Nobody hatte darauf gehalten, daß die Umgebung des Platzes, auf welchem man die Ueberreste der Mahlzeit gefunden hatte, nicht zertreten worden war. Jetzt untersuchte er diesen und hatte im Grase bald die Fährte gefunden, welche der Affenmensch zurückgelassen hatte, als er zuerst hierhergekommen war.
Von dem jungen Matrosen begleitet, welcher freilich in dem kurzen Grase nichts von einer Spur zu unterscheiden vermochte, verfolgte Nobody diese.
Sie führte erst in das Dickicht, dann wieder an den See zurück, und um diesen herum, wo man den Fußabdruck im weichen Sande wahrnehmen konnte.
Es kam vor, daß manchmal mehrere Spuren nebeneinanderherliefen oder sich kreuzten, aber Nobody vergewisserte sich, daß sie immer nur von ein und demselben Manne herrührten, was besonders im Schlamm sehr leicht zu konstatieren war, weil jenem Affenmenschen der Nagel der linken großen Zehe halb abgerissen war und dies bei jeder Spur immer wieder zum Vorschein kam.
Nach etwa einer Stunde dachte Nobody an die Rückkehr. Er war überzeugt, daß sich auf der Insel nur dieser einzige Mensch befand. Derselbe kannte kein Feuer, nährte sich von Muscheln und Fischen, fing auch Hasen und Vögel, jedenfalls nur im Sprunge mit den Händen; das Fleisch verzehrte er roh, riß es aus dem Balge heraus. Hiervon hatte Nobody Spuren gefunden, und ferner, was ihm sehr wichtig war, ein Nachtlager auf ebner Erde. Größere Raubtiere konnte es hier also nicht geben, jedenfalls auch keine Schlangen, sonst hätte der Affenmensch für die Nacht ganz sicher einen Baum erstiegen.
»Hier liegt ein flaches Stück Holz, Master!« rief da der etwas zurückgebliebene Matrose.
Nobody kehrte um, sah jenen mit ausgestreckter Hand dastehn, gewahrte auch schon das längliche, flache, viereckige Holz; aber Hammer stand davon noch etwa fünf Schritte entfernt und deutete nur darauf, wodurch er in Anbetracht seiner Bemerkung einen etwas dämlichen Eindruck machte.
Da lag eine Frage sehr nahe. »Warum heben Sie das Holz nicht auf?«
In dieser Frage fehlte ein Wort, das Wörtchen >denn<, welches wohl schwerlich jemand vergessen hätte.
»Ich wollte es nicht anrühren, Sie könnten doch etwas Besondres daran bemerken, vielleicht nur, wie es liegt, was mir entgeht.«
Nobody warf dem Sprecher schweigend einen seiner langen Blicke zu. Dann ging er langsam auf das Holz zu, den Boden und seine Umgebung musternd, sogar nach oben blickend, wo sich die Zweige der Bäume über ihm wölbten, und hob es auf. Das Stück Holz glich einem kurzen, dicken Lineal, in der Mitte lief der Länge nach eine Rille, die in einem Loche endete. Ferner bemerkte Nobody zu beiden Seiten der Rille vertiefte Striche.
»Ein Thermometer. Oder doch das Brett eines Thermometers. Was für ein System? Fahrenheit. Das läßt auf einen Engländer oder Amerikaner schließen.«
Als er die andre Seite betrachtete, fand er zwei Buchstaben eingeschnitten: R. S. »Und was für Holz ist das? Das ist ja ...« Erst hatte er es mit dem Fingernagel ritzen wollen, und als das nicht ging, probierte er es mit dem Taschenmesser; aber auch das konnte kaum eindringen.
»Das ist eisenhartes Teakholz. Demnach ist der Mann wirklich ein wissenschaftlicher Forscher. Denn dieses Holz, welches sich weder in Hitze noch Kälte wirft, wird nur für die feinsten Instrumente verwendet, diese werden aber dadurch sehr teuer, weil es sich so außerordentlich schwer bearbeiten läßt. - Doch halt, wir wollen nicht voreilig sein! Jener verwilderte Mensch könnte auch nur der Begleiter, der Diener des Mannes gewesen sein, der dieses Thermometer einst benutzte. Nun, auf dieser ummauerten Insel kann ja nichts verloren gehn, was nicht verwest; von einem hier Verstorbenen müßten wir wenigstens das Skelett finden.«
Dies war auch der Grund, warum Nobody jetzt jede weitere Untersuchung aufgeben wollte. Auf dieser Insel konnte ihnen ja nichts entgehn, und es war Zeit, an die Rückfahrt mit dem Ballon zu denken.
Der Affenmensch sollte gleich mitgenommen werden.
Nobody teilte dem Ingenieur mit, was er gefunden hatte, dann wollte man den behaarten Mann nach dem Ballon tragen. Als er sich wehrte, was auch den drei Männern kaum möglich machte, ihn aufzuheben, wurde ein junger Baumstamm gefällt, wobei das Kappmesser sehr zustatten kam, der Gefangene daran gebunden, dann nahm Nobody das eine Ende über die Schulter, vorn trugen die beiden andern, und so wurde in dem seichten Bache zurückgewatet.
Noch eine Biegung, und der Ballon mußte ihnen zu Gesicht kommen. Das war auch der Fall, aber ...
»Der Ballon läßt Gas aus!!« rief der Ingenieur erschrocken.
Noch stand die ovale Hülle aufrecht, noch war keine Falte zu bemerken, aber sie hatte doch ganz bedeutend an Umfang abgenommen.
Der Ballon hatte noch keine Prüfung bestanden; diese Fahrt hierher war sie gewesen, und die Seidenhülle erwies sich als nicht ganz dicht. Denn wenn auch stets etwas Gas entweicht - schon nach zwei Stunden darf eine solche Abnahme des Gases nicht bemerkbar sein. Trotzdem glaubte der Aeronaut, wie er versicherte, daß man noch über die tausend Meter hohe Felsenwand gelangen könne, selbst unter Mitnahme des sehr schweren Affenmenschen. Natürlich mußte dementsprechend Ballast zurückgelassen werden.
Allein Mr. Mitchell schien beim Anblick des schwindsüchtigen Ballons und bei Erwägung der Aussicht, hier unter Umständen eingekerkert zu sein, etwas den Kopf verloren zu haben. Als wissenschaftlich ausgebildeter Aeronaut hätte er nicht nur >glauben< dürfen, sondern gleich eine sichere Berechnung über die noch vorhandene Tragkraft des Ballons anstellen müssen, was er aber nicht tat.
Hals über Kopf wurde der Affenmensch in die Gondel geworfen, die drei Männer sprangen nach und begannen einen Sandsack nach dem andern auszuladen. Jeder wog 25 Pfund, 70 hatte man mitgenommen gehabt, 67 waren noch vorhanden. Der Sandsäcke wurden immer weniger, doch weder Gondel noch Ballon wollte sich rühren.
»Hören Sie, Mr. Mitchell,« meinte Nobody, »wenn der Ballon auch ohne Sand nicht in die Höhe geht, dann wollen wir den schönen Sand doch lieber gleich in der Gondel lassen.«
»Er muß, er muß,« versicherte der Ingenieur, dem der Schweiß von der Stirne perlte. »So weit erschöpft ist der Ballon noch lange nicht, daß er nicht vier Menschen tragen kann. Das sind wenigstens noch zehn Zentner Ballast.«
»Na, wenn er muß, dann mal weiter!«
Endlich, es waren nur noch 18 Säcke in der Gondel, begann diese leicht zu schaukeln. Von einem Erheben aber war noch gar keine Rede.
Unterdessen hatte der Ingenieur seine Ruhe wiedergefunden; er ließ die Arbeit einstellen, er wollte die Tragkraft des Luftschiffes berechnen. Er maß den Umfang des Ballons, wobei er auch hinaufklettern mußte. Dann, als er in seinem Notizbuch gerechnet hatte, machte er ein sehr besorgtes Gesicht.
»Es ist keine Möglichkeit vorhanden, daß wir über die Felsenwand kommen.«
»Nette Geschichte das!« meinte Nobody. »Wenn wir nun diesen schweren Kerl zurücklassen?«
»Den habe ich gar nicht mitgerechnet.«
»Wieviel trägt denn der Ballon noch?«
»Mit fünf Zentnern würde er gut aufsteigen. Aber jetzt steht die Tragfähigkeit zur Abnahme des Gases in einem ganz andern Verhältnis als vorher, drei Zentner müssen wenigstens nach und nach abgegeben werden, um zwei Zentner in 1000 Meter Höhe zu bringen.«
»Aha, ich verstehe. Wenn aller Ballast heraus ist, können wir drei aufsteigen, können sogar den Kerl dort mitnehmen.«
»Jawohl. Aber Sie würden nicht weit kommen.«
»Sie nicht, wohl aber ich.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach: ich nehme Sie, Herrn Hammer und den dort als Ballast mit, werfe nach Bedarf einen nach dem andern über Bord. Würde ich dann über die Felswand kommen?«
»Ja, dann allerdings,« lachte der Ingenieur, aber sein Lachen kam nicht recht vom Herzen.
»Na, dann nehme ich anstatt Menschen eben Sand als Ballast mit.«
»Was wird aber aus uns?«
»Sie bleiben einfach hier. Ja, das hilft doch nichts. Nur einer kann wieder heraus, und ich erlaube mir, hierzu mich selbst vorzuschlagen. Ich habe auch die meiste Berechtigung dazu. Ich muß unbedingt heraus. Ich muß mich als Baron Nogi dem Mikado zur Stelle melden. Mein Urlaub ist abgelaufen. Ich muß als geheimer Kurier nach Petersburg. Auf mich warten sechs Frauen. Ich habe vierundzwanzig hungrige Kinder zu Hause. Nur ich bin derjenige, welcher!«
Nobody hatte dies in einer Weise gesagt, daß auch der sonst so stille Hammer in ein schallendes Gelächter ausbrach. Nur der Ingenieur stimmte nicht in dieses ein.
»Na,« lachte auch Nobody, als er Mitchell auf die Schulter klopfte, »machen Sie mal nicht so ein trübseliges Gesicht. Daß ich Sie hier nicht in der Mausefalle sitzen lasse, können Sie sich wohl denken, und drei Jahre, bis die Chinesen mit der Steintreppe fertig sind, brauchen Sie auch nicht zu warten. Wenn Sie innerhalb von drei Tagen nicht wieder heraus sind, dann ... will ich diesen Luftballon, aber knallvoll, als Pille verschlucken. Unterdessen können Sie hier wie im Schlaraffenland leben; es wächst Ihnen ja alles in den Mund, die gebratenen Hasen laufen herum, und Decken haben Sie auch, um sich ein Nachtlager zu bereiten. - Also vorwärts!«
Die Vorbereitungen wurden getroffen, daß Nobody allein abfuhr, und bald sollte es sich zeigen, wie gut es gewesen, daß nicht der Ingenieur allein in die Höhe gestiegen war, um Hilfe zu holen. Denn der wäre trotz aller seiner aeronautischen Weisheit nicht über die Felswand gekommen, und dann wäre es ein für allemal zu spät gewesen, sich durch eigne Kraft zu befreien.
»Der Affenmensch wird gut gepflegt, bleibt aber gebunden und wird immer von einer Person bewacht,« war Nobodys letzte Anordnung. »Fertig?«
Die Taue wurden gekappt; mit 14 Sandsäcken ging der Ballon in die Höhe.
Jetzt lagen aber, wie schon gesagt, ganz andre Verhältnisse vor als bei der Abfahrt.
Um nur die Hälfte des Weges zurückzulegen, hatte Nobody schon 7 seiner Sandsäcke opfern müssen. Da aber der Ballon augenblicklich noch immer stieg, glaubte er beim Auswerfen des letzten Sackes die Felswand bequem überfliegen zu können, denn das mußte geschehen, sobald Ballon und Gondel über den Rand des Plateaus hinauskamen, wo sie von dem frisch wehenden Winde erfaßt wurden. Aber das sollte nicht gelingen. Das ahnte Nobody schon, als er nur noch einen einzigen Sack Ballast zur Verfügung hatte.
Der Ballon war, wenigstens noch 10 Meter unterhalb der Windzone, und 25 Pfund wollten jetzt gar nicht mehr viel bedeuten. Wohl schnellte der Ballon etwas empor, sank aber ebenso schnell immer wieder hinab. Ob nun Nobody diesen Sack hinauswarf oder andre schwere Gegenstände, die sich noch in der Gondel befanden, wie z. B. ein Taubündel, das war gleichgültig. Jetzt war alles Ballast. Nobody hob Sack und Taurolle auf den Rand der Gondel, stürzte sie gleichzeitig hinab - hoch flog der Ballon, berührte schon mit seinem obern Rande die fast greifbar deutliche Windzone - - da sank er wieder.
Ein kleines Faß mit Wasser folgte nach, ein Gewehr ... beides hatte kaum einen sichtbaren Erfolg. Jetzt merkte der schlaffgewordene Ballon es eben nicht mehr, wenn nur ein Hut davonflog, jetzt kamen schon Zentner in Betracht.
In der Gondel war nichts mehr, nur noch der Luftschiffer selbst, und stetig sank der Ballon. Da zog Nobody seinen Nickfänger aus der Tasche, klappte ihn auf, nahm ihn zwischen die Zähne, sprang in das Netzwerk, hing sich in die Knie, verstrickte sich mit den Füßen, und so, den Kopf nach unten, durchschnitt er sämtliche Stricke, welche die Gondel hielten - und wie diese in die Tiefe stürzte, so sauste der Ballon hoch in die Luft.
Noch im Kniehang schwebte Nobody über den schmalen Felsgrat und erblickte 1000 Meter unter sich den Meeresspiegel. Dann richtete er sich auf, setzte sich in den Stricken zurecht und ließ noch etwas Gas aus.
In schräger Richtung ging es hinab, und wenige Minuten später schaukelte der erschöpfte Ballon wie eine riesige Schwimmblase auf den Wogen des Stillen Ozeans. Nobody hatte kurz vorher, um nicht unter dem Ballon im Strickwerk verwickelt zu werden, einen Kopfsprung gemacht.
Als er wieder auftauchte und seinen Blick dem Schwefelberge zuwandte, sah er hinter diesem eine Rauchwolke vorkommen.
Seine Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Auf der Insel war der Schwefelberg nicht aus den Augen gelassen worden; man hatte den Abstieg des kühnen Luftschiffers und Trapezkünstlers beobachtet, und sofort ging ein kleiner Dampfer ab, um ihn und den Ballon aufzufischen.
3. Feuerproben
»Boot ahoi!!«
Der Schiffsjunge hatte es im unsichern Scheine der Morgendämmerung zuerst bemerkt, und dann bekam er für seine Aufmerksamkeit von einem Matrosen noch eine Ohrfeige, weil man auf diese Weise ein Boot wohl anruft, aber nicht meldet.
»Und 's ist ja gar kein Boot, 's ist nur ein Floß.«
Auf der Kommandobrücke des englischen Dampfers >Stag< standen der Kapitän und der zweite Steuermann. Jetzt hatten auch diese das fragliche Fahrzeug erspäht; sie richteten die Fernrohre darauf.
»Es ist ein Floß,« sagte der Steuermann.
»Soll der Teufel das Floß holen!« knurrte der Kapitän.
»Nur aus zwei Baumstämmen zusammengebunden.«
»Soll der Teufel die beiden Baumstämme holen!«
»Es ist ein Notsegel errichtet.«
»Soll der Teufel das Notsegel holen!«
»Der Mann winkt.«
»Soll ihn der Teufel frikassieren!«
»Ich glaube, es ist ein Chinese, er trägt solch eine Kleidung.«
Jetzt machte der liebenswürdige Kapitän seinem Aerger in fürchterlichen Flüchen Luft. Wenn es ein Schiffbrüchiger war, warum hatte ihn das Meer nicht gleich verschlungen? Warum mußte der gottverfluchte Halunke auch gerade den >Stag< in Sicht bekommen? Der Kapitän war nämlich mit Dividenden an der Fahrt beteiligt, und die Zeitversäumnis, die er wegen dieses verdammten Kerls hatte, fühlte er in seiner eignen Tasche. Ja, wenn es wenigstens ein zahlungsfähiger Mensch gewesen wäre! Aber ein elender Chinese, ein Kuli ...
Die edle Nächstenliebe und der aufopfernde Todesmut der Seeleute, wenn es gilt, in Seenot Befindliche zu retten, werden eben oft nur von den eisernen Seegesetzen diktiert.
Nach einer kurzen Beratung hielt man es für besser, d. h. für eine Ersparnis an Zeit und Kohlen, direkt hinzufahren und den Mann an Bord zu nehmen, anstatt erst ein Boot auszusetzen und das Floß heranzubugsieren.
Der Signalapparat klingelte, Ruderkommandos - der Dampfer drehte bei, beschrieb einen Bogen und bald lag das Floß längsseit.
Ueber dasselbe ist nicht viel zu sagen. Es bestand aus zwei ungleich langen, roh behauenen Baumstämmen, mit Stricken zusammengebunden, in der Mitte war eine kurze Stange errichtet und an dieser aus einem bunten Seidentuche ein Notsegel angebracht, welches den leichten Wind ausnützen sollte.
Der Steuermann, welcher das Manöver des Anlegens leitete, sah aber auch noch andres. Ihm fielen schon die Knoten auf, und es ist gar nicht so leicht, eine Stange nur mit Stricken zwischen zwei Balken so festzubinden, daß sie aufrecht steht und imstande ist, ein vom Wind geblähtes Segel zu tragen.
»Wenn er das selber gemacht hat, so ist das ein Seemann, und zwar ein fixer. Ja, das ist aber auch kein Chinese, sondern ein Japaner!«