Für solch ein Ansinnen hatte der Japaner nur ein Lächeln.
»Und werden ein Schreiben an ihn mitnehmen,« fuhr Nobody fort.
»Was für ein Schreiben?«
»Hören Sie: ich bin der Mann, der den Krieg führt gegen die Piraten, welche harmlose Dschonken überfallen und plündern und die Besatzung niedermetzeln, und diese Piraten werde ich weiter bekämpfen. Aber ich will Frieden schließen mit dem gelben Drachen, welcher nicht will, daß England China mit Opium vergiftet, in dieser Hinsicht will ich ein Freund und Verbündeter des gelben Drachen werden, ich will auch diese Insel freiwillig zurückgeben, und die Bedingungen, unter welchen ich dies tue, sollen Sie mitnehmen und dem Staatssekretär, einem Oberhaupte des gelben Drachen, übergeben. - Haben Sie da ein Recht, aus gekränktem Ehrgeiz sich das Leben zu nehmen? Nein, Ihre erste Pflicht ist, dieses Schreiben zu überbringen. Sehen Sie das ein?«
»Wenn es so ist, ja,« erklang es ohne Zögern.
»Gut, und ich traue Ihnen. Haben Sie Waffen bei sich?«
Der Japaner blieb die Antwort schuldig.
»Ihr Schweigen ist auch schon eine Bejahung. Aber antworten Sie offen! Haben Sie Waffen bei sich?«
»Ja.«
Nobody zog sein Messer. »Ich zeige Ihnen dadurch Vertrauen, daß ich Ihnen die Banden löse, ohne Ihnen vorher die Waffen zu nehmen. Sie könnten mich töten; aber Sie würden einen Freund des gelben Drachen töten.«
Er durchschnitt die Stricke. »Sie sind ein freier Mann, Sie sind mein Gast!«
Der Japaner stand auf und dehnte die Glieder. -
Noch in derselben Nacht wurde er von Matrosen in einem Boote nach einer der Küste von Formosa nahen Felseninsel gebracht, von welcher aus er sich den auf ihn wartenden Mitgliedern des gelben Drachen bemerkbar machen konnte.
4. Ein Staatsauftrag
»Nun weißt du alles.«
Nobody sagte dies zu Lord Hannibal Roger, während sich dessen Jacht auf der Rückfahrt nach Tokio befand.
»Und was tust du jetzt?«
»Jetzt melde ich mich wieder als Baron Nogi zur Stelle. Natürlich nicht öffentlich. Baron Nogi ist ja tot, und ich bin als Betrüger entlarvt. Ich suche einfach meinen Vater auf, den alten Nogi, und von dem werde ich schon erfahren, an wen ich mich zu wenden habe, um weitere Instruktionen zu erhalten.«
»Wo willst du aber unterdessen gewesen sein?«
»Einfach auf der Flucht vor Verfolgern. Da erfinde ich schon irgend ein Märchen.«
»Da läufst du immer noch einmal Gefahr, als Pseudo-Baron entlarvt zu werden.«
»Sei ohne Sorge um mich! Ich habe die Feuerprobe bestanden - auch die Wasserprobe.«
»Und dann begibst du dich nach Petersburg?«
»Nein. Zunächst müßte ich mir einen Vollbart stehen lassen, und während dieser Zeit soll ich, soviel ich bis jetzt von dem gehört habe, was alles mit mir geplant ist, eine Reise als Kundschafter durch die Mandschurei machen, also wollen wir sagen, nach Petersburg den Landweg einschlagen. Diese Kundschaftstour durch die Mandschurei hängt natürlich eng mit jenem Kriegsplan zusammen, den ich erbeuten soll. Aber ich werde das nicht tun.«
»Was sonst?«
»Zunächst, wie ich dir schon gesagt habe, lasse ich mir wohl Ratschläge und Vorschläge erteilen, aber keine direkten Instruktionen, ich muß immer ganz freie Hand haben, und das ist mir ja auch schon zugesichert worden. Die Reise durch die Mandschurei freilich muß ich wohl machen, die trete ich auch an, dann aber ... werde ich verschwinden. Eines Tages wird man den Baron Nogi irgendwo als Leiche finden - oder doch seinen Tod bestätigen hören.«
Verständnislos blickte Lord Hannibal den Sprecher an.
»Höre ich recht? Nachdem du schon den echten Nogi hast aus der Welt verschwinden lassen, willst du nun auch als falscher Baron Nogi sterben? Nein, so ist es nicht - - du bist ja eigentlich der echte Baron Nogi - - oder eigentlich nicht - - also du willst nun auch der falsche Pseudo-Baron Nogi ... mir wird ganz konfus im Kopfe.«
»Ja, die Sache wird immer komplizierter,« lachte Nobody. »Die Hauptsache ist die: ich lasse mich als Baron Kata Nogi durch die Mandschurei nach Petersburg schicken, werde aber mein Ziel nicht erreichen, sondern unterwegs verunglücken und dafür Sorge tragen, daß mein Tod denen, die mich geschickt haben, und in deren Auftrag ich sonst handle, bekannt wird.«
Der Lord staunte immer mehr.
»So willst du überhaupt gar nicht nach Petersburg?«
»Doch. Ich werde der Gräfin Urlewsky die Kur schneiden, werde den Kriegsplan erbeuten - aber nicht als Baron Nogi.«
»Als wer denn sonst?«
»Als irgend ein andrer Mensch, nur nicht als Baron Nogi.«
»Aber warum denn nur nicht?«
»Dazu habe ich meine besondern Gründe, die ich dir gleich offenbaren werde. Zunächst jedoch etwas andres, wobei du mir behilflich sein sollst! Kurzum, ich habe einen triftigen Grund, daß ich als Baron Nogi auf der Reise nach Petersburg tödlich verunglücke, um dann in Petersburg wieder als ein andrer auftreten zu können. Meinen Tod müßte auch Sayadamona erfahren. Das ließe sich nicht ändern. Aber das möchte ich dem armen Weibe nicht antun. Ich will die beiden wieder vereinen, den jungen Baron auch wieder mit seinen Kindern. Verstehst du?«
»Ganz und gar nicht.«
»Weil du ein Schwachkopf bist,« sagte Nobody, und die Freundschaft zwischen den beiden ging wohl schon so weit, daß er so sprechen durfte, und der englische Lord hatte gegen diesen >Schwachkopf< auch gar nichts einzuwenden.
»Du weißt doch, was ich mit den sieben Japanern vorhabe,« fuhr Nobody fort.
»Das hast du mir ausführlich genug erzählt.«
»Nun wirst du die Güte haben, während ich mich meinen Vorgesetzten zur Disposition stelle, dich meiner Frau und der vierundzwanzig Kinder zu bemächtigen, die ganze Gesellschaft nach den Schwefelinseln zu bringen und sie gleichzeitig mit den sieben Japanern in den hohlen Berg zu sperren.«
Lord Roger sprang auf.
»Hölle und Teufel, sprichst du denn nur im Delirium?! Was hast du nun wieder vor? Was soll ich tun?«
»Dich meiner Frau und meiner vierundzwanzig Kinder bemächtigen,« wiederholte Nobody gleichmütig, »und sie mit dem echten Gatten und Vater wieder vereinen. Was ist weiter dabei? Du gibst ihnen einen Schlaftrunk ein, den ich dir präparieren werde, sie erwachen erst wieder in dem ummauertem Paradiese und werden die sieben Japaner vorfinden, die ich, wenn ich selbst nicht zugegen sein kann, gleichzeitig von Mr. Hawsken durch ein Stichwort aus ihrem hypnotischen Schlafe erwecken lasse, und dann ist die ganze Familie wieder hübsch zusammen - und hat außerdem noch sechs kräftige Männer als Gesellschafter, die der großen Familie in ihrer ummauerten Lage weiterhelfen können.«
»Ja, was um Gottes willen soll denn aber nun daraus werden?« rief der Lord. »Die erzählen sich doch nun alles!«
»Natürlich erzählen sie sich alles.«
»Und das stimmt doch alles nicht!«
»Was stimmt nicht?«
»Nun, zum Beispiel - der Baron Nogi erzählt doch jetzt seiner Frau, daß er gar nicht in Tokio gewesen ist, und Sayadamona versichert ihm, daß er sie und ihre beiden Kinder aus dem Wasser gerettet hat, wovon jenem gar nichts bewußt ist. Wo um Gottes willen soll denn das nur hinaus?!«
Nobody schnalzte verächtlich mit den Fingern.
»Mir ganz gleichgültig. Ende gut, alles gut!«
»Aber das nimmt kein gutes Ende! Die müssen ja auf der Stelle wahnsinnig werden!«
»Und ich versichere dir: sie werden nicht wahnsinnig - auf der Stelle nicht und später nicht! Bedenke doch nur: die aus ihrem langen, hypnotischen Schlafe erwachten Japaner haben ja überhaupt gar keine Ahnung vom >Wo bin<; - wenn sie sich noch auf etwas entsinnen können, so ist es das, daß der eiserne Dampfer, auf dem sie sich befanden, von einer hölzernen Dschonke in den Grund gerammt wurde, denn ich habe sie sofort, als sie aus dem Wasser gefischt wurden, in hypnotischen Schlaf versetzt.
»Nun sehen sie sich plötzlich in einem Paradiese, das von einer himmelhohen Mauer umschlossen ist, sehen ganz fremde Tiere und Bäume, sehen eine Frau und eine Menge Kinder, in denen der eine Japaner seine eignen erkennt - i, die denken ja, sie sind gestorben und befinden sich jetzt im Paradiese des Jenseits! Es sieht nur etwas anders aus, als ihnen die Buddha-Religion erzählt hat.«
»Und Sayadamona?«
»Die denkt ganz genau dasselbe. Die befindet sich ja jetzt schon in einem Traume. Nimm doch nur an, was die arme Frau in letzter Zeit alles durchgemacht hat! Erst kommt ihr Mann nicht wieder von der gefährlichen Segelpartie nach Hause, dann fällt sie ins Wasser, ihr Mann rettet sie, dann soll das gar nicht ihr Mann sein, dann ist er es doch wieder, dann ist er es immer wieder nicht, er bricht doch aus dem Gefängnis aus, dazwischen einmal seekrank ... i, die weiß ja schon jetzt nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, die wird glücklich sein, wenn sie erst im Himmel ist ...«
Nobody wurde plötzlich tiefsinnig. »Da möchte ich wahrhaftig dabeisein, wenn die alle zusammen erwachen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn die Kinder jetzt verlangen, Papa Nogi soll mit ihnen im Himmel Schinkenklopfen spielen, was da Papa Nogi für ein Gesicht machen wird ...«
Aufblickend schnalzte Nobody wieder mit den Fingern.
»Gleichgültig, es wird gemacht! So dumm sind die Japaner nicht, daß sie nicht schnell genug merken, daß sie noch nicht im Nirwana sind, sondern noch auf der Erde; das Rätsel müssen sie ergründen, deshalb begehn sie auch keinen Selbstmord, das ist mir vorläufig die Hauptsache, und ferner, daß ich das nicht auf dem Gewissen habe, der unschuldigen Frau und den Kindern den Gatten und Vater geraubt zu haben. Ich bin eben ein Gemütsmensch.«
»Was nun Sayadamona und die Kinder anbetrifft,« fuhr Nobody nachdenklich fort,»so will ich bei denen noch eine besondere Vorsicht gebrauchen, um ihnen die letzte Zeit ihres irdischen Daseins wunderbar erscheinen zu lassen. Es wäre mir, als dem vermeintlichen Baron Nogi, ja ein leichtes, sie nach den Schwefelinseln zu locken, aber ich möchte gar nicht mehr mit ihnen in Berührung kommen, auch ihr Verschwinden aus dieser Welt muß sensationell sein. Und ich habe schon meinen Plan. Sayadamona wird nach wie vor, wenn das Wetter schön ist, ihre tägliche Spazierfahrt mit den Kindern auf der Bucht machen ...«
»Nachdem ihr das Unglück passiert ist?« fiel der Lord ein.
»Wenn du daran zweifelst, dann kennst du die Japaner schlecht. Diese Gondelpartien gehören überhaupt zur Anstandspflicht jeder vornehmen Japanerin, so wie es bei jedem gebildeten, bessersituierten Europäer Anstandspflicht ist, aller drei bis vier Wochen ein frisches Hemd anzuziehen ...«
»Oho!!« lachte Lord Hannibal.
»Unterbrich mich nicht immer, zügele deine Zunge, sonst binde ich sie dir fest!« warnte Nobody, der heute ausgezeichneter Laune zu sein schien. »Ja - von was sprachen wir gleich? - ach so, von den Fixsternen. Ja, mein lieber Hannibal, da bin ich nicht deiner Ansicht, daß unser Sonnensystem ...«
»Da mußt du doch erlauben, daß ich dich nochmals unterbreche,« lachte der andre wieder, »wir sprachen nicht von Fixsternen und Sonnensystemen, sondern von Sayadamona und ihren Kindern.«
»Ach so, richtig. Ja, ich kann sie und sämtliche Kinder wohl auch noch etwas weiter aufs Meer hinauslocken, das kann ich schon noch, vielleicht eine Vergnügungsfahrt nach einer Insel, und da plötzlich muß ein japanischer Pirat kommen, so ein Frauenseeräuber oder Seefrauenräuber, der kapert sie, packt sie, trichtert der ganzen Gesellschaft meinen Schlaftrunk ein - und wenn sie erwachen, denken sie, der Kerl hat sie abgemorkst, jetzt sind sie im Paradies - schrumm.«
»Hm,« brummte der Lord, »mir kommt die Sache etwas spanisch vor; aber du hast schon verrücktere Ideen gehabt, und dann, wenn du sie wirklich ausgeführt hattest, waren sie immer gut gewesen. - Da mußt du aber erst einen japanischen Frauenseeräuber oder Seefrauenräuber dazu finden.«
»Habe ich schon gefunden.«
»Aber keinen echten.«
»Einen ganz waschechten. Du kennst ihn sogar gut.«
»Ich soll ihn kennen?«
»Sogar sehr gut.«
»Wie heißt er denn?«
»Lord Hannibal Roger heißt er, und dort sitzt er,« sagte Nobody, in den Spiegel deutend, daß sich der Lord selber sah. »Na, nun tue mal bloß nicht so! Mit deiner zerknutschten Krawatte siehst du nicht viel anders aus, als ein Seebandit, und gewaschen scheinst du dich heute morgen auch noch nicht zu haben.«
»Und du scheinst heute morgen in recht vergnügter Stimmung zu sein.«
»Mein Gott, ich bin froh, daß mir gestern nacht nicht die große Dynamitbombe auf den Kopf gefallen ist. Soll man da nicht vergnügt sein? Also du wirst die Rolle dieses japanischen Seeräubers übernehmen, wirst deine Matrosen maskieren, und damit basta!«
Nobody setzte seinen Plan weiter auseinander, und Lord Hannibal griff sich während des Zuhörens mehrmals an seine zerknutschte Halsbinde.
»Du, das kann gefährlich werden,« meinte er dann.
»Wenn's nicht wäre, dann machte es ja gar keinen Spaß.«
»Ja, wenn ich aber dabei gefaßt werde?«
»Dann geschähe dir Tölpel ganz recht.«
»Dann macht man mich einen Kopf kürzer.«
»Und das geschähe dir ebenfalls ganz recht. Was machte das überhaupt? Du wirst immer wieder geboren.«
»Du, an diesen Zauber glaube ich nicht.«
»Du hast aber daran zu glauben!!« donnerte Nobody ihn an. »Wenn du in meinem Auftrage die Rolle eines japanischen Seeräubers spielst, dann bist du eben auch ein Japaner, dann bist du auch ein Buddhist, und als solcher hast du an eine Wiedergeburt zu glauben, das ist deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, und deshalb hast du dir auch ganz ruhig den Kopf abhacken zu lassen, ohne hinterher noch eine Beschwerde anzubringen. Verstanden?!«
»Ich gehorche,« murmelte Lord Hannibal dumpf und sank wie gebrochen in seinen Stuhl zurück - aber nicht etwa, daß ihn Nobody hypnotisiert hätte.
So ging das zwischen den beiden Freunden noch eine Weile weiter, das war so ihre gewöhnliche Weise, wenn sie sich unterhielten. Denn bei Lord Hannibal Roger war es ja ganz selbstverständlich, daß er auf so etwas sofort einging.
Dann kam Nobody auf das ursprüngliche Thema zurück.
»Warum ich nicht als Baron Nogi nach Petersburg gehn will, und weshalb ich dann als Baron Nogi meinen Tod finden muß? Hierzu habe ich die verschiedensten Gründe. Ich will dir nur die drei handgreiflichsten anführen, die feinern würdest du doch nicht verstehn.
»Erstens: ich habe keine Lust, auf Schusters Rappen die ganze Mandschurei zu durchqueren, was die von mir verlangen werden, das kann ich später vielleicht einmal machen, wenn ich erst die Kopie des Kriegsplanes in der Tasche habe, aber jetzt halte ich solch eine Kundschaftsreise überhaupt zu verfrüht. Vielleicht können noch Jahrzehnte vergehn, ehe es zwischen Rußland und Japan zum unausbleiblichen Kriege kommt, und wer weiß, wie es dann in der Mandschurei aussieht. Dann schießen die Tungusen die jetzt noch ihre Fitschepfeile haben, vielleicht schon mit elektrischen Kanonen ...«
»Oder mit elektrischen Fitschepfeilen,« ergänzte der Lord.
»Zweitens: Als Baron Nogi, von dem hier bekannt ist, was er in Petersburg treibt und beabsichtigt, könnte mir auf die Finger gepaßt werden, und das behagt mir nicht. Und nun drittens ... das ist die Hauptsache!«