»Der Inhalt war haarsträubend.«
»Haar - Haar - Haare waren darin?«
»Noch ganz andre Dinge. Sie hatten ganz recht mit Ihrer Behauptung, wir haben alles gefunden. Wollen Sie sich den Inhalt nicht einmal ansehen?«
Mojan blickte nach dem Tisch, er sah darauf Becken mit blutigem Inhalt stehn.
»Zuerst dieser Polyp - er ist bereits tot.«
Der Dicke schauderte zusammen.
So ein Vieh da, wie ihm vorgehalten wurde, hatte er noch nie gesehen. Aber auch der gelehrteste Naturforscher hätte das Tier nicht klassifizieren können, wenn er der Sache nicht auf den Grund ging. Es war eine faustgroße, weiche Kugel, in allen Farben schillernd, mit Saugarmen und mit einem Kopfe, aus dem rote Augen und ein großes Maul mit spitzen Zähnen hervorsahen.
Dem Leser darf verraten werden, daß es ein toter Tintenfisch war, mit verschiedenen Farben übergossen. An ihm war eine kleine Kartoffel befestigt, die zum Kopf bearbeitet worden war.
»Ja, das ist er - der Polyp,« flüsterte Mojan mit schwacher Stimme, »so habe ich ihn mir vorgestellt - nur nicht so groß!«
»Darf ich ihn dem Museum vermachen?«
»Meinetwegen - aber mit meinem Namen - in Cerberus Mojans Magen gefunden. Also - er war doch nicht mehr am Herzen?«
»Nein, im Magen! Er war eben dabei, ein Beefsteak zu verzehren, das Sie zu zerkleinern schon die Freundlichkeit gehabt hatten.«
»So eine Canaille. Wie kam er denn in den Magen?«
»Durch die Magenwand!«
»Da muß doch aber - ein Loch darin sein?«
»Und was für eins! Hier, sehen Sie!«
»Heilt das zu?«
»Natürlich, wenn der Magen erst wieder im Leibe angenäht ist. Es kommt ein Pflaster darauf. Numero zwei: ein Bandwurm, 72 Meter 86 Zentimeter 11 Millimeter lang.«
Vor Mojans Augen ward ein endloses, nasses Band mehrmals durch die Stube gespannt.
»Bald 73 - Meter - so ein Vieh!«
»Ich habe schon größere gesehen.«
»War er denn - in meinem Magen?«
»Natürlich.«
»Ich denke - Bandwürmer sind - nur in den Eingeweiden?«
»Ach so, ja, nur die hintern Hälften waren darin, die Köpfe staken in den Eingeweiden. Wir bekamen sie aber heraus.«
»Die - die - Köpfe ...?«
»Drei Stück liegen hier. Der zweite ist etwa 60 Meter lang, der dritte 40 Meter.«
»Drei Stück auf einmal!« stöhnte Cerberus.
»Wollen Sie sie sich als Andenken aufbewahren? Etwa in Spiritus aufsetzen?«
»Nein - danke - hängen Sie sich - die Bandwürmer - an die Uhrkette! Haben Sie - Trichinen?«
»Ich? Nein. Sie aber auch nicht.«
»Keine gefunden?«
»Keine Spur davon!«
»Trichinen sind auch nicht - im Magen.«
»Ich habe mir auch erlaubt, Ihnen ein Stückchen Muskel aus dem linken Oberarm zu schneiden und dasselbe mikroskopisch zu untersuchen. Ich versichere Sie, daß Sie keine einzige Trichine im Körper haben.«
»Ein Stückchen Muskel - ausgeschnitten!« wimmerte der Dicke.
»Es ist bereits wieder eingenäht, und die Wunde wird narbenlos heilen - natürlich nur, wenn Sie sich danach halten.«
Mojan spürte plötzlich einen brennenden Schmerz am Arm.
»Ferner haben wir dies in Ihrem Magen gefunden.«
Eine verrostete Haarnadel ward ihm vorgehalten.
»Eine Haarnadel! - Wie kommt denn die hinein?«
»Das frage ich Sie auch.«
»Und verrostet!«
»Nein, von der Magensäure zerfressen.«
»Haarnadeln im Bauch - o, diese verfluchten Weiber!« stöhnte Mojan.
»Wissen Sie nicht, daß Sie einmal eine Haarnadel aus Versehen verschluckt haben?«
»Nein - ja - wie lange mag ich sie schon im Magen haben?«
»Der Zerstörung durch die Magensäure nach schließe ich auf zehn bis zwölf Wochen.«
»Es kann stimmen - vor drei Monaten - ja - ist Leckebald in der Stube?«
»Nein.«
»Gut - braucht es auch nicht zu hören - vor drei Monaten - die Miß Betty - vom Ballett - das Frauenzimmer hatte so viel Haarnadeln auf dem Kopfe - da mag ich eine verschluckt haben - ohne daß ich es wußte - na, wenn ich aber erst wieder nach San Francisco komme - das heißt lebendig!«
»Durch das Aufschneiden des Magens und Herausnehmen des unverdaulichen Inhaltes habe ich Ihr Leben um mindestens zehn Jahre verlängert. Haben Ihnen denn die Sachen nicht recht viel Schmerzen gemacht?«
»Sie wissen es ja - und was für welche!«
»Zum Beispiel diese Hosenknöpfe, die sich in einer Falte des Magens festgeklemmt hatten.«
»Diese - Hosen - Hosen - Hosen im Magen,« stotterte Mojan.
»Nein, ein ganzes Paar Hosen nicht, nur zwei Hosenknöpfe sind es.«
»Das genügt auch schon.«
»Sie haben eine sehr weite Speiseröhre, müssen das Essen sehr sorgsam zerkleinern.«
»Werde - werde - mir - eine Mahlmaschine anschaffen.«
»Ihre Zähne genügen auch. Nun fand sich in Ihrem Magen noch dieser Schlüssel, jedenfalls ein Hausschlüssel.«
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Mojan den mächtigen, verrosteten Schlüssel an.
»Ein - ein - Hausschlüssel! Deshalb war's mir immer so schwer im Magen!«
»Das kann ich mir denken! Wie kommt der Schlüssel in Ihren Magen?«
»Ich weiß nicht - ja - ich erinnere mich - konnte einmal des Nachts den Hausschlüssel nicht finden - und hatte ihn doch eingesteckt.«
»Waren Sie betrunken?«
»Nein - ein bißchen.«
»Sehen Sie, und da haben Sie den Hausschlüssel, anstatt in das Schlüsselloch, in Ihren Mund gesteckt und wie eine Stange Spargel hinuntergeschluckt. Wie lange ist das schon her?«
»Vier Jahre.«
»So sieht er auch aus. Nun ist bloß dieses noch ...«
»Immer noch etwas? Mein Gott, mein Gott, hast du mich denn nur ganz und gar verlassen?!«
»Danken Sie lieber Gott, daß er mir eingab, Ihnen den Magen aufzuschneiden! Also, nun noch eine durchlöcherte Scheibe und ein Ring, sowie ein röhrenähnlicher Gegenstand aus Horn.«
»Eine ganze Maschinerie!«
»So schlimm ist es nicht. Es hat zu einem sogenannten Nutsch oder Zulp oder Lutscher gehört. Den Gummi haben Sie verdaut. Lutschen Sie denn?«
»Ich? Nein - nein - niemals.«
»Es kann auch nicht anders sein, als daß Sie ihn schon als Kind verschluckt haben.«
»So ist es.«
»Demnach tragen Sie den Lutscher länger als vierzig Jahre im Magen mit sich herum.«
»O, diese verdammten Lutscher - ich habe es doch immer gesagt - darum war es mir manchmal so weichlich im Magen.«
»Nun können Sie desto glücklicher sein. Ihr Magen ist jetzt wieder wie der eines neugebornen Kindes - nur etwas größer.«
»Sonst war nichts weiter darin?«
»Nein.«
»Gar nichts weiter?«
»Hat Ihnen das nicht genügt?«
»Keine Schnupftabaksdose?«
»Nein, Sie Unzufriedener.«
»Keine volle Tintenflasche? Ich hatte nämlich früher die Angewohnheit, an der Feder zu lecken.«
»Ich glaube, Sie können noch scherzen. Die Operation ist noch nicht vorüber.«
»Was? Noch immer nicht?« schrie Mojan erschrocken.
»Der Magen muß doch erst wieder hineingesetzt werden! Oder wollen Sie lieber ohne Magen herumlaufen?«
»Um Gottes willen nicht,« kreischte der Gefolterte, »setzen Sie ihn ein - setzen Sie ihn ein - aber vergessen Sie nicht, vorher den Gummipfropfen herauszunehmen!«
»So schnell geht das nicht, mein Freund. Einige Stunden müssen Sie sich ohne Magen behelfen.«
»Einige Stunden! Ohne Magen! Warum denn nur? Mir ist schon so furchtbar leer im Bauche.«
»Der Magen muß natürlich erst gereinigt werden, naß mit Bürste, Sand, Seife und Soda, dann wird er in den Rauchfang zum Trocknen gehängt, dann wird er noch einmal angefeuchtet, und ich nähe die Löcher zusammen, schließlich wird er mindestens zwei Stunden in Karbol gelegt - zum Desinfizieren. Dann erst werde ich ihn wieder kunstgerecht annähen.«
»Mein Gott, mein Gott,« jammerte Mojan, »so furchtbar lange!«
»Versuchen Sie einstweilen zu schlafen.«
»Ich kann nicht! Und nähen Sie ihn nur ja nicht verkehrt an, das Unterste zu oberst.«
»Seien Sie ohne Sorge, auf so etwas verstehe ich mich.«
»Und den Gummipfropfen ...«
»Den nehme ich vorher heraus, verlassen Sie sich darauf!«
»Sonst könnte ich ja gar nichts mehr essen und trinken.«
»Ja, mein lieber Herr, mit Essen und Trinken müssen Sie sich überhaupt in der nächsten Zeit äußerst vorsehen, sonst garantiere ich für nichts. Ihr Magen wird natürlich zuerst äußerst empfindlich sein. Nur etwas zu viel, etwas Scharfes - und ein Blutsturz wäre die nächste Folge; dann würden die Nahtwunden in Brand geraten, der Magen in Fäulnis übergehn und schließlich ...«
»Hören Sie auf - hören Sie auf!« lispelte Mojan mit schwacher Stimme, und ein Zittern ging durch seinen Körper.
Der Arzt hatte seine Sachen, den Magen und die blutigen Reliquien eingepackt und verließ das Zimmer.
Stumm und bleich lag Mojan da - wie ein geprellter Frosch. Auf Nobodys Fragen antwortete er nicht.
Nur als Leckebald hereinkam, fand er einmal die Sprache wieder.
Er richtete die Augen mit traurigem Ausdruck auf den mit offnem Munde und gespreizten Fingern dastehenden Jungen.
»Dein armer Onkel hat keinen Magen mehr.«
»Ach, nee - die - die - die Lecke-Schwester hat mir wirklich nichts vorgelogen?«
»Was sagte sie denn?«
»Sie hätten meinen Lecke-Onkel geschlachtet.«
»Es ist wirklich so.«
»Und dabei hat sie furchtbar gelacht.«
»Diese Canaille!«
Infolge der Seelenabspannung schlief Mojan bald ein, vergaß aber sogar das Schnarchen.
Nobody harrte auch jetzt noch bei ihm aus. Er hatte den Arzt überredet, den Scherz auszuführen, weil er hoffte, Cerberus Mojan würde infolge der Komödie von seinen krankhaften Vorstellungen geheilt werden. Schließlich trug ja auch Noboby mit an diesen schuld, denn er hatte durch Puttfarken doch zuerst den Dicken zu dem Wahne gebracht, daß der Erlernung des spiritistischen Apports allerlei Leibesübungen vorausgehn müßten. Daß Mojan so ganz verrückt werden würde, hatte Nobody freilich nicht ahnen können. Jedenfalls wollte er versuchen, ihn zu kurieren.
Cerberus Mojan erwachte nach mehrstündigem Schlafe und sah zu seinem Erstaunen abermals, außer Cutting Knife, den Arzt an seinem Lager stehn. Derselbe reichte ihm lächelnd die Hand.
»Ich gratuliere, Mister Mojan!«
»Wozu denn?«
»Der Magen ist wieder an Ort und Stelle.«
Ein Lächeln huschte über das Vollmondgesicht.
»Drum - mir ist auch nicht mehr so leer im Bauche,« lispelte er. »Alles gut gegangen?«
»All right!«
»Haben Sie mich chloroformiert?«
»Sie befanden sich in Narkose.«
»Richtig angenäht?«
»So, wie der Magen bei einem gesunden Menschen liegen muß.«
»Haben Sie den Darm nicht anzunähen vergessen?«
»Im Gegenteil, habe ihn angenäht.«
»Und der Gummipfropfen?«
»Ist herausgenommen.«
»Nichts im Magen liegen lassen?«
»Nichts.«
Dann bekam Mojan Vorschriften wegen seiner Diät: einige Tage überhaupt nichts essen, keinen Bissen, nur hier und da einen Löffel lauwarmes Wasser.
Später etwas körperliche Bewegung, die sich mit der Zeit steigerte: Freiübungen, Treppensteigen, Holzhacken und ähnliches, aber auch schon einige flüssige Nahrung. Uebermäßig essen oder verschlingen, wie früher, durfte er sein ganzes Leben lang nichts wieder, das wäre sein sofortiger Tod, und außerdem befände er sich dann immer in Gefahr, wieder solche unverdauliche Gegenstände zu verschlucken.
Mojan sagte zu allem ja. Als er zum ersten Male aufstand, überzeugte er sich, daß sein Leib und der linke Oberarm mit Bandagen umwickelt waren. Die Wunden bekam er niemals zu sehen, denn meist wurden sie ihm im Schlafe verbunden, oder er war dabei doch festgeschnallt.
Drei Tage lang erhielt er wirklich keinen Bissen zu essen, nichts als lauwarmes Wasser, und der Hunger, der sich einstellte, ist begreiflich.
Aber Mojan verlangte nach keinem Essen, trotzdem er tatsächlich sehr abmagerte. Sein Bauch fiel mit rapider Geschwindigkeit ein, sein fettstrotzendes Gesicht bekam Falten. Gefährlich für seine Gesundheit war diese Pferdekur nicht, der Arzt beobachtete ihn sorgsam. Die eiserne Natur des Dicken hätte noch etwas ganz andres ausgehalten.
Nach drei Tagen bekam er wieder kleine Rationen - und Mojan fühlte sich plötzlich wirklich gesund. So geschmeckt hatte es ihm noch niemals in seinem ganzen Leben. Auch von der Hundswut war er kuriert. Man hatte es ihm versichert, und er glaubte es, denn er fühlte sich so ungemein wohl.
Nobody, der schon am Tage der vorgeblichen Operation abgereist war, erhielt unter dem Namen Cutting Knife ein Telegramm nach San Francisco - folgenden Inhalts:
»Cerberus Mojan vollständig geheilt, ist bereits unterwegs, Nobody zu suchen. Leckebald bei ihm!«
Da lachte Nobody und sagte:
»Ich bin neugierig, wo ich den närrischen Kauz wiedertreffen werde, und was für neue Mucken er sich dann angewöhnt haben wird!«
8. In den Goldfeldern
Im Tale des Sakramentostromes, der sich bei San Francisco ins Meer ergießt, liegt das Städtchen Quincy.
Früher hat man dort Gold gefunden, da war der Ort, wie alle seinesgleichen, wie durch Zauberei aus dem Boden gewachsen, hatte sich zu rascher Blüte entwickelt und war nach der Ausbeutung der Goldminen wieder in ein Nichts zurückgesunken. Gegenwärtig ist es nur noch ein Flecken, in dem die ringsum wohnenden Arbeiter, Cow-boys und Trapper zusammenkommen, um ihr Geld zu verjubeln; Abgesandte eines Indianerstammes finden sich einmal ein, hier Vorräte einzutauschen, sonst ist Quincy auch der Aufenthalt vieler Abenteurer, welche auf die Gelegenheit warten, sich einer Expedition anzuschließen, die auf die Suche nach neuen Goldfeldern geht.
Das Goldfieber ist in Kalifornien ja noch längst nicht erloschen, noch immer kann man dort sein Glück machen, etwa so, wie man in einer Lotterie von 100.000 Losen das große Los ziehen kann.
Es ist eben nicht nötig, deshalb nach Kalifornien zu gehn.
Die Ankunft eines Fremden, der etwas Besseres war, erregte im Orte große Spannung, und bald hatte sich denn auch die Kunde verbreitet, der Mann wolle eine Goldsucherexpedition ausrüsten.
In Scharen stellten sich allerlei Leute bei ihm ein: Händler, Juden oder pfiffige Yankees, welche die Ausrüstung besorgen wollten, Gelichter aller Art bot sich zur Begleitung an und rühmte seine Vorzüge. Der eine hatte schon eine Goldexpedition mit Erfolg begleitet, der andre schon eine geführt, wieder einer verstand alle Dialekte der umwohnenden Indianer, der vierte pries seine Treue und Unerschrockenheit an, der fünfte seine Kochkunst und so weiter.
Die meisten pochten auf ihr Glück, denn das gehört zum Goldgraben, auch wenn man das Goldfeld schon gefunden hat. Aber das: »Wie hoch ist mein Anteil dabei?« war immer die Hauptsache.
Als es dann hieß, der Fremde wisse noch gar nicht, ob überhaupt ein Goldfeld hier existiere, er hätte nur einmal etwas davon erzählen hören, erkaltete bei vielen schon der Eifer. Diese Leute wußten ja am besten, daß in der Gegend nichts mehr zu finden war.
Nur die, denen der Lohn an sich genügte, weil sie sonst hungerten, drängten sich herbei, und außerdem noch Menschen einer ganz besondern Gattung, welche etwa mit unsern Erfindern und Patentmachern zu vergleichen sind.
Meist waren es aber hier ganz heruntergekommene Subjekte.