Der Fremde allerdings war kein Greenhorn, kein Neuling auf dem Gebiete des Goldsuchens, und auch in der Gegend war er nicht zum ersten Male.
Nur dem Umstande, daß die eigentlichen Westmänner, die Pelzjäger, Fallensteller und Trapper die von Goldgräbern bewohnten Niederlassungen nicht zu betreten pflegten, weil sie mit dem Gesindel nichts zu tun haben wollten, hatte der Ankömmling es zu danken, daß er nicht sofort als Cutting Knife erkannt wurde.
Nobody war von San Francisco aus nach Quincy gekommen, um dort seine Begleiter für die Entdeckungsfahrt auszuwählen. Er trat mit allem Vorbedacht als der berühmte Westmann auf.
Es braucht ja nicht erst gesagt zu werden, daß es ihm sonst eine Kleinigkeit gewesen wäre, sein Aussehen derart zu verändern, daß weder Jean Matelas, noch sonst jemand, der ein Interesse an seiner Person hatte, ihn erkannte.
Zu dem Entschlusse, auch hier als Cutting Knife aufzutreten, war Nobody aus folgenden Gründen gekommen.
Daß Jean Matelas bei der Dampferkatastrophe auf dem Mississippi mit dem Leben davongekommen war, stand für Nobody fest, ebenso, daß der Dieb die Pläne über die Goldfelder immer wohl verborgen bei sich trug, und daß er bereits die Gegend zwischen dem San Joaquin und dem Sakramento durchstreift hatte, ohne bisher den geheimnisvollen Platz gefunden zu haben.
Der raffinierte Verbrecher hatte ferner aus den Zeitungen erfahren, daß Cutting Knife in Jefferson geblieben war, dort das Treiben der Flußpiraten enthüllt und ihm ein Ende bereitet hatte. Daraus schloß Jean Matelas, daß er von seinem Verfolger für tot gehalten wurde, war aber jedenfalls vorsichtig genug gewesen, auf der Reise nach San Francisco oder erst dort sich ein möglichst verändertes Aussehen zu geben. Denn Cutting Knife mußte unter allen Umständen nach Kalifornien kommen, um, auch ohne daß er die Pläne zurückerbeutet hatte, nach den Goldfeldern zu suchen.
Jean Matelas, der kein Westmann war und aus der Karte, die der alte Trapper nach indianischer Manier entworfen hatte, nicht klug werden konnte, wollte sich dann unerkannt an die Fersen Cutting Knifes heften, sich vielleicht sogar in seine Expedition anwerben lassen. Kamen sie in eine Gegend, auf welche die Angaben des Planes paßten, dann wollte er sich heimlich von seinen Gefährten trennen und auf eigne Faust weiterforschen.
Mittel und Wege, die letztern zu vernichten, daß keiner von ihnen aus der Wildnis zurückkehrte, würden sich an Ort und Stelle schon finden lassen.
Nobody aber erriet mit dem ihm eignen Scharfsinn nicht nur diesen Plan des Diebes, sondern baute auch den seinen darauf auf. Er wußte ganz genau, daß er Jean Matelas bestimmt erkennen würde, mochte derselbe sich auch noch so gut verkleidet haben. Er wollte ihn unter die Schar seiner Begleiter aufnehmen. Dadurch, und zwar nur dadurch, ward es ihm möglich, den Schurken stets im Auge zu behalten und im gegebenen Falle unschädlich zu machen.
Daß Jean Matelas seinen Verfolger und die Männer, die diesen begleiteten, aus dem Wege zu räumen, zu töten suchen würde, das war für Nobody nur ein Reiz mehr, das Abenteuer zu wagen.
Jean Matelas wollte den vermeintlichen Cutting Knife überlisten und ahnte nicht, daß dieser den Dieb in der eignen Schlinge zu fangen beabsichtigte.
Es wird sich alsbald herausstellen, wie schlau Nobody kombiniert hatte, wie er Jean Matelas vollkommen durchschaute, und wie gut es war, daß er noch immer als Cutting Knife auftrat.
Wäre Nobody, das muß noch gesagt werden, als ein andrer nach Quincy gekommen, dann hätte Jean Matelas sich ihm keinesfalls ohne weiteres genähert, hätte im Gegenteile neuen Verdacht geschöpft und wäre zur Vorsicht gemahnt worden. Der durchtriebene Verbrecher glaubte sich eben an Schlauheit dem Westmann Cutting Knife nicht nur gewachsen, sondern noch überlegen. Gerade das sollte ihm zum Verderben gereichen.
Nobody machte also gar kein Hehl daraus, daß er nach unermeßlich reichen Goldfeldern suchen wollte, nur gab er stets vor, daß er nichts Bestimmtes darüber wüßte, ob dieselben wirklich existierten oder nicht. Von Indian Bill erwähnte er nichts. Jean Matelas nahm ja ohnehin an, daß Cutting Knife im Auftrage des Colonels hier sei.
Eines Tages ließ sich ein Spanier angeblich in einer wichtigen Angelegenheit bei Cutting Knife melden.
Der Kerl sah furchtbar schmutzig und zerlumpt aus, seine Kleidung bestand nur aus einem Paar niedergetretener Schuhe, Hosen und dem Poncho, das heißt einer Decke, in die er ein Loch geschnitten hatte, durch das er den Kopf steckte. Ein Hemd hatte er nicht mehr auf dem Leibe.
»Ihr wißt, daß sich hier ein Goldfeld befindet, Senor?« fragte er geheimnisvoll.
»Ich vermute es.«
»Woher?«
»Das ist meine Sache!«
»Wißt Ihr den Weg dahin?«
»Den will ich eben suchen.«
»Kennt Ihr die Gegend?«
»Ungefähr.«
»Würdet Ihr sie wiedererkennen?«
»Sprecht, was Ihr eigentlich wollt!«
»Ich weiß nämlich, daß sich im Sakramentotale ein großes Goldfeld befindet.«
»Ah, Ihr wißt es?«
»Ich habe den Ort geträumt,« entgegnete der Spanier triumphierend.
»Erzählt!« sagte Cutting Knife.
»Jawohl, erzählt - damit Ihr dann hingeht, das Gold auflest und ich das Nachsehen habe. Was für eine Prämie gebt Ihr mir und welchen Anteil am Gewinn?«
»Träume sind Schäume. Ich verlange Beweise.«
»Die will ich geben, indem ich Euch hinführe. Erst versprecht mir meinen Anteil schriftlich.«
»Nichts da! Macht, daß Ihr hinauskommt!«
»Halt, hört mich erst an! Die heilige Jungfrau ist mir im Traume erschienen und hat zu mir gesprochen: Fernando, ich liebe dich, denn du wandelst im Gebot des Herrn, welcher ist mein Sohn. Gehe hin nach dem Sakramentotale, die und die Richtung, da und dahin, dort wirst du ein Gebirge finden, so und so aussehend, wende dich da und dahin, dort siehst du einen Baum, zu der und der Gattung gehörend, so und so aussehend - dort laß graben, Fernando, und ich will dich mit den Gütern der Erde segnen, Geliebter des Herrn. Nun?«
»Geliebter des Herrn,« entgegnete Nobody spöttisch, »da und da, dort und dort, so und so, der und der - das ist mir alles etwas zu ungenau.«
»Gebt mir 10.000 Dollar, und ich bezeichne Euch den Ort auf das genaueste.«
»Sam, wirf den Senor hinaus!« befahl Nobody einem Neger, den er als Diener gemietet hatte.
Dieser streifelte die Hemdärmel auf.
»Halt, ich will Euch andre Beweise geben ...«
»Erst laßt mich sprechen! Warum geht Ihr denn nicht selbst hin, wenn Ihr den Ort so genau wißt, und grabt das Gold aus?«
»Das ist eben der Haken: Ich selbst darf den Schatz nie heben, die heilige Madonna befiehlt mir, es einen andern für mich tun zu lassen, sonst würde ich zum Beispiel Pferdemist statt Gold finden.«
»Höchst merkwürdig!«
»Allerdings, aber es ist wahr. Die heilige Jungfrau ist mir nämlich schon zweimal im Traum erschienen.
»Das erstemal erschien sie mir, als ich noch ein Kind war, und sagte: da und da hat jemand hundert Peseta vergraben. Er soll sie nicht behalten, denn er ist ein Gottloser. Dich aber liebe ich, Fernando, weil du ein frommes Kind bist. Aber grabe nicht selbst, sondern laß deinen Freund den Schatz heben, beschreibe ihm den Ort, gib ihm etwas davon ab, und für das andre kaufst du dir schöne Kleider und Kandiszucker. Ich jedoch gehorchte nicht, ich war mißtrauisch und grub selbst nach, und was fand ich? Knochen, die ein Hund dort verscharrt, hatte. Das war meine Strafe. Die Madonna hatte die hundert Peseta in Knochen verwandelt. Oder kann sie das etwa nicht?«
»Und das zweitemal?«
»Sie sagte mir, ich sollte einen Schatz auf einem Friedhof heben, wieder durch einen andern, und wiederum flößte mir das Mißtrauen ein. Den Ort fand ich, den eisernen Topf auch, aber anstatt der versprochenen, darin enthaltenen spanischen Goldmünzen nur eingelegte Pfeffergurken. Nun ist die heilige Jungfrau mir zum dritten und letzten Male erschienen. Wollt Ihr mir die Prämie zahlen?«
»Nein.«
»Senor, bedenkt, so wahr, wie ich hier stehe ...«
»Sam, wirf den Gentleman hinaus!«
Als der Neger jetzt Ernst machte, entfernte sich der Spanier schnell.
Derartige Szenen erlebte Nobody zu Dutzenden.
Von einem Goldfelde konnte ihm niemand direkte Beweise bringen, er mußte sich auf sich allein verlassen, sich einfach nach den Angaben des Colonels richten und seinem Spürsinn vertrauen.
Die Gegenden, die er durchstreifen wollte, waren wüst und menschenleer. Wild gab es dort kaum noch. So mußte er eine vollständige Expedition ausrüsten, reichlich mit Lebensmitteln versehen und aus Männern bestehend, die vor einem Kampfe mit räuberischen Indianern nicht zurückschreckten und darin bewandert waren.
Endlich hatte er eine genügende Anzahl Abenteurer um sich versammelt, auf die er sich verlassen zu können glaubte.
In einem Schuppen standen Maultiere, die das umfangreiche Gepäck tragen sollten, sowie Pferde.
Am nächsten Tage wollte Nobody aufbrechen, als ihn wieder ein Mann zu sprechen wünschte.
Nobody ließ ihn ohne weiteres vor sich.
»Jetzt kommt er! Das ist mein Mann!« sagte er zu sich selber. »Er hat bis zum letzten Augenblick gewartet. Bin neugierig, als was er auftreten wird!«
Ein großer, kräftig gebauter Mann in zerlumpter Kleidung trat ein, das braune Gesicht bartlos bis auf einen goldblonden Seemannsbart, eine sogenannte Schifferkrause; in merkwürdigem Gegensatz dazu standen die dunklen Augen. Das Haupthaar und die Brauen waren jedoch ebenfalls blond.
Gleichmütig schaute Nobody auf. Dabei aber ließ er einen raschen Blick über die linke Hand des Mannes gleiten und sah, was jedem andern entgangen wäre, daß eine Narbe auf dem Rücken derselben durch einen wahrscheinlich aus Pflanzensäften hergestellten braunen Farbton und etwas Schmutz ziemlich gut verdeckt war.
»So ein Tölpel,« sagte der Detektiv zu sich selber. »Er muß mich für schrecklich dumm halten. Fast möchte ich dadurch die Lust an dem Abenteuer verlieren. Wenn ich den Kerl festnehme, finde ich sicherlich den gestohlenen Plan bei ihm und kann dann in aller Gemütsruhe nach den Goldfeldern suchen. Bah, ich will doch sehen, wie er es anfängt, mich hinters Licht zu führen!«
Daß Nobody im Begriff war, einen Mann unter die Schar seiner Begleiter aufzunehmen, der gegebenenfalls vor einem Meuchelmorde nicht zurückschrecken würde, beachtete er nicht eine Sekunde.
»Was wollt Ihr?« fragte er.
»Mich Eurer Expedition anschließen.«
»Alle Stellen sind bereits besetzt.«
»Nehmt mich mit,« bat der Mann, »mir geht's so schlecht!«
»Tut mir leid.«
»Ich bin Koch, habe in Hotelküchen gekocht, Ihr sollt mit mir zufrieden sein.«
»Ein Koch wäre das letzte, was ich brauchte,« lachte Nobody.
»Ich kann aus einer Stiefelsohle ein Beefsteak machen.«
»Alle Achtung vor Eurer Kochkunst, aber eines Koches bedarf ich nicht. Unser Marsch geht durch die unwirtliche Wildnis.«
»Ihr nehmt doch Proviant mit.«
»Ja, getrocknetes Fleisch und Hartbrot.«
»Ich verstehe aus den Ueberresten Brissoletts zu machen.«
»Schon gut. Hier habt Ihr einen Dollar.«
Der Mann nahm ihn und zog dann aus dem Hosenbein ein langes, dünnes, schwarzes Stäbchen hervor.
»Vielleicht könnt Ihr mich aber doch brauchen. Wißt Ihr, was das ist?«
»Ein Stück Fischbein.«
»Nein. Glaubt Ihr an Hexerei?«
»Durchaus nicht.«
»Schade, sonst könnte ich Euch behilflich sein.«
»Womit?«
»Das ist eine Wünschelrute.«
»Was Ihr sagt!«
»Sie schlägt an, wenn unter mir Wasser, Kohle oder Gold ist.«
»Dann grabt nur da, wo sie anschlägt. Hat sie schon angeschlagen?«
»Oftmals.«
»Nun, und?«
»Ich habe nie etwas gefunden,« war die treuherzige Antwort.
»Ihr habt nachgegraben?«
»Ja, und nie etwas gefunden, keine Kohle, keinen Schatz, auch nie eine Goldader, höchstens etwas Wasser, aber das ist ja überall.«
»Da seht Ihr doch, daß das Schwindel ist.«
»Die Rute schlägt aber an.«
»Das ist Tatsache?«
»Ich schwöre es.«
»Warum fandet Ihr denn da nichts?«
»Weil ich nie tief genug graben konnte. Hätte ich etwa eine Gesellschaft veranlassen können, weiter zu graben, so würde man Kohle oder Gold gefunden haben. Das Gold kann ja sehr, sehr tief liegen, wie tief, weiß ich nicht, das sagt mir die Rute nicht, und eine hochliegende Ader oder einen Schatz habe ich eben nie gefunden.«
»Habt Ihr denn von Eurer Wünschelrute niemals jemandem etwas mitgeteilt?«
»Doch, aber man lachte mich aus.«
Der Mann zögerte. »Einmal schlug sie auch an - ich grub - aber - aber - da fand ich nur ein Stück altes Bleirohr.«
»Ich will mit Euch eine Probe machen, und wenn Eure Rute anschlägt, so nehme ich Euch mit.«
»Sie wird anschlagen, wenn wirklich etwas unter mir liegt. Führt mich mit verbundenen Augen herum! Glaubt Ihr überhaupt daran?«
»Ich glaube daran.«
»Dann seid Ihr der erste, der dies tut.«
Das Anschlagen der sogenannten Wünschelrute gehört nicht ins Gebiet der Zauberei oder des Aberglaubens, es ist eine Tatsache, welche die Wissenschaft schon längst anerkannt hat, und für uns, die wir im Zeitalter der Elektrizität leben, gar kein Wunder mehr. Die Wissenschaft spricht natürlich nicht von einer Wünschelrute, sondern von einem Elektrometer, und überhaupt ist die lange Rute nur ein Hilfsmittel, um die Erregung der Nerven deutlicher zum Ausdruck zu bringen.
Man unterscheidet positive und negative Elektrizität, welche sich stets zu vereinigen suchen, so zum Beispiel beim Gewitter durch den Blitz. In allem, was existiert, ist positive und negative Elektrizität vereinigt, also auch im Menschen, in jedem Tiere. Es gibt wenig Menschen, die einen Kork zwischen die Zähne nehmen können, ohne ein unangenehmes Gefühl zu haben. Die meisten sind überhaupt nicht zu bewegen, darauf zu beißen, sie schaudern davor zurück. Vielen Kindern ist es unmöglich, mit den heutzutage aufgekommenen Steinbaukästen zu spielen. Sie schreien, sie wollen die Steine nicht anfassen, man weiß nicht warum. Aber auch Erwachsenen geht es manchmal so; besonders bei Frauen bemerkt man öfters, daß sie solche Steine mit Zeichen des Abscheues wegwerfen. Das alles sind Folgen einer Entstehung von elektrischen Strömen durch bloße Berührung. Bei sehr sensitiven Personen, das heißt, bei Leuten mit sehr feinen Nerven, äußert sich die Wirkung schon von weitem, gewöhnlich, ohne daß sie es merken, und solche Personen sind gar nicht so selten.
Der italienische Gelehrte Amoretti hat zuerst eine völlige, fast erschöpfende Theorie dieser Erscheinung aufgestellt und sie durch Experimente als richtig bewiesen. Einen hierzu gefertigten Apparat nennt man das Elektrometer, da aber die eigentliche Wünschelrute der Mensch selbst ist, so nennt man ihn, wenn solcher männlichen Geschlechts ist, der Bequemlichkeit halber >den Elektrometer<, eine Frau würde >die Elektrometer< genannt werden. Die Rute, aus Metall, Fischbein, trocknem oder grünem Holz bestehend, dient also nur zum bessern Markieren der Nervenerregung, sowie zum Ausstrahlen des elektrischen Stromes durch die Spitze, wie beim Blitzableiter auf dem Dache.
Die Elektrizität der Metalle kann negativ oder positiv sein. Negativ sind zum Beispiel Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, Steinkohle, Petroleum, auch Wasser. Positiv: Edelsteine, vor allen Dingen Diamanten, Braunkohle, Schwefel und andre Mineralien.