»Aber, mein allerliebstes Turandottelchen ...«
»Schon gut, komm mal mit!«
An die Ausführung des kühnen Unternehmens konnte nicht sofort gedacht werden.
Fast ununterbrochen, von früh bis abends stellte Nobody an den hypnotisierten Japaner Fragen, denn dieser erzählte nicht von selbst, es mußte alles aus ihm herausgeholt werden, und hierbei kam die ganze Kunst des Interviewers zum Vorschein.
Eine Woche hatte Nobody hierzu angesetzt. Wollte man diese Fragen und Antworten aufschreiben, so würden sie dicke Bände, eine ganze Bibliothek füllen, und dann hätte Nobody alles dies auswendig lernen müssen, denn so etwas behielt doch auch das fabelhafteste Gedächtnis nicht.
Was hätte Nobody nicht alles wissen müssen, um wirklich als der zurückgekehrte Baron Nogi auftreten zu können, daß ein Mißtrauen gegen seine Echtheit gar nicht aufkam! Das ist ja überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit. Das geht vielleicht bei einem seit vielen Jahren Verschollenen, der in die Heimat zurückkehrt, aber doch nicht so wie hier in diesem Falle, wo Nogi gleich wieder seine alten Beschäftigungen und Gewohnheiten aufnehmen mußte.
Nur eine Möglichkeit hätte es gegeben: Der bei der Segelregatta Verunglückte stellte sich etwas geistesgestört. Dann hätte er sich nach und nach in die Verhältnisse hineinfinden können. Dann aber wäre ihm alles das entgangen, worauf es ihm hauptsächlich ankam. So z. B. wäre der Baron Nogi doch nicht mehr als geheimer Kurier nach Petersburg geschickt worden, wenn er nur ein einziges Mal das leiseste Zeichen von Geistesgestörtheit verraten hätte.
Aber für unsern Nobody lag ja auch der Hauptreiz darin, sich aus eigner Kraft überall durchzuhelfen. Mitten hineingestürzt und nun los! Hier, ich bin der Baron Nogi, Leutnant bei den Gardedragonern, Adjutant des Generalfeldmarschalls Tikono - melde mich zur Stelle, Exzellenz!
Was brauchte er die Namen seiner vierundzwanzig Kinder zu wissen? Wenn er nur zwei beim Namen rufen konnte, so genügte das schon, die andern erfuhr er nach und nach von selbst.
Aber z. B., ob es dem Gardeleutnant erlaubt war, sich von einer japanischen oder sonstigen Zeitung, über sein Abenteuer bei der Segelregatta interviewen zu lassen, das mußte er wissen! Und so etwas brauchte er sich doch nicht zu notieren. Also alles, was er nicht im Kopfe behalten konnte, brauchte er auch gar nicht erst zu fragen. Er notierte sich einige Adressen, nichts weiter. Er konnte sich doch kein Nachschlagebuch anlegen, das er in Tokio fortwährend zu Rate zog.
Trotzdem nun gedachte er nicht weniger als eine Woche zu gebrauchen, um durch zahllose Fragen nur einigermaßen Einblick in die Verhältnisse zu bekommen, in denen sich Baron Nogi bisher bewegt hatte.
Nicht vergessen darf werden, daß er den Hypnotisierten auch schreiben ließ, was dieser in seinem Zustande genau so konnte wie im Wachsein, und der geniale Detektiv, welcher das Japanische in Wort und Schrift vollkommen beherrschte, malte die Zeichen sofort genau so nach, daß sie von denen seines Doppelgängers gar nicht zu unterscheiden waren.
»In Japan soll doch ein weitverbreitetes Spionagesystem herrschen,« meinte Gabriele einmal bei Gelegenheit.
»Ja, im Spionieren sind die Japaner groß. Die Regierung hat überall ihre Spione, ein zweites System geht vom gelben Drachen aus, und in die Geheimnisse dieses Ungeheuers glaube ich eben als Baron Nogi eindringen zu können.«
»Unterhält Japan auch im Auslande Spione?«
»Ganz gewiß. Man kann annehmen, daß die Hälfte aller jener galanten Jüngelchen, die in unsern Kulturstädten studieren oder als Volontäre Stellung nehmen, von der Regierung besoldete Spione sind.«
»Ich denke immer, wenn Baron Nogi als Spion nach Petersburg geschickt und dort der japanischen Gesandtschaft beigesellt wird, so soll er Spionagedienste verrichten.«
»Das denke ich auch.«
»Wie stellst du dich dazu? Wirst auch du spionieren?«
Nobody hielt lange die Schultern emporgezogen.
»Ich weiß, was du meinst; aber Spionage muß sein und ist durchaus kein unredliches Gewerbe. Ich will dir ganz offen meine Meinung sagen: wenn es einmal zum Kriege zwischen Rußland und Japan kommt, was über kurz oder lang geschehen muß, so stelle ich mich unbedingt auf Seite Japans. Denn diese Insel steht unter englischer Oberhoheit, das muß ich anerkennen, und England wird sich mit Japan verbünden, wenn nicht direkt, dann im geheimen.«
»Weshalb?«
»Weil der Zankapfel zwischen Rußland und Japan Korea ist, und wenn sich Rußland dort festsetzt, so hat England sein Indien verloren. Da ich nun gegenwärtig unter dem Schutze der englischen Flagge stehe, werde ich auch nicht gegen das Interesse Englands handeln. - Dann zweitens: Ich bin geborner Deutscher. Ich bin ein Germane. Der Todfeind des Germanen ist aber nicht der Japaner, nicht der Mongole, sondern der Slave, und der Träger des Slaventums ist der Russe. Der Rassenhaß der Slaven gegen die Germanen wird charakterisiert durch den Nationalhaß der Tschechen gegen die Deutschen. - Also ich sympathisiere, arbeite und fechte niemals für Rußland, sondern für Japan.«
»Es gibt eine Art von Spionage, welche Verrat oder doch Vertrauensbruch ist.«
»Wie weit ich da gehn darf, das überlasse ich meinem Gewissen. Wenn ich die japanische Uniform angezogen habe, so bin ich nicht mehr der Detektiv Nobody, sondern der japanische Leutnant Baron Nogi, und ich habe mich auch genug mit ihm unterhalten, um zu wissen, daß er ein Ehrenmann ist, mag er auch mit chinesischen Piraten unter einer Decke stecken; das hängt alles eng mit seiner glühenden Vaterlandsliebe zusammen, und jedenfalls werde ich stets so handeln, daß Baron Nogi dereinst als braver Offizier und als Ehrenmann in sein Vaterland zurückkehren kann.«
»Ja, aber was soll inzwischen mit ihm geschehen?«
Da waren die beiden wieder bei dem toten Punkt angelangt.
Man konnte es auch von den Hypnotisierten zu hören bekommen. Für sie gab es nur noch eines: den Tod. Sobald sie nur eine Hand frei und in dieser ein Messer hätten, würden sie sich den Leib aufschlitzen, und auch in Ketten würden sie sich an der nächsten Wand den Kopf zerschmettern. Man brauchte ihnen nur eine einzige Minute die Willensfreiheit zu geben.
Man konnte sie ja jahrelang im hypnotischen Schlafe halten. Das geht. Das ist schon gemacht worden. Aber wenn sie dann erwachten, und sie erinnerten sich an alles, so war es immer wieder die alte Geschichte, die Heimat war ihnen verschlossen, nun erst recht, so suchten sie lieber den Tod, oder aber sie erwachten und erinnerten sich an nichts mehr, sie waren Kinder, Tiere, Blödsinnige, und da war der Tod denn doch besser.
»Ich wüßte ein Mittel,« meinte Nobody sinnend, »um die kuriosen Käuze, die ich aber doch hochachte, dem Leben zu erhalten. Man muß sie in eine andre Welt versetzen. Ich denke an eine einsame Insel. Das wäre auch ein höchst interessantes Experiment. Man bringt die Hypnotisierten hin, weckt sie und verschwindet schnell. Sie haben keine Ahnung, wo sie sind. Ich wette zehn gegen eins, daß sie da nicht mehr an Selbstmord denken, sondern an Erhaltung ihres Lebens, wozu natürlich Gelegenheit geboten sein muß. Aber wo solch eine Insel hernehmen?«
»Nun, da gibt es doch im Stillen Ozean eine Unmenge,« entgegnete Gabriele, »wir haben sie doch hier ganz dicht in der Nähe, sie sind bewässert und fruchtbar, etwaige Bewohner werden entfernt ...«
»O nein, das ist nichts,« fiel ihr Nobody ins Wort. »Die sieben japanischen Robinsons würden schnell Mittel und Wege finden, solch eine Insel wieder zu verlassen, und es brauchte ihnen nur zum Bewußtsein zu kommen, daß sie dies können, daß sie die Möglichkeit haben, in die Welt zurückzukehren, so ist auch schon wieder die Selbstmordlust des buddhistischen Japaners da. Nein, ich meine etwas ganz, ganz andres. Ich denke eben an eine für sich abgeschlossene Welt.«
Eine Lösung dieser Frage sollte auf wundersame Weise geschehen.
Trotz seiner Beschäftigung mit Nogi hatte Nobody auch noch für andres Interesse, und vor allen Dingen ließ er sich immer Bericht erstatten, was sein Schützling August Hammer trieb.
Dieser war dem Sekretär Hawsken zugeteilt worden, arbeitete an dessen Seite im Bureau, von dem aus die Inseln verwaltet wurden.
Es war nichts besonders Erfreuliches, was Nobody über seinen Schützling zu hören bekam, wenigstens hatte er sich betreffs des jungen Mannes ganz andre Hoffnungen gemacht.
Wohl war dieser ein überaus fleißiger und ordnungsliebender Arbeiter, aber im übrigen - ein unverbesserlicher Träumer!
Die Arbeitszeit auf der Insel war eine sehr mäßige, doch anstatt nun seine Freizeit dazu zu benutzen, sich das Inselleben zu betrachten und sich mit allem vertraut zu machen, saß August, sobald er abkommen konnte, stundenlang auf einem ins Meer vorspringenden Felsenriff und blickte unverwandt nach dem hohen Schwefelberge. Wenn man ihn einmal brauchte, so wußte man ganz bestimmt, daß man ihn dort fand. Für alles andre hatte er nicht das geringste Interesse. Was gab es an dem nackten Felsenberge zu sehen? Einige Chinesen meißelten unter Anleitung eines Ingenieurs Stufen hinein. Die Arbeit schritt äußerst langsam vor sich, denn es lag in der Natur der Sache, daß auf dem schmalen Wege nur sehr wenige Hände beschäftigt werden konnten; es vermochten ja kaum zwei Menschen nebeneinanderzustehn, die andern mußten nur den Schutt wegräumen.
Schon drei Monate wurde an diesem Gemsenwege gearbeitet, und die Stufen waren kaum 100 Meter hinaufgekommen. Schätzte man die Höhe des Berges auf 1000 Meter, so bedurfte es also einer Arbeitszeit von dreißig Monaten oder zwei und ein halbem Jahr, um das Plateau zu erreichen.
Was tat es? Es war ein Werk für die Ewigkeit. Dann wollte Nobody als erster Mensch, der den jungfräulichen Berg betreten, oben eine Flagge aufpflanzen und vielleicht auch einen Leuchtturm errichten.
Allerdings konnte das Plateau auch in bedeutend kürzerer Zeit erreicht werden, innerhalb weniger Tage. Unersteigbar ist ja keine Felsenwand. Es mußten hohe Leitern angelegt werden, am obern Ende wurden Eisen in die Wand getrieben, sie dienten wieder als neue Stützpunkte der Leiter, und sobald eine Terrasse erreicht war, konnte der darunter liegende Weg mit Leichtigkeit verbessert werden. Freilich wäre es eine furchtbar gefährliche Kletterpartie gewesen, und Nobody hatte so wenig Interesse an dem nackten Felsenplateau, daß er nicht an so etwas dachte.
Was nun hatte der junge Mann beständig die an der Treppe arbeitenden Chinesen zu beobachten? Er war eben ein unverbesserlicher Träumer, und das war das, was der tatkräftige Nobody am allerwenigsten leiden konnte, und das hätte er auch nicht von dem jungen Matrosen erwartet. Irren ist menschlich, und Nobody hatte sich eben geirrt.
Aber es sollte anders kommen.
Es war am vierten Tage, seitdem sich August Hammer auf der Insel befand, als er sich früh am Morgen dem Master melden ließ.
Nobody war gerade mit dem Japaner beschäftigt.
»Ich habe keine Zeit. Was will er?«
»Danach habe ich ihn nicht gefragt,« entgegnete der Diener, welcher sich, falls Nobody einmal etwas brauchte, immer mit in dem Zimmer befand, in welchem der Hypnotisierte vorgenommen wurde.
»Jedenfalls will er die Insel wieder verlassen, er ist der Sache schon überdrüssig geworden. Er soll heute mittag wiederkommen.«
Der Diener ging, kam wieder.
»Herr Hammer läßt sich nicht abweisen. Er sagt, er hätte Ihnen eine wichtige Entdeckung mitzuteilen, die er gemacht habe.«
Nobody stutzte. Das war etwas, was ihm gefiel.
Hammer mußte eintreten.
»Es ist wegen des Schwefelbergs,« begann er. »Da oben kann kein nacktes Felsplateau sein, sondern der Berg ist hohl, bildet ein Tal, und dieses Tal hat Vegetation und ist mit einer Tierwelt belebt.«
Und der junge Matrose begann für seine Behauptungen den Beweis zu führen. Schon mit bloßen Augen hatte er auf dem Berge spezifische Landvögel erkannt, deren Namen er aufführte. Sie flogen nicht von und nach dem Berge, sondern sie waren früh und abends da; dort oben war ihre Heimat. Auch Raubvögel schwebten hoch in der Luft und stießen mit Vehemenz herab, also auf eine erspähte Beute.
»Sie stoßen auf kleinere Vögel.«
»Ich habe einen Adler gesehen, welcher, als er wieder aufstieg, etwas zwischen den Fängen trug. Ich hatte ein Fernrohr bei mir - es war ein vierfüßiges Tier, vielleicht ein Fuchs oder ein Hase.«
Mit immer größern Augen betrachtete Noboby den jungen Mann, welcher so still und bescheiden vor ihm stand und dennoch seine Ansichten auf das bestimmteste zu verfechten wußte.
»Es ist ja möglich, daß auf dem Plateau eine Vegetation entstanden ist. Es ist sogar möglich, daß es dort oben in 1000 Meter Höhe vierfüßige Tiere gibt, wenn es mir auch nicht ganz klar ist, wie die hinaufgekommen sein sollen, wie aber kommen Sie zu der Ansicht, daß der Berg ein Tal enthalten könne?«
»Gestern, am Sonntag, habe ich eine Segelpartie um den ganzen Berg herum gemacht. In der Nacht zuvor hatte es stark geregnet, auch gestern rieselte es den ganzen Tag, und ich habe auf keiner Seite des Berges einen Wassersturz herabkommen sehen. Das Regenwasser fließt nach innen ab.«
Da plötzlich sprang Nobody auf und blickte zur Decke empor.
»Nun sind wir schon drei Monate hier und haben den Schwefelberg tagtäglich vor Augen gehabt,« rief er, »und wir alten, erfahrenen Männer müssen uns erst von diesem Jungen auf das Phänomen aufmerksam machen lassen, daß von dem vermeintlichen Plateau kein Wasser abfließt!!«
»Ich hätte Sie nicht gestört und Ihnen meine Mitteilung erst heute mittag gemacht,« fuhr Hammer fort, »wenn ich nicht gehört hätte, daß noch heute vormittag der Fesselballon geprüft werden soll, und dann geht er doch gleich ab nach der Perleninsel.«
Das war auch wieder etwas, woran selbst Nobody nicht gedacht hatte.
Es war ein Luftballon angeschafft worden, der auf der Perleninsel gefesselt angewendet werden sollte, um die ausgiebigsten Muschelbänke auf dem Meeresgrunde ausfindig zu machen, so daß die Taucher nicht erst lange zu suchen brauchten. Je höher man sich nämlich befindet, desto tiefer kann man in das Wasser hinabblicken. Wenn von Deck eines ankernden Schiffes aus gar nichts vom Grunde zu sehen ist, so braucht man nur auf eine Raa zu steigen, um ganz deutlich den Anker und den ganzen Grund zu erkennen, und je höher man steigt, desto klarer wird alles. Natürlich gibt es dabei eine Grenze, und schlammig darf das Wasser auch nicht sein.
Der Fesselballon war erst gestern hier angekommen, heute sollte er geprüft werden, wozu schon die Vorbereitungen getroffen wurden. Auf den Inseln waren Kohlen gefunden worden; man bereitete sich bereits sein eignes Leuchtgas, und nach der Felsenklippe sollte solches in komprimiertem Zustande mitgenommen werden. Aber daran, den Ballon zu benutzen, um einmal auf den Schwefelberg hinaufzukommen, hatte Nobody wirklich nicht gedacht. Allerdings hatte er bisher auch kein besonderes Interesse dafür gehabt.
»Ja, mein lieber Freund, da sind Sie wohl im Irrtum. Sie kennen die Beschaffenheit eines Fesselballons nicht. 1000 Meter steigt der nicht, höchstens 200. Weiter reicht das Seil nicht.«
»Ohne Fesselleine, meine ich.«