Ein Baumstamm schwamm vorüber. Er hielt sich an demselben fest, es gelang ihm, durchzukommen, ohne gequetscht zu werden. Etwas Dunkles tauchte vor ihm auf, es war die Insel, auf die er zutrieb.
Da, wieder ein gellender Schrei, nicht weit von ihm entfernt, ein Krachen und Malmen - das Boot war von seinem Schicksal ereilt worden. Auch die Schiffer rangen jetzt mit der Strömung.
Nobody merkte, daß er an der Insel vorbeigetrieben wurde, er ließ den Baumstamm fahren, verließ sich nur auf seine Schwimmkunst, rang und kämpfte, er kam gegen die Strömungen und wurde in ein Wirrnis von Aesten und Zweigen geschleudert, das festen Grund hatte, denn das Wasser brach sich daran. Mit unsäglichen Schwierigkeiten arbeitete er sich durch und hatte endlich festen Boden erreicht.
»Wilm, bist du's?« rief leise eine Stimme in seiner Nähe.
Nobody antwortete nicht. Trotzdem er gewiß war, daß er auch jetzt noch von den Flußpiraten für Jimmy gehalten werden würde, wollte er sich doch nicht hier treffen lassen. Sie brauchten nicht zu wissen, daß er auf dem Boote gewesen war.
»Wilm, was machst du denn da? Kriechst wohl wie ein Waschbär im Dickicht herum?«
»Ich? Ich sitze hier auf meinem Baume!« entgegnete eine andre Stimme.
»Was war denn das, was eben durch das Gebüsch brach? Alle Teufel, doch nicht etwa einer von dem Boote, der sich gerettet hat?!« setzte der Sprecher erschrocken hinzu.
»Unsinn, das ist weit links von hier gescheitert. Ein Biber wird's gewesen sein, er ist im Schlafe erschreckt worden.«
»Gibt's denn hier Biber?«
»Der Kapitän läßt sie schonen, er will sie selbst jagen. Laß doch jetzt den dummen Schnack! Verdammt, der Fred hat seine Sache diesmal schlecht gemacht. Ich sagte es aber gleich, die Strömung ist zu stark, er kann das Boot nicht auf den Snak zwingen.«
»Na, der Kapitän wird schön toben.«
»Bah, der verzieht keine Miene! Der hat ein Herz von Stahl, und sein Blut ist kälter als Eis. Aber uns geht eine schöne Beute verloren.«
»Womit war denn das Boot beladen?«
»Weißt du das nicht?«
»Ich bin ja erst vorhin gekommen, man schickte mich gleich auf Posten hierher.«
»Ach so! Mit Rum und Zucker war's befrachtet, außerdem führte es noch einige Tonnen Opium versteckt, die nach St. Louis geschafft werden sollten. Wenn uns die in die Finger gekommen wären, kamen auf jeden wenigstens 1000 Dollar.«
»Wohin hättet ihr denn die Ladung verkauft?«
»Nach New-York. Dort ist stets Nachfrage nach Opium. Ich glaube, in den New-Yorker Gesellschaften wird ebensoviel Opium geraucht wie in China. Verdammt, daß Fred das Boot nicht besser gesteuert hat!«
»Habt ihr viel Beute in der letzten Zeit gemacht?«
»Es geht. Neulich ließ Dan ein Boot mit Wollwaren und Seide auf den Snak laufen.«
»Merken sie denn in Jefferson gar nicht, daß es doch seltsam ist, wie gerade immer bei der Insel so viele Boote scheitern?«
»Merken? Hahaha! Sie wissen ja nicht, wo der Snak sitzt; am Morgen sieht man stromabwärts nur Trümmer und noch einige Kisten treiben, die uns entgangen sind. Hier und da liefern wir auch einmal einiges Frachtgut ab, um den Schein zu wahren.
»Nein, mein Wilm, wir haben nichts zu fürchten. Wer hier in die Strömung stürzt, der kommt lebendig nicht wieder heraus, und wer an unsre Insel getrieben wird, dem klopfen wir den Schädel ein, dazu sitzen wir hier oben, und was hat denn das weiter zu bedeuten, wenn einer am Leben bliebe? Es ist eben ein Unglück geschehen, das Boot ist auf einen Snak gerannt. Außerdem haben alle die Schiffer, die in der Nacht hier draußen ankern, sowieso ein böses Gewissen. Denen stellen wir unsre Lotsen, die sie dann ins Garn locken. Verrat brauchen wir unter uns nicht zu fürchten, so lange wir unsern Kapitän haben. Der führt ein eisernes Kommando, und das feinste dabei ist ja, daß niemand die Insel betreten darf, das ist nun einmal unser Privilegium. Hahaha, wenn die wüßten, was das hier für ein sauberes Nest ist!«
Nobody fand hier also bestätigt, was er schon vermutet hatte.
Die Piraten schickten in entfernte Städte stromaufwärts Männer, welche sich an fremde Boote als Lotsen verdingten, und womöglich suchten sie solche auf, welche aus irgend einem Grunde des Nachts lieber im offnen Strome ankerten als in einem Hafen. Diese lockten sie in die Nähe der Freundschaftsinsel und ließen sie auf einen Snak laufen, vielleicht auf einen künstlichen, vielleicht gab es deren mehrere hier.
Der alte Holzfäller hatte doch recht gehabt.
Nobody war Zeuge gewesen, wie es solch ein Lotse anfing. Er ließ das Tau reißen, tat scheinbar seine Pflicht als Steuermann, lenkte das Boot aber eben auf den Snak, so daß es eine Beute der Inselpiraten wurde. Er selbst wußte nicht, wie er sich retten konnte. Die übrigen ertranken entweder oder sie trieben auf die Insel zu und wurden dort getötet, oder sie überlebten den Unglücksfall und konnten von weiter nichts erzählen, als daß sie eben gescheitert wären. Wer wußte, wie lange die Räuber schon ihr Unwesen trieben!
Ja, wie war aber das? Das war doch keine abgesonderte Kolonie! Die Bewohner durften auswandern, verdingten sich als Stromschiffer, als Tagelöhner auf Farmen, sie wohnten auch in Jefferson.
Es war eben eine weitverzweigte Räuberbande, die von dieser Insel ausging, hier ihr Zentrum hatte. Vielleicht breitete sich das Netz über den ganzen Mississippi aus, vielleicht noch weiter.
Jedes Geräusch vermeidend, schlich sich der verwegene Detektiv unmittelbar an den beiden Wächtern vorbei ein Stück landeinwärts - dort blieb er stehn.
»So!« sagte er. »Jetzt weiß ich genug. Jetzt habe ich nicht mehr nötig, mich länger als Jimmy aufzuspielen - ich will es nicht. Patterson wird noch auf der Insel sein, und ich will ihm direkt entgegentreten als Fred Jenkins, als Cutting Knife, wie er mich kennt. Er soll nicht sagen dürfen, daß ich ihn aus dem Hinterhalt überwältigt habe, und daß ich den offnen Kampf mit ihm fürchte. Vielleicht ist er vernünftig und macht selber ein Ende, wenn er sein Treiben entdeckt sieht!«
Wahrhaftig, der Mann muß noch geboren werden, der einem Nobody an Kühnheit und Unerschrockenheit gleichkommt!
Er hatte es in seiner Hand, unerkannt als Jimmy die Freundschaftsinsel zu verlassen, den Sheriff Patterson nach dessen Rückkehr nach Jefferson zu verhaften und das Räubernest auszuheben, und er zog es vor, dem Führer der Flußpiraten als Fred Jenkins unbewaffnet entgegenzutreten und ihn wegen seines verruchten Treibens zur Rede zu stellen.
War das nicht gleichbedeutend mit einem selbstgewählten Tode?
Für jeden andern, für Nobody nicht. Er kannte nunmehr den Charakter Pattersons durch und durch - wie genau, das wird sofort bewiesen werden.
Rasch bearbeitete Nobody sein Gesicht. Der Mond leuchtete ihm, als er in den kleinen Taschenspiegel schaute.
Das war wieder ganz der berühmteste aller Westmänner, Cutting Knife.
Geräuschlos schlich Nobody davon. Ein Glück, daß er nicht mehr die schweren Stiefel, sondern leichte Mokassins an den Füßen hatte. Es gehörte freilich sein Auge dazu, um sich in der Dunkelheit zwischen den Bäumen zurechtzufinden. Kein Ast knackte, kein dürres Laub raschelte unter seinen Füßen.
Rechts von ihm hatten die beiden Wächter auf Bäumen gesessen, so hielt auch er sich zuerst rechts.
Er erreichte einen bewaldeten Hügel, den er achtlos übersteigen wollte.
Aber nein, das war kein natürlicher Hügel. Er war so glatt, als wäre er künstlich aufgeführt; nach dem Wasser zu fiel er allmählich ab, nach dem Lande zu ziemlich steil. Keine Unebenheit war zu bemerken, der Kamm gerade wie mit einer Schnur gezogen. Nobody fühlte auch ein Flechtwerk aus Aesten.
Das war ja eine - eine - das war ja gar nicht möglich ...
Er war in ein Loch getreten, das schräg in den Boden führte, er fühlte etwas Hartes, Rundes unter dem Fuße, griff daran und - betastete mit der Hand die Mündung einer Kanone von etwa sechszölligem Kaliber.
Die Piraten hatten auf der Insel für alle Fälle sogar Befestigungen angelegt.
Nobody fand noch weitere Geschützmündungen, noch weitere solcher Hügelbatterien, vielleicht war die ganze Insel mit ihnen umgeben, aber den Zugang zum Innern konnte er in der Dunkelheit nicht entdecken.
Dagegen überzeugte er sich, daß dieser Hügel auf beiden Seiten durch schier undurchdringliches Dickicht eingeschlossen war, sowohl nach dem Wasser als nach dem Lande zu.
Mit dieser Entdeckung vorläufig zufrieden, drang Nobody weiter ins Innere der Insel vor: ein schmaler Pfad erleichterte sein Vorhaben, bald sah er Lichtchen in der Ferne flackern; beim Näherkommen erkannte er das Hüttendorf.
Er wagte sich so weit vor, um das Ganze überschauen zu können.
Die Männer saßen noch in Gruppen an Feuern zusammen, rauchten, tranken und unterhielten sich. Es ging sehr aufgeregt zu, entschieden herrschte allgemeiner Unwille über etwas - natürlich über den ungeschickten Fred, der ihnen eine reiche Beute hatte entgehn lassen.
Nobody hatte hier nichts mehr zu suchen. Er wendete sich dem Hause zu, in dem er vorhin die Szene zwischen Charles und Carmen beobachtet hatte.
Jetzt drang aus einem andern Raume Lichtschein ins Freie.
Sofort war Nobody unter den Fenstern, kniete nieder und hob den Kopf so weit, daß er eben in das Zimmer hineinspähen konnte.
Es war einfach eingerichtet, enthielt zwei Stühle, ein Feldbett, einen Schreibtisch, Bücherregale, voll besetzt, Aktenbündel, die Wände waren mit kostbaren und seltnen Waffen dicht behängt.
Er lauschte. Alles war still.
Wie eine Feder schnellte er empor, und ohne das Fensterbrett berührt zu haben, stand er im Zimmer. Da ertönten hastige Schritte.
Wenn die Person am Fenster vorbeiging und ihn bemerkte!
Nobodys Blick fiel auf einen Vorhang, der einen Verschlag abtrennte. Mit einem zweiten Schritt stand er dahinter und sah in dem Licht, das durch die grüne Gardine fiel, daß er sich in einem Baderaume befand.
Da öffnete sich die Tür zu dem Arbeitszimmer, und Carmen trat ein, gefolgt von einem Stromschiffer.
»Komm hier herein, Maurice,« sagte die Dame hastig, »hier sind wir ungestört.«
Nobody sah durch den dünnen Vorhang alles, doch er selbst konnte nicht gewahrt werden, so lange die Portiere nicht zur Seite geschlagen wurde.
Carmen schloß die an den Fenstern befindlichen massiven Holzflügel, desgleichen die Tür.
»Was willst du Heimliches mit mir sprechen?« wandte sich das Weib an den Mann.
Der Angeredete war wie die Stromschiffer gekleidet, aber schlanker und zierlicher gebaut als die Mississippibootsleute, seine Züge trugen ein französisches Gepräge. Jetzt war sein sonst hübsches Gesicht finster, vor Leidenschaft fast verzerrt, und seine Augen glühten unheimlich.
»Rächen will ich mich!« zischte er.
»Rächen?« wiederholte Carmen erstaunt.
»Mein Bruder ist ermordet worden.«
»Ah, so! Ja, er starb durch des Hauptmanns Hand, weil er mit Verrat drohte,« erwiderte sie gleichgültig.
»Ich habe mir alles erzählen lassen, als ich vorhin zurückkam und nur das Grab meines Bruders wiederfand. Er sprach nicht von Verrat, er wollte sich nur keinem Weibe fügen, denn Ihr, Senora, habt einen der Unsrigen ...«
»Laß das!« unterbrach sie ihn wegwerfend. »Er widersetzte sich mir. Man hat dem Kapitän Gehorsam geschworen, er hat befohlen, mir zu gehorchen. Ungehorsam ist Verrat, Tod dem Verräter, also mußte dein Bruder sterben.«
»Tod dem Verräter!« wiederholte Maurice. »Das ist unser einziges Gesetz. Wohlan, nimm dort den Dolch und stoß ihn mir ins Herz - denn - ich - ich - will zum Verräter werden!«
Vor dem sich hoch aufrichtenden Manne trat Carmen bestürzt einen Schritt zurück.
»Du willst zum Verräter werden und gestehst das vorher so offen?«
»Aus Rache werde ich Euch und alles verraten.«
Blitzschnell hatte das Weib einen Dolch von der Wand gerissen und ihn auf des Mannes Brust gezückt.
»Und Ihr sollt mir dabei helfen,« sagte er in diesem Augenblick.
Der Dolch wurde gesenkt.
»Ich?«
»Ich will Euch Enthüllungen über den Kapitän machen.«
»Aaah!« hauchte sie. »Enthüllungen!«
»Er hintergeht Euch, und uns hat er befohlen, Euch zu belügen, Senora!«
Sie bog den Oberkörper vor, ihre Augen funkelten.
»Hüte dich, Maurice - aus dir spricht die Rache.«
»Aber auch die Wahrheit - Ihr sollt prüfen.«
»Nun? Sprich leiser!«
»Der Streit, dem mein Bruder zum Opfer fiel, entstand wegen Kastors. Ihr ließt ihn züchtigen.«
»Ich züchtigte den schwarzen Schurken selbst.«
»Kastor sollte den Knaben, den Ihr liebt, von Tanners Farm abholen. Er aber kam allein zurück und meldete Euch, Pedro habe ihn umsonst warten lassen.«
»Warum erzählst du mir das alles?«
»Kastor belog Euch, belog Euch auf des Kapitäns Befehl. Er hat Pedro ermordet, wiederum auf des Kapitäns Geheiß.«
Triumphierend hatte Maurice gesprochen, doch Carmen lächelte nur spöttisch.
»Kannst du mir nichts Besseres erzählen? Das weiß ich.«
Dennoch behielt der Mann seine triumphierende Miene bei.
»Ihr verschwendet Eure Liebe an einen Unwürdigen,« sagte er.
Des Weibes Augen flammten in verzehrendem Feuer auf.
»Was sagst du da?« kam es zischend von ihren Lippen.
»Daß er Euch nur vorheuchelt, Euch allein zu lieben.«
»Er - liebt - mich - nicht - allein? Wen sonst?«
»Als Charly Euch hierherbrachte und Euch Liebe schwor, war er bereits verheiratet - und zwar sehr glücklich.«
»War - verheiratet?«
»Und ist es noch jetzt in Jefferson und liebt seine Frau mehr als Euch, denn bei ihr ist er immer.«
Der Stachel saß.
Erst schien Carmen zusammenbrechen zu wollen, dann trat sie wieder mit gezücktem Dolch auf Maurice zu. Man erkannte sie nicht mehr.
»Das ist dein Tod - wenn du nicht die Wahrheit beweisen kannst,« keuchte sie.
»Ich kann es.«
»Wie?«
»Ueberzeugt Euch doch selbst von seinem Glück an der Seite seiner Frau. So schön wie Ihr ist sie freilich nicht, aber still, häuslich, freundlich - -«
»Genug - genug - ja - ich will mich überzeugen - Maurice - bring mich an Land!«
»Ich gehorche!«
»Ich - ja - ich will - du bringst mich an Land - zu ihm - zu seiner Frau - -«
»Sehr gern.«
»Jetzt - geh!«
Maurice verneigte sich und ging. Er hatte seinen Bruder furchtbar gerächt.
Carmen brach mit einem dumpfen Schrei zusammen und blieb bewegungslos auf dem Teppich liegen.
Nobody hätte jetzt sein Versteck verlassen können, aber er blieb. Mehr als zuvor verlangte ihn danach, dem Manne Auge in Auge entgegenzutreten, dessen Untergang so nahe bevorstand.
Nach geraumer Zeit erhob sich das schöne Weib. Es warf einen wilden, irren Blick umher; dann verließ es das Zimmer.
Eine Minute später öffnete sich die Tür wieder.
Der Sheriff Patterson, der Hauptmann der Piraten trat ein.
Sofort schlug Nobody den Vorhang zurück.
»Ah - welches Zusammentreffen! Mister Jenkins! Cutting Knife!« kam es von den Lippen des Ueberraschten. Sein Gesicht hatte sich verdüstert. Mit gespanntem Revolver trat er vor Nobody hin.
»Mister Jenkins - vor Ihnen steht nicht Charles Patterson, der Sheriff von Jefferson, dessen Gastfreundschaft Sie genossen, sondern Sie befinden sich in der Gewalt des Herrn dieser Insel, der zugleich Kapitän einer Piratenbande ist.«