Die Sache war die: diese von einer natürlichen Mauer eingeschlossene Insel besaß in der Tier- und Pflanzenwelt ihre eignen Spezies, die sich im Laufe der Jahrtausende selbständig entwickelt hatten.
Das steht durchaus nicht ohne Seitenstück da. Es gibt vielmehr eine ganze Menge von Inseln, deren jede ein besonderes Insekt, Reptil, Raubtier oder sonst etwas hat, was nirgends anderswo in der Welt zu finden ist, und diese Inseln sind von keiner Mauer abgeschlossen.
Das stärkste Beispiel aber liefern die Gallopagos-Inseln, die Heimat der riesigen Lederschildkröten, die nur hier ihre Eier ablegen. Alexander von Humboldt hat auf diesen Gallopagos-Inseln mehr als hundert neue Arten von Insekten, Muscheln und Vögeln gefunden, welche sonst nirgends auf der Erde anzutreffen sind, nirgends fortkommen!
Wer löst dieses Rätsel? Humboldt hat es nicht vermocht. In ihre tiefsten Geheimnisse, in die der Schöpfung und was damit zusammenhängt, läßt sich die Natur nicht blicken.
Warum gibt es in Irland keine Frösche und Eidechsen? Was für Anstrengungen haben nicht schon Gelehrte und Gartenbesitzer gemacht, wegen der vielen Schnecken die überaus nützliche Kröte in Irland einzubürgern! Schiffsladungsweise hat man sie aus Frankreich importiert! Alles vergeblich! Die Tiere sterben, obgleich das feuchte Irland mit seinem frischen Gras der Existenz dieser Lurchen doch so günstig zu sein scheint - nach menschlichem Ermessen!
Sinnend betrachtete Nobody das tote Vögelchen in seiner Hand, sinnend die mächtigen Farnwedel, die so dünne Stengel hatten, das mit den schlanken Halmen so ungeheuer emporgeschossene Gras, und dann blickte er zum Himmel empor, wo die Wolken von einem stärker gewordenen Winde gejagt wurden, während sich hier unten auch nicht das leiseste Lüftchen regte.
»Wie diese Tiere hierhereingekommen oder wie sie sonst hier entstanden sind, weiß ich nicht,« sagte er, »aber das eine steht fest: nur hier können sie existieren, nirgends anders, und vergebens würde man versuchen, sie lebend von hier fortzubringen! Schon der kleinste Windhauch würde auf sie wie ein tödliches Gas wirken!«
Im übrigen zerbrach sich Nobody nicht weiter den Kopf über die Rätsel der Weltschöpfung. Er nahm alles, wie es war. Etwas andres aber fiel ihm ein.
»Seltsam, ganz seltsam!« murmelte er. »Da mußte Flederwisch auf mein Geheiß den Kokotten in Monte Carlo etwas von einer Insel an der afrikanischen Küste vorphantasieren, von einem Felsenberge, der in seinem Innern ein Paradies berge, von dem kein Mensch etwas wisse - und hier im Stillen Ozean finde ich in Wirklichkeit solch eine Felseninsel. Seltsam!«
Sie wateten weiter in dem Flüßchen, bis sie den kleinen See erreichten. Von Schlangen und Raubtieren hatten sie bisher noch keine Spur bemerkt, aber überall flohen Hasen und hühnerähnliche Laufvögel vor den Herren der Schöpfung.
»Mir kommt es fast vor,« meinte Mr. Mitchell, »als hätten die Tiere doch schon einmal unangenehme Bekanntschaft mit Menschen gemacht, sie sind gar so scheu!«
»Hören Sie,« entgegnete Nobody, »daß im andern Falle die Tiere dem Menschen freudig entgegenspringen, das halte ich für einen faulen Schwindel. Ich habe ein Buch des französischen Afrikareisenden Leblanc gelesen; darin schildert er, wie er in eine Oase gekommen ist, die noch von keinem menschlichen Fuße betreten worden war, und wie da die Gazellen ihm aus der Hand fraßen, die Vögelchen sich ihm gleich auf den Kopf setzten und ihm die Läuse absuchten. Wenn dieser Monsieur Leblanc so etwas erzählt, dann glaube ich fast, daß er überhaupt nicht in Afrika gewesen ist. Ich war auch in Gegenden, von denen ich bestimmt weiß, daß ich der erste Mensch dort gewesen bin, aber alles, was da kreucht und fleugt, riß vor mir wie Schafleder aus. Teufel noch einmal, soll so ein Hase auch nicht erschrecken, wenn solch ein zweibeiniges Ungeheuer anspaziert kommt?«
Da auch der beste Ballon aus der stärksten Seide immer Gas ausläßt, konnte der Aufenthalt auf der Insel nur von kurzer Dauer sein, und Nobody wollte ihn dazu benutzen, zu untersuchen, ob es irgend eine Stelle gebe, wo die Felswand von innen zu ersteigen sei.
Den See mühsam umgehend, fand man einen zweiten Bach, den man aufwärts verfolgte, bis man auch wirklich die steile Felswand erreichte. Aber immer an dieser entlangzugehn, das war wegen der Dichtigkeit der Vegetation, und besonders wegen der Schlingpflanzen, wenn man kein Messer gebrauchen wollte, unmöglich, und da das Terrain neun bis zehn Quadratkilometer umfaßte, so hätte man doch wenigstens einen Tag gebraucht, um sich mit dem Messer einen Weg zu bahnen.
So gaben die Herren ihren Vorsatz vorläufig auf. Sie fanden einen dritten Bach, der ebenfalls einer Felsspalte entsprang, und machten sich auf den Rückweg, zunächst wieder nach dem See.
»Wie ich vom Ballon aus gesehen habe,« sagte der Ingenieur, »befindet sich an der östlichen Seite ein noch viel größerer See.«
»Dort, wo die äußere Felswand so ganz steil ohne Terrassen in das Meer hinabstürzt?« fragte Nobody.
»Ja, er grenzt dicht daran, sein Wasser spült daran, und auf der andern Seite das Meer. Es ist dort so tief, daß es auch für die größten Schiffe fahrbar ist, und gerade dort scheint die Mauer sehr dünn zu sein. Wenn da gesprengt würde, und der Niveauunterschied zwischen See und Meer ist nicht zu groß, was wir mit dem Barometer leicht feststellen können, so ließe sich hier eine unüberwindliche Festung mit sicherm Hafen schaffen.«
»Hm, daran habe ich auch schon gedacht. Aber wozu alles in eine Festung verwandeln und mit Kanonen spicken? Nein, mit diesem ummauerten Paradiese habe ich etwas andres vor. Das ist ja gerade, was ich mir gewünscht habe. Hierher kommen meine sieben Japaner, und diese als Robinsons in ihrer Entwicklung beobachten zu können, das ist auch etwas, was noch nicht dagewesen ist. Brauchen wir aber eine Festung, so kann das noch immer im Handumdrehen ...«
»Mr. Nobody!« rief da Hammer, der etwas vorausgegangen war.
Er hatte das Ufer des Sees schon erreicht; dort stand er, noch im Wasser des Baches, und deutete mit ausgestrecktem Arme auf das Land.
Schnell waren die beiden andern an seiner Seite, und was sie da zu sehen bekamen, das war allerdings dazu angetan, ihre Bestürzung zu erregen.
Das Ufer des Sees war mit kurzem Grase bestanden; an einer Stelle war dieses niedergetreten, und hier lagen viele Muschelschalen, mit Gewalt erbrochen, ferner Gräten und Köpfe von Fischen, und zum Ueberfluß waren in dem weichen Sande dicht am Wasser auch noch große Spuren abgedrückt.
»Ein menschlicher Fuß!!« rief der Ingenieur.
»Und was für mächtige Quadranten hat der Kerl!« setzte Nobody in seiner trocknen Weise hinzu; dann fuhr er fort: »Geht barfuß, hat sehr lange Nägel an den Zehen, ißt Muscheln und Fische roh. Ob er kein Feuer besitzt oder solches überhaupt nicht kennt, ist deshalb noch die Frage.«
Er hob einige Muschelschalen auf und betrachtete sie aufmerksam.
»Die hier scheint er aufgerissen zu haben, aber an diesen beiden hier sind die Spuren von Zähnen zu erkennen. Daraus wäre zu schließen, daß es ein vollkommener Wilder ist, der nicht einmal ein Steinmesser besitzt. Gibt es aber einen solchen Wilden? Nein. Nun, wir werden uns den Burschen gleich näher besehen, die Spur ist noch ganz frisch. Habt ihr Stricke oder Riemen bei euch? Nein? Dann schnallt eure Patronengürtel ab!«
Sofort begann Nobody, das Auge an den Boden geheftet, am Ufer des Sees entlangzugehen, bis er in das Gebüsch drang. Die Nachkommenden konnten die geringe Spur im Grase, welcher Nobody so schnell und sicher folgte, nicht bemerken. Außerdem wußte sich dieser viel geschickter durch die Schlingpflanzen zu winden, als sie, so daß sich der Abstand von seinen Gefährten immer mehr vergrößerte.
Weit sollte er nicht zu gehn brauchen. Er hatte eine kleine Waldblöße erreicht, über welche sein scharfes Auge die Spur im Grase deutlich hinweglaufen sah, und wenn er auch seine Umgebung beobachtete, so war sein Hauptaugenmerk doch auf diese Spur gerichtet, als er plötzlich hinter sich ein heiseres Brüllen vernahm, und ehe er sich umwenden konnte, wurde sein Hals von riesenhaften Fingern umklammert.
Seine Begleiter hatten gesehen, wie sich das furchterregende, haarige Ungeheuer von hinten auf ihren Master geworfen hatte und ihn zu erdrosseln, ihm wohl auch die Zähne in den Hals zu schlagen suchte.
»Ein Gorilla!!« schrie der Ingenieur und sprang mit gezogenem Jagdmesser seinem Herrn zu Hilfe.
Aber Nobody brauchte diese nicht. In dem Augenblick, als er die Finger an seinem Halse fühlte, drehte er, obgleich sein Kopf wie in einen Schraubstock eingespannt war, sich um, packte mit der einen Faust die haarige Kehle des Ungeheuers, die andre Faust führte in dessen Bauch einen furchtbaren Boxer-Hieb, den auch kein Gorilla hätte aushalten können.
Das haarige Ungeheuer, welches den Menschen wohl um Kopflänge überragte, ließ denn auch sofort sein Opfer los, schloß die Augen, stöhnte auf gräßliche Weise und taumelte zurück - da war Nobody schon wieder bei ihm, umschlang ihn, hob ihn aus, schmetterte ihn zu Boden, und zwar so, daß er auf den Bauch zu liegen kam, und als der Ingenieur zur Stelle war, kniete Nobody schon, zwischen seinen Zähnen Lederriemen, auf dem Rücken des Ungetüms und preßte ihm hinten die Arme zusammen.
»Bindet ihm die Füße, ich übernehme die Hände!!«
Das Fesseln war schnell geschehen, so sehr sich die menschliche Bestie auch wand, was aber eher von Magenkrämpfen infolge des Fausthiebes herrühren mochte, denn sie stöhnte und rang nach Atem.
Sobald Nobody mit dem Binden der Hände fertig war, sprang er auf und verfolgte noch einmal die Spur. Denn er hatte diese ja vor sich gehabt, und der Affenmensch war ihm von hinten angesprungen.
Allein bald überzeugte er sich, daß der Wilde hinter der Waldblöße im Gebüsch um diese herumgeschlichen war, um dem Manne, der ihn verfolgte, heimtückisch in den Rücken zu fallen, was ihm freilich schlecht bekommen war.
»Es ist nur der eine,« sagte Nobody, wieder aus dem Gebüsch tretend, »und ich bezweifle sehr, daß es noch ein andres solches Wesen auf der Insel gibt.« Die beiden Zurückgebliebenen waren soeben erst mit dem Fesseln der Füße fertig geworden. Staunend betrachteten sie das Ungeheuer, von dem sie vorläufig allerdings nur den Rücken sehen konnten, und mit keinem geringeren Staunen heftete der Ingenieur dann seine Augen auf den zurückkommenden Nobody.
»Das war ein Meisterstück, wie Sie diese Bestie überwältigten! Jeder andre wäre verloren gewesen.«
»Es ist kein Affe, es ist ein Mensch,« sagte Hammer.
»Ja, und ich halte ihn nicht für einen wirklichen Wilden, sondern für einen verwilderten Menschen. Hierbei ist nämlich ein großer Unterschied. Nun, betrachten wir ihn von der andern Seite!«
Sie rollten ihn herum, daß er auf den Rücken zu liegen kam. Keiner von den dreien hatte bisher das Gesicht sehen können.
Es war ein sehr großer Mann, etwas über zwei Meter groß, hager, aber breitschultrig, sehnig und muskulös. Der ganze Körper war mit rotbraunem Haar bedeckt, mit Ausnahme der obern Partie des Gesichtes, der Knie, der Hände und der Füße. Dieses Körperhaar war nicht allzu lang. Dagegen reichte ihm das Haupthaar fast bis an die Kniekehlen, und von Mund und Wangen wucherte ein rotbrauner Bart bis hinab auf den Leib.
Und das Gesicht selbst? Wohl machte es einen schrecklichen Eindruck, aber das kam daher, daß es jetzt vor Furcht verzerrt war; die blutunterlaufenen Augen rollten in wilder Angst von einem der Männer zum andern. Die gelbbraune, lederartige Haut kam noch dazu; aber sonst waren es menschliche, ganz normale Züge: kein hervortretendes Kinn, was besonders den Tiermenschen charakterisiert, nicht einmal aufgeworfene Lippen, keine abstehenden Ohren.
»Das ist ein Kaukasier, ich erkenne es aus der Schädelbildung,« sagte Nobody, »ich halte ihn sogar den Zügen nach für einen Germanen.«
Er beugte sich über ihn.
»Sprechen Sie deutsch? Speak English? Parlez-vous français? Parla ...«
Er hatte ihm den Kopf streicheln wollen. Da schnappte das Ungeheuer nach Nobodys Hand, wobei ein wahrhaftes Wolfsgebiß zum Vorschein kam.
»Das Luder beißt,« sagte Nobody, nahm noch einen Lederriemen und schlang ihn dem Wilden um Kinn und Kopf, daß er den Mund nicht mehr öffnen konnte.
»Nachdem wir hier schon Wunder genug zu schauen bekommen haben,« nahm der Ingenieur das Wort, »ist da die Annahme zu kühn, daß wir es hier mit einem menschenähnlichen Wesen zu tun haben, welches die von aller Welt abgeschlossene Insel ebenfalls selbständig erzeugt hat?«
»Nein, das will mir nicht recht in den Kopf,« entgegnete Nobody. »So ganz unmöglich wäre es ja nicht, aber dann, dem werden Sie doch beistimmen, müßte es auch noch andre solche Geschöpfe hier geben, vor allen Dingen auch weibliche. Geboren worden muß der Kerl doch sein. Nein, das ist ein Mensch, der sich hierherein verirrt und den Ausweg nicht wieder gefunden hat, sich nicht zu helfen wußte und so nach und nach zum Tiere herabgesunken ist. Solche verwilderte Menschen sind oft gefunden worden, besonders in den großen Wäldern Amerikas und Sibiriens, und immer war ihr Körper mit dichten Haaren bedeckt. Die Natur gibt ihnen als Ersatz für die verlorne Kleidung einen Pelz.«
»Ja, wie soll er aber hierhergekommen sein?« meinte der Ingenieur.
»Das weiß ich vorläufig auch noch nicht.«
»Sollte es ein Loch in der Felswand geben, durch das man kriechen kann?«
»Das wäre mir sehr fatal, und das bezweifle ich auch.«
»Dann hätte dieser Mann, der doch sicher schon jahrelang hier haust, den Ausgang doch auch wieder gefunden.«
»Das denke ich ebenfalls,« entgegnete Nobody, der aber sonst seinen eignen Gedanken nachzuhängen schien.
»Oder sollte es möglich sein, außen an der Felswand emporzuklettern?«
»Nein, das ist ganz und gar ausgeschlossen, daraufhin habe ich diese selbst schon zu genau untersucht.«
»Ja, wie soll er aber sonst über die himmelhohe Mauer gekommen sein?«
»Das ist das erste Rätsel, welches es jetzt zu lösen gilt, und mir auch ganz unerklärlich.«
August Hammer hatte dieser Unterhaltung still zugehört. »Ich wüßte wohl, wie er über die Felswand kommen konnte,« ließ er sich plötzlich vernehmen.
Lebhaft wandte Nobody sich ihm zu.
»Nun?«
»Was heißt, ich meine nur, so ganz unmöglich ist es doch nicht.«
»Sprechen Sie nur Ihre Ansicht aus! Wie konnte er hierhereingelangen?«
»Einfach geradeso wie wir - mit einem Luftballon!«
Der Ingenieur brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Dieser nackte Wilde - in einem Luftballon - hahaha!«
»Na na, was gibt es denn da zu lachen?« sagte aber Nobody sehr ernst. »Lächerlich ist vielmehr, daß wir es für eine Unmöglichkeit halten, über die Felswand zu kommen, da wir uns doch selbst hier befinden, und warum sollte es denn so ganz ausgeschlossen sein, daß auch dieser Mann einst einen Luftballon benützt hat? Er wird ein gebildeter Mensch gewesen sein, ich glaube es sogar ganz bestimmt. Auch er hat, wie dieser junge Mann hier, an dem Schwefelberge merkwürdige Beobachtungen gemacht, ist auf die Vermutung gekommen, daß hier oben kein flaches Plateau sein könne; sein Wissensdurst hat ihn einen Luftballon besteigen lassen, er gelangte in dieses Tal, aber nicht wieder heraus, der erschöpfte Ballon trug ihn nicht mehr. Warum soll das nicht möglich sein? Merkwürdig freilich wäre der Zufall, wenn wir Luftschiffer hier einen Kameraden getroffen haben sollten. - Mr. Mitchell, bleiben Sie hier, bewachen Sie den Gefangenen! Ich werde die rückwärtsführende Spur des Mannes verfolgen, vielleicht finde ich noch etwas, woraus ich Schlüsse über ihn ziehen kann. Hammer begleitet mich.«