»Ich bin kein Bußprediger, Mister Patterson,« versetzte er. »Ich gab Ihnen bereits meine Hand. Sorgen Sie dafür, daß ich es nicht zu bereuen brauche. Denken Sie an Ihre Frau, an Ihre Schwester!«
Da brach der Piratenhäuptling abermals zusammen. Nobody entfernte sich ungehindert.
7. Der Verzweiflungskampf
Während sich diese Szenen auf der Freundschaftsinsel abspielten, hatte sich über dem Haupte des schwermütigen Spaniers, der auf Tanners Farm lebte, ein düsteres Unwetter zusammengezogen.
Diego war lange nicht zurückgekommen. Erst am späten Nachmittag fand er sich wieder ein. Jenny hatte sich vorgenommen, ihn recht kühl zu empfangen, ihn überhaupt fernerhin abweisend zu behandeln, aber sein Zustand reizte ihre Neugier, ihn auszuforschen.
Der Spanier war offenbar ins Wasser gefallen, seine Sachen waren naß, trugen Lehmspuren, waren etwas zerrissen, und außerdem zeigten Gesicht, Hals und Hände Kratzwunden.
»Was ist denn mit Euch geschehen, Senor?« fragte Jenny.
»Ich bin unterwegs verunglückt,« lächelte Diego, aber es klang verstört, und er sah bleich aus. »Ich bin über einen Baumstamm gesprungen, ohne zu wissen, was dahinter war, und fiel in einen Sumpf und zugleich in einen Dornbusch.«
»Na, zieht Euch nur gleich um!« -
Es war am folgenden Morgen.
Jenny sortierte mit der alten Magd in der Küche Wäsche und ließ sie von andern Mägden nach den Vorratskammern bringen.
Diego saß am Fenster und las.
Da näherten sich dem Hause zwei fremde Männer, die einen in eine Decke gehüllten Gegenstand trugen. Es waren Fischer aus Jefferson.
»Mister Tanner! Wo ist Mister Tanner?« rief der eine. »Heraus, Leute! Hier ist ein Mord geschehen!«
Unter Schreckensrufen eilte alles hinaus.
»Ist das nicht der Junge, der auf diese Farm gehört?«
Die Männer hatten ihre Last niedergelegt und die Decke zurückgeschlagen. Ein schöner Knabe zeigte sich, im Jockeianzug, tot, das Gesicht von Kratzwunden übel zugerichtet, die Kleider zerrissen.
»Pedro!« erklang es einstimmig entsetzt.
Auch Diego hatte einen Schreckensruf ausgestoßen.
»Wo habt ihr ihn gefunden?«
»Am Ufer. Er schwamm unter einem über dem Wasser hängenden Busch, war mit den Kleidern in den Aesten hängen geblieben.«
Jenny war die erste, die sich von ihrem Entsetzen erholte.
»Niemand rühre den Toten an!« befahl sie. »Tragt ihn nur aus der Sonne dort in den Schatten. Schnell, Berty, sattle ein Pferd und reite nach Jefferson! Der Sheriff soll sofort herkommen! Erzähle ihm das, was du hier gesehen hast.«
Der Neger ritt in gestreckter Karriere fort.
Unterdessen steckten die Hausbewohner die Köpfe zusammen und flüsterten und blickten nach der Leiche unter dem Baume.
Ein Knecht hielt bei ihr Wache; er wehrte Diego, sich ihr ganz zu nähern, denn auch dieser blieb bei dem Toten, ihn mit sichtlich großem Schmerz und gefalteten Händen betrachtend. Auf welche Weise hatte Pedro seinen Tod gefunden? War er verunglückt? Hatte er Kastor nicht getroffen? Wo war der Neger?
Der Spanier ahnte nicht, daß er von den Bewohnern der Farm mit mißtrauischen Blicken beobachtet ward.
In Jenny war plötzlich wieder die Erinnerung daran aufgetaucht, daß Diego sie verschmäht hatte. Eine unersättliche Rachsucht bemächtigte sich der Seele der koketten Frau, und plötzlich murmelte sie halblaut vor sich hin, doch so, daß die Umstehenden es hören konnten:
»Diego hat den Knaben getötet!«
Aller Augen richteten sich entsetzt auf sie. Sie merkte es, und flüsternd schilderte sie nun, wie oft der Spanier mit dem Knaben allein spazieren gegangen, wie zärtlich er stets mit ihm gewesen sei.
Sie erging sich in dunklen Andeutungen, und der Giftsame, den das Weib ausstreute, ging auf.
»Gebt acht auf den Spanier, daß er nicht entspringt,« hieß es flüsternd.
Man beobachtete Diego, doch noch mußte die Ankunft des Richters abgewartet werden.
Dieser kam erst nach zwei Stunden, der Bote hatte ihn getroffen, als er eben von nächtlichem Ritt nach Hause gekommen war. In seiner Begleitung waren der Arzt von Jefferson und zwei Konstabler, sowie ein Fremder - Nobody.
In Pattersons ruhigen Zügen malte sich weder Schreck noch Mitleid, als er an die Leiche des Knaben trat, der auch noch im Tode, obgleich er schon bald zwanzig Stunden im Wasser gelegen hatte, und trotz der Verletzungen schön war. Während der Arzt die Untersuchung begann und den Leichnam entkleiden ließ, wurde dem Sheriff erzählt, wie die beiden Schiffer ihn gefunden hätten.
»Wann ist Pedro zum letzten Male auf der Farm gesehen worden?« wandte er sich an die Umstehenden.
»Gestern mittag so gegen zwölf hat er die Farm verlassen,« ergriff Jenny das Wort, sich die Augen trocknend. »Er wollte sich von Kastor nach der Freundschaftsinsel rudern lassen.«
»War Kastor hier bei ihm?«
»Nein, er sollte Pedro an der großen Eiche abholen.«
»Wo ist der Neger?«
»Ich weiß nicht, er ist noch nicht wiedergekommen. Aber er läßt sich auch nicht jeden Tag bei uns sehen, er arbeitet hier nur manchmal so bei Gelegenheit. Senor Diego kann Euch vielleicht mehr sagen.«
Nobody, der den Sheriff begleitet hatte, nicht etwa, weil er denselben beobachten wollte, sondern weil er dies stets getan hatte, so lange er der Gast Pattersons war, und es aufgefallen wäre, wenn er bei einem so wichtigen Fall daheimgeblieben wäre, verriet ebenfalls durch keine Miene, daß er die nähern Umstände der grausigen Tat kannte.
Selbstverständlich beschloß er, dem Sheriff kein Hindernis in den Weg zu legen, falls dieser vorläufig die Leute über den wahren Mörder täuschen wollte.
Sollte Diego, wie es den Anschein hatte, auf Anregung der eifersüchtigen Farmersfrau verhaftet werden, so konnte doch von seiner Verurteilung keine Rede sein. Da war denn immer noch Nobody da. Patterson aber spielte seine Rolle vortrefflich, Nobody mußte ihn insgeheim bewundern.
Daß ihm selber eine noch größere Bewunderung gebührte, weil er diesen Schurken entlarvt hatte und für immer unschädlich machen wollte, das kam dem Detektiven nicht in den Sinn.
Der Sheriff befragte inzwischen Diego eindringlich.
Dieser erweckte durch seine immer noch zunehmende Verlegenheit den Verdacht der Täterschaft - niemand zweifelte daran, niemand erhob Einspruch, als Patterson ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte:
»Senor Diego, Sie sind mein Gefangener!«
»Ich bin unschuldig!« hauchte der Spanier.
Nobody erhob keinen Einspruch. Er regte nicht einmal an, daß man die Angaben des Verhafteten auf ihre Wahrheit prüfen sollte. Er hatte seine guten Gründe dazu. Er ahnte die kommenden Ereignisse voraus.
Der Spanier wurde als Gefangener nach Jefferson geführt, verhaftet wegen des Verdachtes, an einem Knaben einen Lustmord begangen zu haben. -
Ganz Jefferson war sowieso schon in Aufregung.
Heute nacht war wiederum ein großes Stromboot, beladen mit kostbaren Stoffen, darunter auch Seide, gescheitert. Wo, wußte man nicht, jedenfalls stromaufwärts von der Freundschaftsinsel, denn die Bewohner derselben hatten Leichen und einige geborgene Kisten gebracht, die der Eigentümer natürlich gegen schweres Geld auslösen mußte. Niemand in Jefferson ahnte noch die Wahrheit.
Alles hatten jene wohl auch nicht ausgeliefert.
Noch standen die Stromschiffer in Gruppen zusammen und disputierten über den Unglücksfall, als ein Gerücht auftauchte - man wußte nicht woher - das mit Blitzesschnelle von Mund zu Mund ging und die furchtbarste Aufregung hervorbrachte. Jener fremde Spanier, der sich seit einiger Zeit in Jefferson und in der Umgebung umhertrieb, sich zuletzt auch auf Tanners Farm aufhielt, hätte an Pedro einen Lustmord begangen.
Wilde Flüche wurden laut, die Hände fuhren nach verborgenen Waffen; das spanische Element tat gut daran, sich nicht auf den Straßen sehen zu lassen, spanische Trinkstuben und Geschäfte wurden geschlossen.
Der Quadrone war überall bekannt und beliebt, man hatte den schönen Knaben gern gehabt wegen seines trotzigen Uebermutes. Eben, weil er ein Quadrone war, wandte sich der Haß doppelt gegen die Spanier.
Bekanntlich entbrannte der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas wegen der Sklavenfrage. Gerade hier in der Gegend von Jefferson war ein Zentrum der nordischen Union gewesen, welche die Neger frei haben wollte.
Der Süden dagegen und ganz besonders die Spanier glaubten, und sie glauben es zum Teil noch jetzt, daß die Neger überhaupt keine Menschen seien, nur willenlose Werkzeuge, zur Sklaverei geboren, und dasselbe gilt von allen, die auch nur einen Tropfen Negerblut in ihren Adern haben.
Nun war Pedro ein Quadrone, ein Spanier hatte ihn ermordet! Das erforderte Rache, nicht nur eine einfache Strafe des Gerichtes. Richter Lynch lebte noch! Man entsann sich auch plötzlich, wie scheu Diego herumgeschlichen war, wie er sich von allen Festlichkeiten fernhielt, wie er jedem Weibe ängstlich aus dem Wege ging, ja, man erzählte sich auch noch andre Geschichten, besonders Dirnen, an denen es in Jefferson nicht fehlte, wußten allerlei von ihm.
Der Sheriff traf ein. Einige Männer, die außer den beiden Konstablern den Sicherheitsdienst verrichteten, hatten sich ihm angeschlossen, um den Gefangenen vor der voraussichtlichen Wut des Volkes zu schützen.
Man sah es ihnen an, wie ungern sie ihres Amtes walteten.
Und die Empörung blieb nicht aus. Die Männer rotteten sich zusammen, folgten dem Zuge, umschwärmten ihn unter drohenden Ausrufen.
»An den nächsten Baum mit dem verfluchten Spanier! - Lyncht den Knabenschänder! - Freie Bürger, laßt ihr euch das gefallen? - Nieder mit den Spaniern!« So klang es durcheinander; am meisten lärmten die Weiber, auf Diego mit den Fingern zeigend, vor ihm ausspuckend.
Dieser schritt fessellos in der Mitte, den Kopf tief auf die Brust geneigt, wirklich einem Schuldigen gleichend.
Nur die Gegenwart des Sheriffs hielt das Volk ab, die Konstabler mit Gewalt auseinanderzutreiben und an dem Gefangenen seine Wut auszulassen. Man wußte, daß der Sheriff nicht mit sich spaßen ließ.
Trotzdem nahm die Situation einen immer drohenderen Charakter an.
»Ruhe, Leute!« übertönte Pattersons sonore, mächtige Stimme den Lärm. »Dieser Mann ist wegen eines Verdachtes verhaftet. Es muß erst bewiesen werden, daß er die Tat begangen hat. Wollt ihr, Bürger, einen Mann ohne Verurteilung hängen?«
Die Ansicht teilte sich.
Die einen schrien: Hoch lebe Richter Lynch! Nieder mit dem Knabenschänder! Er hat es doch getan, er ist ein Spanier. Er wird uns entwischen! Die andern jubelten dem Sheriff zu und verlangten das Zusammentreten des Gerichts, und gerade die Leute, die dieses forderten, waren besonders rohe und verwahrloste Menschen, was der beobachtende Nobody sofort bemerkte.
Der Verhaftete ward in das stark gebaute Gefängnis gebracht, welches von der Menge belagert wurde. Die sorgte schon dafür, daß er nicht entsprang.
Patterson betrat sein Haus, mit ihm Nobody.
Nach einigen Stunden verließen beide es wieder, um sich nach dem Building zu begeben, wo sich inzwischen die Jury versammelt haben mußte.
Patterson verabschiedete sich freundlich von seiner Gattin. Er hatte die ganze Zeit allein in seinem Zimmer gesessen.
Missis Patterson wollte eben ihren häuslichen Arbeiten nachgehn, da ward die Tür geöffnet.
»Gott sei Dank, Mary, daß du kommst ...«
Nein, das war die Schwägerin nicht.
Auf der Schwelle stand ein junger Mann. Oder war's ein Knabe, der die Kleider eines Erwachsenen angezogen hatte? Eine ganz seltsame Erscheinung!
Er war klein, der Anzug schlotterte um den Körper, die Beinkleider waren hoch aufgekrempelt, die Hände verschwanden völlig in den Aermeln, der Hut war tief in die Stirn gerutscht. Was man von dem Gesicht noch sehen konnte, war wieder merkwürdig: ein wunderbar kleiner, zierlicher Mund, überhaupt alles so fein und zart, das Näschen, die Ohren! Der Teint war wie Milch und Blut, das Antlitz war weiß und zart wie frisch gefallener Schnee, aber auf jeder Wange zeichnete sich scharf ein großer, roter Fleck ab.
Die großen, schönen Augen, in denen es unsicher flackerte, musterten die Hausfrau mit dem Ausdruck der größten Spannung.
»Wohnt Mister Patterson hier?« fragte eine weiche, bebende Stimme.
»Ja, aber er ist zur Gerichtssitzung.«
»Nicht wahr, er ist doch der Sheriff von Jefferson?«
»Jawohl. Wünschen Sie etwas von ihm?«
»Ja - nein - wenn Sie Missis Patterson sind?«
»Die bin ich.«
»Die Frau des Sheriffs?«
»Ja.«
»Des Sheriffs, welcher am ersten Juni stets auf die Freundschaftsinsel kommt?«
Die Frau war selbst so mit ihren eignen Gedanken beschäftigt, daß sie die Merkwürdigkeit der Fragen gar nicht beachtete.
»Jawohl.«
»Und das ist seine Wohnung?«
»Natürlich.«
»Sie lieben Ihren Mann wohl recht sehr?«
»Und ob ich ihn liebe!« Jetzt blickte Missis Patterson doch erstaunt auf. »Was wünschen Sie eigentlich?«
»O - nichts - ich fragte nur so. Also Mister Patterson ist in der Gerichtssitzung?«
»Ja, heute wird das Urteil über Diego gesprochen.«
»Danke sehr, ich will hingehn und ...«
Die letzten Worte erstarben in einem unverständlichen Murmeln. Noch einen langen Blick durch das Zimmer gleiten lassend, noch einen stechenden auf die Frau werfend, entfernte sich der junge Mann, der sich so seltsam benahm.
Das Building war ein niedriges Gebäude, nur einen einzigen großen Saal bildend. Er war dichtgedrängt voll, meist von Stromschiffern und Trappern. Ein abgegrenzter Teil war für Bürger von Jefferson reserviert. Alles stand, nur die Geschworenen nicht, welche die Bänke an der Hinterwand einnahmen. Niemand trug eine Amtstracht, nicht einmal das Sonntagsgewand.
Wie sie von der Arbeit kamen, so pflegten die Leute jetzt ihres Ehrenamtes.
Die Verhandlung war im besten Gange. Es wurden lange Reden gehalten, aber kurzer Prozeß gemacht.
Vor dem Richter stand zwischen zwei Konstablern Diego, so niedergeschlagen wie immer, einfach seine Unschuld beteuernd.
»Sie erlauben wohl, ich bin so klein,« sagte da hinter einem riesigen Stromschiffer ein feines Stimmchen.
Der Riese drehte sich um, sah den zarten, kleinen Wicht, dessen Gesicht unter dem Hute fast verschwand, und trat lachend zur Seite.
Das Wort >ich bin so klein< wirkte immer so humoristisch, daß jeder dem neugierigen Kerlchen Platz machte.
So kam er in die erste Reihe.
»Sie erlauben, wo ist denn der Sheriff?« wandte er sich dann an den Nachbar.
»Ihr seid wohl fremd hier? Dort steht er ja.«
»Der?!« Die Augen des Kleinen verschlangen Patterson.
Nur einer der Anwesenden kannte den Kleinen.
Nobody stand in einer Ecke, und leise murmelte er vor sich hin:
»So ist sie doch gekommen. Carmen hat sich überzeugt, daß der geliebte Mann sie schnöde betrog. Die Katastrophe, die ich ahnte, bricht herein. Ich werde sie nicht aufhalten. Man soll dem Schicksal nicht gebieten wollen. Ich würde es am wenigsten tun!«
So sprach der Mann, der für so viele Menschen, die von den Pfaden des Gesetzes abgewichen waren, selber zum vernichtenden Schicksal geworden war!