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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15432 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Trotzdem fühlte sich Missis Patterson ganz glücklich in dem Städtchen. Man begegnete ihr überall mit der größten Hochachtung, der roheste Mund verstummte bei ihrer Annäherung, ein Fremder wurde sofort zur Ruhe gebracht, wenn es nicht anders ging, mit einem Faustschlag.

Miß Patterson bedauerte nur, daß ihr Gatte mit Arbeit überbürdet sei und trotzdem keine Hilfskraft anstellen wolle, da niemand ihn vertreten könne. Sein Distrikt erstrecke sich nicht allein auf die Stadt, sondern auch auf die viele Quadratmeilen umfassende Umgebung derselben; - deshalb sei er oft Tag und Nacht abwesend und käme dann auf schweißbedecktem Pferde, bis zum Tode erschöpft, daheim an. Auch Miß Patterson erzählte mehrere Geschichten, aus denen hervorging, wie sehr die Bevölkerung von Jefferson und die von auswärts kommenden Schiffer und Trapper den Sheriff verehrten.

Unter solchen Gesprächen vergingen die Stunden.

Missis Patterson wurde immer ängstlicher, der kleine Dampfer schoß wie ein Pfeil durchs Wasser. Die amerikanischen Stromdampfer fahren überhaupt mit ungeheurer Schnelligkeit, dieser aber überholte alle andern.

Die übrigen Passagiere teilten diese Aengstlichkeit nicht, auch die Damen nicht. Sie freuten sich vielmehr.

»Paßt auf,« hieß es, »wir holen noch vor Jefferson den >Hurikon< ein - - da - da ist er schon - nein, das kann er noch nicht sein - jawohl, das ist er!«

Sachverständige bestätigten, daß die rauchende Nußschale dort vorn nur der >Hurikon< sein könne, der Kapitän sagte es selbst, und noch war man eine Stunde von Jefferson entfernt.

Sofort sollten Wetten abgeschlossen werden, man bestürmte den Kapitän, noch schneller zu fahren, aber es war alles nicht nötig, denn dieser erklärte, sein Dampfer würde eher an der Landungsbrücke liegen als der >Hurikon<.

Hurras ertönten. Alles geriet in Aufregung. Jenkins nahm vorn zwischen Fässern Posto, so daß er nicht gesehen werden konnte.

Um die Aufregung, die Wut zu fassen, welche auf dem >Hurikon< entstand, als man merkte, daß der so schnell aufkommende Dampfer der eine Stunde später abgegangene, noch dazu so kleine >Orinoko< sei, dazu muß man selbst ein Yankee sein. Dieser läßt sich nicht überholen. Das wäre ja eine unauslöschliche Schande, eine Schmach!

Als die Passagiere hörten, das sei der >Orinoko<, begannen sie zu toben und bestürmten den mit bleichem Gesicht und zusammengepreßten Lippen auf der Brücke stehenden Kapitän, seine und ihre Ehre zu retten.

»Geben Sie Ueberdruck!« heulte man hinauf.

»Ich fuhr schon mit einer Atmosphäre Ueberdruck - nicht mehr.«

»Warum nicht mehr?«

»Habe kein Holz, es reicht nur bis Jefferson.«

»Nehmen Sie Holz ein,« schrie ein alter Herr, »ich bezahle es.«

»Bis dahin hat uns der >Orinoko< eingeholt.«

Eingeholt! Ueberholt! Fürchterliche Worte!

»Schließen Sie die Ventile!«

»Sind schon geschlossen!«

»Hinein mit den Planken, mit Fässern, Kisten, Treppen und Bordwand,« schrie wieder der grauhaarige Herr, »ich bezahle es!«

»Ich auch - ich auch.«

Matrosen demolierten mit Aexten und Sägen das Schiff, was Holz war, wanderte unter den Kessel. Passagiere schleppten aus den Kajüten die Möbel herbei und warfen sie in den Heizraum hinab.

Eine förmliche Raserei bemächtigte sich aller an Bord befindlichen Personen.

Wieder arbeitete die Maschine des >Hurikon< mit Ueberdruck. Der >Orinoko< kam nicht auf; aber die Feuer eines solchen Schiffes fressen die Heizung förmlich - was war das bißchen Holz! Schnell kam der verfolgende Dampfer näher.

In nervöser Unruhe ging am Heck des >Hurikon< eine junge Dame auf und ab. Ihre Lippen bebten vor Wut. Sie war die Witwe eines Farmers, und dort auf dem >Orinoko< hatte sie ihre Todfeindin entdeckt.

Von der sollte sie sich überholen lassen? Nimmermehr! Sie zog ein Notizbuch hervor und rechnete. - Neben ihr saß ihre vierjährige Tochter. Das Kind verstand die Erregung nicht, die sich der Passagiere bemächtigt hatte.

Die Mutter ging nach der Kommandobrücke.

»Wie weit haben wir noch bis Jefferson?«

»Eine halbe Stunde!«

»Wenn Sie Heizmaterial hätten, könnten Sie eher dortsein als der >Orinoko

»Ja. Bis zwei Atmosphären Ueberdruck kann ich's riskieren!«

»Well! Ich habe an Bord zweihundert Schinken als Frachtgut. Hinein mit ihnen ins Feuer - alle, wenn's sein muß!«

Ein lautes Bravo belohnte die Frau - ein rasender Jubel brach los.

Die Passagiere legten abermals selbst mit Hand an und beförderten die Säcke aus dem Raum, schlitzten sie auf, ließen die Schinken in den Heizraum wandern. Wieder dampfte der Schlot mächtig, das Schiff erzitterte, ein brenzlicher Geruch erfüllte die Luft.

»Hip, hip, Hurra, wir gewinnen!«

Ja, sie gewannen.

Die Maschine ächzte und pustete, die Kurbeln wirbelten herum, daß man ihrer Bewegung nicht mehr mit den Augen folgen konnte, das Schiff erzitterte, daß man sich festhalten mußte.

Die geopferten Schinken taten ihre Schuldigkeit. Die Passagiere jubelten.

Da stieg auf dem Vorderdeck zwischen den Planken ein weißes Wölkchen empor, eine Rauchsäule folgte, ein donnerndes Krachen, ein einziger, gellender Schrei, ein Bersten, eine Feuergarbe, und die Luft war angefüllt mit Trümmern und menschlichen Gliedmaßen, mit verbrühten Körpern.

Der Kessel des >Hurikon< war explodiert.

Noch ein paar Sekunden, und das Schiff war spurlos verschwunden. Lieber tot, als sich überholen lassen.

Jenkins-Nobody befand sich als Gast im Hause des Mister Patterson.

Tote und Verwundete hatte man genug aufgefischt, aber Matelas war nicht darunter gewesen.

Warum nahm Nobody, der doch überzeugt war, daß der schlaue Matelas sich rechtzeitig gerettet hatte, die sofortige Verfolgung desselben nicht auf?

Er hatte sich schon eine neue Aufgabe gestellt, die er nebenbei erledigen wollte, und die sich besonders mit der Person des Sheriffs beschäftigte. Nobody kannte denselben bereits von früher, und schon seit damals hatte er einen vorläufig noch unbestimmten Verdacht gegen ihn.

Der Detektiv fühlte sich recht behaglich in dem idyllisch gelegenen, traulichen Heim. Da war nichts von amerikanischer Kälte zu bemerken. Es war alles so freundlich, so gemütlich. Missis Patterson bot jeder deutschen Hausfrau die Spitze, ob sie in der Küche wirtschaftete, die Arbeiten im Hause leitete oder am Nähtisch hinter den schneeweißen Gardinen saß.

Hier gab es keine Sorge, kein böses Wort. Auch daß keine Kinder da waren, konnte die stille Heiterkeit nicht trüben.

Mit dem Sheriff besuchte Nobody oft die Gerichtsverhandlungen, in denen es manchmal sonderbar genug zuging, er begleitete ihn auch auf die Ansiedlungen hinaus.

Eines Tages schritten beide eben der Wohnung des Sheriffs zu, da bemerkten sie beim Hafen eine große Menschenmenge, darunter auch viele Frauen und Mädchen, Gelächter und Gekreisch erscholl.

»Zum Strom mit ihm!« schrie eine rauhe Stimme. »Oder er soll uns den Hornpipe vortanzen.«

Hornpipe ist eine große, amerikanische Wasserspinne, die mit ihren langen Beinen seltsame Bewegungen ausführt. Nach ihr wird ein grotesker Tanz benannt.

»Schnell!« sagte Patterson. »Dort ist Richter Lynch in Tätigkeit!«

Die beiden Männer beschleunigten ihre Schritte.

»Platz für den Sheriff!« riefen einige Schiffer. Die Menge teilte sich.

In ihrer Mitte stand eine hagere Figur, schwarz gekleidet, ein bartloser Mann. Aus seinen Augen glühte wilder Fanatismus! Er ließ sich von den Schiffern widerstandslos hin und her zerren.

»Der Schuft will uns verbieten, die Mädchen zu küssen!« schrie jemand.

»Mos jumoth!« entgegnete der Bedrohte. »Des Todes sollt ihr sein, ihr Ehebrecher.«

»In den Strom mit ihm!«

»Platz für den Sheriff!«

»Hände weg von dem Manne!« donnerte Patterson.

Ein wüst aussehender Mensch gehorchte nicht sofort. Der Sheriff schob ihn schroff zur Seite.

Da fuhr der Kerl mit einem Wutschrei herum, hatte im Nu einen Revolver aus der Tasche gerissen, setzte ihn direkt auf Pattersons Brust und drückte ab.

Doch ebenso schnell war der Richter.

Seine Hand fuhr nach dem Gürtel - ein Bowiemesser sauste nach dem Schädel des Strolches. Nur ein Zufall rettete das Leben beider.

Der Revolver versagte, und der Mann war durch die blitzschnelle Energie seines Gegners so erschrocken, daß er, bis in die Lippen erbleichend, im gleichen Moment zurückgetaumelt war. Dadurch entging er dem Messer. Sonst wäre sein Kopf bis an den Wirbel in zwei Hälften gespalten gewesen.

»Wer ist der Mann?«

»Ein fremder Schiffer. Fort, Tom, was fällt dir ein? Das ist unser Sheriff! Du kannst von Glück sagen, Mensch! Nach wem er sonst mit dem Bowie wirft, der steht nicht mehr auf zwei Beinen. Fort, fort!«

Man schleppte den Mann fort.

»Und wer ist dieser?«

»Mos jumoth, des Todes sollt ihr sein, ihr verruchten Ehebrecher, die ihr mit fremden Weibern buhlt!« rief der schwarze Mann.

»Er predigt, wir sollen nicht ehebrechen - keine fremden Mädchen küssen - wir führen alle zur Hölle - -« erklang es durcheinander.

»Das werdet ihr auch. Mos jumoth!«

»Ist er wahnsinnig?«

»Hahaha, ich wahnsinnig! Ihr, ihr seid wahnsinnig, daß ihr Gottes Gebot nicht befolgt. Steht nicht in der Bibel, 3. Buch Moses, im 20. Kapitel, Vers 10: Wer die Ehe bricht mit jemandes Weibe, der soll des Todes sterben, beide, Ehebrecher und Ehebrecherin? Steht dort nicht also? Und ihr tut es täglich, stündlich, denn wer seines Nächsten Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinem Herzen, und Gedanken sind vor Gott schon Taten. Darum also wendet euch ab von eurer Unzucht, oder: mos jumoth!«

Der Sheriff hatte dem Manne fest in die fanatisch glühenden Augen gesehen.

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin die Stimme des Predigers in der Wüste. Lernt meine Worte verstehn! Mos jumoth, des Todes sollen sie sein!«

»Laßt den Mann in Ruhe, laßt ihn predigen! Kommen Sie, Jenkins!«

»Hip hip hip Hurra für unsern Sheriff!« tönte es den Fortgehenden nach. »Los denn, Mos jumoth, predige uns etwas! Wir hören zu.«

Die sektiererischen Prediger genießen in Amerika wie in England und Australien große Freiheit. Sie dürfen auf der Straße so viel predigen, wie sie wollen, der Auflauf darf nur den Verkehr nicht hemmen. Die Polizei nimmt sie sogar in Schutz. Höchstens kann es vorkommen, daß solch ein Fanatiker ins Irrenhaus gesperrt wird.

Patterson sprach nicht weiter über diesen Vorfall. Gegen seine sonstige Gewohnheit ging er schweigend und finster vor sich hinblickend dahin.

»Des Todes sollen sie sein,« murmelte er einmal.

»Ja, so heißt auf hebräisch mos jumoth,« sagte Nobody-Jenkins, der schweigend, aber mit hohem Interesse den Vorfall beobachtet hatte.

»Töteten die Juden die Ehebrecher wirklich?«

»Gewiß, sie steinigten die beiden Schuldigen unter den Rufen >mos jumoth

»Auch das Weib, das nicht wußte, daß ihr Verführer bereits verheiratet war?«

»Nein, es fiel nur der Verachtung anheim.«

Die letzte Strecke bis zu seinem Hause war Patterson sehr unruhig. Seine Gattin, die ihm, wie gewöhnlich, entgegenkam, begrüßte er mit einem Kusse, dann begaben sich alle in den Garten und setzten sich in die Laube, um dort den Nachmittagskaffee einzunehmen. Jenkins beteiligte sich an der Unterhaltung, trotzdem seine Gedanken sich mit ganz andern Dingen beschäftigten.

Plötzlich ertönte eine schrille Stimme:

»Mos jumoth, des Todes sollen die Ehebrecher sein. Bedenkt ihr das auch?«

Am Eingange der Laube stand der Schwarzrock.

»Wie seid Ihr hier hereingekommen?« fragte der Sheriff streng.

»Bedenkt ihr das auch, daß ihr allesamt Ehebrecher und deshalb des ewigen Todes seid?«

»Bedenkt Ihr auch, daß Ihr Hausfriedensbruch begeht, wenn man Euch den Eintritt nicht erlaubt hat?«

»Laß ihn sprechen, Charly, es ist ein Geistlicher,« sagte die Missis, die wie fast alle Amerikanerinnen etwas frömmelte.

Das ließ sich der Fanatiker nicht zweimal sagen.

»Mos jumoth, des Todes sollen sie sein, die Ehebrecher! Auch ihr seid Ehebrecher. Oder leugnest du, Mensch, der du das Schwert der Gerechtigkeit in den Händen haben willst, noch nie Ehebruch begangen zu haben? Gedanken sind Taten vor Gott. Leugnest du, noch nie das Weib deines Nächsten begehrt zu haben? Mos jumoth, des Todes sollst du sein! Oder leugnest du, Mädchen, noch nie gewünscht zu haben, daß ein Mann, der schon verheiratet ist, der deine wäre? Mos jumoth, des Todes sollst du sein, denn du hast Ehebruch begangen - -«

So etwas hatte man denn doch nicht erwartet.

»Halt,« unterbrach der Sheriff ihn entrüstet, »seht Ihr denn nicht, daß dies anständige Damen sind?«

»Wer ist vor Gott anständig? Wir sind allzumal Sünder. Sieh mir in die Augen, Mädchen! Kannst du leugnen, in deinem Herzen noch niemals Ehebruch begangen zu haben? Trägst du dich nicht stündlich mit unlautern Gedanken -?«

»Nun ist es aber genug,« rief Patterson, sprang auf, faßte den Fanatiker am Arm und setzte ihn vor die Tür.

»Offenbar ist dieser Bußprediger geistesgestört,« sagte er, als er zurückgekehrt war, »was soll ich mit ihm beginnen? Ein Irrenhaus haben wir in Jefferson nicht. Schaffe ich ihn über die Grenze, so kehrt er doch wieder zurück.«

»Lösen Sie ihm ein Billett für einen Dampfer nach St. Louis,« riet Jenkins, »dort hat er einen großen Wirkungskreis.«

»Wahrhaftig, das ist gut, das tue ich!«

Ein andres Thema wurde angeschlagen. »Uebermorgen ist der erste Juni,« sagte Missis Patterson, »du mußt nach der Freundschaftsinsel, Charly.«

»O, ich vergesse es nicht.«

»Ach, da nimmst du mich mit!« rief Mary.

»Ich habe dir schon einmal gesagt, daß kein fremder Fuß außer dem meinen die Insel betreten darf.«

»Nimm mich wenigstens im Boote mit!«

»Auch das gestatten die Bewohner nicht. Sie pochen auf ihr Recht.«

»Was ist das, die Freundschaftsinsel?« fragte Jenkins.

»Sie kennen sie nicht? Eine Insel im Mississippi, sechs Meilen flußabwärts von hier, noch zu meinem Bezirk gehörend. Dort haust eine ganz eigenartige Kolonie. Vor etwa vierzig Jahren wohnten dort Fischer und Holzfäller, eine Familie unter sich bildend. Ein Dampfer scheiterte in der Nähe, der Präsident mit Frau und Kindern befand sich auf demselben. Sie wurden von den Inselbewohnern mit Gefahr ihres Lebens gerettet. Der Präsident gewährte ihnen eine Bitte. Da verlangten die närrischen Einsiedler, daß die Insel ihnen gehören solle, ihnen ausschließlich, daß kein Fremder den Fuß daraufsetzen dürfe, wenn sie es nicht erlaubten, auch kein Regierungsbeamter - bis in alle Ewigkeit. Das konnte der Präsident ihnen freilich nicht gewähren, selbst wenn er die Insel kaufte und ihnen schenkte. Die Regierung hat überall Zutritt. Er trug die Bitte aber dem Senat vor, und sie ward bewilligt, mit dem Zusatz, daß am 1. Juni jedes Jahres der Sheriff von Jefferson die Insel betritt, nach dem Rechten sieht und darüber an die Regierung berichtet. Das tue ich morgen.«

»Seltsam!«

»Ich finde da nichts Seltsames dabei.«

»Seit 40 Jahren also besteht das Privilegium. Wird da die Insel nicht übervölkert?«

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