»Ich erkläre also nochmals,« nahm er dann das Wort, »wenn jemand der Herren oder Damen dieses Pferd in irgend einer Gangart von der Stelle bringt - sagen wir von hier bis nach dem dort stehenden, vielleicht fünfzig Meter entfernten Pfahl - so gehört das Pferd ihm oder ihr.«
»Sie behaupten also. Sie allein könnten das Tier reiten?«
»Auf der ganzen Welt allein ich und Senora Mercedes, nicht, weil ich es ihr besonders zugeritten habe, sondern weil sie es eben imstande ist. Sie ist mir ebenbürtig darin.«
Er wandte den Kopf nach Mercedes, welche ein leises Zischen hatte hören lassen.
»Ah so, ich habe an etwas nicht gedacht,« fuhr er fort, »es gibt noch jemanden auf der Welt, dem ich es zutraue, daß er Darling zu reiten vermag. Wir sind also unsrer drei.«
»Wer ist das?«
»Er kommt nicht in Betracht, denn er ist nicht hier.«
Es war ein großer Kreis gebildet worden, welcher noch den bezeichneten Pfahl einschloß.
Indian Bill sprang in den Sattel und ritt das Pferd schulgerecht in den verschiedensten Gangarten mehrmals im Kreise.
»Es ist kein Geheimnis dabei,« sagte er, absteigend. »Darling ist aber so empfindlich, daß er nur den Reiter trägt, an dessen Hand er den Meister erkennt. Ich habe ihn sehr verwöhnt. Senora, wollen Sie ihn reiten?«
Wie eine Feder schnellte Mercedes auf den Herrensattel, nach Damenart darauf Platz nehmend, und lenkte das prächtige Roß durch Zungenschlag und Zügel in gleicher Weise wie Bill mehrmals um den Platz.
»So, Herr Leutnant, nun kommen Sie daran!«
Der Aufgeforderte hatte schon die Sporen abgeschnallt und die Reitgerte weggeworfen. Wie er sich aufschwang und mit einem Griff die Zügel ordnete, erkannte man den vollendeten Reiter.
Atemlos harrte die Menge. Viele bedauerten bereits Indian Bill, daß er das schöne Tier verlieren würde.
Da - durch den schlanken und doch überaus kräftigen Körper des Rosses ging ein leises Zittern, das Gesicht des Leutnants färbte sich plötzlich dunkelrot - das Pferd hatte dem leisen Zügelruck und dem Druck des Schenkels nicht gehorcht.
Jetzt wandte er mehr Kraft an, man sah, wie er die Schenkel zusammenpreßte.
Darling bäumte sich, schlug aus, doch der Reiter saß fest, konnte es aber ebensowenig von der Stelle bringen. Plötzlich krümmte sich das Pferd wie ein Aal zusammen, streckte sich blitzartig aus - und der Leutnant saß mit einem unbeschreiblich verdutzten Gesicht im Grase.
»Himmeldonnerwetter, so etwas ist mir doch noch nicht passiert!« platzte er endlich unter dem schallenden Gelächter der Umstehenden heraus.
»Hat noch jemand Lust, sein Glück zu versuchen?« fragte Indian Bill.
Ein zweiter Offizier flog beim ersten Bocken aus dem Sattel, ein andrer kam überhaupt nicht zum Sitzen, er fiel gleich wieder auf der andern Seite herab, obgleich er vorher das Pferd beruhigt hatte.
»Das wäre doch der Teufel,« ließ sich ein baumlanger Mann mit Reitgamaschen vernehmen, durch sein ganzes Aussehen den Landwirt verratend, »wenn ich den Racker nicht zum Gehn brächte! Erlauben Sie?«
»Bitte, versuchen Sie es!«
»Aber das sage ich Ihnen, ich quetsche dem Vieh die Luft ab oder zerbreche ihm die Rippen!«
»Immerzu, wenn Sie es vermögen!« lächelte der Colonel.
Die Beine des neuen Reiters waren so lang, daß sich die Stiefelhacken unter dem Bauche fast berührten.
Der Mann entwickelte eine ungeheure Kraft, das Pferd keuchte, es war, als wenn sein Leib zusammengeschnürt würde, und doch brachte es den Reiter mit einer ganz neuen, blitzschnellen Bewegung aus dem Sattel, ohne sich gewälzt zu haben.
Es wurden Cow-boys und Indianer gerufen.
Sie weigerten sich anfangs, weil sie Darling doch nicht vom Fleck brächten; sie wüßten es schon, sagten sie und mußten erst durch Geldgeschenke gewonnen werden, aufzusteigen.
Da sie den glatten Sattel nicht gewöhnt waren, rutschten sie hin und her, aber abzuwerfen waren sie doch nicht. Ebensowenig aber gelang es ihnen, das Pferd auch nur einen Schritt vorwärtszubringen, obgleich man ihnen ansah, wie sie alle ihre Kraft und Kunstfertigkeit gebrauchten.
»Es ist eben ein Geheimnis dabei!« rief der Dragoner.
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß dies nicht der Fall ist,« sagte Indian Bill ernst. »Existiert noch ein Reiter, der uns drei Erwähnten gleicht, so wird Darling ihm gehorchen. Auch die Sporen können seinen Trotz nicht brechen. Er würde lieber sich verbluten und zusammenbrechen, als nur einen Schritt tun, wenn er die kundige Hand nicht fühlt. Es ist wohl genug, Herr Leutnant?«
»Ich bekenne hiermit, daß ich dieses Pferd nicht zu reiten vermag,« kam der Offizier seinem Versprechen nach.
»Führt Darling in den Stall!«
»Halt, Herr Colonel!« ließ sich da eine Stimme hören. »Ich möchte Darling reiten!«
Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, wendete Indian Bill sich dem Sprecher zu.
Unsägliches Erstaunen prägte sich einen Moment in den dunklen Augen des Obersten aus, dann aber flackerten sie fast drohend auf.
»Cutting Knife!« kam es leise, niemandem sonst vernehmbar, über die Lippen Bills.
»Still!« gab der andre ebenso leise zurück. »Persönliches können wir später verhandeln - ich nenne mich jetzt Nobody.«
»Nobody, der Detektiv von Worlds Magazine?« rief Indian Bill, von neuem staunend.
»Nun, Herr Oberst, ist es mir erlaubt, das Pferd zu reiten?« fragte Nobody laut.
»Bitte, versuchen Sie Ihr Heil!« erwiderte der Gefragte, aber dann setzte er nochmals flüsternd hinzu: »Wozu das? Ich weiß ja, daß Sie Darling reiten können! Und dann - haben Sie Mercedes nicht gesehen?«
»Gerade ihretwegen will ich das Pferd reiten!« entgegnete Nobody ruhig, schritt zu dem Andalusier, streichelte ihm den schlanken Hals und schickte sich an, in den Sattel zu klettern.
Anders war der Vorgang nicht zu bezeichnen, denn der Unbekannte verfuhr mit einem außergewöhnlichen Phlegma.
Nachdem er sich die Steigbügel und das andre Sattelzeug nachdenklich betrachtet hatte, hob er langsam das Bein, setzte den Fuß in den Bügel, legte die Hand auf den Sattel und zog sich so bedächtig hoch.
Oben angelangt, brauchte er lange Zeit, ehe er richtig saß und die Zügel geordnet hatte. Dann blieb er ruhig und bewegungslos sitzen.
»Na, wie ein Reiter sieht der auch nicht aus!« ließen sich spöttische Stimmen im Publikum vernehmen.
Nobody rührte sich noch immer nicht, auch das Pferd stand wie eine Statue da, nur die Ohren spitzend. Anscheinend hatte ihm der Reiter noch nicht seine Absicht zu erkennen gegeben, daß er sich von diesem Platz entfernen wollte, sonst hätte er wohl schon unten gelegen.
»Los, Herr,« rief einer der Zuschauer, »zeigen Sie, mit welchem Phlegma ein Gentleman aus dem Sattel fällt, ohne an Grazie einzubüßen.«
Da griff Nobody langsam an den Hut, zog ihn, grüßte nach beiden Seiten und - ritt davon.
Indian Bill war natürlich keineswegs durch diesen Erfolg überrascht.
Seit er in dem Fremden den berühmtesten aller Westmänner, den gefürchteten Cutting Knife erkannt, hatte er ja gewußt, daß derselbe Darling bezwingen würde.
Tausenderlei Gedanken kreuzten sich in dem Kopfe des Colonels.
Der Mann dort, der eben mit elegantem Schwung aus dem Sattel sprang, war, wie er selbst gesagt hatte, Nobody, der weltbekannte Detektiv von Worlds Magazine - sollte er damals die Rolle des Cutting Knife auch nur angenommen haben, um irgend einem Verbrecher auf die Spur zu kommen, irgend ein düsteres Geheimnis zu entschleiern?
Unwillkürlich schaute Indian Bill zu der schönen Mexikanerin hinüber - doch das Gesicht derselben war vollkommen unbewegt, nur die Flügel der feinen Nase zitterten und verrieten eine heimliche, aber desto stärkere Erregung.
Begeisterter Beifall hatte den trefflichen Reiter für sein Kunststück belohnt, mit hundert Fragen stürmten Neugierige auf ihn ein - er antwortete keinem. Er warf nur einen flüchtigen Blick nach der Stelle hinüber, von wo aus Indianer und Cow-boys den Vorgang beobachtet hatten, und unmerklich nickte er Charly zu.
Indian Bill trat auf Nobody zu, Darling am Zügel führend.
»Nehmen Sie das Tier! Es gehört Ihnen!« sagte er mit zitternder Stimme.
Höflich verbeugte sich der glückliche Gewinner des edlen Rosses und führte es fort.
Wehmütig schaute Indian Bill ihm nach, doch plötzlich erweiterten sich seine Augen. »Bei Gott!« murmelte er. »Der Mann wagt viel.«
Nobody oder Cutting Knife, unter welchem Namen er den Westleuten bekannt geworden, war, schritt geradeswegs auf den Platz zu, wo Mercedes de Barrameda stand.
Hochaufgerichtet erwartete ihn die Mexikanerin.
»Gestatten Sie, schöne Senorita, daß ich Ihnen Darling als Zeichen meiner Bewunderung verehre!« sagte er laut, und leise, nur ihr verständlich, setzte er hinzu:
»Ich komme morgen zu Ihnen!«
Mercedes schien diese Worte nur wie aus weiter Ferne gehört zu haben. In ihrem bronzefarbenen Antlitz zuckte keine Muskel, kein Lächeln umspielte ihren purpurroten Mund, kein rascherer Atemzug schien ihren Busen zu bewegen. Kalt, fast verächtlich erwiderte sie endlich:
»Ich nehme die Gabe an!«
Sie ergriff die Zügel Darlings, verneigte sich leicht vor Nobody und wendete sich dann von ihm ab.
»Verflucht!« brummte der Detektiv. »Das hätte mir Freund World auch mit telegraphieren können, daß ich dieses Weib hier treffen würde. Bah, auch sie muß sich fügen!«
Eben wollte Nobody sich entfernen, da warf er noch einen Blick auf die schwarzlockige Mexikanerin.
Mercedes hatte Darling nur ein Stück abseits geführt und war dort stehn geblieben. Mit der linken Hand hielt sie die Zügel, die rechte fuhr unter das lederne Jagdhemd; als sie wieder zum Vorschein kam, umklammerte sie einen kleinen Revolver. Dicht über das eine Auge des Pferdes hielt sie die Waffe - ein Blitz - ein Knall -
Der Arm der heißblütigen Mexikanerin wurde hochgeschlagen, ihr die Waffe mit einem Griffe aus der Hand gewunden.
Nobody hatte die Absicht des Weibes erkannt und vereitelt.
Lächelnd ließ er den Revolver in die Tasche gleiten.
»Ich nehme ihn als Gegengeschenk für das Pferd!«
Eine neue Verbeugung, dann war der Detektiv in der Menge der neugierig herzudrängenden Zuschauer verschwunden, die wissen wollten, wer den Schuß abgefeuert und wem er gegolten habe.
Indian Bill hatte am Uhlenhorst eine möblierte Villa gemietet, die er mit Mercedes de Barrameda bewohnte. Doch es muß gleich hier bemerkt werden, daß er keineswegs in einem nähern Verhältnis zu der schönen Mexikanerin stand. Sie war seiner Truppe nicht beigetreten, um Geld zu verdienen, ebensowenig wie der Colonel selbst aus diesem Grunde nach Europa und speziell nach Deutschland gekommen war. Die beiden hatten sich eine Aufgabe gestellt, die sie unbedingt lösen wollten, mochten sich ihnen auch noch so große Schwierigkeiten entgegenstellen. Diese Aufgabe aber hing eng zusammen mit der Person unsers Nobody. - - -
Der Eingang zu der Villa Indian Bills war ebenso wie die Arena draußen in St. Pauli den ganzen Tag über von einer Menge Neugieriger umlagert; in dem Hause selbst aber ging es zu wie in einem Bienenkorb.
Wilde Gestalten eilten sporenklirrend die Treppen hinauf und herab. Dazwischen bewegten sich würdevoll die in Decken gehüllten roten Söhne der Prärien und Urwälder. Auf dem Hofe stampfte und wieherte es. Vorsichtig schritten die unbeschlagenen Mustangs über das ungewohnte Steinpflaster, und zahlreiche Sportsleute gingen ein und aus.
Vor dem Zimmer Indian Bills stand ein Neger in bunter Livree. Er hatte die Aufgabe, unwillkommenen Besuchern den Zutritt zu seinem Herrn zu verwehren, und tat das mit der ganzen Frechheit und Unverfrorenheit seiner Rasse.
Jetzt stieg ein Herr die Treppe empor - Nobody - genau so gekleidet, genau so aussehend wie tags zuvor der Westmann Cutting Knife in modernem Straßenanzug.
Ehrerbietig grüßte der Schwarze, öffnete ohne weiteres die Tür zum Vorzimmer.
»Der Colonel erwartet Sie!«
Nobody trat ein. Der Raum war zum großen Teil angefüllt mit allerlei Gepäckstücken. Ein Tisch in der Mitte war beladen mit ganzen Stößen von Briefen, vorwiegend solchen von zarter Damenhand.
Das scharfe Auge des Detektivs sah dies auf den ersten Blick.
»Diese Weiber!« murmelte er lächelnd, dann trat er in den nächsten Raum.
Indian Bill saß am Schreibtisch, stand aber auf, als er die Schritte hörte.
Einen Moment schauten sich die beiden Männer schweigend an.
Der Colonel ergriff zuerst das Wort. »Ich erwartete Sie, Mister - -«
»Nobody,« ergänzte der Detektiv.
»Gut! Es soll gelten!« erwiderte Indian Bill mit fester Stimme. »Nehmen wir Platz!«
»Halt!« sagte Nobody. »Zuerst etwas andres. Ist Ihre Rechnung mit Cutting Knife beglichen?«
Die Augen Bills blitzten auf. »Nein!« entgegnete er fast schroff.
»Sie werden ihn also zum Kampfe auf Tod und Leben herausfordern, wenn Sie ihm jemals begegnen?«
»So ist es. Ich habe es mir geschworen!«
»Gut! Das wollte ich wissen,« versetzte Nobody mit einem Gleichmut, als wenn er nicht eben dieser Cutting Knife wäre, dem Indian Bill unversöhnliche Feindschaft geschworen hatte.
»Gehn wir jetzt zum geschäftlichen Teil über! Sie wissen, weswegen ich hier bin, Colonel. Bitte, geben Sie mir die nötigen Erklärungen!«
»Well! Hören Sie!« versetzte Indian Bill. »Ich will Ihnen die Geschichte erzählen!
»Es sind jetzt sieben Jahre her,« begann er, »als ich mit einem alten Trapper, meinem langjährigen Freunde und Begleiter bei allen Abenteuern, im Sakramentotale jagte. Dieses ist sehr lang, sehr lang, ich kann die Gegend, wo wir uns befanden, nicht beschreiben, sondern nur sagen, daß es zwischen der Sierra Nevada und dem Coast Range, einem Nebengebirge der erstern war.
»Am Rio Joaquin, einem großen Nebenflusse des Sakramento, waren kurz zuvor reiche Goldfelder entdeckt worden, und so kam es, daß wir die Wildnis belebter fanden, als es sonst in dieser Gegend der Fall war. Einmal, als wir am Lagerfeuer saßen, äußerte ich mich darüber, wie seltsam es doch mit dem Goldfinden sei. Einer sucht Gold, er hält sich für einen unfehlbaren Entdecker des edlen Metalles, und er findet doch nichts, während er vielleicht über der reichsten Goldmine steht. Ein andrer, der an alles andre denkt, nur nicht an Gold, will sich eine Pfeife anbrennen, nimmt einen Stein, um Feuer zu schlagen, es springt kein Funke, dafür aber bemerkt er, daß der Stein an dem Stahl einen goldenen Strich erzeugt hat, es ist Goldquarz, und der Mann hat eine Goldmine entdeckt.
»Wir Jäger kommen doch oft genug dahin, wo noch keines andern Menschen Fuß gewesen ist, ich kenne auch die Verhältnisse, unter denen Gold zulässig ist, aber ich habe mich noch nie zum Nachgraben veranlaßt gefühlt.
»So sprach ich, und mein Freund lächelte dazu.
»>Da bin ich schon glücklicher gewesen als du< meinte er. >Ich weiß eine Goldmine hier im Sakramentotale, wo mehr herauszuholen ist als alles, was man bisher in Kalifornien gefunden hat.<
»Ich war ungläubig, der Trapper blieb bei seiner Behauptung.
»>Und warum beutest du sie denn dann nicht aus?< fragte ich.
»>Was soll ich mit dem Golde?< entgegnete er gleichgültig. >Ich alter Mann, ich bedarf seiner nicht mehr.<