Und laut fragte er:
»Wenn das aber solch ein Weib ist, wird es mir denn da gelingen, die Gräfin so weit zu bringen, daß sie mir den geheimen Plan ausliefert?«
»Dir?« lächelte der alte Schatzkämmerer. »Wenn du so sprichst, dann kennst du dich ja selbst noch nicht einmal. Sieh doch nur, wie dir hier alle die weißen Frauen nachrennen! Die sind ja alle ganz vernarrt in dich! Da ist die Tochter des russischen Gesandten, die kannst du doch auch um den Finger wickeln, während sie sonst von keinem ihrer weißen Landsleute etwas wissen will. Das liegt in deinem Blick, in deinem Auftreten, in deinem ganzen ritterlichen Wesen, du entstammst eben dem berühmtesten Geschlecht der Samurais. Ach, das wird ja so einfach! Mag die exzentrische Gräfin bisher die Liebe auch nur als eine Spielerei betrachtet haben, du zwingst sie doch noch nieder und bändigst sie, wie du noch jedes Weib gebändigt hast, bis es gehorsam zu deinen Füßen lag.«
Hui, dachte Nobody wiederum, seht einmal diesen Baron Nogi an, was das für ein Schwerenöter ist! Und dessen Rolle muß ich nun spielen! Es ist doch gut, daß meine Frau von dieser Eigenschaft meines Doppelgängers nichts weiß.
»Nun ist es selbstverständlich,« fuhr der Alte fort, »daß ein Baron Kata Nogi so etwas nicht unternehmen kann. Ich meine, nicht unter seinem Namen. Du bist verheiratet, und wenn man das auch dort noch nicht weiß, so wird man es doch schnell genug erfahren, du kannst dich der Maitresse des Ministers nicht mehr als glühender Verehrer nähern, und überhaupt, als Baron Nogi, als Adjutant des Generalsfeldmarschalls, und wo du auch schon eine politische Rolle gespielt hast, da würde man bei unserm gespannten Verhältnis mit Rußland sofort Verdacht schöpfen ...«
»Ich verstehe, ich verstehe,« fiel ihm Nobody ins Wort, »als Baron Kata Nogi kann ich mich nicht auf dieses Unternehmen einlassen. Ah, ihr wünscht also, daß ich vorgeblich mit bei dem Schiffbruch der Jacht meinen Tod gefunden haben soll?!«
»Mein Sohn, du bist scharfsinnig wie immer,« zollte ihm der Alte Beifall. »So ist es. In geheimen Sitzungen wurde schon immer beraten, wie man dich wegen jener Sache nach Petersburg schicken könne, ohne daß du als Baron Nogi erkannt wirst. Das ist gar nicht so einfach. Eine Maskierung würde da nichts helfen. Du, der Günstling des Mikado, bist auch der Liebling des ganzen japanischen Volkes, du kannst nicht so einfach verschwinden; unsre Zeitungen würden förmlich gezwungen werden, deine Abwesenheit zu motivieren, und da genügte nicht, so einfach zu sagen, man hätte dich ins Ausland geschickt. Das Volk würde Rechenschaft verlangen, wohin, wozu, und so würden die Zeitungen die Sache breittreten. Ueberdies werden unsre japanischen Zeitungen auch in Petersburg genau gelesen. Kurz, man hätte sich mit deinem Verschwinden beschäftigt und wäre sehr leicht auf die Spur gekommen, daß der Abenteurer, der sich um die Gunst der Gräfin Urlewsky bewirbt, und Baron Kata Nogi ein und dieselbe Person sind.
»Da verbreiteten die von der Spazierfahrt zurückkommenden Boote, die Kunde, wie die Baronin Nogi und ihre Kinder verunglückt waren und kein andrer als der eigne Gatte und Vater sie gerettet habe. Du warst also von der Segelpartie zurückgekehrt. Wir vermuteten aber, die ganze Gesellschaft befände sich an Bord des englischen Dampfers. Solch ein furchtbares Unglück konnte ja niemand ahnen. Die Sanitätsbeamten kamen an Bord, sie brachten deine Erzählung mit zurück, du seist der einzigste der die Katastrophe überlebt hätte!
»In Waninos klugem Kopfe tauchte zuerst der Plan auf. Er eilte zum Minister. Schnell wurde eine geheime Sitzung abgehalten.
»Da kam auch die Anfrage des Sanitätsbeamten, ob deine Frau und Kinder das pestverdächtige Schiff verlassen dürften. Jawohl, wenigstens deine Frau mußte man ins Vertrauen ziehen.
»Der Entschluß wurde gefaßt. Freilich war es unterdessen Abend geworden, ehe man sich über alles klar ward. Leutnant Dimodi sollte dir den Bericht abfordern, die Hauptsache aber war, daß er dir Instruktionen betreffs dessen gab, was man mit dir vorhatte, was du vor dem Richter auszusagen hattest.
»Es war folgendes beschlossen worden: Du bist ein Abenteurer, ein Hochstapler. Seit einiger Zeit hast du die Bekanntschaft des Barons Kata Nogi gemacht und sein Vertrauen zu erwerben gewußt. Du siehst ihm sehr ähnlich und schließt dich der Segelpartie an. Ihr erleidet Schiffbruch. Alle gehn unter. Auch Baron Nogi siehst du in den Wellen versinken. Nur du rettest dich auf eine Vogelklippe. Da kommt dir der Gedanke; du willst die Rolle des Barons Kata Nogi spielen! Das kannst du um so eher, weil du dich wenig in der Öffentlichkeit hast sehen lassen, niemand weiß, daß du mit Kata Nogi verkehrt hast. Aber sonst bist du imstande, seine Rolle zu spielen. Nun wird auch noch das Unglück der Frau und Kinder dein Glück, zufällig mußt gerade du es sein, der sie rettet. - Uebrigens wieder eine Tat, wie sie nur mein Sohn fertig bringt,« setzte der Alte hinzu.
»Es lag im Ratschluß der Götter, die mir stets gnädig gesinnt waren, schon dadurch, daß sie mich den Sohn solch eines vorzüglichen Mannes werden ließen,« wehrte der japanische Nobody bescheiden ab. »Dies also sollte mir Leutnant Dimodi mitteilen.«
»Jawohl. Aber in der Eile, mit welcher gehandelt werden mußte, entstand - durch die ähnlich lautenden Namen eine Verwechslung. Leutnant Dimodi wurde durch ein Versehen zurückgehalten, statt seiner ging Leutnant Timitti ab, der aber nur wußte, daß er dir den Bericht abfordern solle und irrtümlich, weil er nur etwas davon gehört hatte, der Meinung war, daß du wirklich ein falscher Baron seiest.«
»Ja, das merkte ich an seinem Betragen. Und wofür hält mich Sayadamona? Glaubt auch sie, ein falscher Baron hätte sie gerettet und sie geküßt?«
»Nein. Sayadamona ist eingeweiht worden, und Sayadamona ist im Gehorsam erzogen. Aber es ward ihr schwer, dich öffentlich zu verleugnen, es griff sie so an, daß sie in Ohnmacht fiel.«
»Weiß sie, weshalb ich nach Petersburg gehe, daß ich dort ein schönes Weib verführen soll?«
Nobody interessierte sich im Augenblicke mehr für die junge Frau seines Doppelgängers als für alles andre.
»Nein, das braucht sie nicht zu erfahren, wir haben ihr etwas andres erzählt, du müßtest eben auf eine geheimzuhaltende Reise. Und was wäre schließlich dabei, wenn sie wüßte, zu welchem Zwecke du nach Petersburg gehst? Was hat sich eine Japanerin um das Tun und Lassen ihres Mannes zu kümmern? Sayadamona aber ist eine echte Japanerin.«
Trotzdem! Nobody, der viel mehr Herz hatte, als er vorgab, empfand es als eine Wohltat, daß Sayadamona nichts hiervon erfuhr.
»War der Richter eingeweiht?« fragte er dann weiter.
»Ja, wir alle, die Ankläger und Zeugen, gehörten sämtlich zum gelben Drachen.«
Aha! Also auch der gute Papa war Mitglied dieser gefährlichen Verbindung.
Das war aber auch der Beweis, daß Nobody jetzt keine Falle mehr zu fürchten hatte, er wurde wirklich für den echten Baron Kata Nogi gehalten. Denn Nobody konnte in gewissen Fällen überaus mißtrauisch sein.
»Da aber,« fuhr der Alte fort, »ging uns eine fatale Erkenntnis auf. Erst im letzten Augenblick, als wir schon im Gerichtssaale saßen und du vorgeführt werden solltest, erfuhren wir zufällig, daß du überhaupt gar nicht vorbereitet worden warst! Das war eine schöne Geschichte! Zum Glück machte der Richter seine Sache sehr gut, er legte dir die Antworten immer in den Mund - aber noch besser, mein Sohn, hast du deine Sache gemacht. Ist es denn nur möglich, ahntest du denn gleich, was wir mit dir vorhatten?«
Der Alte konnte sich nicht enthalten, dem Sohne liebevoll den Kopf zu streicheln, auf welchen dieser nicht gefallen war.
»Natürlich, natürlich! Eine Ahnung ging mir gleich auf, ich sah doch auch euer Kopfnicken, wenn ich auch noch nicht im geringsten wußte, wohinaus ihr eigentlich wolltet. - Ja, was ist denn das aber für einer gewesen, den ich vorstellen sollte, der ... der ... wie war gleich der Name?«
»Nobody,« kam der alte Schatzkämmerer dem Sohne zu Hilfe.
»Ja, Nobody! Wie kamt ihr gerade auf den?«
»Hast du noch nichts von diesem Nobody gehört?«
Diese Frage war vortrefflich! Denn Nobody hätte nicht so ohne weiteres wagen dürfen, seine Unkenntnis zu verraten. »Nein.«
»Das ist ein amerikanischer Detektiv, der seine Abenteuer in einer New-Yorker Zeitung beschreibt; >Worlds Magazine< heißt das Blatt.«
»So, so. Und dieser Nobody soll ich sein?«
»Ja. Es hatte jemand diesen Einfall gehabt. Dieser Detektiv macht gerade jetzt sehr viel von sich reden, und irgend jemand mußte es doch sein.«
»Aber wie leicht hätte herauskommen können, daß ich nicht dieser Nobody bin! Wenn der nun jetzt aufgetreten wäre, euch zur Rechenschaft gezogen hätte, wie ihr einen Mann, den ihr als Abenteurer, Hochstapler und Betrüger anklagt, mit seiner ehrenwerten Person identifiziert?«
»I, dieser Nobody existiert doch gar nicht,« kicherte der Alte.
»Existiert gar nicht?«
»I wo, das ist doch nur eine vorgebliche Person, eine Phantasiegestalt, die ihre erfundenen Abenteuer in jener Zeitung veröffentlicht, um die Leser zu unterhalten.«
Wartet, dachte der gar nicht existierende Nobody, ich will euch noch einmal einen Beweis davon geben, daß diese Phantasiegestalt wirklich leibt und lebt - einen Beweis, daß euch die Haare zu Berge stehn sollen!
»Aber,« fuhr der Alte fort, »das Publikum glaubt, wie es so oft mit Romanfiguren passiert, wirklich an seine Existenz. Der chinesische Gesandte ist auch so einer, der sich für so etwas interessiert, der erzählt uns viel davon, und daher sind wir über diesen amerikanischen Detektiv, obgleich er gar nicht lebt, genau orientiert. Nun wird er auch als ein großartiger Verwandlungskünstler hingestellt, der sein Gesicht und wohl gar seine Nase verändern, eben das Aussehen jedes Menschen annehmen kann, und das paßte alles so vortrefflich für unsre Zwecke, und da wollten wir eben das Gerücht aussprengen, der falsche Baron Kata Nogi sei jener Nobody, und daraufhin solltest du auch vorbereitet werden.«
Na wartet, dachte der gar nicht lebende Nobody wiederum, ihr sollt mich noch einmal zur Genüge kennen lernen!
»Ja, wir dachten sogar daran, ob du dich nicht als dieser Nobody bei der Gräfin Urlewsky einführen könntest. Denn die schwärmt für alles Abenteuerliche und Sensationelle. Was meinst du, willst du die Rolle dieses Romanhelden in Wirklichkeit spielen?«
Jetzt hätte Nobody dem Alten so gern einmal ins Gesicht gelacht.
Nobody tritt als Baron Nogi auf, und jetzt soll der falsche Baron Nogi den echten Nobody spielen! Das war ja köstlich!
Aber Nobody war nicht sogleich bereit, das mußte er sich wenigstens noch reiflich überlegen, und vorläufig wußte er eine Ausrede.
»Da wäre doch ein großes Hindernis vorhanden.«
»Welches?«
»Wenn dieser Nobody, von dem ich jetzt zum ersten Male höre, ein so geschickter Verwandlungskünstler sein soll, der jede Maske annehmen kann, und die Gräfin Urlewsky verlangt nun einmal von mir, ich soll ...«
»Da hast du allerdings recht,« fiel ihm der alte Japaner ins Wort. »Das war ja auch nur ein Gedanke von uns, das bleibt überhaupt vollkommen dir überlassen. Die Hauptsache ist, daß du deinem Vaterlande den Kriegsplan bringst, den Rußland für die Mandschurei ausgearbeitet hat, schon in der Voraussetzung, daß es dort noch einmal mit Japan feindlich zusammentrifft. Was für einen Wert dieser Kriegsplan für uns hat, brauche ich dir, dem geschulten Taktiker, nicht erst zu sagen, und ebenso weißt du, daß der Plan nicht einfach entwendet werden oder daß man sonst eine Ahnung haben darf, ein Fremder könnte Einblick in ihn genommen haben. Dann würde einfach ein neuer Kriegsplan ausgearbeitet werden.«
»Selbstverständlich! Es muß eine geheime Kopie davon genommen werden.«
»Und dann mußt du die leidenschaftliche Gräfin so in deine Gewalt bekommen, bis sie dir gutwillig den Schlüssel zum Geheimkabinett gibt,« ergänzte der brave Japaner. »Auf jeden Fall aber gebe ich dir den Rat, dich bei ihr als so ein verwegener Abenteurer einzuführen. Sie schwärmt eben für solche Naturen, weil sie selbst eine ist. Schon mancher Abenteurer verdankt ihr sein dauerndes Glück, und es kann ihr gar kein noch so verrücktes Projekt gemacht werden, sie geht darauf ein, schießt die Kosten dazu vor.«
»Was für ein verrücktes Projekt? Kennst du ein Beispiel?«
»O ja. Da erzählen die Europäer, besonders die Spanier, von einem verschollenen Goldlande, das in Südamerika gelegen haben soll. Eldorado nennen sie es. Es sind schon viele Expeditionen aufgebrochen, um es zu suchen, natürlich immer vergebens, denn es existiert nur in der Phantasie von leichtgläubigen Köpfen, und das war auch früher, jetzt denkt niemand mehr an die wirkliche Existenz dieses fabelhaften Goldlandes. Da aber verirrt sich ein spanischer Abenteurer nach Petersburg, lernt die Gräfin Urlewsky kennen, schwatzt ihr von seinen Träumen vor - - und wahrhaftig, sie gibt ihm die Mittel, daß der Schwindler eine Expedition nach Südamerika ausrüsten kann.«
»Und weiter?«
»Na, der Kerl ist gar nicht nach Südamerika gegangen, er hat das Geld in Paris verpraßt.«
»War sie da nicht von ihrer Vorliebe für solche Abenteurer kuriert?«
»Durchaus nicht. Gleich darauf fiel sie auf ganz dasselbe herein, sie gab die Mittel her, um von einem Abenteurer das sagenhafte Ophir entdecken zu lassen. Das war ebenfalls ein Schwindler. Und so hat sie schon Unsummen für solche Zwecke ausgegeben.«
»Woher nimmt sie die Mittel? Ist sie vermögend?«
»Nein. Aber die Kasse Alexei Petrofs steht ihr zur Verfügung, und der allerdings ist immens reich.«
»Ist das nicht ein Zeichen der Beschränktheit, daß sie immer wieder das Opfer von Betrügern wird?«
»Beschränktheit? Die ist nicht beschränkt! Nein, sie sagt es selbst, das macht ihr Vergnügen, sie liebt solche unternehmungslustige Personen, welche ihrer nüchternen Mitwelt Hohn sprechen, und vor Betrügern kann sich niemand schützen. Es sind doch auch nicht alle solche. Da ging einmal durch die Zeitungen die Notiz, im nördlichsten Sibirien existierten noch Mammuts, die Eingebornen erzählten von solchen haarigen Ungeheuern - und wenn die Zeitungen das auch nur nacherzählten - warum sollte es nicht möglich sein? Es gibt im nördlichen Sibirien Gegenden, die noch gänzlich unerforscht sind, und das Mammut könnte dort oben wohl noch sein Fortkommen finden. Da meldete sich bei der Gräfin Urlewsky ein junger Russe, ein Bauernbursche, aber schon ein erfahrener Bärenjäger. Der macht sich anheischig, nach jenen Gegenden zu gehn, und wenn er ein Mammut findet, es lebendig mitzubringen. - Jawohl, der Junge erhielt alles, was er zu seiner Expedition brauchte.«
»Nun, und hat er ein lebendiges Mammut mitgebracht?« lachte Nobody.
»Nein, ein lebendiges nicht, aber ein totes, noch ganz wohlerhalten. Es war in Eis eingefroren und hatte sich während Jahrtausenden konserviert. Die Hunde konnten noch das Fleisch fressen. Die Gräfin schenkte diese in der Welt einzig dastehende Seltenheit dem Petersburger Museum. Außerdem entdeckte der Junge noch ein ungeheures Lager von Mammutzähnen, besser als Elfenbein, das brachte der Regierung großen Gewinn, und das alles hat man nur dem abenteuerlichen oder sage meinetwegen verrückten Sinne dieser Gräfin zu verdanken.«