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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15476 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Kurz und gut, mir ward immer unbehaglicher zumute. Was wollte der Kerl eigentlich von mir? Gehörte er mit zu der Bank und ärgerte es ihn, daß ich den gewonnenen Schilling nicht wieder einsetzte, um ihn schließlich doch zu verlieren? Wollte er mich durch seinen Blick, bei dem ich lebhaft an den eines Raubtierbändigers dachte, zum Gehorsam zwingen? Da gab es bei mir ja nun nichts! Und dennoch, immer deutlicher und immer deutlicher fühlte ich, wie dieser unbeschreibliche Blick sich bis in das Innerste meiner Seele einbrannte.

Wie eine Wohltat empfand ich es, als ich durch etwas andres von diesem Zauberbanne abgelenkt wurde. Wir entdeckten in einem Winkel der Hütte ein kleines Harmonium mit Orgelpfeifen und machten uns darüber lustig, wie ein solches seinen Weg in diese chinesische Spelunke gefunden hatte. Wunderbar war das ja eigentlich nicht. England versah schon damals alle Welt mit solchen billigen Instrumenten auf Abzahlung.

Während wir uns noch so über das Ding amüsierten, weil sich die Orgel in der schmierigen Spielhölle doch gar zu kurios ausnahm, näherte sich uns ein dicker Chinese, grinste, sprach auf uns ein, wovon wir aber kein Wort verstanden, und deutete dabei auf das Harmonium.

Was er verlangte, war ja ganz klar. Ob nicht Einer von uns spielen könnte!

»August, du kannst doch Klavier, spiel mal eins auf!« ermunterte mich mein Maat.

Ich hatte zu Hause Klavierspielen gelernt, sehr mittelmäßig, habe nie Begabung dazu gehabt, doch in Valparaiso hatte ich einmal in einer Wirtsstube meinen Kameraden und einer Bande Weiber zum Tanze aufgespielt, dazu langte es wohl. Nun reizte es mich ebenso, einmal auf einem Harmonium mit Blasebälgen zu spielen, was ich bisher noch nie probiert hatte, wie ich freudig die Gelegenheit erfaßte, um jenem faszinierenden Blicke des alten Chinesen zu entgehn.

Also ich schritt hin, setzte mich auf einen wackligen Stuhl, trat den Blasebalg und griff in die Tasten. Es ging famos, erst >Ein feste Burg ist unser Gott< und dann >Wir sitzen so friedlich beisammen<. Das paßte zu der chinesischen Spielergesellschaft wie die Faust ins Auge. Dabei spielte ich wie ein Bär. Ich hatte ja auch von der dreijährigen schweren Schiffsarbeit wahre Bärentatzen bekommen und griff immer fest daneben. Aber mit meinem Erfolge konnte ich zufrieden sein. Die langbezopften Söhne des himmlischen Reiches vergaßen das Spielen und staunten nicht schlecht. Dem Virtuosen Beifall zu zollen, verbot ihnen wohl nur der chinesische Anstand.

Ich dehnte den Kunstgenuß nicht allzulange aus. Bald stand ich auf und entfernte mich mit meinen Kameraden. Den alten Chinesen mit dem sonderbaren Blick hatte ich schon wieder vergessen. Ohne irgend ein Abenteuer erlebt zu haben, kamen wir an Bord zurück und gingen zur Koje.

Dennoch sollte mein Eintritt in die chinesische Spelunke einen Wendepunkt für mein ganzes Leben bedeuten.

Am andern Tage drehten wir wieder die Winde. Der Kapitän hatte viel zu tun, er wurde in seiner Kajüte fortwährend von weißen und gelben Geschäftsleuten besucht. Nachdem wir uns in den ersten Tagen nach langer, langer Seereise an dem Anblick fremder Menschen in moderner und fremdländischer Kleidung ergötzt hatten, achteten wir ihrer jetzt nicht mehr.

Da kommt der Steward aus der Kajüte an uns vorüber.

»Du, August,« fängt er zu mir gewendet an, »beim Käpten ist ein Herr, der will dich als Organist engagieren.«

»Nanu,« lache ich, und weil ich lache, lachen die andern mit, obgleich sie wahrscheinlich gar nicht wissen, was ein Organist ist.

»Ja,« fährt der Steward ganz ernst fort, »der Käpten hat auch gelacht, aber es ist wahrhaftig wahr; der Herr sagt, du wärst ein geborner Organist und gar nicht mit Gold zu bezahlen. Er wollte dich durchaus als Organisten haben, er wollte dich gleich mitnehmen.«

Der Steward hatte es eilig und mußte wieder fort.

»Ein Organist ist ein Kantor, der in der Kirche die Orgel spielen muß,« erklärte ein gelehrter Matrose, und ich selbst hätte auch keine andre Erklärung geben können.

Na, nun war es ja allen meinen Kameraden ganz klar. Jener Herr hatte mich, gestern abend Harmonium spielen hören oder nur vernommen, daß ich es könnte, es wurde hier für eine Missionsanstalt oder für so etwas Aehnliches ein Orgelspieler gesucht - da war ich gerade der rechte Mann dazu.

Nur mir selbst war das nicht ganz klar. Ich hatte doch nicht umsonst vier Jahre lang die Bänke des Gymnasiums gedrückt. Etwas andre Ansichten bekommt man da doch über die Zivilisation als solch ein Matrose, der Sohn von Fischern oder Arbeitern, so gut er auch sonst in der Welt Bescheid wissen mag.

Nein, so einfach war das denn doch nicht. Hier mußte ein Irrtum vorliegen. Jener Herr selbst konnte mich unmöglich haben spielen hören. Ich wußte gut genug, wie jämmerlich es mit meiner Kunst stand. Und wenn hier eine christliche Kolonie einen Orgelspieler brauchte, da war nicht erst nötig, an den chinesischen Spelunken zu lauschen und einen Matrosen von Bord zu holen. Einen Organisten kann man sich schnell genug verschreiben, in jeder Hafenstadt laufen genug stellenlose Kommis und sogar Schullehrer herum, die in so etwas perfekt sind.

»Du, August, da kannst du dein Glück machen,« hieß es, »wenn dich der Käpten nur gleich gehen läßt.«

»Ach, laßt mich zufrieden, das ist ja alles Unsinn!« entgegnete ich ärgerlich und drehte meine Winde weiter.

Nach einiger Zeit, während welcher zu meinem heimlichen Verdruß immer weiter von dem Kantor und Organisten geschwatzt wurde, kam wiederum der Steward vorüber.

»Ist denn der Herr noch da?« wurde er gefragt, aber nicht von mir.

»Nee, der ist schon lange fort. Der Käpten wollte ja Augusten nicht fortlassen, ein Jahr hätte er noch Kontrakt, und, damit basta.«

»Siehst du, August! Sprich nur gleich mit dem Käpten.«

»Ach, laßt mich in Ruhe!«

»Wahrhaftig!« beteuerte der Steward. »Wenigstens eine halbe Stunde hat der Herr mit dem Käpten über dich gesprochen, er wollte dich gleich mitnehmen, du wärst ein geborner Organist, der Käpten mußte alles haarklein über dich erzählen, und als er sagte, daß du in der Schule so dumm gewesen wärst, da - da ...« - jetzt fing der Steward plötzlich zu lachen an - »... da meinte der Herr, das schadete nichts, dann wärst du eben ein zweiter Alexander Humbug.«

Und lachend machte der Steward, der nichts weiter als Dummheiten im Kopf hatte, daß er fortkam, um die Bekanntschaft mit meinen Fäusten zu vermeiden.

Jetzt war die Sache fertig. Jetzt wußten auch die andern, daß der Steward nur einen Witz gemacht hatte, einen plumpen Matrosenwitz, dessen Entstehung man nur begreift, wenn man an Bord gelebt hat.

So geht's in der Welt! Ich selbst hatte mich dagegen gesträubt, und nun hatte ich den Schaden noch obendrein. Jetzt war ich wieder einmal der dumme August, über den sich alles amüsiert, und für die nächste Zeit würde ich wohl der Organist bleiben.

Aber es sollte ganz anders kommen.

Am andern Abend war ich wieder von der Freiwache. Verbissen schlich ich mich allein an Land, nur um dem Gespötte meiner Kameraden aus dem Wege zu gehen, die sich über den Kantor und Organisten immer noch nicht beruhigt hatten. Das bunte Treiben um mich her im Scheine der farbigen Papierlaternen hatte mich wieder etwas erheitert, als quer über die Straße ein Mann auf mich zugesteuert kam - ein feiner, patenter Herr mit langem, schwarzem Vollbart, aber noch jung.

»Habe ich das Vergnügen, Herrn August Hammer zu sprechen?« redete er mich auf deutsch an, dabei sogar den Hut ziehend.

Ich gestehe, daß ich ob solcher Ehre errötete. »Jawohl, der bin ich.«

»Dürfte ich Sie bitten, mir eine kurze Unterredung zu gewähren? Vielleicht hier im nächsten Kaffeehaus?«

Das ist der, der mich als Organisten anmustern will! schoß es mir durch den Kopf - und dann verwarf ich solch einen dummen Gedanken gleich wieder.

»O ja, warum denn nicht?« entgegnete ich, aber ich ungeschliffener Bengel sprach damals noch alles das aus, was ich dachte.

»Wozu denn? Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja gar nicht!« mußte ich also noch hinzusetzen.

»Makart ist mein Name. Es dürfte sich vielleicht um Ihr Lebensglück handeln. Wollen Sie mich begleiten?«

Gut, ich ging mit in das Hotel, vor dessen Tor wir gerade standen. Der Salon war ganz leer. Der Herr suchte sich trotzdem die entlegenste Ecke aus. Gefragt, was ich zu trinken wünsche, bestellte ich Kaffee, der Herr desgleichen. Das Gewünschte war sofort da; der Kellner wollte sich noch an unserm Tische herumdrücken.

»Lassen Sie uns allein!!« erklang es gebieterisch, und der befrackte Geist verduftete.

»Sie sind Leichtmatrose auf dem Papenburger Vollschiff >Katharine<, nicht wahr, Herr Hammer?« begann der Fremde das Gespräch.

»Das bin ich, und Sie sind der Herr, welcher gestern mit meinem Kapitän über mich gesprochen hat, nicht wahr?« fragte ich dagegen.

Es war gerade kein Stutzen, mit welchem mich der Mann anblickte, aber ich merkte doch gleich, daß ich das Richtige getroffen hatte.

»Woher wissen Sie das?«

»Das ist meine Sache. Wollen Sie mir nicht meine Frage beantworten?«

Ja, wer mich für schüchtern hielt, weil ich für gewöhnlich sehr bescheiden und still und wortkarg war, der irrte sich grimmig in mir. Ich konnte auch ganz energisch auftreten, es mußte nur einmal eine Gelegenheit kommen.

»Nein, ich selbst war es nicht, der mit Herrn Kapitän Grohmann über Sie sprach, es war ein andrer, aber er handelte in meinem Auftrage. Doch nun bitte ich Sie dringend, mir zu sagen, woher Sie von jener Unterredung Kenntnis bekommen haben. Der Kapitän hat nämlich sein Ehrenwort gegeben, Ihnen von dieser Unterredung nichts zu sagen.«

Ah, dann allerdings mußte ich Farbe bekennen.

»Der Steward hat diese Unterredung belauscht.«

Der Fremde verzog keine Miene.

»Und was wollte der Steward erlauscht haben?«

»Es wäre ein Herr da, der mich als Organisten engagieren wollte,«

»Als ... Organisten?«

Er hatte zwischen den beiden Worten eine lange Pause gemacht, dabei nur eine überlegende Miene ziehend.

»Das dürfte wohl ein andres Gespräch gewesen sein, welches der indiskrete Steward belauscht hat,« sagte er dann.

»Jener Herr hätte zum Kapitän gemeint, ich wäre ein geborner Organist, der nicht mit Gold aufzuwiegen sei. Es ist möglich, daß mich vorgestern abend jemand in einer chinesischen Spelunke hat Harmonium spielen hören, aber wie da jemand, auf die Idee kommen kann, ich sei ein Organist, das ist mir selbst ...«

Ich kam mit dem Satze nicht zu Ende. Plötzlich brach der Herr, der trotz all seiner Höflichkeit bisher eine unerschütterliche Ruhe bewahrt hatte, in ein schallendes Gelächter aus.

Doch schnell hatte er sich wieder gefaßt.

»Ich bitte um Verzeihung! Hier waltet ein Irrtum ob. In der Tat, jener Herr, der mich vertreten hat, unterhielt sich mit Kapitän Grohmann auch über Organisten, es handelte sich um eine Lieferung von Harmoniums, die von geübten Klavierspielern begleitet werden soll ... never[]mind! Nein, als Organisten will ich Sie nicht engagieren.«

Ich atmete erleichtert auf. Diesen infamen Organisten war ich wenigstens los.

»Als was sonst?«

»Als Matrosen für meine Jacht.«

»Sie haben eine Jacht?«

»Ja, eine eigne Jacht, nur zu meinem Vergnügen! Hätten Sie Lust, daraufzugehen?«

Vor allen Dingen begann ich immer mehr ein Geheimnis zu wittern. Eigentlich lag auch ganz klar auf der Hand, daß ein solches hier vorhanden war. Warum hatte sich dieser oder ein andrer Herr so lange mit meinem Vormund über mich unterhalten? Warum hatte der Kapitän sein Ehrenwort gegeben, über diese Unterredung nichts gegen mich verlauten zu lassen? Was schlängelte dieser mir gänzlich unbekannte Herr sich so an mich heran?

Und nun noch etwas andres! Ich sagte: gänzlich unbekannte Herr. Dabei aber ging es mir fort und fort durch den Kopf: Gott, wo hast du diesen Mann nur schon einmal gesehen?! Erst neulich?! Und - ich weiß gar nicht, wie ich auf die verrückte Idee kam - dabei mußte ich fortwährend an jenen alten Chinesen mit dem merkwürdigen Blicke denken!

Jetzt aber galt es erst zu antworten und auf eigne Faust zu forschen.

»O ja, zu einer Jacht hätte ich schon Lust. Was für Heuer geben Sie?«

»Was bekommen Sie jetzt?«

»Vierzig Mark im Monat.«

»Als Leichtmatrose?«

»Als Leichtmatrose.«

»Und was bekommen Sie später als Vollmatrose?«

»Da ist die Heuer auf deutschen Segelschiffen sechzig Mark.«

»Ich würde Sie sofort als Vollmatrosen annehmen und Ihnen monatlich achtzig Mark geben.«

Jetzt aber mußte auch er endlich einmal Farbe bekennen oder ich spielte nicht mehr mit!

»Herr Makart, wie kommen Sie eigentlich dazu, mir solch ein Angebot zu machen, wo Sie mich doch gar nicht kennen?«

»Ja, das ist es eben! Ich sehe mir meine Leute an, ehe ich sie auf meine Jacht nehme, und Sie gefallen mir. Ich weiß, daß Sie der tüchtigste Seemann sind, und ich habe mir auch schon von Ihrem Vormund und Kapitän Auskunft über Sie geholt.«

Wenn man die Sache recht besieht, so war das doch gar keine Antwort auf meine Frage. Das Rätsel blieb bestehn, wie und wo mich der Fremde zuerst kennen gelernt hatte. Doch jetzt begann er zu fragen, und nun geschah etwas Wunderbares, was ich aber, damals gar nicht als solches erkannte, sondern erst lange Zeit später, als ich mich dieser Stunde wieder erinnerte.

Das Wunderbare lag nämlich darin, wie dieser Mann mich auszufragen verstand. Von meiner frühesten Jugend an mußte ich ihm alles erzählen ... nein, nicht erzählen, sondern er fragte, und ich mußte antworten ... nein, er fragte auch nicht, sondern er holte mich aus, er krempelte förmlich das Innerste meines Leibes und meiner Seele nach außen ... und das Merkwürdige dabei war, daß ich gar nicht merkte, wie er dies in Wirklichkeit tat.

Ich weiß nicht, ob man versteht, was ich hiermit sagen will. Mit andern Worten ausgedrückt: dieser Mann war ein Virtuose im Interviewen; denn das ist eine Kunst, welche gar nicht gelernt werden, eine Gabe, welche man nur weiter ausbilden kann. Das ist es, weshalb die zum Interviewen geeigneten Journalisten von den großen Zeitungen fürstliche Gehälter bekommen. Ein solcher Mann läßt sich mit einem Diplomaten in eine leichte, harmlose Unterhaltung ein, und ohne daß letzterer es nur ahnt, werden ihm durch scheinbar ganz unverfängliche Fragen die tiefsten Geheimnisse entlockt.

Ich war kein Diplomat, und ich hatte auch keine Geheimnisse zu bewahren - und dennoch, hier lag ein noch viel schwierigerer Fall vor! Dieser Mann wußte jedes Fältchen meines Herzens aufzudecken, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, daß er es tat. Das ist mir, wie gesagt, alles erst viel später zum Bewußtsein gekommen, und.als ich diesen Mann näher kennen lernte, da war mein Staunen darüber, was der mit mir gemacht hatte, grenzenlos!

Kurz und gut, der Herr verstand zu plaudern, daß mir die Stunden wie im Fluge verstrichen. Er hatte mich in einen Zauberbann geschlagen, dessen ich aber gar nicht bewußt wurde. Seltsam war nur, wie ich mich dabei immer, anstatt hier in dem eleganten Hotelsalon, in der schmutzigen Chinesenspelunke wähnte und den hypnotischen Blick aus den Schlitzaugen des alten Chinesen auf mir ruhen fühlte.

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