»Da hatte er wohl recht, er konnte doch kein neues Leben mehr anfangen, der Wald und die Freiheit, ein ungebundenes Leben waren ihm alles.
»Ich selber machte mir zwar nicht besonders viel daraus, ich beschwor den Alten nicht, mir die geheime Mine zu zeigen, aber immerhin, Gold ist das wertvollste Metall der Erde, es ist direkter Besitz; je mehr ein Land davon hat, desto reicher ist es, und ich liebe mein Vaterland genug, um ihm einen Ort anzuzeigen, wo es sich bereichern kann, ganz abgesehen von den Prozenten, die dem Entdecker zufallen.
»Aber der Alte ließ sich nicht herbei, mir den Platz zu verraten. Gerade dort stände ein herrlicher Wald, sein Lieblingsrevier; wüßten die habgierigen Menschen, was sich darunter befände, würden die Bäume gar schnell fallen, und der Wald sei ihm mehr wert als alles Gold.
»Ich wollte Gewißheit haben, stellte mich ungläubig, reizte den Alten durch Widerspruch, es sei wohl nur Schwefelkies gewesen, was er für Gold gehalten, bis er endlich einwilligte, mir den Ort zu zeigen.
»Das Versprechen, niemandem weiter das Geheimnis zu verraten, nahm er mir gar nicht erst ab. Er erklärte von vornherein, daß ich den Platz nicht wiederfände, denn ich müßte mich die letzte Strecke von ihm mit verbundenen Augen führen lassen, zudem, noch des Nachts.
»Wir marschierten zwei Tage lang, bis wir eines Abends wieder ein Lagerfeuer anbrannten.
»Diese Stelle kann ich wiederfinden. Ihnen will ich nur angeben, daß es zwischen dem Rio Joaquin und dem Rio Eldorado war, am Fuße der Sierra Nevada, wo die Gegend wild zerklüftet ist.
»Als die Nacht anbrach, verband mir der Alte die Augen und führte mich fort. Ich merkte wohl, daß er mich absichtlich irreleitete, indem er unnötigerweise viele Kreise beschrieb. Schon nach einer Stunde dieser sehr beschwerlichen Wanderung nahm er mir die Binde wieder ab.
»Die Gegend, wo ich mich jetzt befand, war mir völlig fremd. Es war ein Engpaß, der sich in unzähligen andern verlief; ich hörte überall Wasserfälle herabstürzen, und über uns tobte ein Gewitter; die Blitze zeigten mir die Landschaft manchmal in unheimlicher Beleuchtung.
»Wieder nach einer Stunde Wanderung in diesem Labyrinth von Pässen verband mir der Trapper abermals die Augen, noch eine Viertelstunde auf einem halsbrecherischen Wege über Stock und Stein, dann ging es jäh bergab, immer tiefer und tiefer, bis der Trapper mich stillstehn hieß.
»Er riß mir schnell die Binde von den Augen.
»Ich mußte dieselben schließen, nicht vor dem Scheine der Fackel, welche der Alte hochhielt, sondern vor dem Glanze der Goldadern, welche dicht nebeneinander durch die Steinwände liefen.
»Es glänzte und gleißte in einer Pracht, die ich nicht beschreiben kann. Die Decke über mir enthielt ebenfalls mehr Gold als Quarz, und zu meinen Füßen lagen faustgroße Klumpen puren Goldes.
»Ich befand mich in einer Höhle; wie tief unter der Erde sie lag, weiß ich nicht. Hier trat eben die Goldader zutage, schon hier allein zeigte sie einen Durchschnitt von wenigstens dreißig Quadratmetern, und wer wußte, wie hoch sie noch nach oben hinaufreichte, in welcher Mächtigkeit sie sich noch erstreckte.
»Ich war vor Staunen außer mir. Wahrhaftig, da lernte ich kennen, welch furchtbare Macht das Gold besitzt. Es machte mich blind; ich taumelte wie ein Trunkener. Sie lachen vielleicht, aber ich behaupte, daß das Gold nicht nur Macht als Geld, sondern eine unbekannte Macht als edles Metall besitzt, und die Wünschelrute der Schatzgräber ist keine Fabel; in der dazu geeigneten Hand schlägt sie an, ich habe es selbst gesehen.
»Der Alte gestattete mir, mit dem Tomahawk von dem edlen Gestein abzuschlagen und von den losen Stücken so viel aufzuheben, wie ich wollte, damit ich später nicht an eine bloße Sinnestäuschung glaube.
»Hierauf verband er mir die Augen und führte mich ebenso wieder zurück, wie er mich hergebracht hatte.
»>Nun kannst du die Höhle suchen, das erlaube ich dir,< sagte er am Lagerfeuer, >aber du wirst sie wohl nicht finden. Bei meinem Tode will ich dir die Lage angeben, nicht eher, denn den Wald sollen meine alten Augen nicht mehr unter den Aexten der Goldgräber fallen sehen.<
»Ich blieb in der Gegend und suchte viele, viele Wochen lang. Vergebens, ich fand die Höhle nicht wieder! Wie das kommt, daß es mir, dem Waldläufer, der sonst jeden Ort wiederfindet, den er einmal gesehen, nicht gelang, das ist mir unbegreiflich. Es kommt mir vor, als wäre der Eingang zur Höhle verzaubert.
»In San Franzisko wurde mir das Gold sofort zum Börsenpreise abgekauft. Ich schwieg nicht, meine Erzählung erzeugte ungeheures Aufsehen, die goldhaltigen Quarzstücke waren ja auch ein Beweis; ich verband mich mit den besten Goldsuchern und noch einigen Trappern und begab mich abermals nach jener Gegend. Wir suchten einen Monat lang und fanden die Höhle nicht wieder. Daraufhin stellte mir die Regierung Geologen zur Verfügung, und diese sagten sogar aus, daß in jenem Gebirgsteile überhaupt gar kein Gold vorkommen könnte.
»Was wir alles getan haben, kann ich Ihnen hier nicht erzählen. Ich kam in eine üble Lage, der größte Teil der Leute zweifelte an der Glaubwürdigkeit meiner Aussagen, ja, man traute mir sogar zu, ich wollte das Geheimnis für mich behalten, um es auszubeuten, hätte es nur in der ersten Aufregung verraten und so weiter. Daß ich, der beste, in der Wildnis aufgewachsene Fährtensucher, die Höhle nicht wieder auffinden konnte, schadete meiner Ehre sehr, und ich konnte den Verdacht der Veruntreuung nicht von mir abwälzen, denn auch jener Trapper blieb verschwunden.
»Ein Jahr darauf befand ich mich wieder in San Francisco. Durch einen Streik von Fabrikarbeitern kam es zu Straßenkämpfen, ich, als Offizier der Regierung, mußte mich daran beteiligen und lernte bei einem solchen Kampfe einen Mann kennen, der sich sowohl durch Mut und Umsicht, als auch durch Menschlichkeit auszeichnete. Sein Name war Jean Matelas, und ich fühlte mich um so mehr zu ihm hingezogen, als er mir ganz auffallend ähnelte.
»Wir wurden Freunde, er erzählte mir sein Schicksal. Er sei ein Südfranzose, Schauspieler, erst seit einiger Zeit in Amerika, und es ginge ihm sehr schlecht.
»Ich unterstützte ihn auf jede Weise, teilte meine Wohnung mit ihm und ahnte nicht, was für eine Schlange ich an meinem Busen nährte.
»Eines Abends erhielt ich einen Brief von einem mir bekannten Farmer. In seiner Behausung sei ein alter Trapper gestorben, er hätte mir auf seinem Totenbette beiliegende Zeichnung vermacht, ich wisse schon, was sie bedeute, er, der Farmer, könne aus dem Ding nicht klug werden.
»Es war eine Landkarte, die Lage der Höhle angebend. Die Zeichnung sah freilich allem andern mehr ähnlich als einer Landkarte, sie war nach indianischer Weise angefertigt, für mich aber war sie vollkommen deutlich, das heißt, wenn ich mich an Ort und Stelle befand, wo wir einst am Lagerfeuer gesessen, und die Stellung des Mondes zu einer gewissen Zeit zu Hilfe nahm.
»In meiner Freude erklärte ich dieses Geheimnis Jean Matelas, der gerade zugegen war, als ich den Brief öffnete. Ich schätzte ihn als einen wirklichen Freund, hätte ihm alles, alles anvertraut.
»Ich besaß zwei Revolver, die ich mir selbst gefertigt hatte. Beide hatten hohle Kolben; ein besondrer Mechanismus öffnete dieselben. In einem dieser hohlen Revolver verbarg ich einstweilen die Zeichnung und ging nach dem Telegraphenamt, um meiner vorgesetzten Behörde in Washington zu depeschieren, daß ich jetzt imstande sei, die verschwundene Mine wiederzufinden.
»Um der Wahrheit ganz die Ehre zu geben, bemerke ich, daß Matelas nicht mehr im Zimmer war, als ich das Papier in dem Kolben verbarg.«
»Er hat trotzdem Gelegenheit gefunden, Sie dabei zu beobachten,« unterbrach Nobody hier den Erzähler.
»Vermutlich,« entgegnete dieser.
»Nein, tatsächlich, denn sonst hätte er Ihnen den Plan nicht zu stehlen vermocht.«
»Woher wissen Sie, daß er dies tat?«
»Bah, das zu erraten, ist doch nicht schwer!«
»Aber er hatte keinen Anlaß, den Diebstahl zu begehn, denn -«
»Sie hatten ihn aufgefordert, Sie nach dem Tale des Sakramento zu begleiten,« vollendete Nobody lächelnd. »Sie entfernten sich dann für kurze Zeit, und als Sie zurückkehrten, war mit dem betreffenden Revolver auch Ihr Freund Jean Matelas verschwunden.«
Indian Bill war ein echter Westmann, geübt im Auffinden kaum bemerkbarer Spuren und im Kombinieren, jetzt, aber staunte er doch über den Scharfsinn des Detektivs.
»Sie benachrichtigten die Polizei und machten sich selber an die Verfolgung des Diebes,« fuhr Nobody fort, »hatten jedoch keinen Erfolg und wurden von der Regierung mit neuem Mißtrauen beobachtet. Sie hatten dem ersten Fehler, daß Sie einem vermeintlichen Freunde Ihr Geheimnis verrieten, den zweiten hinzugefügt, daß Sie die Behörden in Washington voreilig von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis setzten. Was taten Sie weiter? Sie ließen vermutlich die Gegend, wo die Goldminen sich befinden mußten, unausgesetzt von Ihren Leuten beobachten.«
»Das stimmt!« bestätigte Indian Bill.
»Ich dachte es mir. Der angebliche Jean Matelas war natürlich viel zu schlau, Ihnen ins Garn zu laufen,« sagte Nobody lächelnd.
»Das Ereignis spielte sich vor fünf Jahren ab, nicht wahr?« fragte er dann.
»Woher wissen Sie das?« fragte der Colonel in neuem Erstaunen.
»Aus den Zeitungen!«
»Ah, Sie haben sich bereits über den Fall orientiert?«
Nobody beantwortete diese Frage nicht. Indian Bill hatte sich wohl dieselbe nicht richtig überlegt, sonst hätte er sie schwerlich gestellt.
»Sie haben inzwischen eine Spur des Diebes gefunden. Dieselbe führt nach Deutschland - hierher nach Hamburg - Sie wollen den Gauner noch heute nacht verhaften,« fuhr Nobody in aller Gemütsruhe fort, als handle es sich um etwas Selbstverständliches.
Der Colonel sprang auf.
»Sir, ich stehe vor einem Rätsel!«
»Der Mann, den Sie im Verdacht haben, ist hier sehr angesehen, ein Großkaufmann.«
»Sie wissen alles,« stieß Indian Bill hervor, aber der Ton, in dem er es sagte, klang durchaus nicht freudig: was in dem Colonel vorging, verriet die Frage, die er sofort an Nobody richtete: »Herr, wollen Sie mir etwa die Beute entreißen? Der Mann gehört mir, ich will ihm nicht umsonst fünf Jahre lang nachgespürt haben!«
»Wie mir!« schaltete der Detektiv ein.
Indian Bill warf ihm einen raschen Blick zu, doch auf dem ehernen Gesicht seines Besuchers war keine Spur von Spott zu bemerken.
»Herr, Sie sind Westmann gewesen, sind es noch, ich brauche Sie nicht an das oberste Gesetz zu erinnern, das bei uns gilt: Auge um Auge -«
Nobody unterbrach ihn:
»Beruhigen Sie sich, Colonel. Meine Arbeit beginnt erst dann, wenn Ihnen Jean Matelas wieder entschlüpft ist!«
»Er entgeht mir nicht, es ist unmöglich!«
»Dann wäre er ein armseliger Gauner, dessentwegen ich keinen Finger krumm machen würde,« versetzte Nobody gelassen. »Oder meinen Sie etwa, daß er nicht wüßte, weswegen Sie hierhergekommen sind, daß er auf Ihren Besuch nicht vorbereitet ist?«
»Er kann nicht ahnen, daß ich ihn als Jean Matelas erkannt habe!« rief Indian Bill doch etwas betroffen.
Nobody lachte ungeniert auf, griff in die Tasche, brachte ein Papier hervor und hielt es jenem vor die Augen.
»Was ist das?«
»Eine Schiffskarte nach New-York,« antwortete der Colonel unwillkürlich.
»So! Und nun leben Sie wohl, Sir! Wie ich den Dieb drüben fasse, das werden Sie ja in >Worlds Magazine< lesen. Ich empfehle Ihnen ein Abonnement.«
Sprach's und ließ den verdutzten Indian Bill stehn, stieg in die nächste Etage und stand einige Minuten später an der Tür der Wohnung, welche Mercedes de Barrameda innehatte. Nach derselben zu fragen, hatte Nobody natürlich nicht nötig. Er öffnete sich selbst und trat ein.
In diesen Zimmern herrschte freilich große Unordnung. Das eine war mit Garderobestücken und Kostümen fast vollgepropft, männliche und weibliche voneinander getrennt, das andre enthielt so viel Sättel, Zaumzeuge, Reitpeitschen und andre zum Reitsport dienende Gegenstände, daß Nobody sich förmlich zwischen ihnen durchwinden mußte.
Auf seinem Gesicht trat der spöttische Zug stärker denn je hervor, zugleich aber lag auch etwas wie von eiserner Entschlossenheit darin.
Die Tür zum letzten Zimmer war nur angelehnt. Er klopfte mehrmals vergebens, endlich wurde von innen geöffnet.
Die schöne Mexikanerin stand ihm gegenüber - ihre Arme streckten sich ihm entgegen - so blieb sie regungslos, wie versteinert.
Dann lief ein Zucken durch ihren Körper.
»Alfred!« stöhnte sie auf. »Du kommst zu mir?!«
Nobody verharrte in düsterm Schweigen, aber aus seinen Augen schimmerte sekundenlang etwas wie Mitleid.
Mercedes erblaßte. Ihr Antlitz ward bleich, und ein tiefer Atemzug hob ihren Busen.
»Was willst du bei mir?« fragte sie endlich.
»Ich möchte damit warten, bis du ruhig geworden bist,« entgegnete Nobody, der ja die Maske des Cutting Knife mit der direkten Absicht gewählt hatte, von Indian Bill und Mercedes erkannt zu werden - gerade ihm sollte ersterer es verdanken, daß er den gestohlenen Plan der Goldminen wiedererhielt.
»Ich bin ruhig,« antwortete die Mexikanerin.
»Das ist mir lieb. Dann werden wir um so schneller zu Ende kommen!«
Er richtete sich hoch auf, schaute sie durchbohrend an und fragte ernst:
»Warum verfolgst du mich?«
»Du gehörst mir, denn ich liebe dich.«
»Und wenn ich nicht will?«
»Du mußt, du bist mein!«
»Armes Weib!«
»Du bedauerst mich?« fuhr Mercedes auf. Ihre Augen flammten ihn drohend an.
»Ich bedaure jeden Menschen, der hoffnungslos liebt,« erwiderte Nobody, »aber,« setzte er sofort hinzu, »ich verachte jeden, der dies einsieht, einsehen muß und doch die Hoffnung nicht aufgeben will!«
Die Mexikanerin erbleichte von neuem.
»Du liebst mich nicht?« fragte sie. »Nicht mehr?«
»Ich habe dich nie geliebt!«
»Du lügst!« wollte Mercedes ihm zurufen, aber sie sprach die Worte nicht aus - die Augen Nobodys hielten sie im Bann.
»Das heißt, du liebst eine andre!«
»Ich tue es!«
»Wer ist es, der zwischen mir und dir steht?«
»Das erfährst du nicht.«
»Ich werde es erfahren und dieses Hindernis zu beseitigen wissen.«
Diese Worte waren in einem solchen Tone gesprochen, daß Nobody einen Schritt zurücktrat.
»Mercedes, du bist wahnsinnig!«
»Ich bin bei klarer Vernunft.«
Er richtete sich hoch auf.
»Da du so kurz und bündig bist,« sagte er kalt, »muß ich es jetzt auch sein. Du hast mich umsonst gesucht, ich liebe eine andre. Ich bin verheiratet. Das ist mein letztes Wort.«
Mit blitzenden Augen trat sie auf ihn zu. Ihre Blicke loderten.
»Und mit diesem letzten Worte sprachst du dein und deiner Geliebten Todesurteil!« kam es zischend von ihren Lippen. »Das ist eine tödliche Beleidigung! Alfred, hüte dich vor mir! Kann ich dich nicht besitzen, sollst du auch keiner andern gehören!«
»Soll das eine Herausforderung sein?« lächelte er spöttisch.
»Ja, auf Leben und Tod!«
»Also die zweite an einem Tage!«