»Bitte sehr!«
»Im Saale mag ich nämlich nicht speisen, es ist mir schrecklich, zuzusehen, wenn die gefräßigen Menschen so über das Essen herfallen und schlingen. Im übrigen brauchen Sie keine Angst zu haben, ich beiße Sie nicht. Ich fühle es stets im voraus, wenn es kommt, und lasse mich festschnallen. Dann freilich geht's los, ich rase und schnappe um mich, daß es nur so eine Art hat.«
Zwei Anstaltswärter trugen auf, Mojan und Leckebald setzten sich und aßen: zuerst Suppe und einige leichte Vorspeisen, dann etwas Massives, Beefsteak, dann Zwischenspeisen, verschiedene Sorten Braten, dann Fisch und Geflügel, dazu Kompott und Salat, zuletzt Torte, Eis, Früchte und schließlich auch noch Butterbrot und Käse.
Mojan aß, wie man sagt, wie ein Scheunendrescher, dabei klagte er fortwährend über Appetitlosigkeit, die ihm jede Tafelfreude verderbe, auch Leckebald leckte ganz hübsch, er fütterte seinen Hundewurm mit.
Der Onkel trank erst leichte, dann feurige Weine, der Neffe schenkte sich fleißig aus einer dickbauchigen Flasche eine hellgelbe Flüssigkeit ein und goß sie stets mit einem Zuge hinter.
Nobody war zum Mitessen aufgefordert worden, aber er hatte dankend abgelehnt. Er blieb trotzdem, um dieses spaßige Kerlchen noch weiter kennen zu lernen. Er wollte sich, ehe er von Jefferson schied, einen Scherz mit Cerberus Mojan machen, gleichzeitig aber versuchen, den Mann von seiner törichten Manie zu kurieren.
»Daß Ihr Neffe nur nicht zu viel trinkt,« meinte er einmal.
»Das schadet nichts, das ist gesund.«
»So eine ganze Flasche muß ihm doch in den Kopf steigen.«
»In den Kopf steigen?«
»Was für Wein ist denn das?«
»Wein? Hahaha, das ist doch Rizinusöl!«
Mojan war fertig, band die Serviette ab, aber nur, um sie mit einem andern Zipfel in die Halsbinde zu stecken.
Wie er immer zu dem aufwartenden Diener sehr höflich gewesen war, so wandte er sich auch jetzt freundlich an ihn.
»Bitte, Sir, nun fehlt nur noch meine spezielle Nachspeise.«
»Sie wünschen, Mister?«
»Um meinen Feuerpudding bitte ich. Ich hatte ihn für mich allein bestellt, der Junge soll das heiße Zeug nicht essen.«
»Aber - Mister Mojan - ich weiß nicht - das Menü ist alle - und die Köchin ...«
Cerberus zog drohend die Stirn in Falten.
»Wie? Habe ich Ihnen heute morgen nicht das Rezept zu dem Feuerpudding eigenhändig aufgeschrieben?«
Der Diener fuhr mit der einen Hand hinters Ohr, mit der andern in die Brusttasche.
»Das Rezept habe ich noch hier,« sagte er kleinlaut.
»Was, nicht abgegeben?«
»Ich hab's - vergessen.«
Wie von einer Natter gestochen fuhr der Dicke auf.
»Ha, ich kriege ihn - jetzt kommt's[,]« keuchte er. »Sie - Sie - Sie Brüllaffe - Sie Mantelpavian - lassen Sie sich im zoologischen Garten ausstellen - Sie Wiedehopf, stinkiger - vergessen - vergessen - da hört doch alles auf - meinen Feuerpudding zu vergessen - ich steche Ihnen die Gabel in den Bauch, daß Sie Ihre Eingeweide auseinanderfitzen können - Sie voll Jauche gefülltes Känguruh - Sie sind ja dümmer als - als - als wir alle zusammengenommen - Sie noch gar nicht entdeckter Mistkäfer - gehn Sie weg - gehn Sie weg - ich beiße Sie ...«
So wütend Mojan auch war, Furcht vor dem Tobsüchtigen schien man nicht zu haben.
Der Diener stand nur unter seiner Schuld zusammengeknickt da, Leckebald tauchte eine Pfirsiche in Rizinusöl und verzehrte sie, und Nobody lächelte.
»In wieviel Minuten ist der Flammenpudding fertig?«
»In zwanzig Minuten.«
»Wenn er dann nicht auf dem Tisch steht, in hellen Flammen - dann - dann - ich beiße sie alle, alle, die Köchin auch - daß sie hundswütig werden - in zwanzig Minuten - so lange warte ich noch mit meinem Tobsuchtsanfall - fort, Sie zerfressene Heringsfratze - Sie choleraverseuchter Hungerlappen!«
Der Diener schoß zur Tür hinaus, Mojan schnappte nach Atem, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah nach der Uhr.
»Zwanzig Minuten warte ich noch, dann aber bricht bei mir die Hundswut aus, länger schiebe ich sie nicht auf. Das ist gesundheitsschädlich!«
In zwanzig Minuten stand denn auch die Eierspeise auf dem Tisch. Mojan zündete den darübergegossenen Likör an, ließ ihn eine Weile brennen und verzehrte dann das so bereitete Gericht mit Behagen.
»So, nun kann der Wutausbruch losgehn,« sagte er befriedigt, sich den Mund wischend. »Passen Sie auf, Mister, jetzt können Sie etwas erleben, wie ich tobe und um mich schnappe. Daß niemand meinem Mund zu nahe kommt, besonders nicht, wenn Schaum davorsteht! Schnallt mich fest!«
Er legte sich nieder, die Hände über dem Bauch gefaltet, und wurde so festgeschnallt.
Leckebald leckte unterdessen die Teller ab.
Nachdem sich die Wärter entfernt hatten, erklärte Mojan noch, wie sich die Tollwut bei ihm äußern würde, und schloß die Augen.
»Passen Sie auf, jetzt geht's gleich los!«
Nobody blieb noch im Zimmer. Aber der biedere Dicke begann nicht zu toben, nicht mit den Händen in der Luft herumzugreifen, nicht zu schnappen und die Zähne zu weisen, auch kein Schaum trat ihm vor den Mund, dagegen dauerte es nicht lange, so fing er auf eine fürchterliche Weise an zu schnarchen.
Es war, als wenn ein halbes Dutzend Sägemühlen sich in voller Tätigkeit befänden. Und dabei blieb es.
Leckebald hatte die Teller mit der Zunge poliert und schlich auf den Zehenspitzen zu Nobody.
»Jetzt tobt Lecke-Onkel.«
»Macht er das immer so?«
»Jedesmal nach dem Lecke-Essen. Leckebald geht nach der - der - Lecke-Küche, die - die Lecke-Köchin sagt, ich sei ein - ein Lecke-Leckermaul und - und - gibt mir immer Lecke-Leckerbissen. Heute - heute hat sie noch Lecke-Pfannkuchen, und - und Leckebald hat noch solchen Lecke-Hunger.«
»Gott segne deine Studia, mein Junge!«
Leckebald ging nach der Küche, um sich noch richtig sattzuessen.
Nobody verließ ebenfalls das Zimmer. Er suchte den Arzt des Krankenhauses auf und hatte mit dem Herrn eine lange Unterredung, die sehr lustig zu sein schien, denn die beiden lachten wiederholt laut auf und konnten sich dann allemal gar nicht wieder beruhigen.
Endlich erhob sich Nobody und betrat den Raum wieder, wo der tobsüchtige Cerberus Mojan festgebunden auf seinem Lager ruhte. Er schnarchte noch immer. Nicht lange aber, so geriet er mit dem Sägen aus dem Takt, ein Astloch war ihm im Wege, es kamen Mißtöne in die Harmonie, er verschluckte sich, leiser und leiser wurden die Töne, bis sie in einem Moll-Akkord ausklangen.
Da gähnte er und schlug die Augen auf.
»Aaaah! Glücklich wieder einen Tobsuchtsanfall überstanden. Nun, wie war's? Sind Sie immer hier geblieben?«
»Ja, es war einfach schrecklich.«
»Habe ich mich gewälzt?«
»Sie versuchten die Fesseln zu sprengen.«
»Sehen Sie! Habe ich um mich geschnappt?«
»Ich bekam ordentlich Angst.«
»Die brauchen Sie nicht zu haben, die Riemen halten. Wie war's denn mit dem Schaum?«
»Wie Schlagsahne stand er Ihnen vorm Mund.«
»Und giftig ist diese Schlagsahne, sage ich Ihnen! Die dürfte niemand auf die Schokolade tun. Habe ich gebrüllt?«
»Es klang wie die Posaunen am jüngsten Gericht.«
»Wie lange wahrte denn der Anfall?«
»Gute zwei Stunden.«
»Nun denken Sie einmal, und solche Anfälle habe ich täglich zweimal, einen nach dem Frühstück und einen nach dem Mittagessen! Nach dem Kaffeetrinken, so gegen fünf, habe ich auch noch Neigung, in Tobsucht zu fallen, aber die unterdrücke ich stets. Ein Glück, daß ich wenigstens des Nachts gut schlafen kann, sonst käme ich noch ganz auf den Hund. Abmagern tue ich ja ganz schrecklich. Finden Sie nicht, daß ich schon wieder etwas magerer geworden bin?«
»Ich habe es gleich bemerkt.«
»Und was ich bei solchen Tobsuchtsanfällen für merkwürdige Visionen habe! Das geht auf keine Kuhhaut. So war mir jetzt gerade, als ob ich mich in einem Wald befände, aber das waren keine Bäume, sondern Gaslaternen, an denen Kokosnüsse wuchsen. Eine pflücke ich ab, so groß wie eine Kegelkugel, stecke sie in den Mund, knacke sie auf, und was ist darin? Lauter Trichinen, Myriaden von Trichinen, es kribbelt und wiebelt nur so darin. Ich aber fahre mit einem Löffel hinein, um sie zu essen, mit einem Male aber sind's keine Trichinen mehr, sondern gebratene Wachteln. Weiter ging's nicht. Es ist gerade, als ob man solchen Unsinn träume. Das ist's ja aber eben, das sind die Visionen, von denen der Hundswütige geplagt wird. Wo ist denn Leckebald?«
»Der wollte studieren gehn.«
»Studieren? So? Wohin denn?«
»In die Küche, vielleicht auch zur Lecke-Schwester.«
»Das macht er recht. So ein Junge, will studieren! Ja, ein kluger Junge ist er, davon machen Sie sich keinen Begriff. Als wir einmal im zoologischen Garten sind und vor einem Käfig stehn, in dem eine ungeheure Riesenschildkröte ist, da sagt Leckebald plötzlich: >Du, Onkel, das ist wohl eine Elefantenlaus?< Ich erkläre ihm, daß es eine Riesenschildkröte ist. >Nein, das ist eine Elefantenlaus<, behauptet aber Leckebald, packt mich am Rockfittich und schleift mich nach dem Elefantenstall.
»Dort hängt ein Bild an der Wand mit einem Tier darauf, das ganz wie eine große Schildkröte aussieht, und darunter steht: >Elefantenlaus, tausendmal vergrößert.<
»Ich hatte es ihm gezeigt, und Leckebald hatte es sich gemerkt. Es ist einfach großartig, was der für einen Verstehstemich im Kopfe hat.
»Wie wir zum Beispiel vor einem Gorilla stehn, schreit er mit einem Male: >Du, Onkel, da sitzt ja Nick Daniel ohne Hemd!< Nick ist nämlich mein Nachbar, der wirklich so ein Affengesicht hat.
»Hören Sie, wie der Junge gescheit ist! Ich hätt's vergessen. Junge, du mußt Arzt werden.«
Leckebald hatte sich mittlerweile wieder ins Zimmer geschlichen.
»Ach nein.«
»Was willst du denn sonst werden?«
»Kon - Kon - Kon ...«
»Na, was denn? Konteradmiral?«
»Nee, Lecke-Konditor.«
»Ach was, Kuchen kannst du dir genug kaufen, Geld bekommst du ja einmal. Junge, du mußt Künstler werden. Leckebald hat nämlich außerordentliches Talent; wenn der ein Stück Kreide in die Hände kriegt, schmiert er alle Wände voll. Nicht etwa so wie andre Kinder, nein, man kann ganz genau unterscheiden, ob's einen Menschen oder eine Lokomotive vorstellen soll. Also Künstler mußt du auf alle Fälle werden, Leckebald, das heißt nur so aus nobler Passion, zum Zeitvertreib.«
Plötzlich verstummte Cerberus. Er begann schrecklich zu stöhnen und sich zu winden, purpurrot im Gesicht.
»Mein Magen! Mein Magen!«
»Lassen Sie ihn sich doch einmal herausschneiden!« meinte Nobody ernsthaft.
»Sie haben gut reden, Sie täten's auch nicht. Ueberlegt habe ich mir die Sache auch schon, aber da ist mir etwas eingefallen, was ich in einer Zeitung gelesen habe. Da haben sie auch einem Manne den Magen aufgeschlitzt, der Arzt nimmt bei der Sezierung und Reinigung eine Prise, macht seine Sache, setzt den Magen wieder hinein, flickt den Bauch zusammen, und die Geschichte ist gut.
»Mit einem Male findet der Arzt seine silberne Schnupftabaksdose nicht, kehrt alles um, die Dose ist fort.
»Nach einigen Jahren stirbt der Mann, nicht etwa infolge der Magenoperation, nein, am Delirium.
»Der Magen soll aufgemacht werden, um zu sehen, ob die Wände vom Schnaps recht angegriffen sind. Derselbe Arzt ist wieder dabei.
»Was findet man darin? Eine silberne Schnupftabaksdose. Der Arzt hatte sie aus Versehen in den Magen gelegt, und da war sie dringeblieben.«
»Und der Schnupftabak?« lachte Nobody.
»Noch ganz frisch, die Dose schloß gut, nur sie selbst war von der Magensäure etwas angegangen. Der Arzt bot gleich seinen Kollegen eine Prise an. Der Mann hat also jahrelang eine gefüllte Schnupftabaksdose mit sich im Bauche herumgetragen.
»Sehen Sie, so etwas könnte bei mir auch passieren, und deshalb lasse ich es lieber bleiben. Schließlich legt der Arzt aus Versehen eine Dynamitpatrone in meinen Magen und näht ihn zusammen - oder gar eine Spieluhr, die ein Jahr lang geht und aller Stunden die Nationalhymne spielt. Brrr, nein, da behalte ich lieber meine Polypen!«
Die gewaltige Ueberladung des Magens machte aber doch noch einmal ihre Wirkung geltend. Mr. Cerberus Mojan schlief wieder ein und schnarchte gewaltig. Sofort eilte Nobody hinaus und kehrte mit dem Arzte und einigen Lazarettgehilfen zurück. Ein geheimmsvolles Treiben begann in der Krankenstube, unterbrochen von Kichern und Flüstern.
Endlich erwachte der Dicke wieder. Er blickte verstört um sich.
Auf seinem Leibe war es ihm so naßkalt, vor seinem Bett, auf dem er wie immer festgeschnallt lag, stand der Arzt, die Hemdsärmel hoch aufgekrempelt, ein blutiges Messer in der Hand und machte ein sehr ernstes Gesicht.
»Was - was - ist denn los?« stotterte Mojan.
»Mister Mojan, wie befinden Sie sich?« fragte der Doktor.
»Ich? Ich danke. So lala. Habe ich recht getobt?«
»Nein, Sie waren chloroformiert.«
»Ich - chloroformiert? Warum denn?«
»Sie haben nicht ohne Grund über Magenschmerzen geklagt.«
»Das tue ich nie.«
»Ich wußte es, die Sache stand sehr schlimm mit Ihnen, und - Mister Mojan, fassen Sie sich, erschrecken Sie nicht - ich habe Ihnen den Magen herausgenommen!«
Das sonst rote Gesicht des Dicken wurde kreideweiß; er schloß die Augen und stöhnte.
»Ich hole mir Ihre Erlaubnis nachträglich. Meine Pflicht, Sie am Leben zu erhalten, gebot es mir.«
»Meinen - Magen - will - ich - wieder haben!« flüsterte der Operierte.
»Er wird gereinigt.«
»Mir - ist - so - leer - im - Bauche.«
»Interessiert es Sie denn gar nicht, zu erfahren, wie Ihr Inneres aussieht?«
Cerberus blinzelte, sah etwas Blutiges vor sich, schloß die Augen schnell wieder und schlug sie dann ganz auf. Ein aufgeschnittener, sehr großer Magen, frisch und blutig, ward ihm vorgehalten.
»Das - ist - das ist - mein Magen?«
»Das ist Ihr Magen!«
»O - o - mir wird schlecht - einen Whisky muß ich trinken.«
»Sie vergessen ganz, daß Sie keinen Magen mehr im Leibe haben. Der Whisky würde, direkt zwischen die Eingeweide laufen.«
»Richtig - richtig!«
»Und diese verbrennen.«
»Nein - nein - ich mag keinen Whisky!«
»Außerdem habe ich Ihre Speiseröhre von innen verstopft.«
»Verstopft - womit?«
»Mit einem Gummistöpsel.«
»Ah - ich sterbe!«
»Nein, Sie werden nicht sterben!«
»Ich fühl's!« hauchte Cerberus. »Um was wetten wir?«
»An dieser Operation werden Sie nicht sterben.«
»Garantieren Sie mir?«
»Ja. Mit meinem Kopfe.«
»Gut - gut - aber - aber - vergessen Sie nicht - den Gummistöpsel - wieder herauszunehmen.«
»Seien Sie ohne Sorge!«
»Und - und - nichts mit in den Magen aus Versehen hineinnähen.«
»Was denn?«
»Keine - Schnupftabaksdose!«
»So etwas passiert mir nicht!«
»Keine englische Spieluhr.«
»Torheit.«
»Und - den Gummipfropfen nicht vergessen.«
»Nein, beruhigen Sie sich! Ihr Magen freilich befindet sich in einem abscheulichen Zustande.«
»Ich ahnte es.«