Nobody freilich dachte an keine Gefahr. Er lachte sogar. Doch sofort wurde er wieder ernst. Er durfte keine Zeit verlieren, wollte er die Strompiraten bei ihrer Arbeit überraschen.
Eine Minute blieb er stehn und orientierte sich. Dann drang er quer durch den Wald, und bald hatte er das hier steil abfallende Ufer des Mississippi erreicht.
Zur rechten Zeit! Denn eben kam stromabwärts, dicht am Lande ein Boot um die obere Ecke der Insel. Das war das Fahrzeug, das heute den Piraten zum Opfer fallen sollte.
Am Ufer stand eine jener mächtigen, amerikanischen Weiden, ein Ast erstreckte sich weit über das Wasser, gerade darunter mußte das Fährboot vorbeitreiben.
Rasch erkletterte Nobody den rauhen Stamm und balancierte wie ein Seiltänzer auf dem Ast bis ans äußerste Ende.
Als das große Boot gerade unter ihm war, machte er sich zum Sprunge bereit.
»Achtung, Leute, es kommt etwas von oben!« rief er und ließ sich hinabfallen.
Zwei Männer, die in der Mitte des Bootes gestanden und eifrig miteinander gesprochen hatten, stoben auseinander.
»Gottes Tod, Fremder!« schrie der eine zornig. »Was fällt Euch ein?«
»Mitfahren möchte ich!« lachte Nobody. »Seht, ich erspare Euch die Mühe, mich in Eurem kleinen Boote an Bord setzen zu müssen.«
»Das hätten wir auch, verdammt, nicht getan.«
»Nanu, warum denn nicht?«
»Weil wir kein Boot haben, es ist gekentert und gesunken.«
»Das ist freilich etwas andres,« lachte Nobody wieder, »dann hättet Ihr mich nicht vom Ufer holen können.«
»Ihr habt überhaupt erst zu fragen, ob Ihr mitkommen könnt oder nicht,« entgegnete der erste Sprecher, jedenfalls der Kapitän. »Das geht nicht, so mir nichts dir nichts vom Ast auf ein fremdes Schiff zu springen.«
»Ihr seid höllisch grob, guter Freund. Seht mich nur einmal an! Kann ich denn in einem Stiefel noch zwei Stunden durch den dornigen Urwald bis nach Hause marschieren?«
Jetzt erst sah man, in welcher Verfassung er sich befand, und nun mußte man doch lachen.
»In einem Stiefel! Wie ist denn das geschehen?«
Nobody erzählte eine erfundene Geschichte.
»Ja, wenn solche Greenhorns in den Wald kommen!« hieß es. »Wohin wollt Ihr denn?«
»Nach Jefferson.«
»Wir fahren aber direkt bis nach St. Louis.«
»Nun, ich denke, in Jefferson geht Ihr doch zur Nacht vor Anker.«
»Nein, das tun wir eben nicht.«
»Warum denn nicht?«
Einen andern Hafen als Jefferson gab es in der Nähe nicht, in der Nacht fahren die Boote nicht, ein offener Ankerplatz war jetzt, da der Strom geschwollen war, gefährlich.
»Wir wollen eben das Ankergeld sparen.«
»Das begreife ich nicht, die paar Dollars ...«
»Das ist unsre Sache,« war die rauhe Antwort, »wir sparen, wo wir können, und die Strömung fürchten wir nicht.«
»Da will ich Euch einen Vorschlag machen. Weil ich Euer Passagier bin, muß ich natürlich auch Passagiergeld zahlen. Für das Ankergeld bin ich gut. Einverstanden?«
Nobody wollte nur feststellen, daß seine Vermutung richtig war. Er hielt die Leute für Schmuggler.
Die Schiffer wechselten Blicke miteinander. Trotz der Dunkelheit entging es Nobody nicht, daß es verlegene Blicke waren.
»Nein, darauf lassen wir uns nicht ein, wir nehmen nichts geschenkt,« war die barsche Entgegnung des Kapitäns auf diesen wohlgemeinten Vorschlag.
»He, Fred, steure einmal so dicht ans Ufer, daß der Gentleman hinausspringen kann!«
»Geht nicht, schmeißt den Hund doch über Bord!« erklang es vom Steuer zurück.
Nobody wandte sich schnell um.
»Wo ist der Hund, von dem Ihr spracht?« fragte er drohend, fest entschlossen wie immer, sich nicht die geringste Beleidigung gefallen zu lassen.
Das Boot führte trotz der strengen Vorschrift keine Lichter, und so konnte Nobody den Mann am Steuer, also den Lotsen, nicht genau erkennen, aber er wußte ja, wen er vor sich hatte.
Wie er nun dicht vor den Kerl trat, raunte ihm dieser in sichtlicher Bestürzung zu:
»Goddam, Jimmy, was soll das? Was willst du hier?«
Nobody glich also noch immer jenem Piraten, den er durch einen Faustschlag betäubt hatte.
»Halt's Maul, Fred!« gab er grob zurück. »Du kennst mich nicht! Verstanden?«
Der Lotse nickte und murmelte etwas vor sich hin.
»Gebt Ruhe!« rief da der Kapitän. »Fred ist etwas grob, aber das soll Euch nichts kümmern. Wir haben ihn gemietet, nicht Ihr. Er ist unser Lotse. Ich will Euch etwas sagen, da Ihr nun einmal darauf seid, so bleibt zum Teufel hier. In Jefferson legen wir aber nicht an; wir ankern, wo wir wollen. Ein Boot haben wir nicht, wenn Ihr also vor St. Louis noch von Bord wollt, so müßt Ihr ein andres Fährboot oder einen Dampfer anrufen.«
Er drehte sich auf den Hacken herum und ließ Nobody stehn.
Dieser setzte sich auf eine Kiste und brannte sich eine Pfeife an.
Als aus der Luke, die zu der winzigen Kajüte führte, Licht hervorschimmerte, ging er darauf zu. Unten saß der Kapitän und schnitt Rolltabak klein.
»He, Kapitän, habt Ihr Handwerkszeug an Bord, um ein Paar Schuhe machen zu können?«
»Das habe ich natürlich, aber kein gutes Segeltuch.«
»Ich will mir auch Lederschuhe machen, Mokassins.«
»Leder erst recht nicht.«
»Aber ich habe noch einen großen Stiefel. Daraus mache ich mir zwei kleinere,« lachte Nobody, der ganz so tat, als sei er eben nur durch Zufall auf das Boot geraten.
»Könnt Ihr das?« lachte der Schiffer ebenfalls. »Dann wäret Ihr ein Mordskerl.«
Mehr als zwei Mann faßte die Kajüte nicht. Der Kapitän holte das nötige Schusterwerkzeug herbei.
Wie der Hinterwäldler alles in seiner Hütte hat, um die Bedürfnisgegenstände selbst zu fertigen, auch Kleider und Schuhe, so auch der Stromschiffer im Boot, wie der Matrose auf dem Schiff, und Nobody mußte von dem Manne für einen Schiffer gehalten werden.
Nobody hatte unterdessen seinen rechten Stiefel ausgezogen, schlitzte den Schaft von dünnem Leder auf, schnitt zu, arbeitete mit Pfriem und Nadel und benahm sich bei allem so geschickt, daß der Kapitän Ausrufe des Staunens nicht unterdrücken konnte. Noch war keine Stunde vergangen, als Nobody zwei passende und dauerhafte Mokassins an den Füßen hatte.
»Mord und Hagel,« rief der Schiffer, »bei Euch kann man aber etwas lernen! Ich glaube, Ihr seid bei den Rothäuten Schusterjunge gewesen.«
»Die sind allerdings meine Lehrmeister gewesen.«
»So geschickt und schnell habe ich noch keinen Trapper arbeiten sehen.«
»Glaub's schon. Hier, das übrige Leder gehört Euch.«
»Könnt mir auch gleich so ein Paar Mokassins machen.«
Aus dem Maßnehmen wurde vorläufig nichts, der Steuermann rief zum Festmachen, der Kapitän mußte an Deck, und Nobody folgte ihm.
Auch der Mississippi hat seine bestimmten Strömungen, besonders durch die verschiedenen Inseln erzeugt.
Die Nacht war sehr dunkel, aber Fred mußte hier förmlich jeden Wassertropfen und jeden Ast der verschiedenen Inseln kennen. Er war, eine strudelnde Strömung benutzend, scharf nach links abgebogen und so gerade hinter eine kleine Insel gekommen, an die er das Boot anlegen, nicht verankern, sondern an einen Baum festbinden wollte.
Zu diesem Manöver in finstrer Nacht gehörte die außerordentlichste Ortskenntnis, um so mehr, als die übrigen Schiffer hier gar keinen Bescheid wußten, auch nicht anders helfen konnten als durch Zureichen von Stricken und so weiter, wie Fred sie vorher angestellt hatte. Das schwierige Manöver gelang allein durch die Geschicklichkeit des Steuermannes.
Das fast zwanzig Meter lange und sehr breite Boot schwenkte herum, schoß durch einen Strudel, Büsche streiften über das Deck, dann kehrte es den Bug wieder stromabwärts. Mit einem Satz sprang Fred am Heck über Bord, scheinbar ins Wasser, in Wirklichkeit ans Land, in der Hand ein armstarkes Tau - ein Reiben, ein Ruck, und das Fahrzeug stand, von dem Tau gehalten, das der wagehalsige und kundige Lotse um ein paar Bäume geschlungen, deren Wurzeln er wohl schon öfter auf ihre Festigkeit geprüft hatte.
»Das ist hier aber eine verdammt starke Strömung, wo du uns hingebracht hast,« meinte der Kapitän besorgt und legte die Hand auf das äußerst straff gespannte Tau, »wenn die Bäume brechen, dann - ade >Betsy<, wir fahren mit ihr zur Hölle.«
»Die Bäume halten, für die wette ich meinen Kopf. Wenn Euer Tau nicht bricht ...«
»Es ist ein neues Manilatau, der Faden mit fünf Zentner Tragfähigkeit garantiert.«
»Hahaha, mit fünf Zentner! Einer genügt auch. So stark ist die Strömung gar nicht.«
»Ich danke! Na, wenn nur die Bäume halten!«
»Für die garantiere ich mit zehn Zentner für die Faser,« lachte der Steuermann sorglos. »Na, und was machte es auch, wenn Bäume und Taue brächen? Ich steuerte doch wieder sicher in den Strom.«
Das Wasser rauschte und schäumte ganz unheimlich unter dem Heck, das Tau erklang, wenn man darauf schlug, wie eine Stahlsaite, so straff war es gespannt. Kein Wunder, wenn die fremden Schiffer doch etwas ängstlich waren.
Nobody stand direkt neben Fred.
»Wir kennen uns also nicht!« raunte er diesem zu.
»Was willst du hier?« fragte der Pirat ebenso leise zurück.
»Ich bin tatsächlich nur durch einen Zufall hier. Der verdammte Whisky, den John spendierte -«
Er brach ab; denn der Kapitän kam näher. Sofort fragte Nobody laut:
»Wo sind wir denn hier?«
»An einer Insel,« entgegnete Fred kurz.
»Das merke ich. Ich meine, an welcher?«
»An einer Insel, um die ringsherum Wasser ist.«
»Was Ihr nicht sagt!« spottete Nobody, scheinbar seinen Aerger hinunterschluckend. »Ist hier in der Nähe nicht die Freundschaftsinsel?«
»Weiß nicht.«
»Ich denke, Ihr seid hier bekannt?«
»Bin's auch.«
»Und Ihr wißt nicht, wo sich die Freundschaftsinsel befindet?«
»Weiß es wohl, aber was geht's Euch an?« knurrte der Pirat, der den Detektiv für einen Genossen, für Jimmy hielt. Nobody drehte ihm den Rücken und ging, kam aber bald zurück und beobachtete, wie die Wachen verteilt wurden.
Ein Mann stand immer bei dem Tau Posten, die zweite Wache von 10 bis 12 wollte Fred selbst übernehmen, sonst schlief er auch an Deck, so daß er, falls etwas passierte, geweckt werden und sofort zur Stelle sein konnte.
Der Kapitän, meinte er, solle sich nur ruhig schlafen legen, Gefahr läge nicht vor, und dann könne er doch auch nichts helfen.
»Mach deine Sache gut, alter Junge!« flüsterte Nobody dem verräterischen Lotsen zu, als er sich neben demselben an Deck zum Schlafen ausstreckte.
»Ha, und vergiß nicht, mich zu wecken, falls die Reise in die Hölle losgeht - hab' keine Lust mitzufahren - hahaha - ein verdammtes Zeug dieser Gin - mein Schädel brummt wie ein gestickter Dudelsack.«
Fred knurrte eine Antwort zwischen den Zähnen hervor; der vermeintliche Jimmy aber hörte sie nicht mehr, er schnarchte bereits.
Der erste Schiffer übernahm die Wache an dem Tau, die andern suchten ihre Lagerstätten auf, teils unter, teils auf Deck, bald waren sie eingeschlafen, denn die Handhabung der mächtigen Ruderstangen, mit denen das plumpe Boot immer in der richtigen Strömung gehalten werden muß, ist äußerst anstrengend.
Es herrschte Stille. Nur das Wasser gurgelte und rauschte; die Bäume ächzten unter der Last; manchmal machte der Posten ein paar Schritte hin und her, um sich wach zu halten.
Der Mond stieg über den Wald auf und beleuchtete das friedliche Schiff. Erst jetzt war die gefährliche Lage desselben zu erkennen.
Die Strömung war hier furchtbar reißend. Weil sie von zwei Seiten kam, entstanden Strudel. Brach das Tau, dann wurde das Boot von unwiderstehlicher Gewalt fortgerissen, und dort unten tauchte im Mondenschein der Schatten einer andern Insel auf, an dieser mußte das Boot scheitern, es sei denn, die Hand des Steuermanns verstand es vorbeizubugsieren.
Dazu aber mußte man hier geboren, auf diesem Wasser aufgewachsen sein. Einem Fremden wäre es nicht gelungen.
Der Strom sah aus, als berge er Snaks genug.
Die Uhr, die der Kapitän dem ersten Wachthabenden gegeben hatte, zeigte auf zehn. Mit einem Seufzer der Befriedigung weckte er Fred, der sofort auf den Beinen war.
»Was gibt's?«
»All right. Zehn Uhr.«
»Na, hat der Manila gehalten?« lachte der Steuermann leise. »Seht, ihr Hasenherzen, wir liegen doch noch fest, und die Strömung nimmt jetzt ab.«
»Ich dächte, sie würde eher stärker.«
»Unsinn, das muß ich besser wissen. Geht nur schlafen!«
Der Mann entfernte sich.
Fred bog sich über Bord und lauschte dem Rauschen des Wassers, prüfte das Tau mit der Hand, nickte befriedigt und ließ dann seine Augen über Deck schweifen, bis sie auf Jimmy haften blieben. Dieser lag im Schatten einer langen Kiste, der Lotse konnte ihn aber deutlich sehen. Seine Brust hob sich regelmäßig im Schlafe, die geschlossenen Augen waren nach dem Steuerruder gerichtet.
Wieder nickte der Kerl, und ein widriges Grinsen umspielte seinen Mund.
Eine Stunde verstrich. Unbeweglich stand Fred da, seine Augen auf die ferne Insel geheftet. Er schien zu lauschen, oft legte er die Hand an das Ohr, blickte wieder nach der Uhr.
Ein ferner Dampfer verkündete die elfte Stunde. Da schlich sich Fred auf den Zehenspitzen zu dem vermeintlichen Genossen und beugte sich über ihn.
Derselbe schlief fest.
»So fahre auch du mit in den Tod!« murmelte der Räuber zwischen den Zähnen hervor.
Er wandte sich um; ein Messer blitzte in seiner Hand; mit schnellen Schritten stand er am Heck; die haarscharfe Klinge fuhr über das zum Springen gespannte Tau.
Einige Fäden waren zerschnitten, das genügte. Andre platzten jetzt von selbst, das Schiff bekam einen Ruck. Aber das Tau hielt dennoch.
Da senkte sich das Messer abermals.
»Schuft, was hast du vor?« zischte es dem Manne ins Ohr.
Wie vom Blitz getroffen fuhr Fred herum.
»Jimmy!« stieß er hervor. »Hölle, Tod und Teufel, was fällt dir ein? Willst du uns die Kerle auf den Hals locken?«
»Verdammt! Bist du verrückt geworden?«
Nobody hatte den Elenden mit eiserner Faust gepackt, entwand ihm das Messer und schleuderte es in den Strom.
Ein verzweifeltes Ringen entstand. Der Flußpirat war ein Riese an Kraft, doch einem Nobody konnte er natürlich nicht widerstehn. Schritte eilten über Deck. Die Bootsbesatzung war erwacht und kam herbei.
Fred heulte vor Wut.
Da krachte es wie ein Kanonenschuß, das Tau war gerissen. Wie ein Pfeil schoß das Boot plötzlich davon; die am äußersten Rande stehenden Männer bekamen einen Stoß, sie konnten sich nicht halten, eng umschlungen stürzten beide über Bord, und mit dem Schreie des Steuermanns vermischte sich der Ruf des Entsetzens der gesamten Besatzung, denn sie sah sich rettungslos dem Tode preisgegeben.
Auch noch im Wasser, von dem sie fortgerissen wurden, hielten sich die beiden Kämpfenden umfaßt.
»Laß los, Jimmy!« keuchte Fred, dessen Hals von den würgenden Händen des Detektivs umklammert ward.
»Gleich!« antwortete Nobody mit grausamer Ruhe.
Er löste die rechte Hand, hob sie empor und schmetterte sie nieder auf den Schädel des Flußpiraten.
Lautlos trieb der Mann auf den Fluten dahin. Nobody aber ward ebenfalls von der Strömung mit reißender Schnelligkeit fortgerissen.