwas respektvoller zu sprechen. Vorläufig vierundzwanzig.«
»Das sind gerade zwei Dutzend.«
»Dumme Bemerkung!«
»Du, Alfred, ich habe eine große Bitte an dich - - wenn du nun einmal so viele Kinder hast, da kommt es dir auf ein paar mehr doch auch nicht an - - ich habe nämlich drei unerzogene Kinder, kleine Schwarze, die laufen in Afrika nackt mang die Brombeeren herum - die könntest du doch eigentlich adopt ...«
»Alberner Kerl!« sagte Nobody und ließ jenen stehn.
»Und in Hinterindien habe ich auch noch viere!« schrie Flederwisch ihm nach.
Nobody hörte nicht.
»Und in Honolulu habe ich sechse auf den Affenbrotbäumen herumklettern!!«
»Wa - was?! Du hast sechs Kinder auf Honolulu?«
Ach du großer Schreck! Der lange Flederwisch knickte so zusammen, daß die kleine Turandot ihn bequem beim Ohrläppchen nehmen konnte.
»Aber, meine Turandot, das war doch nur ...«
»Und in Hinterindien hast du vier?«
»Aber, mein bestes Turandottel,« jammerte Flederwisch, schon beim Ohrläppchen davongeschleift, immer mit geknickten Knien.
»Und in Afrika laufen von dir drei Kinder nackt mang die Brombeeren herum? Komm mal mit, beichte mal weiter!«