»Er wird Sie abwerfen.«
»Oho!«
Auf den Gesichtern der Umstehenden spiegelte sich ungläubiges Lächeln wider. Der Offizier war als der beste und tollkühnste Reiter bekannt, der nicht aus dem Sattel zu bringen war, wenn sich das Tier nicht wälzte, und der erst kürzlich die Rutschbahn in einem Steinbruch mit seinem Tier benutzt hatte, um einen Weg zu sparen.
Die Herren wetteten untereinander, die meisten hielten gegen Indian Bill.
Dieser achtete nicht mehr darauf. Er schwang sich, ohne den Steigbügel zu berühren, mit vollendeter Grazie in den Sattel seines edlen Rosses.
Die Vorstellung begann, arrangiert und beaufsichtigt von Indian Bill, der vorläufig noch nicht daran teilnahm.
Aus einer entfernt liegenden Hütte stürmten durch aufsteigende Raketen, geschwungene Tücher und Lärm erschreckt, eine Herde Büffel, hinter ihnen her gegen hundert berittene Indianer, mit Flinten, Lanzen, Pfeil und Bogen bewaffnet, in sausender Karriere, die Mustangs zu immer schnellerer Gangart antreibend. Die Indianer, mit befransten Lederhosen bekleidet, saßen auf den nackten Rücken der Rosse, nicht einmal der Steigbügel bedienten sie sich, und als Zügel benutzten sie einfache Halfter.
Ihre Haltung war durchweg eine schlechte, den Spott der des Reitens kundigen Zuschauer erweckend. Sie hingen förmlich auf den Rücken der Pferde und klammerten sich an deren Mähne fest.
Schnell hatten die Rothäute die Herde eingeholt, umzingelt, gellendes Geheul erfüllte die Luft, und nun begann ein Schauspiel, das jeden Spott verstummen ließ und auch den Mutigsten erbeben machte.
Unbekümmert um ihre eigne Person warfen sich die Reiter zwischen die höckrigen Ungetüme, Lanzen wurden geschwungen und stachen, Pfeile zischten, Gewehre krachten.
Ein Büffel nach dem andern stürzte, Pferde brachen zusammen und wälzten sich unter fürchterlichen Zuckungen am Boden. Im Nu aber waren die Reiter wieder auf den Beinen, warfen sich auf ein lebendiges Pferd, dessen Besitzer schon im Grase lag, oder sprangen vom stürzenden Roß auch gleich auf die Büffel, wie auf einer lebenden Brücke darüber hinwegeilend, dabei aber immer Pfeil auf Pfeil absendend oder die Lanze gebrauchend.
Nachdem die wilde Jagd einmal die Runde gemacht, war alles mit toten Büffeln, Pferden und Indianern bedeckt; einige der letztern schleppten sich fort, die Seite haltend, wo das mächtige Hörn eines Stieres sie getroffen hatte; reiterlose Pferde irrten umher, andre wälzten sich noch und gaben jene entsetzlichen Schmerzenslaute von sich, deren das Pferd fähig ist.
Nur wenige Zuschauer gab es, die in alledem das Spiel erkannten. Dies mußte ja blutige Wahrheit sein; Büffel, Pferde und Indianer lagen ja tot da oder waren dem Sterben nahe; eine blutende Rothaut schleppte sich mit vor Schmerz entstellten Zügen an der Barriere vorüber.
»Sind denn die wirklich tot?« flüsterte eine Dame mit stockendem Atem neben dem alles beobachtenden Indian Bill.
»Möglichst viel Büffel zu töten, ist ja eben der Zweck der Jagd, mein Fräulein,« lächelte dieser. »Auf den Verlust von Pferden kommt es nicht an; die Indianer fangen sich neue, wie Sie dann sehen werden, und einige Menschen müssen bei solchen Jagden immer das Leben lassen, das ist der Kampf ums Dasein.«
Da - auf ein unmerklich gegebenes Zeichen sprangen plötzlich alle die Totgeglaubten, Tiere und Menschen, gleichzeitig auf und trotteten wohlgemut nach ihren Stationen, die Tiere in die Hürden an die Krippen, die Indianer nach dem Sattelplatz, um mit tiefem Ernst die Friedenspfeife zu rauchen.
Nicht alles war freilich unblutig verlaufen. Einige der Westmänner zeigten blutende Risse, andre hinkten, aber das schien sie nicht im geringsten zu genieren.
Mit wunderbarer Gewandtheit hatten sie sich den tödlichen Huftritten der über sie hinwegstürmenden Pferde und Büffel zu entziehen gewußt.
Stürmischer Beifall und nicht enden wollende Bravorufe belohnten die kühnen Männer.
Der zweite Teil der Vorstellung zeigte das Einfangen, Bändigen und Zureiten wilder Pferde. Wieder raste die tolle Jagd um den Platz, diesmal hinter Mustangs her; auch die Cow-boys beteiligten sich jetzt daran; die Lassos wirbelten durch die Luft und legten sich mit unfehlbarer Sicherheit um den Hals des ausgewählten Pferdes, das Sattelpferd stand, ein Ruck, und der Gefangene wurde zu Boden geschleudert.
Im nächsten Augenblick waren des Mustangs Hufgelenke zusammengekoppelt; dabei hatte man ihm doch Zeit gelassen, daß er sich aufrichten konnte; er wurde gesattelt, die Trense ihm ins Maul gezwängt, und wenn die Koppeln durchschnitten wurden, saß der Reiter auf dem Rücken des Tieres.
Ein furchtbarer Kampf zwischen Roß und Mann begann. Doch alles Bocken und Bäumen des erstern war vergebens, der Reiter saß wie angegossen, Sporen und Peitsche gebrauchend. Das Pferd suchte zu beißen, allein stets traf die eiserne Faust des Bändigers es auf die Nüstern. Mit voller Wucht warf es sich rücklings zu Boden, im Nu stand auch der Reiter auf den Füßen, und sprang es auf, so saß er ihm wieder auf dem Rücken.
Zehnmal wälzte es sich, und zehnmal tauchte der tollkühne Pferbebändiger unbeschädigt aus der Staubwolke wieder auf.
Dann wollte das Roß entfliehen, in voller Flucht ging es dahin, immer mehr noch angetrieben. Jetzt mußte es den Kopf an dem Kugelfang zerschmettern; aber da riß der Cow-boy den breitrandigen Filzhut vom Kopf und verdeckte dem Tiere die Augen - ein gewaltiger Seitensprung, und das Hindernis war vermieden.
Nicht immer ging es so glatt vonstatten. Manchmal stürzte nicht das gefangene Tier, sondern durch den Ruck wurde der Reiter aus dem Sattel geschleudert; in mächtigem Bogen flog er durch die Luft, und doch kam er stets auf die Füße zu stehn.
Kein Akrobat konnte genauer die Umdrehung des Körpers berechnen, als ein solcher Cow-boy, und das mußte er auch, denn kam er zu Falle, so wurde er zu Tode geschleift.
Der Cow-boy aber stemmte die mit drei Zoll langen Sporen bewaffneten Hacken auf den Boden, legte sich weit hintenüber und ließ sich so weiterschleppen, daß er tiefe Furchen wie mit einem Pfluge in den Rasen zog, bis das Pferd erschöpft dastand.
Dann griff der Mann sich Hand über Hand nach ihm hin, saß ihm mit einem Sprung auf dem Rücken, nötigte ihm den spanischen Zaum, den er über der Schulter trug, ins Maul und ritt es auch ohne Sattel zu.
Der spanische Zaum ist ein Marterwerkzeug. Der Reiter ist imstande, damit dem Tiere die Kiefern zu zermalmen.
Anders versuchten es die Indianer, vielleicht noch unbarmherziger.
»Der Mann des Ostens,« heißt es in Amerika, »reitet sein Pferd, bis es zusammenbrechen will; im Westen wird es gemartert, bis es tatsächlich zusammenbricht; der Indianer aber peitscht das gestürzte Pferd wieder auf und läßt nicht eher nach, als bis es unter ihm verendet.«
Der Spott war den zuschauenden Offizieren vergangen. Derartiges konnten sie freilich nicht leisten.
Diejenigen, die gegen Indian Bill gewettet hatten, bangten für den Verlust ihrer Einsätze.
Freilich ritt der Colonel keinen eben erst gebändigten Mustang, sondern ein wohldressiertes, andalusisches Pferd. - -
Dann wurden Kämpfe zwischen Indianern und Cow-boys vorgeführt. Ueberfälle von Auswandrern und Wagenzügen durch Indianer und ähnliches, wie es auch manchem Leser zu sehen gegönnt gewesen ist.
Hier zeigte sich wieder die außerordentliche Dressur der Pferde.
Wie sie sich kurz vorher noch als vollkommen ungebändigt erwiesen hatten, waren sie jetzt wieder die Gelehrigkeit selbst. Der auf sie gerichtete Schuß streckte sie nieder, sie wälzten sich, wieherten den Todesschrei und blieben still liegen, bis das Zeichen zum Schluß alles wieder ins Leben rief.
Noch verharrte Indian Bill auf dem Andalusier wie eine aus Erz gegossene Statue. Ein kaum merklicher Wink, ein Pfiff genügte, um alles zu ordnen und zu leiten, einer Ausschreitung Schranken zu setzen.
Dem Platze, wo Cow-boys und Indianer friedlich rauchend auf Sätteln beieinander saßen oder auf dem Boden umherlagen, schritt ein Mann zu.
Er trug einen leichten, hellen Sommeranzug und einen Strohhut. In der Rechten hielt er ein dünnes Spazierstöckchen. So glich der Fremde also ganz den geschniegelten Modeherrchen, die drüben noch den Vorführungen der Wild-Westtruppe zusahen.
Nur ins Gesicht durfte man dem Gigerl nicht blicken, denn das paßte nicht zu dem Anzug. Es war tiefgebräunt von Sonne und Luft; die Züge waren scharf, doch edel geschnitten, und die Augen blickten kühn und wagemutig. Einen Bart trug der Mann nicht. Der energisch gezeichnete Mund war frei, und seltsam stach der fast rotbraun gebrannte Nacken von dem blendend weißen Leinenkragen ab.
Musternd ließ der Mann seine Blicke über die Leute des Indian Bill schweifen, dann schien er den Gesuchten gefunden zu haben. Rasch näherte er sich demselben. Es war eine echte, verwetterte Trappergestalt, wie wir sie aus Coopers Indianererzählungen kennen. Er rauchte aus einer abgebrochnen Tonpfeife, einem >Nasenwärmer<, süßlich riechenden, amerikanischen Plattentabak.
Der hellgekleidete Fremde trat neben den Alten - ein Griff - er hatte die Pfeife aus dessen Munde genommen und in seinen geschoben, so stand er da - die Hände in den Hosentaschen, den Stock unter dem linken Arm.
»Hölle und Teufel!« fluchte der Trapper aufspringend.
Im nächsten Moment funkelte dem frechen Gigerl der Lauf eines >Sixshooters<, eines sechsschüssigen Revolvers entgegen, neben dem Bowiemesser die beliebteste Waffe der Westmänner.
»'Ne feine Sorte, Charly!« lachte der Fremde ihn an. »So, da hast du deinen Nasenwärmer wieder!«
Kaltblütig gab er dem Trapper die Pfeife zurück.
Dieser hatte die schußbereit erhobene Waffe sinken lassen.
Wie entgeistert starrte er den Sprecher an. Endlich kam es über seine Lippen:
»Bless my eyes! Wenn das nicht Cutting Knife ist, soll mich der Satan mit Haut und Haaren holen!«
»Das tut er schon, wenn's Zeit ist, alter Junge!« lachte der Fremde, den der Westmann >Cutting Knife< genannt hatte, das >schneidende Messer<. »Brauchst übrigens nicht so zu schreien, daß alle es hören.«
»Du bist's also wirklich?« rief Charly freudestrahlend. »Wir glaubten alle, du seist tot!«
»So schnell geht's mit dem Sterben nicht!« lachte Cutting Knife.
»Bst! Nicht so laut!« warnte da der Trapper mit gedämpfter Stimme. »Wenn Indian Bill hört, daß du hier bist, würde er wohl ein ernstes Wörtchen mit dir reden!«
»Ich will aber eben zu ihm!«
»Wie? Hast du denn ganz vergessen, daß -«
»Daß er mir einst ans Leben wollte?« vollendete Cutting Knife gleichmütig.
Charly nickte stumm.
»Na, sorg' dich nur meinetwegen nicht! Ich werde auch mit Bill noch fertig. Kannst ja zusehen!«
Mit kurzem Gruße entfernte sich der seltsame Gigerl und begab sich direkt nach der Arena, wo mittlerweile ein anderes Schauspiel sich entwickelt hatte.
Mit mächtigem Satze war ein kohlschwarzer Hengst über die Barriere der Arena gesprengt und umkreiste in rasendem Laufe den weiten Platz.
Das edle Tier trug einen Damensattel, und in diesem saß Mercedes de Barrameda, die tollkühne Gefährtin Indian Bills, eine wunderbar schöne Mexikanerin. Das mit reichen, bunten Stickereien verzierte, nur bis an das Knie reichende Kleid aus gelbem Hirschleder schloß sich eng an die graziöse, herrlich gewachsene Gestalt; der im Mokassin steckende kleine Fuß war mit einem gefährlichen Sporn bewaffnet.
Mit der Büchse auf dem Rücken, den Revolver an der Seite, den geschwungenen Lasso in der Hand, mit den wie im Sturm flatternden, schwarzen Locken glich auch sie einem jener verwegenen Cow-boys, nur daß alles von ihr mit einer unbeschreiblichen Grazie ausgeführt wurde.
Mit ihrer kleinen und doch gestählten Faust wußte sie das unbändige Roß zu regieren. Donnernder Applaus begrüßte die verwegene Reiterin.
Doch das kühne Reiterstücklein war nur ein Vorspiel gewesen. Indian Bill setzte ihr nach; nun begannen Evolutionen, bei denen sich das Haar der Zuschauer vor Entsetzen sträubte.
Diesen beiden war nichts unmöglich. Es war ihnen gleichgültig, ob sie den Sattel verloren, sie standen auf dem nackten Rücken des Pferdes, wechselten mit katzenartiger Behendigkeit die Tiere, schossen nach den ihnen gegebenen Zielen, ohne je zu fehlen; sechs Nägel, nur leicht in ein Holz gesteckt, wurden durch ebensoviel Revolverschüsse auf dreißig Meter Entfernung vom jagenden Pferde herab bis an den Kopf ins Brett getrieben, und in der Handhabung des Lassos kamen ihnen weder Cow-boys noch Indianer gleich.
Sie bestimmten, um welchen Fuß des fliehenden Pferdes sich die Schleife schlingen würde, und die Berechnung versagte nie, stets war der betreffende Fuß gefangen, mitten im Lauf traf ihn der Lasso.
Wer von den beiden dem andern an Kraft und Gewandtheit im Reiten, Schießen und Lassowerfen über war, konnte man nicht beurteilen. Auch die Cow-boys und Indianer, welche doch nichts andres kennen als derartige Uebungen, staunten immer wieder über die beiden.
Wie überall, so erscholl auch auf dem Sattelplatze donnernder Zuruf, als endlich Indian Bill und Mercedes aus den Sätteln glitten.
Man umringte sie und machte ihnen Komplimente. Bill wurde nicht weniger stürmisch von den Damen bewundert, als Mercedes von den Herren.
Kühl wies sie jedoch deren Lobeserhebungen zurück.
»Wenn Sie wie ich von klein auf mit Pferden und Waffen umgegangen wären, würden Sie es mir gleichtun,« sagte sie. »Was ist das überhaupt hier auf ebnem Rasen, wo weder Felsen noch Ströme zu überwinden sind!«
»Aber auch die Cow-boys üben sich von Jugend auf in derartigen Ausführungen,« wandte jemand ein, »und ihre Leistungen verschwinden doch gegen die Ihrigen.«
»Das kommt einfach daher, weil ich einen bessern Lehrmeister gehabt habe.«
Die Vorstellung hatte stundenlang gewährt. Es war später Nachmittag, aber noch fern von Sonnenuntergang. Die Zuschauer auf den Fußwegen verliefen sich, die Herrschaften auf dem Sattelplatz blieben, auch viele der Inhaber der Tribüne begaben sich zu ihnen. In mehreren Zelten war für Erfrischungen gesorgt.
»Colonel, ich erinnere Sie an Ihre Wette,« wandte sich der Dragoneroffizier an diesen.
»Haben Sie wirklich noch Lust, Darling zu reiten?«
»Oho, Sie werden beleidigend! Ich gebe zu, keinen Mustang bändigen zu können, wohl aber einen eingerittenen Gaul zum Gehorsam zu zwingen. Er ist doch gut eingeritten?«
»Vollkommen. Darling ist ein Luxuspferd, hat nie die Freiheit gesehen, ist ja auch beschlagen.«
Der Andalusier war zuletzt bei den wildesten Manövern nicht verwendet worden, hatte sich also schon wieder verschnauft und erholt.
»Wie wollen Sie ihn gesattelt haben?«
»Englischer Sattel, Trense und Kantare, falls er daran gewöhnt ist.«
»So ist er zugeritten worden, ich reite ihn stets so, nur bei den Vorstellungen benutze ich den mexikanischen Sattel, weil der englische zu nüchtern aussieht. Und dann darf ich Sie wohl bitten, so lange Darling noch mein ist, keine Sporen zu gebrauchen!«
»Weder Sporen noch Peitsche, ich bringe ihn doch in jede gewünschte Gangart.«
Auf des Amerikaners Befehl ward der Andalusier gesattelt. Als der Cow-boy aus dem Stall heraustrat, ließ er ihn los, und lustig wiehernd trabte das edle Roß auf Indian Bill zu. Dieser ging hin und her, und das Pferd folgte ihm wie ein Lamm.