Mit dämonisch funkelnden Augen trat das Weib auf den Gefangenen zu.
»Was hab' ich Euch getan, daß Ihr mich so behandelt?« knirschte dieser.
»Das wirst du gleich erfahren, du schwarzes Scheusal. Wo hast du heute meinen Pedro gelassen?«
»Weiß nicht, hab' ihn nicht gesehen, er kam nicht.«
»Er stieg nicht in dein Boot?«
»Nein, ist nicht gekommen, habe drei Stunden auf ihn gewartet.«
»Manuel, hierher!«
Der Stromschiffer, der vorhin die Meldung gebracht hatte, trat heran, aber so langsam, daß man seinen Widerwillen erkannte.
»Du hast gesehen, wie Pedro heute mittag von Kastor abgeholt worden ist, wie beide zusammen abgefahren sind. Zeuge gegen diesen schwarzen Hund!«
Manuel steckte die Hände in die Hosentaschen und schob seinen Kautabak mit der Junge in die andre Backe.
»Verdamm meine Augen, ich kann mich getäuscht haben,« sagte er ebenso langsam, wie er herbeigekommen war.
Wütend fuhr das Weib auf.
»Wie? Du ergreifst die Partei dieses Schurken?«
»Macht, was Ihr wollt, ich antworte nicht. Oder wollt Ihr mich etwa auch binden und zum Reden zwingen? Gottes Tod!«
Eine Minute stand die Spanierin da, wie eine Tigerin zum Sprunge geduckt; ihre Brust röchelte. Dann drückte sie schnell die Peitsche dem Nächststehenden in die Hand. Dieser grinste. Er hatte auch zuerst Kastor binden helfen.
»Gesteh, wohin hast du Pedro gebracht?«
»Weiß nicht, hab' ihn nicht gesehen.«
»Schlag zu!«
Dreimal sauste die Peitsche mit der rohen Lederschnur auf des Negers nackten Rücken, jedesmal eine lange Schwiele ziehend. Kastor knirschte mit den Zähnen, zuckte aber nicht.
»Wo hast du Pedro gelassen?«
Jeder Blutstropfen war aus dem schönen Gesicht der Spanierin gewichen. Jetzt sah sie schrecklich aus.
»Hört auf zu fragen!«
Neue Schläge sausten herab; das Weib trieb immer mehr an, und Kastor schwieg verstockt.
»Wahrt Euch vor dem Kapitän, er wird mich rächen!« heulte er nur einmal.
Unter den Umstehenden entstand ein unwilliges Gemurmel.
Da riß die Spanierin dem Manne die Peitsche aus der Hand.
»Du verstehst ja nicht, einen Nigger zum Geständnis zu bringen,« rief sie, »so wird es gemacht!«
Sie verstand es freilich besser. Die Hiebe zogen nicht mehr Schwielen, das Fleisch platzte auf, das Blut floß in Strömen über die schwarze Haut.
»Gesteh - gesteh!« rief Carmen bei jedem Schlag. »Wo hast du den armen Knaben gelassen?«
Der Neger war schon längst bewußtlos, aber das Weib schlug weiter.
»Ich peitsche dich tot, dich Satan!«
»Halt, wer wagt hier zu schlagen!« sagte da eine Stimme, ruhig, kalt, aber so schneidend, daß das Weib erschrocken die Peitsche sinken ließ.
In der Mitte des Kreises stand die gebietende Gestalt eines hochgewachsenen Mannes.
»Der Kapitän!« ging es flüsternd von Mund zu Mund.
»Patterson!« sagte sich Nobody, und er empfand eine tiefe Genugtuung, weil seine Vermutungen bestätigt wurden.
»Charly,« hauchte das Weib, »wo ist Pedro?«
»Carmen, du? Was geht hier vor? Du schlägst Kastor mit eigner Hand?«
Die Frau richtete sich hoch auf.
»Charles, wo ist Pedro?«
»Weiß ich's? Ich kümmere mich nicht um ihn.«
»Du lügst! Du weißt, wo er ist!«
»Er ist dein, nicht mein.«
»Du hassest ihn.«
»Bah, das Kind! Warum schlägst du Kastor?«
»Er hat Pedro im Boote abgeholt, dann ist der Knabe verschwunden.«
»Wir sprechen uns dann darüber. Geh in deine Wohnung!«
»Nicht eher, als bis du sagst, wo mein Liebling geblieben ist!«
Ihr Blick fiel auf den Neger.
Da sah sie etwas Weißes aus seiner blutgetränkten Hose hervorragen, stürzte darauf zu, zog den Brief hervor - ebenso schnell war Charles, er riß ihr den Brief aus der Hand.
Mit entgeisterten Augen starrte sie ihn an.
»Jetzt weiß ich es plötzlich,« hauchte sie. »Du hast Pedro durch Kastor ermorden lassen.«
»Geh in deine Wohnung!«
»Ja, so ist es - ermordet - aus Eifersucht!«
Er streckte die Hand nach dem Dickicht aus, das das Häuschen verbarg.
»Geh in deine Wohnung, Carmen - zum letzten Male!« sagte er ruhig, aber doch furchtbar drohend.
Sie schlug die Hände vors Gesicht, brach in Schluchzen aus und gehorchte. Es war nicht möglich, sich dieser Stimme zu widersetzen.
Charles sah ihr nach, zuckte die Achseln und wandte sich zu dem Bewußtlosen.
»Was ist hier vorgegangen?«
Man teilte ihm alles mit.
»Es ist gut. Befreit Kastor, wascht seinen Rücken mit Branntwein und Wasser, pflegt ihn aufs beste, nur gebt ihm keinen Branntwein zu trinken. Was willst du?«
Ein Mann war vor ihn hingetreten. Haß und Zorn sprachen aus seinem verwilderten Gesicht.
»Ich wollte Euch etwas sagen, Hauptmann, und ich denke, ich spreche im Namen aller meiner Kameraden,« begann er in trotzigem Tone. »Diese Weiberwirtschaft paßt uns nicht mehr. Die Carmen wird alle Tage frecher. Euch haben wir Gehorsam geschworen, aber nicht diesem verdammten Weibe, das der leibhaftige Satan selbst ist. Sie hat Kastor geschlagen, sie wird auch noch uns schlagen. Sind wir etwa Sklaven? Hahaha! Kurz und gut, entweder das Weibsbild verläßt die Insel oder ich gehe -«
»So fahre zur Hölle!«
Gleich einer blauen Flamme zuckte es von dem hochgewachsenen Manne aus auf den Sprecher zu. Dieser fuhr mit der Hand nach dem Herzen und schlug lautlos rückwärts zu Boden.
Wie gebannt standen alle da. Kein Murren, keine Bewegung.
»Gnade dir Gott, Sheriff von Jefferson!« sagte Nobody, der als Jimmy Zeuge dieser raschen Tat wurde, zu sich selber. Aeußerlich blieb er vollkommen ruhig.
Gleichgültig wischte der Kapitän das blutige Bowiemesser, das er schneller als der Blitz unter der Weste hervorgerissen hatte, am Grase ab und steckte es wieder in die Scheide.
»Hip hip Hurra, für den Kapitän!« schrie plötzlich Manuel und schwenkte den Hut. »Tod jedem Verräter!«
Als wenn nichts geschehen wäre, wendete sich der Kapitän, der Charles genannt worden war, an die Umstehenden.
»Ich denke, Leute, das Boot wird heute nacht noch auf den Snak rennen, Fred ist darauf und hat mich benachrichtigt. Seid auf dem Posten!«
Sprach's und ging nach dem Häuschen.
Langsam entfernte sich auch Nobody aus dem Kreise der Schiffer und trat in den tiefen Schatten der Bäume. Dort lächelte er grimmig vor sich hin.
»Euch Schuften will ichs Handwerk legen. Ihr sollt zum letzten Male künstliche Snaks im Strome angelegt haben!«
Schlangengleich schlich er sich dem Hause zu.
Auf der Veranda unter den erleuchteten Fenstern duckte er sich nieder.
Carmen wartete auf Charles. Ihre Tränen waren versiegt, aber sie sah angegriffen aus. Trotzdem blickte sie dem Eintretenden zärtlich entgegen, obwohl sie sich ein abweisendes Aeußeres geben wollte.
»Wo ist Pedro?«
»Tot,« war die gleichmütige Antwort.
»Tot - tot - o, warum hast du ihn gemordet!« schluchzte sie von neuem.
»Der Bursche paßte nicht auf die Insel, er war ein Schwätzer, ein Leichtfuß. Es war die höchste Zeit, daß wir ihn beseitigten.«
»Nein, aus Eifersucht hast du ihn ermorden lassen!« fuhr sie auf. »Du glaubtest, ich stände mit Diego in Verkehr.«
Der Lauscher draußen stutzte.
Diego, das war der Spanier auf Tanners Farm.
»Laß sehen, was in dem Briefe steht!«
Charles öffnete das mit Blut beschmierte Kuvert.
Der Brief war an Missis Tanner gerichtet. Eine Schneiderin bedauerte, das neue Kleid nicht zur rechten Zeit abliefern zu können. Man möchte sich noch einen Tag gedulden.
»Richtig, ich tat dir unrecht, Carmen.«
»Du bist schrecklich mit deiner Eifersucht, Charles. Ach, warum hat der arme Pedro dafür büßen müssen? Das kann ich dir nie, nie verzeihen!«
»Wirklich nicht?« lächelte er.
Dann wurde er sehr ernst.
»Carmen, ich habe dir schon damals gesagt, du solltest den Knaben nicht bei dir behalten. Was lag daran, ob die neunjährige Brut lebte oder nicht! Aber du bestandest darauf, und leider war ich so schwach, dir nachzugeben. Jetzt mußte ich ihn doch von dir reißen!«
»Du bist schrecklich grausam!«
»Ich will dir etwas sagen: Ich war auch auf Pedro eifersüchtig, er war mir ein Dorn im Auge.«
»Das Kind!«
»Du hast ihn geherzt und geküßt. Das konnte ich nicht ertragen.«
»Es war ja ein Kind!«
»Nein, er war kein Kind mehr!«
»Wie?«
»Ich war auf Pedro eifersüchtig - genug davon. Ha, habe ich den schönen Jungen in letzter Zeit gehaßt! Ich kenne kein Erbarmen, ich gehe geradeaus, und was mir nicht ausweicht, zertrete ich. Eine Rückkehr von diesem Wege gibt es nicht mehr!«
Sie schauerte zusammen.
»Du kannst entsetzlich sein, Charles!« flüsterte sie.
»Ja, ich kann es!«
»Du wirst auch Diego töten?«
»Wenn er noch lange hier herumschnüffelt, wird er von meiner Hand sterben!«
»Hat er eine Ahnung, daß ich hier bin?«
»Hahaha; wenn er auch nur eine Idee hätte - als ob er da noch lebte!«
»Warum hält er sich hier auf?«
»Ich weiß nicht. Er ist ein stiller Träumer. Plötzlich, wie er gekommen ist, wird er einst auch wieder von hier verschwunden sein.«
Plötzlich umarmte und küßte ihn Carmen.
»Charles, liebst du mich?«
»Wie kannst du so fragen?«
»Du warst vorhin so kurz zu mir.«
»Ich darf mir bei meinen Leuten den Respekt nicht vergeben. Du hättest Kastor nicht züchtigen sollen!«
»Sprich nicht mehr von dem schwarzen Halunken!«
»Doch! Ich muß ihn jetzt entfernen.«
»Bitte, nichts mehr von ihm!«
»Er muß auf eine andre Station. Er hat heißes Blut, er könnte sich rächen.«
»Aber, Charles!«
»Du siehst, wie besorgt ich um dich bin.«
»Und eifersüchtig! Wie kannst du glauben, daß ich den Knaben oder gar Diego noch lieben könnte!«
»Eifersucht entspringt der Liebe!«
»Sag mir, wie du mich liebst.«
Er konnte nicht besser antworten, als indem er sie heiß an sich preßte und küßte. Leidenschaftlich erwiderte die feurige Spanierin seine Liebkosungen.
»Liebst du auch nur mich?«
»O, Carmen!«
»Wenn du wüßtest, was für Qualen ich ausstehe!«
»Du bist töricht.«
»Du glaubst, eifersüchtig sein zu dürfen, mich aber schiltst du töricht, wenn ich es bin.«
»Du hast keinen Grund.«
»Mehr als du. Was treibst du in Jefferson?«
»Ich bin Beamter der Pelzgesellschaft.«
»Wenn ich wüßte, du liebtest eine andre!«
»Frage, wen du willst! Alle werden dir sagen, daß es keinen größern Weiberfeind gibt als mich.«
»Die, welche ich fragen kann, halten alle treu zu dir.«
»Warum mißtraust du mir? Könnte ich solche Liebe zu dir haben, wenn ich sie an eine andre verschwendete?«
»Nimm mich einmal mit nach Jefferson!«
»Um Gottes willen!«
»Warum nicht? In Verkleidung!«
»Gerade jetzt, da Diego da ist! Er würde dich sofort erkennen, es wäre mein Verderben.«
»So hast du stets eine Ausrede. Wenn Diego fort ist, wieder eine andre.«
»Vermißt du etwas hier?«
»Ja, dich! Du bist so selten bei mir.«
»Kann ich denn anders? Hahaha, wenn man einst erfährt, daß auf der Freundschaftsinsel eine Räuberbande haust, und daß ich ihr Hauptmann bin!«
»Kannst du denn nicht öfters bei mir sein?«
»Ich komme, so oft es möglich ist.«
»Ha, wenn ich wüßte, daß du mir untreu wärest!«
»Komisches Mädchen! Nun, was würdest du da tun?«
»Dich töten.«
»Ich bin gewohnt, dem Tode ins Auge zu schauen.«
»Dich hundertfach töten.«
»Das kannst du nicht.«
»Ich würde dich an den Pranger stellen.«
»Mich verraten meinst du?«
»Ja.«
»Du weißt doch, daß jeder, der hier auch nur auf Verrat anspielt, sterben muß,« scherzte er.
»Ja, aber auch du wärest verloren.«
»Lassen wir doch diese törichten Redereien! Jetzt ist die Zeit, jetzt müssen wir sie benutzen. Vielleicht haben wir noch diese Nacht zu tun.«
»Ein Boot soll scheitern?«
»Vielleicht.«
»O, Charles, wozu hast du mich gemacht!«
»Zu einem Räuberliebchen.«
Er zog sie an sich und küßte sie. Die beiden, die aufeinander so eifersüchtig waren, gaben sich der Liebe hin.
So verstrich eine Stunde. Da ertönte ein schriller Pfiff. Charles riß sich los und war im Nu draußen.
»Kapitän, das Boot kommt getrieben,« flüsterte ein Mann.
»Wird es richtig gelenkt?«
»Eine Meile vor der Insel muß es auf den Snak laufen, wenn Fred am Steuer steht.«
»Well, haltet alles bereit - und keine Schonung!«
Durch die Nacht ertönte ein gellender Schrei, aus mehreren Kehlen kommend, aus weiter Ferne, und dennoch konnte man noch hier ein Krachen und Bersten vernehmen.
Morgen trieben an das Ufer Wracktrümmer und Leichen, und dann hieß es: wieder ein Boot auf einen Snak gelaufen. -
Nobody war schon längst von der Veranda verschwunden.
Daß der Sheriff von Jefferson eine Doppelrolle spielte, war klar erwiesen, und ebenso, daß er das Oberhaupt einer Bande Flußpiraten war, die sicher schon eine unzählige Menge schwerster Verbrechen gegen Leben und Eigentum ihrer Mitmenschen auf dem Kerbholze hatten.
Für Nobody war dieser Patterson, der in der Stadt die Rolle des untadelhaften Ehrenmannes spielte, während er insgeheim von furchtbaren Gewissensbissen gepeinigt wurde, kein Rätsel mehr. Nicht einmal rein menschliches Interesse konnte ihm dieser Mann einflößen. Derselbe war ein Schädling, der ausgerottet werden mußte. Er war bei weitem schlimmer als jene armseligen chinesischen Seeräuber, deren Vernichtung Nobody beschlossen hatte.
Den beiden Naturen aber, die sich in Patterson verkörperten, entsprachen die beiden Frauen, die er liebte, und die seine Liebe sicher erwiderten.
Die Gattin des Sheriffs war das gute, die Geliebte des Piratenkapitäns das böse Prinzip.
Fast fühlte Nobody sich versucht, die schöne, leidenschaftliche Carmen mit Marguérite zu vergleichen, deren Charakter ebenfalls ans Dämonische grenzte.
Wehe dem Sheriff, wenn Carmen entdeckte, daß er noch eine andre neben ihr liebte, daß er sie betrogen und belogen hatte, seit er sie kannte.
»So weit soll es nicht kommen,« sagte Nobody zu sich selber, indem er sich einen Weg durch den finstern Wald suchte. »Wenn ich es vermag, sollen die beiden bedauernswerten Frauen nicht erfahren, daß sie denselben Mann, denselben blutbefleckten Verbrecher liebten. Patterson hat den Tod verdient, und wie ich ihn kenne, wird er lebend nicht in meine Hände fallen - das heißt, wenn ich es so will - verflucht!« unterbrach er sich lachend. »So geht's, wenn man nicht acht gibt. Jetzt stecke ich drin in der Patsche und kann sehen, wie ich wieder herauskomme!«
Nobody war in einen Swamp geraten, in einen jener tückischen Sümpfe, an denen die Urwälder in den Südstaaten und namentlich in der Gegend des Mississippi so reich sind. Glücklicherweise saß nur das linke Bein fest in der zähen Masse, und Nobody brachte es sofort heraus, indem er sich mit beiden Händen an einem in der Nähe stehenden Baum anklammerte.
Doch die wiedererlangte Bewegungsfreiheit hatte er mit dem Verluste des einen langschäftigen Stiefels bezahlen müssen. Nobody mußte mit einem Stiefel weitermarschieren. Das war bei der herrschenden Finsternis ein böses Stück Arbeit, denn der Boden war mit Dornen übersät, und ganz sicher hausten hier auch die überaus giftigen Klapperschlangen in Menge.