Als der Telegraphenbeamte sich von seinem Schrecken erholt hatte, war das seltsame Paar bereits in dem Gewühl verschwunden. Nur hier und da tauchte noch einmal der graue Zylinder des Engländers auf. Unter dem Gelächter der Umstehenden kehrte der verblüffte Beamte in sein Bureau zurück.
»Zum Hotel Pierre le Grand!« rief vor dem Bahnhofsgebäude der häßliche Diener dem nächsten Lohnkutscher zu. Der Lord stieg ein. Der Affenmensch legte das Gepäck neben ihn, schwang sich auf den Rücksitz, und fort ging's durch die Straßen der Newastadt, bis der Wagen vor dem Gasthause oder vielmehr vor dem protzigen Palast hielt, der sich als Hotel bezeichnen ließ.
Neues Erstaunen, neues Lächeln beim Hotelpersonal, vom Direktor herunter bis zum Portier, dann neuer Schrecken beim Anblick des Dieners! Aber hier war der Name Lord Rogers bekannt. Eine ganze Reihe teurer Zimmer war auf seinen Namen von Tokio aus telegraphisch bereits bestellt, und so geleitete der Chef selbst ehrerbietig seinen schwerreichen Gast in die für ihn bestimmten Appartements. »Befehlen Euer Herrlichkeit -« dienerte dort der Direktor.
»Allein sein!« kam es kurz aus dem Munde des Lords. Der Affenmensch fletschte die Zähne, und unter vielen Verbeugungen zog sich der Hotelgewaltige zurück.
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, griff Lord Hannibal in die Tasche, brachte das Telegramm hervor, hielt es seinem Diener hin.
»Hier, Alfred!«
Die Mißgeburt mit dem schönen Namen ließ rücksichtslos das Gepäck zu Boden fallen, nahm die Depesche, erbrach sie und überflog sie.
»That's a business! Das ist ein Geschäft!« sagte er. Gleichzeitig hatte er schon ein Kursbuch gezogen, blätterte darin, rechnete schweigend einige Sekunden.
»Das klappt! Entschuldige, Hannibal, daß ich dich für kurze Zeit allein lassen muß. Ich habe einen kleinen Weg zu besorgen.«
»Nanu!« rief Lord Roger erstaunt. »Wohin willst du denn?«
»Vorläufig nach Hamburg!« entgegnete Nobody.
»Vorläufig? Was dann?« fragte sein Freund.
Nobody zuckte die Schultern.
»Was weiß ich? Vielleicht nach Amerika, nach Kalifornien!«
»Nach Kali - for - nien?«
»Nach Kalifornien mang die Goldgräber!« erwiderte Nobody.
»Und die Urlewsky?«
»Reißt uns nicht aus!«
»Ja, mein Gott, was - was willst du denn in Hamburg? Was hast du denn so Dringendes dort zu tun?«
»O, nichts. Ich will nur einen guten alten Freund dort besuchen!«
Lord Roger machte ein unsagbar dummes Gesicht.
»Und da läßt du alles im Stich?« fragte er.
»Warum denn nicht, wenn's bezahlt wird? Doch Scherz beiseite!« fügte er hinzu. »Mr. World braucht mich. Er hat unbändige Sehnsucht nach mir. Bitte, überzeuge dich!«
Nobody reichte dem Lord die erbrochene Depesche.
Gespannt nahm derselbe sie entgegen, aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, da rief er:
»Damn't! Das soll der Teufel lesen!«
»Nee, du!« erwiderte der Detektiv trocken.
»Aber ich kann's nicht. Das ist ja chiffriert!«
»Na, meinst du vielleicht, daß Mr. World ein Millionengeschäft in klaren Worten abschließt, he?«
»Ein Millionengeschäft?« wiederholte Roger, und dann setzte er hinzu: »Ich bitte dich, Alfred, kläre mich auf. Ich verstehe von alledem noch gar nichts!«
Nobody, der auch jetzt noch die Rolle als Affenmensch weiterspielte, verzog den breiten Mund zu einem häßlichen Grinsen, das ein Lächeln vorstellen sollte, nahm das Telegramm wieder an sich.
Es enthielt folgende Hieroglyphen:
»xjdspr tcmyv mkfcyq dpiuto ppvg itxwgzsnzt xhsivu cocfflbimdmd ihszk«
»Da steht ja ganz deutlich,« sagte er, »folgendes: >Nobody sofort Hamburg Indian Bill Goldfelder suchen. Staatsauftrag World.< »Wenn du das nicht lesen kannst, dann laß dir dein Schulgeld wiedergeben, Hannibal!«1
Lord Roger starrte seinen Freund jedoch, ohne ein Wort zu sprechen, verwundert an. Endlich murmelte er, mehr vor sich hin als zu Nobody gewendet: »Goldfelder suchen? Indian Bill? Staatsauftrag? Mir wird ganz dumm dabei im Kopfe. Soll ich da etwa wieder mit?«
»Daß du dich's nicht unterstehst!« fuhr der Detektiv auf. »Du bleibst hier, bis ich zurück bin, und daß du nichts ausplaudern darfst, das brauche ich dir wohl nicht erst zu sagen.«
»Du sprachst von einem Geschäft,« sagte Lord Roger.
»Freilich! Oder meinst du etwa, ich suchte umsonst verschwundene Goldfelder? Nee, ein Milliönchen muß da schon herausspringen!«
»Von verschwundenen Goldfeldern steht doch aber nichts in der Depesche!«
»Ist auch gar nicht nötig!« grinste Nobody.
»Woher weißt du es denn?«
»Daher!« Noboby tippte mit einem Zeigefinger an seine Stirn.
»Aber Goldfelder, die einmal entdeckt sind, können doch gar nicht wieder verschwinden!« beharrte Se. Herrlichkeit.
»Woher weißt denn du das?« versetzte jetzt der Detektiv.
»Das ist doch ganz ausgeschlossen, daß jemand, der eine Goldmine entdeckt hat, dieselbe nicht wiederfindet!«
»Sooo? Wenn du so sprichst, kannst du allerdings von derartigen Vorkommnissen nichts wissen, und da mir noch genügend Zeit bleibt, so will ich dir einige besonders markante derartige Fälle erzählen, die verbürgt und amtlich bestätigt sind.«
Nobody, der inzwischen gleich Lord Roger Platz genommen hatte, lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück und sagte dann:
»Vor einigen Jahren erschien im Fort Hickson, in den Shawangunk-Bergen gelegen, ein Bursche, der alle Taschen voll roher Goldklumpen hatte. Er erzählte von einem Goldfelde, das er entdeckt habe, das aber so verborgen läge, daß niemand es finden könne, es sei denn durch einen wunderbaren Zufall. Man schenkte ihm natürlich keinen Glauben. Wie sollte solch ein Goldfeld den umherspionierenden Schatzgräbern verborgen bleiben können! Der Bursche machte sich noch besonders dadurch lächerlich, daß er mehrere Millionen Dollar von dem verlangte, dem er den Ort verriet. Ein Sergeant des Forts ließ sich verführen, mit dem Manne zu gehn. Ihm wurden die Augen verbunden, und fort gings. Drei Tage später kamen die beiden zurück und brachten einen Goldklumpen von hundertundsechs Pfund Gewicht mit, im Werte von zwanzigtausend Dollar. Der Sergeant konnte nicht genug von dem unermeßlichen Reichtume erzählen, den seine Augen zu schauen bekommen hatten. Ein reicher englischer Kaufmann erwarb den Goldklumpen und schickte ihn als Merkwürdigkeit nach London in das britische Museum, wo er noch jetzt zu sehen ist.2
»Nun wurde eine Expedition ausgerüstet; dem Entdecker, Mac Dudley hieß er, sollte der fünfte Teil der Ausbeute zufallen. Doch noch im Hof des Forts wurde Dudley durch den Huf eines ausschlagenden Pferdes vor die Brust getroffen, so daß er augenblicklich tot war. Der Sergeant, ein Spanier, namens Cesare Losana, erbot sich als Führer. Er hoffte, das Goldfeld wiederfinden zu können. Aber er und seine Begleiter haben monatelang umsonst gesucht, das Goldfeld war und blieb verschwunden. Losana wurde darüber wahnsinnig und starb später im Irrenhaus zu Carson im Staate Nevada.
»Ferner: An einem Julimorgen erschien in Los Angeles ein Mister Smith mit einer Anzahl Maulesel, mit Quarz beladen, das pro Tonne fünfhundert bis achthundert Dollar Gold enthielt. Der Glückliche, von allen Seiten bestürmt, die Lage der neuentdeckten Mine anzugeben, erklärte sich schließlich dazu bereit, vermochte sie jedoch trotz der genauesten Merkmale nicht wieder aufzufinden. Ein Betrug seinerseits scheint ausgeschlossen zu sein, denn aus Verzweiflung über die Fruchtlosigkeit semer Bemühungen fiel Smith in tiefste Melancholie und hat sich selbst erhängt.
»Ein dritter Fall: Im Cheyenne River sollte eines Tages Gold entdeckt worden sein. Niemand glaubte daran. Ein Dutzend Burschen aber, die sehr geheimnisvoll taten, bildeten eine Expedition und reisten ab. Lange Zeit hörte man nichts wieder von ihnen, bis man endlich ihre skalpierten Leichname fand; neben ihnen lagen schwere Massen von Quarz, die zur Hälfte Gold enthielten. Die Unglücklichen waren auf der Rückreise überfallen und niedergemacht worden. Von wo sie das Gold geholt haben, ist bis auf den heutigen Tag ein Rätsel geblieben. In jener Gegend hat man nie welches gefunden.
»Der letzte Fall ist der seltsamste, doch einen direkten Beweis von seiner Wahrheit kann ich leider nicht erbringen. Zwei Jahre nach dem letztgeschilderten Vorfall gelangten drei Goldgräber, Galt, Ulrich und Stamfort nach mehrwöchentlichem Marsche an den Yukon. Eines Tages sahen sie einen See, in dem sich eine kleine Insel erhob, deren Quarzgestein von Gold glitzerte. Sie schwammen nach der Insel, die sie mit reinen Goldnuggets wie übersät fanden. Innerhalb sechs Wochen wollen sie 10.000 Pfund reines Gold gesammelt haben. Dann wurden sie von Indianern überfallen, Stamfort getötet, Ulrich und Galt zur Flucht gezwungen.
»Was aus Ulrich wurde, ist unbekannt. Galt erschien in völlig erschöpftem Zustande, aber, wie die Zeugen ausdrücklich versichern, in geistesnormaler Beschaffenheit in Bonners Ferry, erzählte sein Abenteuer und wollte nach dem Winter eine Expedition nach diesem Eldorado führen. Er hat es nicht wiedergefunden und lebt noch jetzt im Irrenhause von San Franzisko, von einer Insel schwatzend und mit Kieselsteinen spielend, die er für Gold hält. Alle diese verbürgten Fälle ergeben, daß es sehr wohl möglich ist, eine Goldmine zu finden und wieder zu verlieren.«
Nobody schwieg und strich dabei wie spielend über seine Hände. Die groben, plumpen Tatzen des Affenmenschen verwandelten sich - die aristokratisch feine Hand des abgedankten Prinzen kam wieder zum Vorschein.
Lord Roger achtete nicht darauf. Ihn beschäftigten die abenteuerlich klingenden Geschichten, die er eben gehört hatte.
»Wenn mir das jemand anders erzählt hätte als du,« sagte er endlich, »würde ich ihn für einen Aufschneider mit ausgezeichneter Phantasie halten - aber so! Und hier handelt es sich um ein derartiges Goldfeld, das entdeckt wurde und nicht wiedergefunden werden konnte?«
»Keinesfalls!« antwortete der Detektiv gelassen.
»Um was denn?«
»Das gehört nicht hierher. Ich kann es mir zwar denken, aber dir nichts sagen.«
»Wer ist denn dieser Indian Bill?« fragte der Lord.
»Den kennst du nicht?«
»Nein, habe noch nie von ihm gehört.«
»Aber von Buffalo Bill?«
»Vom Oberst Cody - ja.«
»Nun, Indian Bill ist gleich dem Colonel ein Westmann. Vermutlich gibt er in Hamburg mit einer Truppe Vorstellungen.«
»Du bist schon mit ihm zusammengetroffen?«
»Ja,« entgegnete Nobody kurz.
Lord Roger merkte, daß sein Freund ihm über Indian Bill keine weitere Auskunft geben würde, daher lenkte er das Gespräch auf ein andres Gebiet und fragte: »Was bedeutet denn das Wort >Staatsauftrag
»Daß Uncle Sam Geld braucht und ich es ihm verschaffen soll.«
Nobody erhob sich. Ohne nach seiner Uhr zu sehen, wußte er, daß es Zeit war, sich nach dem Bahnhof zu begeben.
Wenige Striche mit den Fingern genügten, um seine schlanken Hände wieder in die Affentatzen zu verwandeln. Er nahm den Hut vom Tische, setzte ihn auf die Papuaperücke und wendete sich der Tür zu.
»Euer Herrlichkeit möge sich die Zeit nicht lang werden lassen,« sagte er zu dem erstaunten Lord.
Dieser sprang auf.
»Alfred!« rief er. »Du willst wirklich fort?«
»Wie du siehst!«
»Nach Hamburg?«
»Nach Hamburg,« wiederholte Nobody, und wieder verzerrte sich sein breiter Mund zu einem Grinsen.
»Nach Kalifornien?«
»Nach Kalifornien!«
»Und ich? Was soll ich sagen, wenn man mich über deinen Verbleib fragt?« stöhnte der Lord.
»Du hast dein einziges Taschentuch zu Hause gelassen, und ich muß es dir holen,« lachte Nobody, und hinaus war er.
In einer Troika fuhr er zum Bahnhof, löste die Karte, stieg in den Zug und dampfte nach Westen, um >ein Geschäft zu machen<, um ein >Milliönchen< zu verdienen und nebenbei einem raffinierten Verbrecher auf die Spur zu kommen.
Die alte Hansastadt Hamburg hatte seit einigen Tagen ihre große >Anziehungskraft< - >great attraction<, wie der Amerikaner sagt.
Indian Bill, der verwegene Westmann, über den tausend abenteuerliche Geschichten im Volke umliefen, war mit einer zahlreichen Truppe von Indianern, Cow-boys, Jägern, mit Pferden und Büffeln eingetroffen und hatte auf einem freien Platze in der Nähe des altbekannten Vergnügungsortes St. Pauli seine Zelte aufgeschlagen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war der eingezäunte Raum von Tausenden Neugieriger umlagert. Heute sollte die erste Vorstellung stattfinden, und in langen, schwarzen Massen strömten die Leute zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde aus der Stadt, um derselben beizuwohnen.
Die Reiter waren besonders Sportsmen und Offiziere in Zivil und in Uniform. Sie interessierte das verwegene Reitervolk, das im Sattel aufgewachsen war, ja ganz besonders.
Der Platz war wie eine Rennbahn eingerichtet: ringsum der eingezäunte Raum für Fußgänger, in der Mitte der Sattelplatz für Reiter und Wagen, an einer Seite die Tribüne. Das bunteste Bild bot der Sattelplatz. Hier tummelten sich in besondern Hürden die halbwilden Mustangs, die freien Rosse der Prärie, dazwischen die halbnackten, phantastisch bemalten und federgeschmückten Rothäute, seltsam abstechend gegen die Herren in eleganten Sommeranzügen und gegen die Offiziere in Uniform.
In der Mitte wurde ein prachtvoller Rotschimmel, ein Hengst andalusischer Abstammung, mit dem mexikanischen Sattel belegt, daneben stand Indian Bill, umringt von Offizieren und Sportsleuten.
Der Colonel war eine auffallende Erscheinung, ein Mann, in dem jedes Weib ein Ideal von Männerschönheit erblickt hätte.
Wohl über sechs Fuß hoch und breitschultrig, besaß er doch einen schlanken Wuchs, der die Stärke der Eiche mit der Elastizität des Rohres vereinigte. Auf den breiten Schultern saß ein Kopf, wie er schöner nicht gedacht werden konnte. Der breite Rand des Hutes beschattete ein tiefbraunes Gesicht, lange kohlschwarze Locken quollen darunter hervor, bis auf den Rücken fallend, ebenso schwarz war auch der wohlgepflegte Bart, und die großen, blauen Augen blickten kühn und durchdringend. Aber merkwürdig, diesem Antlitz war ein tiefer, melancholischer Ernst eigen.
Indian Bill trug einen Anzug von schwarzem Samt, dessen Beinkleider unten fast unförmlich weit waren; statt des Kragens schlang sich ein Seidentuch lose um den muskulösen, ebenfalls tiefgebräunten Hals; die Zipfel ließen noch etwas das buntgestreifte Hemd sehen.
»Ich halte die Wette,« lächelte der Colonel, liebkosend den Hals des Rosses klopfend. »Wer von den Herren dieses Tier einmal um den Sattelplatz zu reiten vermag, dem gehört es.«
»Nicht möglich, Sie scherzen!« erklang es von allen Seiten.
»Sie können es nach der Vorstellung probieren. Ich will Ihnen erst zeigen, was Darling leisten kann.«
»Sie sprachen von einer Wette,« meinte ein Dragoneroffizier, ein Sportsman, »was sollen wir dagegen setzen?«
»Nichts als Ihre Ehre. Zwingen Sie Darling einmal um den Platz, trete ich ihn Ihnen ab. Im andern Falle bekennen Sie, ihn nicht reiten zu können.«
»Es gilt! Ich werde ihn bezwingen. Er soll einmal die Schenkel eines deutschen Offiziers zu spüren bekommen. Schonen werde ich ihn nicht, das versichre ich Ihnen.«