Ebenso aber zeigten die wohldressierten Tiere jedes Lichtchen an, welches sie weit draußen im Meere erblickten, sie taten es schon von selbst, aus Instinkt, weil sie nichts Fremdes in ihrem Reviere duldeten, und auch ohne Lichter hätte sich kein Fahrzeug dem Eiland unbemerkt nähern können, ihre feinen Nasen hätten es schon von weitem gewittert.
Was waren da also menschliche Wächter nötig? Man brauchte die Kraft der ausgeruhten Arbeiter am andern Tage nötig genug.
Da knurrte ein Hund drohend: plötzlich schlugen sie alle zusammen grimmig an; wie wahnsinnig stürzten sie dem Hafen zu, und fast gleichzeitig erschienen an Deck der Fahrzeuge angekleidete Matrosen und kamen aus den Felsenkammern bewaffnete Männer herbeigeeilt. Denn wenn es auch keine Wachtposten gab, so doch eine abgeteilte Wachtmannschaft, die auch unter Deck oder in ihrem Quartier immer bereit sein mußte, einen von den Hunden gemeldeten Feind zu empfangen.
So gut diese Mannschaft aber eingeschult sein mochte, so entstand in der undurchdringlichen Dunkelheit doch einige Verwirrung. Es war absolut nichts zu sehen, man wußte nicht, warum die Hunde anschlugen, ein Mann rannte gegen den andern.
»Lichter an! Die Scheinwerfer in Tätigkeit gesetzt!« ertönte das Kommando.
»Keine Lichter, keine Scheinwerfer!!« schrie eine heisere Stimme.
Ein schmetterndes Krachen folgte diesem Rufe nach, es kam von dort, wo der Hafenrand eingemauert war, aber schräg ins Wasser laufend, daß man ohne Anstrengung Boote hinein- und herausschieben konnte - dann ein Knall, ein blitzähnlicher Lichtschein erhellte für einen Augenblick die finstre Nacht - und in diesem Lichtschein hatte man dort auf jener schrägen Stelle einen Trümmerhaufen gesehen, der vorhin noch nicht dort gelegen - dann glühte dort plötzlich ein großes Kohlenfeuer, jetzt sah man deutlicher, daß der Trümmerhaufen aus verbogenen Eisenplatten bestand, das kaum noch erkennbare Wrack eines kleinen Dampfbootes, das mit großer Gewalt die schiefe Ebene hinaufgerannt und dabei aus den Fugen gegangen war, die glühenden Kohlen waren das herausgeschleuderte Kesselfeuer - dann sah man einen Mann, welcher mit jeder Hand einen Hund bei der Kehle gepackt hatte und die andern, die wütend auf ihn los wollten, durch Fußtritte von sich abzuhalten suchte ...
»Zurück, Leo - kusch dich, Arion - kennt ihr Bestien euern Herrn und Meister nicht?!«
Ja, die Bluthunde kannten ihn, und zwar nicht nur an seiner Stimme; winselnd krochen sie ihm zu Füßen, und jetzt hatten auch die Inselbewohner ihn erkannt.
»Der Master!« ging es erstaunt von Mund zu Mund.
»Ich bin's. Wo ist Mr. Zeel?«
»Hier,« meldete sich der von Nobody eingesetzte Kommandant der Insel, dem die eventuelle Verteidigung oblag, ein geborener Holländer und ehemaliger Artillerieoffizier, der als Instrukteur nach China gegangen war.
»Alle Mann in die Forts!!« schrie Nobody, den man gar nicht wiedererkannte, so aufgeregt war er. »Alle Mann an die Geschütze!! Kein Licht, kein Licht!«
Alles stob auseinander; aber die Unordnung war nur eine scheinbare. Jeder Mann eilte an seinen Posten, und so entwickelte auch Nobody nur seine höchste Schnelligkeit, trieb die Leute zur größten Eile an. Das war noch keine Aufregung.
Nobody war in ein Fort geeilt, welches mit dem zweiten telephonisch verbunden war, er gab Kommandos, und was in dem einen geschah, wurde auch in dem andern ausgeführt.
Ohne zu erklären, was für eine Gefahr denn drohe, noch weniger, wie er plötzlich hierherkäme, ließ er die sämtlichen Geschütze nach Osten richten, und zwar die Mündung nach oben, als gelte es, in einem großen Bogen zu schießen, er selbst stellte sich an ein außergewöhnlich langes, aber dünnes Rohr, welches kleine Granaten schoß, stemmte den ausgeschnittenen Bügel an der Schulter fest.
»Ich schieße zuerst!!« schrie er, und es ward auch in dem zweiten Fort gehört. »Immer zwei bis drei Meter über ...«
Doch diese Erklärung sollte nicht erfolgen.
Ein gellender Schrei des Entsetzens übertönte das Kommando.
»Der gelbe Drache, der gelbe Drache!!« heulten die aus den Felsenkammern hervorgekommenen Chinesen und warfen sich platt an den Boden, preßten das Gesicht gegen den Stein, nur um das Schreckliche nicht sehen zu müssen, was ihnen im nächsten Augenblick den Tod bringen mußte.
Aber auch die weiße Mannschaft der Insel schrie vor Schreck laut auf, und wer keinen Laut hervorbrachte, dem sträubte sich vor Entsetzen das Haar auf dem Kopfe.
Urplötzlich war vor ihnen, vielleicht hundert Meter in der Luft, eine Lichtmasse aufgetaucht, ein feuriges Ungeheuer, ein kolossaler Drache, der ein intensiv gelbes Licht ausstrahlte.
Deutlich konnte man jedes Glied an ihm erkennen, den aufgerissenen, von furchtbaren Zähnen starrenden Rachen, die glühenden, tellergroßen Augen, die mächtigen Pranken, den langen Schweif ...
Es braucht nicht näher beschrieben zu werden. Es war eben ein schreckenerregender, feuerspeiender Drache, welcher hoch in der Luft mit ziemlicher Schnelligkeit auf die Insel zuschwebte - und zwar direkt auf sie zu! Denn jetzt senkte er sich herab.
Dem gellenden Schrei war eine Todesstille gefolgt. Was nicht mit dem Gesicht auf der Grde lag, das stierte mit entgeistertem Auge zu dem Ungeheuer empor, von ihm den feurigen Tod erwartend.
»Er muß ins Meer stürzen, ehe er über der Insel schwebt, sonst sind wir verloren!!« durchdrang da Nobodys Kommandostimme die Todesstille. »Aber nicht auf den Drachen selbst schießen, zwei bis drei Meter darüber halten!!!«
Ein Feuerstrom entfuhr dem langen Geschütz, welches seinen Namen Feuerschlange mit Recht führte, das repetierende Rohr wurde von Matrosen mit Granaten bedient, ein Schuß krachte nach dem andern, und plötzlich kam das glühende Ungetüm in eine schaukelnde Bewegung.
»Getroffen! Drei Meter über den Kopf halten! Feuer!!!«
Jetzt feuerten auch andre Geschütze, man hörte ein zischendes Pfeifen in der Luft, und schnell senkte sich der Drache herab, er fiel in das Wasser. Das von ihm ausgehende Licht ward immer schwächer, bis es ganz verlöschte.
»In die Boote!! Den Scheinwerfer in Tätigkeit gesetzt!!«
Hals über Kopf stürzten die hierzu bestimmten Matrosen in die Boote, und als sie abstießen, leuchtete ihnen bereits der blendende Strahl eines elektrischen Scheinwerfers voraus.
Der Höllenspuk hatte überhaupt schon durch den Erfolg der Kanonenschüsse seine ganze Zauberkraft auf die Gemüter verloren, und ... da lag er, der Drache, im tageshellen Scheine des elektrischen Lichtes erst recht alles Märchenzaubers beraubt ... eine Theaterdekoration, ein mit Leinewand überklebtes Gerippe aus Bambusstäben, dem die Granaten und Hartkugeln übel mitgespielt hatten!
»Vorsicht!« warnte Nobody. »Unten an dem Drachen ist eine Dynamitbombe befestigt, grade genügend, um uns alle wegzublasen, wenn sie auf die Insel gefallen wäre. Ich selbst will sie versenken.«
Sein Boot mußte dicht an das Ungeheuer heranrudern, er suchte mit den Händen unter Wasser, zog sein Messer und schnitt Stricke durch.
Nur die schwere Granate hatte die hohle Figur aufrecht gehalten. Als das Gewicht versank, legte sich der Drache auf die Seite, so daß die Leute durch ein großes Loch Einblick in das Innere bekamen.
An den Bambusstäben waren überall kleine Oellämpchen von gelbem Glase angebracht. Sie waren teils von den Geschossen zersplittert worden, teils infolge des Luftdruckes verlöscht.
Außerdem war im Innern noch eine Art von Korbstuhl angebracht.
»Hier schwimmt ein Mann!« erscholl es aus einem andern Boote.
»Haltet ihn fest, bindet ihn, ehe er Selbstmord begeht!!« schrie Nobody.
»Das ist der Japaner, welcher in dem Drachen saß und uns die Bombe auf den Kopf werfen sollte, wenn der Drache über unsre Insel hinwegstrich«, setzte Nobody, sich an den in seinem Boote befindlichen Zeel wendend, erläuternd hinzu.
»Ja, durch welche Kraft aber wurde denn der Drache in der Luft gehalten und fortbewegt?« fragte der Holländer.
»Der hing einfach an einem Luftballon, und die Fortbewegungskraft war der Wind. Nur daß der Ballon gerade hierher kam, das ist nicht so einfach - diese japanischen Pfiffköpfe verstanden den Wind meisterhaft zu berechnen, dieser Ballon kommt nämlich von Formosa her, und doch verstand der Luftschiffer ihn ohne jedes Steuer und ohne jeden sonstigen Apparat ganz genau nach dieser Insel zu lenken, nur durch Berechnung aus freier Hand, wo an der Küste von Formosa er den Luftballon aufsteigen lassen mußte, um gerade hier über diese Insel hinwegzustreichen. Und zwar war es ein wirklicher Luftballon - nicht mit Gas, nur mit Luft gefüllt, die erhitzt wurde, wodurch sie sich verdünnte und so den leichten Drachen und den Mann trug.«
»Von Formosa bis hierher?« fragte der Offizier in aufrichtigem Staunen.
»Jawohl. Schließlich warum auch nicht? Die Montgolfiers hatten zuerst auch keine andern Luftballons, und die haben noch ganz andre Fahrten gemacht. Von Formosa bis hierher sind es etwa sieben Kilometer, dazu brauchte der Ballon bei diesem Winde nur eine halbe Stunde. Die Luft wurde erst stark mit einem Holzfeuer angeheizt, so daß der Ballon sehr hoch stieg, dann führten ihm die vielen Flämmchen durch eine besondere Leitung noch genügend heiße Luft zu, daß er sich in der Schwebe halten konnte. Ich bewundere nur, wie dieser Japaner so genau die Flugrichtung berechnen konnte.«
Der Offizier hätte gern gefragt, woher Nobody dies alles so genau wußte, er mußte doch selbst an Ort und Stelle gewesen sein, wo der Drachenballon aufstieg, aber er unterließ es. »Wie konnte der Drache plötzlich so aufleuchten? Erst war doch gar nichts von ihm zu bemerken?«
»Sehen Sie an jeder Glaslampe unten ein kleines, schwarzes Bündelchen? Das ist ein zusammengerolltes schwarzes Tuch. Ein Zug an einer Leine, und sämtliche Lampen sind verhüllt, und ebenso plötzlich leuchten sie wieder. Eine gerade durch ihre Einfachheit überaus ingeniöse Konstruktion. Die Brüder vom gelben Drachen haben aber auch länger denn zwei Monate daran gearbeitet, ehe sie dieses Ungeheuer, ihr Symbol, fertig hatten, welches uns mit einer Dynamitbombe beschenken sollte.«
Mr. Zeel schauerte leicht zusammen. Erst jetzt kam ihm voll und ganz zum Bewußtsein, was aus ihnen geworden, wäre Nobody nicht wie ein Schatten der Nacht im letzten Augenblicke als rettender Engel erschienen.
Denn hätte wohl jemand daran gedacht, auf den feurigen Drachen zu schießen? Es hätte überhaupt niemand auch nur einen Gedanken gefaßt. Sie waren ja alle vor Entsetzen wie gelähmt gewesen - sie wären sämtlich vom Erdboden weggefegt worden!
»Ja, wo ist denn nun aber der eigentliche Ballon?« fragte Mr. Zeel wieder.
Auch Nobody hatte schon um sich gespäht, er hob die Hand, mitten im elektrischen Lichtschein stehend, winkte, daß der Scheinwerfer vom Fort aus die weitere Meeresftäche absuchte.
Aber nichts war zu sehen.
»Von dem Winde kann er noch nicht so weit fortgetrieben worden sein. Die zerschossene Hülle hat sich vollgesaugt und ist gesunken.«
»Die seidene Hülle?«
»Seidene Hülle? Der ganze Ballon war bloß von Papier. Ja, darin haben die Japaner auch etwas los. Aber das mit dem Papier haben sie erst von den Chinesen, nur ist es von ihnen noch mehr vervollkommnet worden.«
Der schwimmende Japaner war aufgefischt und derart mit Stricken umwunden, daß er eher einem Taubündel glich als einem Menschen, in Nobodys Boot abgeliefert worden. Der erlegte Drache wurde als Trophäe ins Schlepptau genommen, es ging wieder dem Lande zu, wo jetzt, nachdem Nobody die Erlaubnis hierzu gegeben hatte, überall Lichter aufflammten.
»Das ist das Beiboot von Lord Rogers Jacht,« sagte Nobody beim Aussteigen zu Zeel, auf den Trümmerhaufen von Eisenplatten deutend, neben dem noch immer das ausgeschüttete Kesselfeuer glühte. »Ich bin nämlich zum Japaner geworden, bin auch schon in alle Mysterien des gelben Drachen eingeweiht worden, der nächstens hier seine jährliche Zusammenkunft abhalten wollte, und da mußten doch zuerst die in dem Heiligtume hausenden weißen Teufel hinausgejagt oder besser gleich vernichtet werden.
»Ich hörte also von dem Anschlage, vernahm alle Einzelheiten; in Tokio lag Lord Rogers Jacht, alles auf Verabredung, die benutzte ich, um hierherzujagen. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit. Aber wie ich auch gefahren bin! Zuletzt mußte ich in diesen seichten Wasserstraßen das kleine Beiboot der Jacht benutzen. Kein Matrose hatte Zeit, mir nachzuspringen. Fort ging es! Wie eine Hasenjagd! Dort liegt es! Ich konnte nicht mehr stoppen, es schusselte gleich die Mauer hinauf.«
Mehr erfuhr der Offizier nicht von Nobody, und es genügte auch. Den ausführlichen Bericht würde man dereinst lesen können.
Diese Worte waren nicht von dem gefangenen Japaner vernommen worden. Auf Nobodys Geheiß hatte man ihn schon in eine der unterirdischen Felsenkammern gebracht und auf eine Matratze gelegt.
Lange brauchte er nicht zu warten, so trat Nobody ein, in seiner eigentlichen Gestalt - wenn dieser Mann eine solche hatte. Jedenfalls war er jetzt kein Japaner mehr, sondern ein Europäer. Sein kurzgeschorenes und schwarzgefärbtes Haar hatte er mit einer Mütze verdeckt.
Forschend betrachtete er den auf der Matratze liegenden Japaner, einen Mann mittleren Alters, mit sehr intelligentem Gesicht.
Jener rührte sich nicht, er schloß unter dem Blick die Augen.
»Was würden Sie tun, wenn ich Ihnen jetzt die Fesseln löste?«
Keine Antwort.
»Wer sind Sie?«
Keine Antwort. Der Japaner regte sich nicht.
»Jetu Mijako!«
Da zuckte der Gebundene zusammen und öffnete erschrocken die Augen.
»Ja, ich kenne Sie,« fuhr Nobody fort. »Sie sind Kapitän bei der Luftschifferabteilung in Nagasaki.«
Der Japaner riß die Augen noch weiter auf.
»Im übrigen sind Sie ein kühner Mann, den ich bewundere. Die unter Ihnen explodierende Dynamitbombe hätte auch Sie getötet.«
»Woher ...« Der Mann brachte kein Wort heraus, so erschrocken war er darüber, daß er beim Namen genannt wurde.
»Woher ich Sie kenne? Ich weiß noch mehr. Sie handelten auf Befehl des rechten Auges vom gelben Drachen, und dieses sogenannte rechte Auge heißt für gewöhnlich Mota Musane und ist für gewöhnlich japanischer Staatssekretär. Oder ist es nicht so?«
Jetzt prägte sich im Antlitz des Gefangenen ein förmliches Entsetzen aus, ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. »Ein weißer Teufel, und er weiß alles!!«
»Ich weiß wahrscheinlich vom gelben Drachen noch viel mehr als Sie.«
»Ein weißer Teufel!!« wiederholte der Japaner stöhnend.
»Ja, ein weißer Teufel, aber auch ein guter Teufel,« lächelte Nobody. »Wollen Sie mir jetzt gefälligst antworten, was ich Sie frage? Geheimnisse will ich nicht von Ihnen erfahren, das habe ich nicht nötig.«
»Fragen Sie!«
»Was würden Sie tun, wenn ich jetzt Ihre Fesseln löse?«
»Dann seien Sie edel und geben Sie mir ein Messer!«
»Um sich den Leib aufzuschlitzen?«
»Ja. Ich muß!«
»Das werden Sie aber nicht tun!«
»Der Weg zur Heimat ist mir verschlossen, für mich gibt es nur noch den Tod!«
»Sie werden sich vielmehr sofort zu Mota Musane begeben und ihm melden, wie Ihre Drachenexpedition mißglückt ist.«