Tödlich erschrocken war Matelas gegen einen Schrank getaumelt.
»Colonel - Sie - Sie?« stammelte er.
»Es ist gut, daß Sie mich erkennen,« entgegnete Bill leise, und der Revolver, der in seiner Hand blitzte, berührte fast die Stirn des Erschrocknen. »Keinen Widerstand, keinen Lärm - mich dauert die junge Frau.«
»Indian Bill,« murmelte der Mann wie geistesabwesend.
»Wie ist Ihr Name?«
»Ich - ich -«
Jetzt war es mit seiner Unentschlossenheit vorbei.
»Wer zum Teufel sind Sie?« stieß er hervor, aber immer noch leise, an die Frau drüben denkend. »Sie brechen hier ein? Wollen Sie rauben?«
»Ruhig! Setzen wir uns im guten auseinander!«
»Dabei soll man ruhig bleiben?«
»Sie sind Monsieur Matelas!«
»Was geht das Sie an?«
»Nehmen Sie Vernunft an, oder ich nehme keine Rücksicht mehr auf die Dame nebenan - noch hört sie uns nicht. Sie sind Monsieur Matelas?«
»Sie bedrohen mich mit der Waffe, ich muß antworten - ja denn, ich bin der, den Sie nannten.«
»Jean Matelas?«
»Und, nicht wahr, Sie entsinnen sich meiner auch noch?«
»Nein. Wer sind Sie denn? Was fällt Ihnen ein?«
»Daß Sie meinen Namen recht gut kennen, haben Sie schon vorhin bewiesen.«
»Nun ja, ich weiß, daß Sie Indian Bill, der Anführer der Indianertruppe sind, habe Ihren Vorstellungen schon selbst beigewohnt, aber was zum Teufel soll das heißen, daß Sie mich in meinem eignen Hause auf diese Weise besuchen und zur Rede setzen?«
»Wenden Sie nicht die Augen, es gibt keinen Weg zur Flucht. Eine Bewegung, und Sie sind eine Leiche!«
»Oho! Was habe ich Ihnen denn eigentlich getan?«
»Sie fragen noch? Mich wundert schon, daß Sie den Mut hatten, meinen Vorstellungen beizuwohnen.«
»Ich habe keinen Grund, Sie zu fürchten.«
»Sie stellen sich vergebens unschuldig, Monsieur Matelas, ich erkenne Sie doch wieder, trotzdem Sie jetzt anders aussehen. Sie sind Franzose?«
»Ja!«
»Wir stehn auf deutschem Boden. Monsieur Jean Matelas, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Sie sind mein Gefangener.«
Gleichzeitig hatte Indian Bill, den Gegner nicht aus den Augen lassend und mit dem Revolver bedrohend, ein großes Kupferschild mit der linken Hand unter dem ledernen Hemd, das er trug, hervorgerissen.
Der andre verlor seine Fassung nicht wieder.
»Ich denke, Sie sind Kunstreiter, Indianeragent oder sonst etwas, aber doch kein amerikanischer Detektiv,« lächelte er.
»Sie sehen, daß ich bevollmächtigt bin, Monsieur Jean Matelas zu verhaften.«
Dieser heftete seinen Blick auf die gravierten Worte des Kupferschildes. Es war in der Tat ein dauernder Haftbefehl, ausgestellt in Washington für den Colonel auf Jean Matelas. Ein kaum merkliches Zucken ging über die Züge des Bedrohten; Bill hatte es aber doch gesehen.
»Keinen Widerstand, Sie sind mein Gefangener!«
Drüben ließ sich die Stimme der Frau vernehmen.
»Kommst du nicht bald, Jean?«
»Nur noch ein paar Augenblicke,« entgegnete er, dann wandte er sich wieder an Bill. »Herr Colonel, Sie sind vollkommen im Irrtum. Ich heiße zwar Matelas, bin aber nie in Amerika gewesen, habe nie mit amerikanischen Gesetzen etwas zu tun gehabt.«
»Wie? Sie wagen es, mir ins Gesicht zu leugnen?«
»Ich kenne Sie nicht anders als den in Deutschland reisenden Schausteller aus Amerika, mein Herr.«
»Schade, daß Ihr Leugnen Ihnen nichts hilft, Sie bleiben mein Gefangener.«
»Darf ich wenigstens erfahren, warum Sie mich verhaften?«
»Sie wissen es selbst, wegen Diebstahls! Es dürfte Ihnen allerdings unbekannt gewesen sein, daß es kein Privateigentum war, welches Sie entwendeten, sondern Eigentum der nordamerikanischen Republik!«
»Was Sie nicht sagen! Staatseigentum soll ich gestohlen haben? Vielleicht eine Briefmarke?« höhnte Matelas. »Herr Colonel, ich glaube, Sie sind nicht recht bei Sinnen. Ich bin ja mit Ihnen noch gar nicht zusammengetroffen.«
»Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen in einen Wortwechsel einzulassen!« entgegnete Indian Bill kurz. »Ich habe die Vollmacht, Sie zu verhaften, ich tu's hiermit. Nehmen Sie Abschied von jener Dame, wenn Sie es nicht vorziehen, sich lautlos zu entfernen. Frei gebe ich Sie keinen Augenblick mehr. Ich bin nicht umsonst jahrelang durch die ganze Welt gereist, um den Räuber meines Schatzes und meiner Ehre wiederzufinden.«
Die Frau hatte bereits wieder einmal nach Jean gerufen.
Jetzt öffnete sie die Tür, ihr ängstliches Gesicht blickte durch die Spalte, und als sie den fremden Mann mit erhobenem Revolver vor Jean stehn sah, verwandelte es sich in ein entsetztes.
Indian Bill hatte den Kopf einmal bei ihrem Eintritt zur Seite gewendet, und diesen Augenblick benutzte sein Gegner.
»Fahre zur Hölle, Wahnsinniger! Du oder ich!« In diesem Augenblick hatte er sich gebückt, um einem Schuß zu entgehn, auf den Colonel gestürzt.
Dieser ließ den Revolver fallen und packte seinen Gegner, denn lebendig wollte er ihn haben.
Ein kurzer, aber furchtbarer Ringkampf entstand, begleitet von den gellenden Hilfeschreien der Frau.
Der Westmann, an solche Kämpfe gewöhnt, hatte ein schwereres Spiel, als er geglaubt hatte. Matelas vermochte es wenigstens, ihm lange Widerstand zu leisten. Aber entwickelte er auch eine Kraft und Gewandtheit, mit der er jeden andern Gegner besiegt hätte, Indian Bill war ihm doch überlegen.
Der Verbrecher hatte jedoch eine List im Auge; er suchte den Colonel in eine Ecke zu drängen. Es gelang. Matelas griff mit dem freien Arm hinter sich, packte einen schweren, eichenen Stuhl, stieß Bill mit aller Kraft noch einmal von sich und ließ den Stuhl durch die Luft sausen.
Allein derselbe traf nicht den Kopf des Gegners, sondern fand vorher einen Widerstand. Ein Krachen und Splittern folgte, das Licht erlosch.
Der Stuhl hatte die brennende Hängelampe zerschmettert.
Die beiden Feinde rangen in der Dunkelheit weiter, stürzten, wälzten sich am Boden und merkten nicht, wie es in der Stube plötzlich wieder hell wurde, hörten auch nicht die Verzweiflungsrufe der Frau und der herbeistürmenden Diener.
Niemand konnte die Kämpfenden trennen, am Boden rollte nur ein Knäuel von verschlungenen Gliedmaßen, man hörte nur krampfhaftes Aechzen und Stöhnen. Doch nach einigen Minuten sprang Indian Bill auf, am Boden lag der mit dem Lasso gefesselte Matelas.
Der Colonel stand wie erstarrt da.
An der Wand leckten die Flammen empor, die Tür brannte.
Jetzt erst hörte er die entsetzten Rufe.
»Feuer! Feuer!« erscholl es durch das ganze Haus.
Bill sprang durch Flammen und Rauch, die Tür brach unter der Wucht seines Anpralles zusammen, er stürzte hinaus - die Treppe brannte ebenfalls schon.
Das brennende Petroleum hatte sich gerade auf die Türschwelle ergossen, war weitergeflossen und hatte alles Brennbare in der Umgebung entzündet.
Einige Minuten hatten genügt, den Brand große Dimensionen annehmen zu lassen. Der Colonel eilte zurück und stieß einen Fluch aus - der Gefangene lag nicht mehr da, nur der zerschnittene Lasso.
Bill rannte durch die Zimmerflucht, sah niemanden, kehrte um, hörte Hilferufe, eilte der Richtung zu, woher er sie vernahm, sie verstummten, dann stolperte er über einen Körper, hob ihn auf und sah die blonde Frau in seinen Armen liegen. Wieder flammte es mit furchtbarer Helligkeit auf, die Vorhänge und alle schnell brennbaren Stoffe hatten Feuer gefangen und brannten lichterloh.
Ohne sich lange zu besinnen, schwang sich Indian Bill, das vor Schreck bewußtlose Weib in den Armen, aufs Fensterbrett und sprang hinab.
Als wäre er nur von einem Stuhle aufgestanden, so eilte er elastischen Fußes weiter, durch den vom Feuer erleuchteten Park, und gelangte, ohne von den schon eindringenden Leuten angehalten zu werden, ins Freie.
»Ein Mann, der mir so lange widersteht, läßt sich nicht zum zweiten Male fangen, wenn er einmal entwischt ist. Dieses Weib ist seine Frau, sie soll mir Rechenschaft über ihn geben,« murmelte der Colonel. »Verdammt, daß dieser Nobody recht behalten hat!« Er erreichte den Platz, wo sein Pferd versteckt stand, ein Pfiff, und wiehernd kam es herbei.
Ohne die noch immer Bewußtlose aus den Armen zu lassen, schwang Bill sich in den Sattel und sprengte davon.
Am Pier lag ein kleiner Fährdampfer, wie er zur Beförderung von Personen nach den großen Passagierschiffen benutzt wird. Der Besitzer des Bootes saß auf der obersten Stufe der steinernen Treppe, scheinbar in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen versunken.
Nur von Zeit zu Zeit richtete er sich empor und spuckte dann den Saft des Priemtabaks in hohem Bogen ins Wasser.
Daß der Mann dabei mit Anstrengung in die Nacht hineinhorchte, das hätte ihm kein Mensch angesehen, wenn einer in der Nähe gewesen wäre.
»Dammi,« brummte der Einsame, sich des Hamburger Platt bedienend, »dat's nu Tid!« und nach einer Pause setzte er hochdeutsch hinzu: »Er müßte bereits dasein, aber vermutlich hat Indian Bill fest zugegriffen, daß der Mann etwas lange braucht, um freizukommen. Die Abfahrtszeit wird er auf keinen Fall verpassen - er hätte schwerlich sonst seinen Platz im voraus belegt.
»Ah - da ist er!«
Sofort sank der Eigentümer des Fährbootes in sich zusammen, als wenn er schliefe. Er hörte die näherkommenden Schritte nicht - erst als sich eine Hand, die durch eine Narbe etwas entstellt ward, auf seine Schulter legte, fuhr er auf.
»Dammi!« fluchte er schlaftrunken.
»Ich bin's Jochen!« sagte der feingekleidete Herr, der einen eleganten Schiffskoffer bei sich führte. »Es ist etwas spät geworden, wir müssen uns beeilen, wollen wir noch zur Zeit kommen!«
An der Stimme erkannte der Schiffer den Sprecher, den er phlegmatisch grüßte.
»Wir haben noch eine Viertelstunde, Herr Overkamp!« sagte er dann.
Der Herr stieg die Treppe zum Boot hinunter, ohne zu antworten. Jochen folgte ihm, stellte sich ans Steuer, schaltete die Maschine ein, die Schraube begann ihre Umdrehungen, und das Schifflein schoß hinein in die Nacht, wand sich zwischen den schwarzen Kolossen der Überseedampfer geschickt hindurch und legte endlich neben einem derselben bei.
Ein kurzer Anruf, ein Fallreep senkte sich hernieder. Overkamp bezahlte den Schiffer, grüßte und verschwand an Bord.
Gemächlich drehte Jochen das Steuer, fuhr nach dem Pier zurück, machte das Boot fest, schritt über den Platz in ein enges Gäßchen und verschwand in einem niedrigen Hause.
Merkwürdig! Der Mann, der in dem qualmerfüllten Zimmer saß, glich dem Eintretenden aufs Haar.
»So, Jochen, da hast du dein Geld!« sagte dieser und warf den Betrag, den Overkamp ihm gezahlt hatte, auf den Tisch.
»Er ist fort?« fragte der andre.
»Ja.«
»Herr, ich verstehe Euch nicht! Warum habt Ihr Euch seiner nicht versichert? Ihr werdet ihn drüben schwerlich wiederfinden.«
Der andre erwiderte nichts. Er hatte sich abgewendet und hantierte an seinem Gesicht herum. Nach einer Weile drehte er sich wieder der Lampe zu. Jetzt war die weiße Schifferkrause, der Seemannsbart verschwunden, desgleichen die buschigen Brauen, die Krähenfüße an den Augen, die Falten in der Stirn.
Ein jugendlich schönes, edelgeschnittenes Antlitz schaute unter der gestrickten Mütze hervor.
Das war Nobody, wie ihn seine Frau kannte.
»Keine Sorge, Jochen!« sagte er. »Ich tue nichts ohne Grund! Jetzt Good bye!«
Er winkte grüßend mit der feinen Hand und ging.
Der Schiffer strich das Geld vom Tische.
»Den möchte ich ja nicht auf meinen Fersen haben,« sagte er. »Aber immerhin - eine Kieljagd ist eine lange Jagd!«
5. Auf der Fährte
An der Pacificstrecke im Staate Missouri liegt die Station Saint Joseph, bestehend nur aus einem einzigen Häuschen, zur Hälfte Gastwirtschaft, zur Hälfte zum Post- und Telegraphendienst eingerichtet.
Die nächsten Farmen liegen weit ab; selten einmal kehren Arbeiter und Cow-boys hier ein, verbringen die Mississippischiffer hier einmal eine Nacht mit Zechen und Tanzen, sonst ist die Gastwirtschaft auf den Besucher angewiesen, der aussteigt, um die in der Nähe befindlichen Katarakte anzusehen.
Früher war Saint Joseph eine Hauptstation, weil die Passagiere hier die Dampfer verließen und den Pacificzug bestiegen, jetzt ist dies nicht mehr der Fall, der Zug hält nicht mehr, wenn Passagiere nicht vorher telegraphisch angemeldet sind oder den Zug verlassen wollen.
Es war heißer Mittag. In der weißgestrichenen Schenkstube saß der Wirt im Lehnstuhl mit über dem Bäuchlein gefalteten Händen und schnarchte, unbekümmert darum, daß die Fliegen auf seiner dicken Nase Kletterübungen machten.
War schon seine Physiognomie eine germanische, so verrieten auch die Schürze und die Holzpantoffeln den deutschen Bauer.
Auf der Bar standen Flaschen und Gläser, die Gäste, die jetzt aber fehlten, konnten sich an Tischen placieren, die Wände schmückten bunte Bilder aus dem letzten deutsch-französischen Kriege, auch Porträts von deutschen Fürsten und deren Angehörigen fehlten nicht, und so bot das Ganze den Eindruck einer deutschen Bauernschenke, man glaubte sich nicht in Amerika, noch dazu fast mitten in der Prärie zu befinden.
Eine Ausnahme machte nur ein an der Wand ausgespanntes, ziemlich räudig aussehendes Pantherfell. Darauf war ein Stück Papier befestigt mit der ewig jung bleibenden Bemerkung: »Vor vierzehn Tagen geschossen von mir selbst.«
Niemand störte die Ruhe des Schläfers. Auch die beiden Postbeamten hielten wohl in ihrem Raume Siesta.
Endlich trat ein Mann ein, der in diese Gegend paßte. Er war klein, mager und beweglich, mit funkelnden, aber freundlichen Augen, war ganz in Leder gehüllt, das Haar des Fells nach außen, was ihm ein zottiges Aussehen gab, an den Beinen langschäftige Stiefel, am Gürtel ein Jagdmesser, an der Seite eine vollgepfropfte Jagdtasche und in der einen Hand eine lange Flinte. Diese setzte er dröhnend auf den Boden, aber der Wirt wachte dadurch nicht auf.
Der Fremde betrachtete mit freudig erstaunten Blicken das Pantherfell, fuhr mit der Hand darüber und nickte befriedigt mit dem Kopfe.
Dann ging er auf den Schläfer zu und rüttelte ihn.
»He, Wirt!«
Dieser schlug langsam die Augen auf, glotzte den Fremden dumm an, murmelte etwas, schloß dis Augen wieder, wurde aber durch neues Rütteln abermals zur Besinnung gebracht.
»Guten Tag auch!« sagte er mit fettiger Stimme.
»Seid Ihr der thüringsche Gottlieb?«
»Ja, der bin ich.«
»Habt Ihr den Panther da geschossen?«
»Ja, vor vierzehn Tagen. Wer seid Ihr denn?«
»Adolf Müller heiße ich.«
»Ach, da seid Ihr wohl der, der drüben die Farm gekauft hat?«
»Ja, der bin ich.«
»Wollt sie selbst bewirtschaften?«
»Allemal. Schenkt aber erst einmal etwas ein!«
Schwerfällig, so langsam, wie er sprach, erhob sich der Wirt, schleifte sich an die Bar, goß Brandy in zwei Gläser, setzte die Wasserflasche daneben und schüttete sich den Inhalt seines Glases hinter die Binde.
Es wurde gleich an der niedrigen Bar auf Stühlen Platz genommen, in der Nähe der Quelle.
»Wann habt Ihr den Panther geschossen?« fragte Müller.