»Ach so, eine freie Fahrt! Ob der Ballon 1000 Meter Höhe erreicht?«
»2000 Meter und noch mehr, und die Fesselleine ist so schwer, daß der Ballon noch stark belastet werden muß, sonst würde die Abfahrt nicht gelingen, der Ballon wäre gar nicht zu halten und würde gleich wie eine Kanonenkugel emporschießen.«
»Woher wissen Sie das?« fragte Nobody überrascht.
»Ich habe mich bei dem Ingenieur erkundigt.«
»Sie haben dem Ingenieur von Ihren Beobachtungen erzählt, wie Sie der Ansicht sind, daß der Schwefelberg ein Tal enthält?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»So etwas tue ich nicht. Ich habe niemandem gesagt, was ich beobachtete und was ich dachte, und als ich meiner Sache ganz sicher war, wollte ich zuerst zu Ihnen gehn. Was brauchen die andern zu wissen, was ich treibe und denke? Wenn Sie es wollen, werden es die andern schon schnell genug zu erfahren bekommen. Ich habe den Ingenieur scheinbar aus Neugierde ausgefragt, wie hoch so ein Ballon steigen kann, wenn kein schweres Tau daranhängt.«
Nobody warf dem Sprechenden einen langen Blick zu, dann sah er zum Fenster hinaus nach dem aufsteigenden Rauch und den über den Schwefelberg streichenden Wolken. »Es ist gerade Südwind, der Ballon würde von dem Berge wegtreiben, und meine Wetterbeobachter erklären, daß dieser Südwind noch einige Wochen anhalten wird.«
»In zwei Stunden haben wir direkten Nordwind,« sagte Hammer.
Ueberrascht blickte Nobody ihn an. »Woher wollen Sie das wissen?«
»Ich sah vorhin Delphine schwimmen, nach Süden, sie änderten ihre Richtung immer mehr, beschrieben förmlich einen Bogen, bis sie ihre Tour direkt nach Norden fortsetzten, und wenn die Delphine das tun, dann springt stets der Wind innerhalb zwei Stunden um.«
»So? Das müßten meine Seeleute doch auch wissen, und die haben mir noch nichts gesagt.«
»Das glaube ich schon.«
»Das glauben Sie schon?«
»Ja, mir hat es doch auch niemand gesagt.«
»Woher haben Sie es denn erfahren?«
»Das habe ich in den drei Jahren, die ich auf See fuhr, immer an den Delphinen beobachtet. Sie schwimmen stets gegen den Wind.«
»Ja, das weiß ich auch. Und wenn sich der Wind dreht, so wenden sie sich ihm eben immer wieder entgegen.«
»Aber sie ändern ihre Richtung schon immer ungefähr zwei Stunden vorher,« beharrte Hammer. »Wie sie wissen können, woher zwei Stunden später der Wind kommen wird, das kann ich freilich auch nicht sagen, das ist wohl Instinkt. Aber 's ist so, ich habe es wohl hundertmal beobachtet.«
»Haben Sie diese Beobachtung Ihrem Kapitän oder sonst jemandem mitgeteilt?«
August zögerte etwas, ehe er Antwort gab. »Nein,« sagte er dann kleinlaut.
»Weshalb nicht?«
»Man hätte mich ausgelacht, und dann braucht man das ja bei der Segelschiffahrt auch gar nicht zu wissen, da richtet man eben die Segel so, wie man es gerade braucht, um den Wind am besten ausnützen zu können.«
»Wenn Sie recht haben,« sagte Nobody mit Nachdruck, und es klang sogar feierlich, »wenn in zwei Stunden der Wind wirklich von Norden kommt, dann sollen Sie ... gehn Sie zu der Ballonstation und sagen Sie den Ingenieuren, sie sollen den Ballon zu einer freien Fahrt fertig machen!«
In des jungen Mannes Augen blitzte es auf, als er zur Tür schritt.
»Halt!«
Jener blieb stehen.
»Wissen Sie, was für einen Beweis ich Ihnen soeben gegeben habe?«
»Ja.«
»Nun?«
»Dadurch, daß Sie den Ballon schon klar zu einer freien Fahrt machen lassen, was sehr viel Arbeit erfordert, zeigen Sie, daß Sie nicht an der Richtigkeit meiner Behauptung zweifeln. Sie schenken mir Vertrauen.«
»Gut gesagt, und so ist es. Jetzt gehn Sie, ich komme sofort nach.«
Der Wind drehte sich wirklich, bis er nach zwei Stunden direkt aus Norden kam und so blieb.
Jetzt erst machte Nobody einem andern Menschen Mitteilung, wie richtig sein Schützling prophezeit hatte, auch von den Beobachtungen, daß sich auf dem Schwefelberg kein Plateau befinden könne, und zwar war es seine Frau, der er zunächst alles erzählte, und Nobody sprach mit triumphierenden Worten.
»Und habe nicht auch ich recht gehabt?« setzte er dann mit womöglich noch größerm Triumph hinzu. »Ich weiß wohl, auch ihr habt euch heimlich belustigt, weil ich in diesem dummen August so Großes erkennen wollte, geradeso wie auch Kapitän Grohmann mich auslachte. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und das bin ich! Dieser so stille Junge ist ein Pfiffkopf, auf den ein Dutzend kluge Schwätzer gehn; was der spricht und tut, das hat alles Hand und Fuß, denn sonst spricht er eben nicht, und das habe ich ihm gleich auf den ersten Blick angesehen. Na, nun sage nichts mehr - auch du hast gedacht, ich hätte mich nur in den Wahn verrannt, in dem Jungen müßte durchaus etwas Großes stecken. Jawohl, ich werde allerdings noch etwas Großes aus ihm machen!« -
Unter Leitung des Mr. Mitchell, Ingenieurs und speziellen Aeronauten, war der große Ballon gefüllt worden und harrte der Befreiung von seinen Fesseln.
Da er dazu bestimmt war, ein 200 Meter langes, sehr starkes Hanfseil zu tragen, welches 18 Zentner wog, so mußte mindestens ebensoviel Sand als Ballast mitgenommen werden. Der Wind würde den Ballon sofort gegen den sich in nächster Nähe erhebenden Schwefelberg treiben, aber das schadete nichts ... Die Luftbewegung war nur schwach, und die Felswände waren so glatt, daß sie der starken Seidenhülle nichts anhaben konnten; auch die Gondel würde jeden Anprall aushalten, gerade weil sie nur aus elastischen Bambusstäben zusammengesetzt war.
Außer Nobody und Mitchell sollte auch August Hammer die Fahrt mitmachen. Obgleich man nur einmal über den Berg hinwegtreiben wollte, wurden für alle Fälle auch Waffen und genügend Proviant und alles sonst Nötige mitgenommen, um selbst eine lange Ballonfahrt aushalten zu können.
Alles war fertig. Der freigelassene Ballon schoß in die Höhe und ging dann in schräger Richtung gegen die Felswand los, sprang wie ein Gummiball ab, dann klatschte die Korbgondel daran, und das wiederholte sich immer wieder.
Es gab tüchtige Püffe, nichts weiter.
Zehn Minuten waren vergangen, man näherte sich dem Ende der Felswand. Zum Glück war der Grat überall abgerundet.
Aufkreischend flogen Möwen und andre Vögel davon, auch bunte Papageien, kehrten aber sofort wieder nach dem Plateau zurück und verschwanden. Wohin, das mußte man in den nächsten Augenblicken erfahren.
Doch der Ballon hatte zu steigen aufgehört, er kam in die Schwebe. Er selbst befand sich schon über dem Grat, die Gondel noch darunter. Da verlor der Ingenieur seinen Hut, er fiel in die Tiefe, und schon die Verminderung um dieses geringe Gewicht veranlaßte ein merkliches Steigen.
Nun bloß nach[noch] ein Säckchen Sand über Bord geschüttet, und der Ballon riß die Gondel in die Höhe! Frei schwebte diese nach Süden über den Berg dahin.
»Sapristi!!« erklang es erstaunt.
Man mußte sich beeilen, um nur einen allgemeinen Ueberblick zu gewinnen. Denn weht auch nur ein schwacher Wind, so legt ein solcher doch noch mindestens 10 Meter in der Sekunde zurück, so schnell segelt dann auch der Ballon; da waren die 4000 Meter, welche man vor sich hatte bis zum andern Ende des Berges, gar rasch durcheilt.
Nicht ein Plateau sah man, auch keine Einsenkung, sondern das Innere des Berges war hohl; er bildete also einen Kessel, welcher von einer natürlichen Mauer umschlossen war, die sich auch nach innen jäh hinabsenkte, nicht einmal Vorsprünge zeigend, noch weniger Terrassen.
So ganz regelmäßig war die Mauer freilich nicht. Die Breite des obern Randes wechselte schon auf dieser Seite vielleicht zwischen 5 und 30 Metern, aber auf der andern Seite schien die Wand durchweg sehr dünn zu sein. Dieser obere Teil der Felsenmauer, der sich aber auch etwas nach innen neigte, so daß alles Regenwasser ebenfalls in das Innere des Berges abstießen mußte, war dicht mit Vogelnestern bedeckt.
Was für ein wundersames Naturspiel war das? War das ein erloschener Krater? Das sah gar nicht so aus.
Man hatte jetzt keine Zeit, solche Fragen zu beantworten, nicht einmal sie aufzustellen, der Blick mußte sich beeilen, und er wanderte hinab in die Tiefe.
Und was bekam das Auge zu sehen? Tief, tief dort unten wucherte eine üppige Vegetation; die hervortretenden Spitzen mußten mächtige Bäume sein, durch grüne Triften schlängelten sich Bäche als silberne Fäden, sie endigten im glänzenden Spiegel eines Sees ...
»Was tun Sie?« schrie der Ingenieur erschrocken.
Nobody hatte die Leine des Ventils gezogen, augenblicklich begann sich der Ballon, der sich gerade in der Mitte des Kessels befand, zu senken.
»Ich will mir die ummauerte Insel dort unten näher ansehen; diese Gelegenheit lasse ich mir doch nicht entgehn,« war die gelassene Antwort.
»Wir kommen nicht wieder heraus, wir sitzen in einer Falle!!«
»Das lassen Sie meine Sorge sein! Bringe ich Sie hinein, so bringe ich Sie auch wieder heraus. Regulieren Sie das Ventil, daß nur eben so viel Gas entweicht, wie zum langsamen Abstieg nötig ist.« Der Ingenieur gehorchte. Leider mußte, da jetzt gerade die Sonne hinter einer Wolke hervortrat und auf den Ballon brannte, etwas mehr ausgelassen werden, als sonst nötig gewesen wäre.
Da hier innerhalb der himmelhohen Mauern eine vollständige Windstille herrschte, senkte sich der Ballon mit der Gondel schnurgerade hinab. Nach physikalischen Gesetzen mußte sich der Fall immer mehr beschleunigen - wenn auch nicht mit dem freien Falle eines Steines vergleichbar - doch schon das Auswerfen einiger Hände voll Sand genügte, um das wieder aufzuheben.
Eine Patrone, welche Nobody über Bord warf, fiel gerade auf eine Waldblöße, nur von wenigen Bäumen bestanden, und da die Gondel genau dieser Richtung folgte, und man das Sinken des Ballons vollständig in seiner Gewalt hatte, so mußte es eine ideale Landung werden, wie ein Luftballon sie nur selten gehabt hat. Die Gondel strich an den Zweigen einer riesenhaften Platane vorbei, welche an Höhe mit einigen Bäumen Kaliforniens und Australiens wetteiferte - Bäume, von denen wir uns gar keine Vorstellung machen können - in den Aesten suchte schnatternd eine Herde Affen das Weite - dann versank die Gondel in einem grünen Grasmeer.
Nur ein ganz sanfter Stoß erfolgte. Mr. Mitchell hatte Zeit gehabt, den Landungsplatz zu mustern und Instruktionen zum Manöver zu erteilen. Auch Nobody ließ sich von dem erfahrenen Aeronauten anstellen.
Sofort, als die Gondel aufstieß, zog Mitchell das Ventil, um noch etwas Gas herauszulassen. Unterdessen waren Nobody und Hammer schon herausgesprungen, jeder eilte mit einer Leine dem nächsten ihm bezeichneten Baume zu, um das Seil daran zu befestigen. Dann folgte ihnen der Ingenieur mit einem dritten.
Aber das war eine schwere Arbeit! Nämlich durch dieses Gras zu kommen. Drei Meter war es mindestens hoch. Dabei waren die Halme gar nicht so stark, nicht etwa wie Rohr, wie das Präriegras, sondern ganz dünn und weich. Trotzdem oder gerade deswegen legte es sich wie Schlingen um die Beine, und die Füße wurden förmlich von einem Grasfilz umstrickt. Doch sie kamen durch; den Standpunkt der Bäume hatten sie sich genau gemerkt; der noch faltenlose, wenn auch schon viel kleiner gewordene Ballon war gefesselt.
Ein Hase war vor Nobody aufgesprungen; ein wildes Huhn hätte er bald totgetreten; ein riesiger, prachtvoller Schmetterling mußte wirklich den Tod durch Nobodys Fuß erleiden. Langgeschwänzte Affen, Opossums, weiße Eichhörnchen und andre Baumtiere schauten aus den Zweigen den Arbeitern zu.
Sie trafen sich an der Gondel wieder.
»Na, was sagst de denn dazu,« fing Nobody mit dem Refrain eines allbekannten Gassenhauers an.
»Man möchte es gar nicht glauben,« meinte der Ingenieur.
Hammer äußerte gar nichts. Es war auch von hier aus nicht viel zu sehen, nicht einmal der nächste Baum. Viel mehr als der riesige Graswuchs mit tropischen Blumen, auf denen sich prachtvolle Schmetterlinge schaukelten, von Käfern aller Art belebt, war nicht zu bewundern. Dann entdeckte man noch oben an den Grashalmen das winzige Nestchen eines Kolibris.
»Wenige Schritte von hier ist ein ziemlich breiter, aber seichter Bach, in dem können wir marschieren,« sagte Mitchell, aus der Gondel ein großes Messer mit schwerer Klinge nehmend, zum Kappen der Taue bestimmt.
»Jawohl, dort drüben an meinem Baume fließt er vorüber,« bestätigte Hammer, »ich habe auch schon viel Fische drin gesehen.«
»Was wollen Sie mit dem Kappmesser?« fragte Nobody.
»Uns einen gangbaren Weg durch das Gras hauen,« entgegnete der Ingenieur; »wir werden es noch oft brauchen; ich sah von oben auch Schlingpflanzen zwischen den Bäumen hängen.«
»Nein,« entschied jedoch Nobody, »es wird kein Weg gebahnt! Was wir niedertreten, richtet sich schnell wieder auf, doch abgeschnittenes Gras bleibt lange sichtbar, und ich will dieser ummauerten Wildnis ihre Jungfräulichkeit lassen. Dagegen werden wir Waffen mitnehmen, wir könnten auch mit Raubtieren zu rechnen haben.«
Sie bewaffneten sich mit Gewehren und Revolvern, und nachdem sie einmal den breiten, aber seichten Bach erreicht hatten, konnten sie in demselben schnell fortkommen, bekamen auch mehr von der Vegetation und Tierwelt zu sehen.
Die drei Männer, welche schon in allen Weltteilen gewesen waren, wurden sich einig, daß sich hier die indische Flora und Fauna mit der australischen vermischte. Besonders die Insekten gehörten Indien an, die sehr zahlreichen weißen Eichhörnchen speziell Java, das Opossum, kleine Känguruhs und andre Beuteltiere hatten ihre Heimat in Australien. Aber auch Amerika und Europa kamen in Betracht. Die überall herumschwärmenden Kolibris, nicht viel größer als Hummeln, wie Diamanten schillernd, sind nur in Amerika zu Hause; nur in Südamerika kommen Affen mit Wickelschwänzen vor. Die Hasen, von denen es hier wimmelte, erinnerten an Europa, desgleichen die im Wasser spielenden Forellen. Dasselbe galt von der Pflanzenwelt. Neben dem australischen Gummibaum stand der indische Baobab mit Brotfrüchten. Um das riesige Farnkraut von Neuseeland schlang sich die Vanille, und am Stamme eines deutschen Apfelbaumes gedieh die westindische Ananas.
Das war aber doch nur dem Anscheine nach der Fall.
Nobody fing einen der blitzschnellen Kolibris mit der Hand, ein Kunststück, welches ihm so leicht keiner nachmacht, und untersuchte das winzige Tierchen, das gleich am Herzschlag verendet war.
»Nein, das ist kein amerikanischer Kolibri,« erklärte er. »Es ist nur ein sehr kleiner und sehr bunter Vogel; er baut sein Nest auch an Grashalmen, aber sonst hat er mit dem amerikanischen Kolibri keine Aehnlichkeit, es ist eine ganz andre Art. Dasselbe gilt von den Affen. Das sind indische Affen, bei denen sich hier nur Klammerschwänze ausgebildet haben, und das sind auch keine nordeuropäischen Hasen, das sind keine Gebirgsforellen, obwohl sie so aussehen. Betrachten Sie sie nur näher! Die haben ja die Augen ganz oben am Kopfe und das Maul weit unten.«
Ebenso war es mit den Pflanzen. Der Apfelbaum glich in den Blättern ganz seinem deutschen Vetter, aber in der Frucht fand man einen Steinkern. Die Ananas enthielt eine milchige Flüssigkeit.