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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15520 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Das zehnmalige Schlagen der Wanduhr ließ mich emporschrecken.

»Ich muß an Bord zurück!«

Der Herr rief den Kellner und bezahlte.

»Ja, wie ist es aber nun mit Ihrer Jacht? War das wirklich Ihr Ernst?«

»Gewiß, wenn Sie damit einverstanden sind, so steht dem nichts im Wege.«

Da fiel mir ein, daß ich ja gebunden war.

»Ach, ich habe ja noch ein Jahr Kontrakt!«

»Ich weiß es,« lächelte jener. »Aber das macht nichts. Ich habe schon mit Ihrem Kapitän und Vormund gesprochen. Gehn Sie jetzt an Bord; morgen früh komme ich auf die >Katharine<, da werden alle Förmlichkeiten erledigt.«

Was wir sonst noch sprachen, ist nicht von Bedeutung. Es waren nur Abschiedsworte. Herr Makart begleitete mich ein Stückchen und erst als wir die Hafenlichter schimmern sahen, verließ er mich mit einem Händedruck und einem >Auf morgen!<

Ich sollte nicht lange Zeit haben, über das Erlebte nachzudenken. Obgleich ich schon die ganze Welt umsegelt und viermal die Linie passiert hatte, war mein Leben bisher ohne jedes Abenteuer ruhig wie ein träger Strom dahingeflossen. Hier in Hongkong sollte er sich in einen wildschäumenden Katarakt verwandeln. Der Zauberblick eines Hexenmeisters hatte mein Schicksal beschworen.

Nur noch eine dunkle Gasse trennte mich von dem Quai, an welchem mein Schiff lag. Da plötzlich lösten sich aus dem Häuserschatten schwarze Gestalten ab und sprangen auf mich ein. Mit Blitzesschnelle ward mir ein Sack über den Kopf geworfen, und ehe ich noch einen Schrei hatte ausstoßen können, erhielt ich einen Schlag vor die Stirn, der mir sofort die Besinnung raubte.

»Das war ein Gummischlauch!« war mein letzter Gedanke gewesen.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem engen Schiffsraume und bereits in voller Fahrt, wie ich deutlich genug an den Bewegungen der Planken verspürte; schäumte doch auch an den runden Fensterchen das Meer.

Ich war nicht der einzige, ich hatte noch zwei Leidensgefährten, von denen der eine noch bewußtlos war. Beide hatten gestern nacht den Sack und den Hieb mit dem Gummischlauch über den Kopf bekommen.

Einer von ihnen war ein alter Matrose, welcher mir gleich erklären konnte, was mit uns geschehen war. Ich wußte es überhaupt selbst, ich erkannte es gleich aus dem hier herrschenden Trangeruch. Wir waren auf einen englischen oder amerikanischen Walfischfahrer gepreßt worden.

Wenn ein Schiff noch Matrosen braucht, und es sind für Geld und gute Worte keine zu bekommen, dann werden solche nächtlicherweile in den Straßen der Hafenstadt mit Gewalt >gepreßt<. Es ist gar nicht nötig, daß die eigne Besatzung des Schiffes auf Menschenraub ausgeht, dafür gibt es besondere Preßkompanien. Zumal die Engländer haben darin Großes geleistet.

Das heißt, das war früher so. Heute ist das nicht mehr möglich. Da würde der Kapitän bald beim Schlafittchen genommen und wegen Menschenraubs, mindestens wegen Freiheitsberaubung streng bestraft werden.

Nur bei einer Kategorie von Schiffen wird das Pressen noch heute betrieben: bei den Walfischjägern.

Ueber diese Walfischfahrer wird besonders in Jugendschriften viel gefabelt. Vor allen Dingen ist ganz wenig bekannt, daß es für jeden Seemann eine Schande ist, auf einem >Trankocher< zu fahren. Jeder Walfischfänger hat nur seinen kleinen Stamm von Matrosen, die rohesten Gesellen, welche von der Geldgier dazu getrieben werden, sich jahrelang in dem entsetzlichsten Schmutze herumzusielen, bis sie sich endlich darin wohlfühlen. Bei dem Kapitän, den Steuerleuten und dem Harpunier ist das einfach Geschäftssache. Die übrige Mannschaft jedoch muß geworben werden, aber das brauchen gar keine Matrosen zu sein, es sind Arbeiter zum Tranauskochen - das Rudern bringt man ihnen schon bei - und so werden durch hohe Geldversprechungen Schuster, Schneider und Handschuhmacher angemustert.

Was kümmert sich die Aktiengesellschaft darum, ob diese armen Kerls schon in der ersten Woche über Bord springen oder nach und nach draufgehen? Um nun zu verhüten, daß jemand die Flucht ergreift, läuft das Schiff nicht eher wieder einen Hafen an, als bis es genug Wale erbeutet hat, um seinen Bauch mit Tran füllen zu können. Das dauert mindestens zwei Jahre, es können aber auch sechs Jahre daraus werden. Muß das Schiff inzwischen einmal Proviant einnehmen, so haben die Walfischjäger hierfür ihre besondern Stationen auf ganz einsamen Inseln, wo es kein Entweichen gibt. In jedem andern Hafen würde sofort die ganze Bande durchbrennen.

Verringert sich aber nun der Stamm der wirklichen Matrosen, und man bekommt auf gute Weise keine andern, welche zur Seetüchtigkeit des Schiffes unbedingt erforderlich sind, dann wird einfach gepreßt. Das Opfer, von dem man weiß, daß es ein wirklicher Matrose ist, der seinen Mann stellt, wird ausgesucht, und bei passender Gelegenheit bekommt er den Gummischlauch.

Was soll er tun? Wenn er nicht arbeiten will, wird er totgeprügelt, und Tote sind stumm. Ueber Bord springen und nach einem andern Schiffe schwimmen, das gerade vorübersegelt, das geht auch besser in gewissen Jugendschriften als in Wirklichkeit. Er arbeitet also. Dann nach Beendigung der erfolgreichen Jagdzeit erhält er seine hohe Heuer und seinen Anteil am Gewinn vorgezählt, und dabei ist nämlich wirklich etwas zu verdienen! Da hat schon mancher Matrose nach drei Jahren bare zehntausend Mark auf ein Brett bezahlt bekommen. Na, und wo ist denn der Matrose, der da nicht zugreift? Die Leidenszeit ist doch auch vorüber - - und nach Annahme seines Lohnes hat er das Recht verloren, sich vor Gericht zu beklagen. - -

Wir drei kamen vor den Kapitän, einen Novascotiaman, den rohesten der rohen Seeleute.

Jungens, seid vernünftig - Not kennt kein Gebot - friß, Vogel, oder stirb!

Das war der kurze Inhalt seiner Rede.

Ich fraß. Das heißt, ich fügte mich und arbeitete. Anstatt auf eine Jacht zu gehen, ging ich mit einem amerikanischen Trankocher, der in Hongkong seine Ladung verkauft und neuen Proviant eingenommen hatte, nach dem Südpol, um Potwale zu jagen.

Was ich sonst dachte, dabei will ich mich nicht aufhalten, und das um so weniger, weil ich noch nicht einmal ganze vier Tage professioneller Walfischjäger war.

Am vierten Tage - wir befanden uns noch in der Fukianstraße, welche vom chinesischen Festland und der Insel Formosa gebildet wird - schlug ich mit einem Eimer außenbords Wasser auf, es herrschte eine starke Strömung - - der Eimer riß mich mit hinab.

Es geschah wahrhaftig nicht mit Absicht. Hier, wo es von Haifischen wimmelt, springt niemand so leicht über Bord. Ich schrie vielmehr aus vollem Halse um Hilfe. Mein Sturz war an Deck nicht bemerkt worden, ich wurde nicht gehört, das Schiff segelte weiter.

Die Haifische ließen nicht lange auf sich warten. Am besten schützt man sich gegen diese Bestien durch Strampeln, und ich strampelte mit Armen und Beinen, wie nie wieder in meinem Leben.

Nach zwei Stunden näherte sich mir eine chinesische Dschonke, die mich auffischte. Trotzdem das Dutzend Zopfträger rechte Gaunergesichter hatte, was jedem ehrlichen Menschen gleich auffallen mußte, waren es brave Leute. Sie speisten mich und tränkten mich und kauderwelschten auf mich ein, wovon ich leider nichts verstand, bis sich endlich einer, der nur noch ein Auge, ein Ohr und im Munde nur noch einen Zahn hatte, erinnerte, daß er einige Brocken Englisch verstände. Ich antwortete, was die braven Leute wissen wollten - aber wohin sie mit ihrer Dschonke wollten, das erfuhr ich nicht.

Uebrigens mußten sie sich beeilen, mit ihrem gebrechlichen Fahrzeug, für welches das Wort >Schiff< wie ein Hohn wirkt, einen sichern Hafen anzulaufen, denn am Horizonte stieg es unheimlich schwarz auf.

Es war nicht schwer, hier irgendwo einen Zufluchtsort zu finden, denn wir befanden uns mitten in der Gruppe der Pescadoresinseln, welche die Fukianstraße ganz ausfüllen, und solch eine flach gebaute Dschonke kann überall zwischen den Klippen hindurch, welche die Passage sonst für größere Fahrzeuge unmöglich machen.

Nach einer Stunde steuerten wir denn auch mit geschwelltem Bastsegel auf eine Felseninsel zu, kamen aber nicht weiter als eine halbe Meile heran, denn da trat plötzlich völlige Windstille ein - die Windstille vor dem Sturme.

Ich brauchte nicht lange darüber nachzudenken, was die zerbrechliche Dschonke hier zwischen den Klippen bei einem ausbrechenden Sturme beginnen würde - mit einem Male tauchten hinter den Felsen zwei, drei, vier Prauen auf und ruderten mit Hast auf uns zu.

Erst dachte ich, es wären chinesische Piraten, die nur in solchen Ruderbooten angreifen; aber ich hatte mich geirrt. Die vier Prauen spannten sich ganz friedlich vor die Dschonke und schleppten sie in eine sichere Bucht.

Hier lagen nicht nur noch andre Dschonken und eine Menge Prauen, sondern auf dem felsigen Strande entwickelte sich auch ein recht hübsches Lagerleben mit Frauen und Kindern und Katzen und Hunden, und aus dem zerklüfteten Innern des Eilandes kamen immer mehr Familien hervorspaziert, um die neue Dschonke willkommen zu heißen. Auch ich wurde ein Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, meinetwegen entspann sich eine heftige Debatte.

Was ich nicht vom Gespräch verstand, das konnte ich mir aus Gesten deuten. Es handelte sich darum, ob ich als Gast auf der Insel bliebe oder ob man mich lieber vom Leben zum Tode befördern sollte. Der eine Chinese setzte schon mehrmals an, mir mit seinem krummen Sensenschwerte den Kopf zu spalten. Er wurde daran verhindert; aber ich wurde an Händen und Füßen gebunden, und weil ich mir das nicht gleich gefallen lassen wollte, bekam ich einen Faustschlag ins Gesicht, daß mir das Blut gleich aus Mund und Nase floß.

Nun ist wohl niemand mehr darüber im unklaren, wohin ich geraten war. Vom Regen in die Traufe! In die Gesellschaft von chinesischen Piraten, die hier auf dieser unzugänglichen Felseninsel ihren Schlupfwinkel hatten, und meine braven Lebensretter gehörten mit zu ihnen! Sie waren mit reicher Beute heimgekehrt.

Zunächst freilich war ich wirklich froh, auf der Pirateninsel eine Zuflucht gefunden zu haben, wenn man mich auch schmerzhaft gebunden in eine Höhle auf den nackten Boden warf; denn bald brach ein Taifun los, gegen den mehrere Orkane im Atlantischen Ozean und zwei Hurrikans in den Westindischen Gewässern, die ich bereits erlebt hatte, alle zusammengenommen eine Kleinigkeit gewesen waren. Und dabei befand ich mich auf festem Lande, noch dazu auf einer ziemlich flachen Felseninsel, wo der Sturm gar keinen Widerstand fand! Was mochte da erst ein Schiff auf offner See auszustehn haben!!

Doch ich muß noch erwähnen, was die Chinesen mit ihren Dschonken begannen, um sie vor dem drohenden Taifun zu schützen. Es kommt mir nämlich dabei für einen spätern Zweck hauptsächlich darauf an, die Bauart dieser chinesischen Fahrzeuge zu schildern.

Die Prauen wurden an Land gezogen und zwischen Felsen geborgen. Das war sehr einfach. Die Dschonken aber wurden auseinandergeschlagen und die einzelnen Balken und Bretter ebenfalls in Sicherheit gebracht. Später, als der Taifun vorüber war, holte man die Balken und Bretter wieder hervor, nagelte sie zusammen oder befestigte sie auch nur durch Klammern miteinander, sogar nur mit Stricken, stopfte ein bißchen Werg in die Fugen und schmierte Pech nach - und es dauerte kaum eine Stunde, so war solch ein Seefahrzeug schon wieder fix und fertig!

Das charakterisiert nämlich die chinesische Handelsschiffahrt. Der Bau dieser Dschonken geschieht nach gesetzlicher Vorschrift. Ein festeres Gefüge dürfen sie nicht haben!

Weswegen nicht? Das hängt eng mit der chinesischen Mauer zusammen. China will und wollte sich seit alters von aller Welt abschließen, und da gestattete das konservative Gesetz auch nur den Bau solcher Dschonken, auf denen es unmöglich ist, größere Reisen über die hohe See zu machen. Die Söhne des himmlischen Reiches sollen im Lande bleiben und sich redlich von Reis und Fischen nähren, sie mögen Küstenschiffahrt treiben und von Insel zu Insel fahren, aber sie sollen mit ihren Schiffen nicht hinaus in die Welt gehn.

Das ist der Grund, warum die Dschonken heute noch geradeso aussehen, wie vielleicht vor Tausenden von Jahren. Solch eine Dschonke gleicht von außen einem halbfertigen Dachgerippe; überall sehen die Balken hervor, und man hat immer Angst, daß es jeden Augenblick aus dem Leime gehn kann. - -

Ich will nicht des längern bei dem verweilen, was ich auf der Pirateninsel beobachtete und erlebte. Ich erwähne nur die Hauptsachen.

Als sich ein Mensch wieder im Freien aufrecht halten konnte, wurden meine Fesseln gelöst, aber nur, um einen starken Eisenring um mein rechtes Fußgelenk zu schmieden, was ein Chinese äußerst geschickt machte, ohne mich im geringsten zu verletzen. Dann wurde noch eine Kette darangeschmiedet, und so wurde ich wie ein Hund vor eine Höhle gelegt, die mir als Wohnung diente.

Hier lag ich einige Tage, ohne sonst über etwas zu klagen zu haben. Die Kette war nicht schwer, gestattete mir wenigstens zehn Schritte im Freien auf und ab zu gehen und hinderte mich nicht beim Liegen. Die Höhle war an sich trocken und der Boden mit Binsenmatten belegt. Als Kost erhielt ich reichlich Reis und Fische. Als mich im Anfang Frauen und Kinder sehr mit ihrer Neugier belästigten, wurden sie von ihren bezopften Männern mit Stockhieben davongetrieben.

Was hatte man mit mir vor? Ich sollte es bald erfahren.

Am dritten Tage nach jener Sturmnacht, als die See schon ziemlich wieder geglättet war, kamen zwei Chinesen eiligst angelaufen, banden mich los, aber ohne mich von der Kette selbst zu befreien, und trieben mich nach der Hafenbucht, welche ich von meiner Hundehütte aus ebensowenig sehen konnte wie das eigentliche Lager der Piraten.

An und auf der Bucht herrschte aufgeregtes Leben. Die meisten Prauen waren im Wasser und mit bezopften Ruderern bemannt, welche Dolche und vorsündflutliche Pistolen im Gürtel hatten, ich sah auch alte Luntenflinten, Schwerter und Aexte, ferner standen in jedem Boote Körbe mit tönernen Gefäßen.

Man bedeutete mir, in das größte Boot zu steigen, kettete mich an meinem Sitze fest, drückte mir ein Ruder in die Hand, und fort ging es; unser größtes Boot voran, fünf Prauen folgten, im Ganzen mit vielleicht 60 Chinesen bemannt.

Ich ruderte aus Leibeskräften. Was sollte ich auch anders tun? Nur der Probe halber stellte ich einmal das Rudern ein - und gleich hielt mir der Bootssteurer, dem ich gegenübersaß, mit drohender Gebärde seinen Dolch unter die Nase.

Rufe wurden laut, die Ruderer wendeten die Köpfe, ich tat's auch, und da sah ich sie - - eine unglückliche Dschonke, die trotz des kräftigen Windes mit ihrem Bastsegel wie eine Schnecke dahinkroch.

Ich kann nicht viel von dem Kampfe erzählen. Dennoch war es gräßlich - eben weil es gar nicht zum Kampfe kam.

Die wenigen Chinesen der Dschonke rannten an Deck hin und her. Ich hörte sie schnattern. Dann wurde es ganz still, und wie ich mich wieder einmal umdrehte, sah ich sie alle auf den Knien liegen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf vorgebeugt, als erwarteten sie schon den Todesstreich, der ihnen den Kopf vom Rumpfe trennte.

Und so kam es denn auch sehr bald. Das hatten sie beim Anblick der sechs Prauen gewußt, und da fügten sie sich ohne weiteres in ihr Schicksal. Ländlich, sittlich!

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