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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15509 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Nobody lehnte sich in dem Stuhle zurück, schlug die Beine übereinander, kreuzte die Arme und nahm eine sehr gravitätische Haltung an, warf sogar die Nase etwas in die Luft.

»Sieh, Hannibal,« fuhr er dann fort, »es ist dir doch bekannt, daß ich unwiderstehlich bin.«

»Manchmal auch unausstehlich. Meinst du, daß dir kein Weib widerstehn kann?«

»Ja, das behaupte ich sogar.«

»Na, na, senke die Nase nur wieder etwas! Beweise von dieser deiner Unwiderstehlichkeit habe ich wenigstens noch nicht viel zu sehen bekommen.«

»Und ich gehe jede Wette mit ein, daß mir am dritten Tage, nachdem ich Petersburg betreten habe, diese Gräfin Anita Urlewsky zu Füßen liegt.«

»Das soll sie ja wohl so ziemlich bei jedem Abenteurer tun, wie du mir schon erzählt hast. Die Hauptsache aber ist, daß du von ihr die Kopie des Kriegsplanes bekommst.«

»Ich gehe jede Wette mit ein, daß ich am dritten Tage auch den Kriegsplan von ihr habe.«

»Gut, wetten,« sagte der Engländer sofort. »Ich glaube nicht, daß es so schnell geht. Was gilt die Wette?«

»Nein, lassen wir das! Ich bin meiner Sache zu sicher, und da zu wetten, ist nicht fair. Außerdem hat die Sache einen bösen Haken.«

»Welchen?«

»Ich habe schon eine Frau, und an dieser habe ich genug - übergenug!«

»Daran aber hättest du zuvor denken sollen, ehe du dich auf dieses Abenteuer einließt.«

»Und ich habe auch noch eine andre an meinem Halse hängen, du weißt, wen ich meine - Margarete. Dann bekäme ich noch eine dritte: Diese kapriziöse Gräfin Urlewsky verliebt sich in mich, dann werde ich die auch nicht wieder los. Außerdem mag ich das meiner Frau nicht antun, denn mit der Gräfin müßte ich doch kräftig poussieren, um ihr den Kriegsplan abzulocken. Trotzdem aber will ich sie auf meine Insel haben, denn nach allem, was ich von ihr gehört habe, gefällt mir diese Gräfin, die muß eine der Unsrigen werden.«

»Ja, wie läßt sich das aber alles miteinander vereinen?«

»Da muß einfach ein andrer von uns die Rolle des glühenden Liebhabers übernehmen, und ich stecke dahinter, daß alles klappt.«

»Das ginge!« rief der Lord. »Wen würdest du dazu vorschlagen? An wen denkst du?«

»Ich habe meinen Mann schon dazu bestimmt.«

»Wer ist es?«

»Dort sitzt er.« Nobody deutete wiederum in den Wandspiegel, daß Lord Roger sich selber sah.

»Alfred, ich bitte dich ...«

»Ja, Hannibal, das hilft dir alles nichts - mein Entschluß ist ganz bestimmt gefaßt, und du wirst ihn mir nicht zerstören: Du mußt die Gräfin Urlewsky heiraten! Basta!«

Noch faßte Lord Roger diesen befehlerischen Vorschlag nur als Scherz auf.

»Nun, auf eine kleine Liaison käme es mir nicht an. Es soll doch ein recht hübsches, ansehnliches Weib sein!«

»Liaison?« tat aber Nobody entrüstet. »Du hörst doch, daß sie auf unsre Insel soll! Dann kann sie mir auch ruhig den Kriegsplan ausliefern, dann gehört sie eben nicht mehr Rußland an, sondern sie gehört zu uns, und wir werden einst zu Japan halten. Und du sprichst von einer Liaison? Auf unsrer Insel? Du, da kämst du aber bei meiner Frau schön an!«

»Na, Alfred,« begann Hannibal jetzt zu lächeln, »du verlangst doch nicht etwa, daß ich die Gräfin Urlewsky heiraten soll?«

»Und warum denn nicht?«

»So eine Abenteurerin!«

»Und was bist denn du?!« wurde Nobody jetzt grob.

Da richtete sich der junge Lord stolz empor.

»Weißt du, wer ich bin?«

»Na, wer denn?«

»Ich bin ein englischer Lord und Peer!«

»Weiter nischt? Und weißt du, wer ich bin?«

»Ein hinausgeschmissener Prinz.«

»Jawohl, und das ist etwas ganz andres als ein englischer Lord, denn dafür, daß du's bist, kannst du gar nichts, in die Lordschaft bist du ohne Verdienste hineingeboren worden, mir aber hat es Mühe genug gekostet, ehe man mich aus meiner Herrlichkeit hinauswarf!«

Der Lord lachte. Es war überhaupt sehr die Frage, ob seine stolze Entrüstung vorhin ernst gewesen war. Dann aber schüttelte er den Kopf, an dessen Schläfen sich das Haar bedenklich lichtete.

»Nee, Alfred, nee - wenn ich durch den Niagarastrudel schwimmen soll, dir zuliebe will ich's tun - aber heiraten? - nee, Alfred, nee - ich habe meine Haare in Ehren verloren!«

»Hannibal, sei kein Frosch,« begann Nobody wieder. »Du mußt mich doch nun kennen. Wenn ich so etwas vorhabe, dann mache ich doch auch etwas ganz Besonderes daraus. Die leitenden Personen, welche mich zum bestimmten Zwecke nach Petersburg schicken, denken, ich soll mich der Gräfin als liebegirrender Schwerenöter nähern, als galanter Ritter ohne Furcht und Tadel und so weiter und so weiter, bis ich sie besiegt habe und mit ihr machen kann, was ich will. Aber das ist doch für mich nichts. Das kann jeder, der nur ein bißchen das Zeug in sich hat. So eine Liebesgeschichte mit endlichem Sieg kann man in jedem Romane lesen, aber ein Nobody wird das ganz anders anfangen. Das muß etwas Großartiges, etwas Sensationelles, Phänomenales, Pyramidales werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Abenteuer muß sich an Abenteuer reihen, daß ich dann später etwas für meine Zeitung zu erzählen habe - und darauf kommt es mir nämlich hauptsächlich an. Nun höre zu, was ich vorhabe!«

Nobody begann seine Pläne dem Freunde auseinanderzusetzen, und dieser lauschte wie ein Mäuschen, und immer mehr leuchteten die sonst so kalten Augen des phlegmatischen Lords auf, und wenn er manchmal den Sprecher unterbrach, so waren es Rufe der Begeisterung.

»Wahrhaftig, das ist endlich einmal etwas in diesem langweiligen Leben, das machen wir!!« rief er zuletzt enthusiastisch.

»Na, sagte ich es nicht, daß du ein Frosch bist? Du mußt nur erst einmal galvanisiert werden.«

Gleich darauf aber wurde der Lord wieder nachdenklich.

»Also nur als mein Diener willst du dabei auftreten?«

»Nur als der gehorsame Diener des verrückten Lord Roger.«

»Aber im Grunde genommen bist du doch der Hauptmacher und auch in Wirklichkeit immer die handelnde Person.«

»Natürlich, du hast nichts weiter zu tun, als mir nur zu befehlen, und was du mir zu befehlen hast, sage ich dir erst.«

»Gesetzt aber nun den Fall, diese Gräfin, von der du mir ein immer sympathischeres Bild entwirfst, tut es mir wirklich an, ich hätte wirklich starke Absichten auf sie ... nun bist aber doch du da, der eigentliche Herkules - da muß sich die Neigung der Gräfin doch ganz natürlich dir zuwenden. Wie willst du denn das nur verhindern?«

Nobody stand auf. »Warte eine Minute! Etwas Maskengarderobe habe ich ja auch hier an Bord. Ich will dir wenigstens ein ungefähres Bild davon geben, wie ich mich der Gräfin präsentieren werde.«

Er ging hinaus, kam, wie versprochen, schon nach einer Minute wieder herein, ein vollkommen andrer. Nobody hatte sich seinem Freunde gegenüber gezeigt, wie er in Wirklichkeit war, als ein ideal schöner Mann; von dem Japaner hatte er im Gegensatz zu seinem eigentlichen Aussehen nur noch das schwarze, kurz geschorene Haar behalten. Wie er nun wieder hereinkam, hatte er auf dem Kopfe eine mächtige Perücke, einen Wulst von schwarzen Haaren, die sich nach allen Richtungen sträubten, so eine Frisur à la Papua, auch à la Wahnsinn genannt. Das Gesicht wurde von einem schwarzen, struppigen Barte eingerahmt, welcher aber das Kinn frei ließ.

Und nun dieses Gesicht selbst!

Es war von einer abschreckenden Häßlichkeit. Der Verwandlungskünstler, der jede Gesichtsmuskel vollkommen in der Gewalt hatte und sie beliebig bewegen konnte, verstand es, sein Kinn weit vorzuschieben. Schon dadurch erhielt das Gesicht einen tierischen Ausdruck.

Nun aber kamen noch ein Paar kleine, bösartig funkelnde Augen hinzu, dann ein Paar wulstige Bratwurstlippen, welche von einem Ohr bis zum andern zu reichen schienen ... kurz, eine Physiognomie von abschreckendster Häßlichkeit, welche gar nicht zu beschreiben ist.

Lord Roger fand einen Ausdruck dafür.

Nachdem der phlegmatische Engländer den vor ihm Stehenden zur Genüge betrachtet hatte, ohne ein Wort zu verlieren, zog er bedächtig einen goldenen Klemmer aus der Westentasche, putzte bedächtig die Gläser, setzte ihn bedächtig auf, und dann endlich kam es bedächtig aus seinem Munde:

»Alfred, du siehst gerade aus wie 'n böser Affe!«

Der böse Affe öffnete die Bratwurstlippen, fletschte die Zähne, grunzte und wackelte mit den Ohren.

»Pfui Deibel!! Höre auf, mir graut vor dir!«

Das Zähnefletschen ward eingestellt.

»Glaubst du, Hannibal, daß ich unter dieser Maske das Wohlgefallen der schönen Gräfin erregen werde?«

Lord Roger setzte lange an, ehe er Worte fand. »Alfred, wenn du mit diesem Aussehen auch nur das Herz einer fettduftenden Hottentottin betören kannst, dann ... sollst du fernerhin Lord Roger sein - und ich dein Sklave!«

An Deck liefen Schritte hin und her.

»Mylord Kapitän!« erklang es oben.

Lord Roger eilte hinaus, zu sehen, was es gäbe.

Schattenhaft verwandelte sich das Gesicht des Zurückgebliebenen, es waren nur noch die Haare des Affenmenschen, und ein Lächeln umspielte die feingeschnittenen Lippen, als Nobody wie warnend den erhobenen Zeigefinger nach der Türe schüttelte, welche sich hinter Lord Roger geschlossen hatte.

»Hannibal, Hannibal,« sagte er leise, aber jedes Wort betonend, »wenn es eine Wette gälte, so hättest du verspielt. Du willst die Frauenherzen studiert haben, aber du kennst sie noch lange nicht! Und darauf eben kommt es mir an: ich will dir einmal beweisen, wie sehr du dich irrst in den Frauenherzen - ich böser Affe, wie du mich genannt hast, will es sein, der die schöne Gräfin zwingt - bis sie dem häßlichen Affen zu Füßen liegt und ihn um seine Liebe anfleht!«

Wir wollen nicht die Ereignisse in Tokio verfolgen, sondern nur erwähnen, daß die Aufregung groß war, als es bekannt wurde, wie ein fremder Abenteurer es versucht hatte, die Rolle des auf einer Segelfahrt verunglückten Barons Kata Nogi, des Lieblings des Volkes, zu spielen.

Leider war der falsche Baron, dem sein Betrug bald geglückt wäre, seiner Strafe durch Flucht aus dem Untersuchungsgefängnisse entgangen.

Es mußte übrigens ein verwegener Mann sein, dieser Abenteurer, er hatte seine Flucht unter den schwierigsten Umständen ausgeführt, und dabei trotz aller Sicherheitsmaßregeln mit der wunderbarsten Leichtigkeit.

Natürlich, es sollte ja auch kein andrer gewesen sein als jener Nobody, der amerikanische Detektiv.

So begann man sich jetzt sogar in Japan für Nobody zu interessieren - diesem durchaus nicht zum Schaden, nur mußte er sich später von diesem falschen Verdachte, der durch eine seltsame Verkettung von Zufällen entstanden war, in Wirklichkeit aber den Tatsachen entsprach, wieder zu reinigen wissen.

Noch größer war die Aufregung in Tokio, als sich mit Blitzesschnelle die Nachricht verbreitete, daß die Baronin Sayadamona Nogi nebst sämtlichen Kindern das Opfer einer Gondelpartie geworden sei.

Sie hatte mit ihren 24 Kindern, von zwei Knechten gerudert, eine ungewöhnlich weite Bootsfahrt angetreten. Eine entfernte Insel sollte das Ziel sein! Keiner der Bootsinsassen kehrte wieder zurück.

Am andern Tage fand man auf offner See eine japanische Gondel treiben, welche als die der Baronin erkannt wurde. Von den Insassen fehlte jede Spur.

Man durfte nicht ohne Grund annehmen, daß die Baronin ein freiwilliges Ende gesucht und gefunden hatte, sie mochte ihren Mann nicht überleben, und mit sich in den Tod hatte sie ihre vaterlosen Kinder genommen - und wenn das auch einer Japanerin unähnlich sah, besonders in bezug auf die Kinder, so hatte man doch in letzter Zeit an der bedauernswerten Frau Zeichen von Schwermut bemerkt, und ein krankhafter Geist bricht alle Schranken, die ihm Erziehung auferlegt hat.

Aber es waren doch auch zwei Ruderer dabeigewesen! Diese konnte die zarte Frau doch schwerlich mit in den beabsichtigten Tod genommen haben.

Nein, hier lag ein Unglücksfall vor, der noch der Aufklärung bedurfte - aber nie aufgeklärt wurde.

Auf den Verdacht, daß ein Frauen- oder Kinderraub vorliegen könnte, kam man gar nicht. Lord Hannibal Roger hatte seine Sache als japanischer Seeräuber also sehr gut gemacht.

Rasselnd, fauchend, stöhnend fuhr der Eilzug aus dem Osten in die Bahnhofshalle ein, und sofort entwickelte sich jenes aufgeregte und aufregende Durcheinander, das stets mit der Ankunft eines Fernzuges verbunden ist. Hier in St. Petersburg aber machte es sich doppelt bemerkbar.

Schrille Pfeifensignale übertönten die Rufe der Bahnbeamten, das Krachen der aufgerissenen Coupétüren und das Geschrei, mit denen Packträger und Lohnkutscher den Reisenden ihre Dienste anboten. Dazu kam, daß den Wagen des Zuges eine wahre Musterkollektion von Volkstypen des unermeßlichen Zarenreiches entstieg, daß man neben dem schmutzigen, schlitzäugigen Baschkiren, der einmal, vielleicht zum ersten Male, die heilige Newastadt betrat, die hochelegante, französische Kokotte gewahrte, neben dem ordengeschmückten General den einfachen Dorfschulzen mit dem im Nacken glattverschnittenen Haar.

Trotzdem also Neugierige genug andres zu schauen gefunden hätten, war doch alsbald zu bemerken, daß die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf zwei Menschen richtete, die ebenfalls dem Zuge entstiegen waren.

Es waren zwei Männer, und zwar erkannte jeder, der einmal ein illustriertes Witzblatt durchgeblättert hatte, in dem ersten den gebornen Engländer, nicht nur an der charakteristischen Reisekleidung, welche diese Nation zu tragen liebt, sondern auch an dem steifen, gemessenen Benehmen und an der unerschütterlichen Gleichgültigkeit, mit der er die gaffende Menge durchquerte. Das war der englische Lord, wie er im Buche steht.

Das leise Lächeln und das laute Gelächter aber, das sein Anblick hervorrief, erstarb, als man des Dieners ansichtig wurde, der mit der Reisetasche seines Herrn beladen, hinter diesem einherschritt.

War das überhaupt ein Mensch oder war es ein halb gezähmter Affe?

Wie ein solcher sah er wahrhaftig aus mit dem papuamäßig vom Kopfe abstehenden, buschigen Haar, dem krausenähnlichen Bart, der die wulstig aufgeworfenen Lippen des fürchterlich breiten Mundes freiließ, und vor allem mit den bösartig funkelnden Augen, die tückisch den Neugierigen ins Gesicht starrten.

War das ein Ungetüm! Gar mancher bekreuzigte sich heimlich, aber merkwürdig, trotz alles Grauens, das ihnen der Anblick dieses Tiermenschen einflößte, konnte keiner die Augen von ihm lassen. Gar manche schöne und vornehme Dame, schaute wie gebannt auf die abscheuliche Mißgeburt, von der ein geheimnisvoller Zauber auszugehn schien.

»Lord Hannibal Roger! Lord Hannibal Roger!« schrie da eine laute Stimme.

Ein uniformierter Telegraphenbeamter tauchte in dem Menschengewühl auf. In der Rechten hielt er ein zusammengefaltetes Papier hoch - eine Depesche.

Einen einzigen Blick warf der steife Engländer auf seinen häßlichen Diener. Im nächsten Moment tauchte neben dem erschrockenen Beamten ein zähnefletschendes Ungetüm auf und entriß ihm mit der plumpen Tatze das Telegramm.

Eine Sekunde später stand der Affenmensch schon wieder vor seinem Gebieter und überreichte ihm demütig das Papier.

Lord Hannibal Roger steckte es gleichmütig in die Tasche seines gelben Staubmantels - auch in St. Petersburg war es Sommer geworden - und stelzte gravitätisch davon.

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