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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15524 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Aber wozu nur mußte ich überhaupt in einem der zum Kampfe ausrückenden Boote mitkommen? Mir ging schon eine Ahnung auf, daß es sich hier um einen Aberglauben handelte, ich mußte so etwa die Rolle eines Schutzpatrons spielen.

Wieder steuerten die sechs Prauen auf eine unglückliche Dschonke zu. Es war soeben Windstille eingetreten; die langbezopften Matrosen, die ich schon erkennen konnte, waren gerade dabei, das zerrissene Bastsegel herabzulassen, um es auszubessern, als sie die sechs Prauen angerudert kommen sahen.

Sofort ließen sie von ihrer Arbeit ab, liefen schnatternd wie eine aufgescheuchte Herde Gänse an Deck durcheinander, und nun wußte ich schon, wie alles kommen würde: Das war wieder solch eine Dschonke, deren Besatzung sich gar nicht erst auf einen Verteidigungskampf einließ. Die Piraten sehen und sich in ihr Schicksal ergeben, das war bei denen eins.

Richtig, unser erstes Boot war wohl noch hundert Meter von der Dschonke entfernt, als dort drüben alle Köpfe hinter der hohen Bordwand verschwanden. Jetzt also knieten die Feiglinge schon nieder und hielten, die Hände auf dem Rücken, den Kopf hin, um ihn sich abschlagen zu lassen.

Wir näherten uns wie immer der Beute, ein Boot dicht hinter dem andern, so eine langgestreckte Reihe bildend.

Da plötzlich flammte es an der Bordwand der Dschonke auf! Ein scharfer Knall folgte. Ich hatte gerade nach der hintersten Prau geblickt, und diese mußte von dem Geschoß getroffen worden sein. Die Ruderer sprangen auf und griffen nach den Schöpfeimern. Es mußte also eine größere Kugel gewesen sein, welche die dünnen Planken des Bootes unter der Wasserlinie durchlocht hatte ... aber ich hatte nur einen einzigen Augenblick Zeit, solche Betrachtungen anzustellen, denn fort und fort zuckten aus der Bordwand der Dschonke die Feuerstrahlen hervor, jeder von einem schmetternden Krachen begleitet, das aber eher an den scharfen Knall eines Revolvers erinnerte, als an das rollende Dröhnen eines Kanonenschusses, und jedesmal hörte ich über meinem Kopfe das Heulen eines Geschosses. Ich sah die Prauen hinter mir versinken. Und da war auch unser Boot getroffen worden! Wie ein Fontäne schoß das Wasser vorn und seitlich herein, und ein Pirat stürzte vom Sitz, sein Schenkel mußte schrecklich zerrissen sein, denn das Blut floß in Strömen.

Von lähmendem Entsetzen gepackt, ließen die Chinesen die Ruder sinken. Das alles hatte sich ja in viel kürzerer Zeit abgespielt, als sich hier erzählen läßt. Sie dachten gar nicht mehr daran, das Boot leerzuschöpfen.

Nur unser Steuermann behielt seine Besinnung. Ich sah, wie seine Augen starr auf mich gerichtet waren, und ich wußte schon alles, was er beabsichtigte, was er dachte, noch ehe er mit einem wilden Schrei aufsprang und seinen Dolch aus dem Gürtel riß - hier lag Zauberei vor, und an dieser mußte ich, der weiße Teufel, wie die Chinesen jeden Europäer nennen, schuld sein! - aber ich hatte keine Lust, mich abschlachten zu lassen, und ich war schneller als er. Plötzlich hatte ich eine Ruderstange in beiden Händen und ließ sie jenem auf den Schädel niederschmettern, daß es klang, als wenn ein irdener Topf berste.

Dann umspülte mich das Wasser - erst den Unterleib, dann die Brust, dann verlor ich den Boden unter den Füßen, ich mußte schwimmen. Die Prau war gesunken.

Es ist seltsam - aber gerade in dergleichen Augenblicken, wenn es sich um Leben und Tod handelt, hat man solche Gedanken - - ich wunderte mich, daß mich das sinkende Boot nicht mit herabzog, denn ich war doch durch eine Kette mit ihm verbunden.

Dem war eben nicht so! Ohne es zu wissen, war ich, um den Schlag zu führen, mit Vehemenz aufgesprungen und hatte dabei den hölzernen Sitz losgerissen, an dem meine Kette befestigt war.

Diese selbst war nicht schwer genug, um mich hinabzuziehen, und sie wurde ja auch am andern Ende von dem Holzbrette getragen. Jedenfalls konnte ich mich über Wasser halten. In solchen Situationen fehlt die Zeitberechnung. Wie lange ich schwamm, weiß ich nicht, auch nicht, was mir plötzlich die Besinnung raubte. Ich glaube, daß ich einen Schlag gegen die Schläfe bekommen habe, vielleicht vom Fuße eines schwimmenden Chinesen.

Lange kann ich im Wasser nicht bewußtlos gewesen sein, sonst wäre ich ertrunken, und während dieser kurzen Zeit bin ich von rettenden Händen aufgefischt und an Bord der Dschonke gehievt worden.

»He jüh, das ist ja ein ganz gewöhnlicher Europäer!!«

Das waren die ersten Worte, welche ich vernahm, auf deutsch gerufen, und man darf wohl glauben, daß sie mir wie Engelsmusik in die Ohren klangen, und als ich die Augen aufschlug, da sah ich, daß dieser deutschsprechende Engel wie ein Chinese gekleidet war und im Gesicht eine ungeheure Nase hatte - ein Monstrum von einer Nase, wie ich einer solchen noch niemals begegnet war - ich hatte überhaupt für gar nichts weiter Interesse, ich staunte nur immer diese ungeheuerliche Nase an, und dann bewunderte ich auch die kleinen, vergnügt blinzelnden Schweinsaugen und nicht minder die gewaltigen Elefantenohren, welche bei jedem Worte jenem phänomenalen Riechorgane Kühlung zufächelten.

»Das ist doch der ... der ... der Organist!?« hörte ich da eine andre Stimme gleichfalls auf deutsch im höchsten Staunen rufen. »Wahrhaftig, der Organist!!«

Was soll man nun dazu sagen? Man versetze sich nur in meine Lage. Hier auf der chinesischen Dschonke, die ich als Gefangener von chinesischen Piraten mit angreifen muß, werde ich gleich wieder der Organist genannt!

Der diese Worte gerufen hatte, war ein echter Chinese, was ich von dem größten Teile der übrigen Mannschaft nicht behaupten konnte. Warum soll es unter den Chinesen nicht auch schöne Männer geben? Dieser hier war ein solcher. Wohl waren es die wachsgelben Züge eines schlitzäugigen Mongolen mit hervorstehenden Backenknochen, aber dabei edel, alles wie von der Hand eines Bildhauers modelliert; diese Schlitzaugen, die jetzt so erstaunt auf mich gerichtet waren, feurig und kühn, und der lang herabhängende Schnurrbart verlieh dem noch jungen Mann erst recht einen Ausdruck von wilder Verwegenheit.

Er wandte sich an einen andern Chinesen, in dem ich aber trotz der chinesischen Kleidung, und obgleich sogar unter seiner Filzkappe ein langer Zopf hervorbaumelte, den Europäer erkannte, wenn nicht einen Deutschen, und er wurde ja auch auf deutsch angeredet.

»Hier, das ist der junge Mann, August Hammer, der uns in Hongkong abhanden kam. Zweifelt Ihr nun noch, Steuermann, daß es eine Fügung gibt? Meinetwegen nennt es Zufall, meinetwegen Schicksal - ich glaube an eine Bestimmung, der kein Mensch entrinnen kann.«

Was hatte ich da zu hören bekommen? Dieser Chinese kannte auch meinen richtigen Namen, und ich sollte ihm in Hongkong abhanden gekommen sein? Ich wußte gar nicht mehr, was ich von alledem denken sollte.

Ich will mich nicht zu sehr anf Einzelheiten einlassen, sonst dürfte der Leser ein falsches Bild von der Situation bekommen. Es ging alles Schlag auf Schlag, jetzt war keine Zeit zu Fragen und Erklärungen; die Dschonke hatte es immer noch mit den Piraten zu tun, wenn diese jetzt auch sämtlich im Wasser schwammen. Es galt, sie aufzufischen und an Bord zu nehmen.

Der junge Chinese, welcher offenbar der Kapitän war, hatte mich gesehen, hatte jenen erstaunten Ausruf getan, schnell jene Worte an den Steuermann gerichtet, und dann war er, Kommandos gebend, wieder davongesprungen, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.

Aber ich sollte an Bord der chinesischen Dschonke noch mehr Ueberraschungen erleben. Zunächst tauchte aus einer Luke ein Mann auf, der sich von der übrigen Besatzung dadurch unterschied, daß er kein chinesisches Kostüm, sondern einen blauen Monteuranzug trug, der zu seinem gutmütigen Germanengesicht auch viel besser paßte. Der Mann hatte mehrere Feilen in den Händen und machte einen so schmierig-öligen Eindruck, war auch schwarz genug, daß er viel eher aus dem Heizraum eines Dampfers, als aus dem Innern einer chinesischen Dschonke kommen konnte. Jedenfalls starrte ich ihn wie eine überirdische Erscheinung an.

»Wo ist der Mann, dem ich eine Kette durchfeilen soll?« fragte er einen Chinesen, und ich hörte denselben Dialekt, den ein Matrose der >Katharine< gesprochen hatte, und dessen Heimat Köln am Rhein gewesen.

»Dort sitzt er,« lautete die Antwort des Chinesen.

Also, wohlverstanden, seitdem man mich aus dem Wasser gezogen hatte, oder doch seitdem ich wieder zu mir gekommen, war höchstens eine halbe Minute vergangen, ich saß mit triefenden Kleidern noch immer auf der Taurolle, auf welche man mich gelegt hatte.

Der Schlosser kam auf mich zu und sah mich wohl erstaunt an, doch er sagte nichts, sondern ging gleich daran, den eisernen Ring zu prüfen, den man um meinen Fuß geschmiedet hatte, dann setzte er eine Feile an.

»Wo bin ich denn hier nur?« murmelte ich, noch ganz traumverloren.

»Was? Du bist auch ein Deutscher?« fragte der Schlosser, bei seiner Arbeit einmal aufblickend. »Wie kommst du denn unter die Räuberbande?«

»Ich war ihr Gefangener! Aber so sage doch nur, was für eine merkwürdige Dschonke ist denn das?«

»Das ist ... das ist ... das darf ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob's der Master haben will.«

»Der Master, wer ist das?«

»Das ist dort der Chinese mit dem langen Hängebarte. Eigentlich ist er gar kein Chinese, aber ... frage nichts mehr, ich antworte nicht.«

Der Mann begann mit Eifer zu feilen und sprach wirklich nichts mehr; ich hatte also nur erfahren, daß jener Chinese, der mich gleich beim Spitznamen genannt hatte, >Master< genannt wurde und eigentlich gar kein Chinese war, und so verließ ich mich auf meine eignen Augen.

Ich zählte an Deck einundzwanzig Mann, für eine Dschonke eine sehr starke Besatzung, und im Innern schienen noch mehr zu sein. Wohl sah ich darunter auch Chinesen, an deren Echtheit kein Zweifel aufkommen konnte, auch glaubte ich zwei Japaner unterscheiden zu können, aber die meisten hatten doch unverfälscht germanische Gesichtszüge. Außerdem wurde auch entweder Englisch gesprochen oder Deutsch.

Jetzt waren sie damit beschäftigt, die schwimmenden Piraten aufzufischen. Sie warfen ihnen Taue zu und reichten Stangen, zogen die sich Daranklammernden hoch, und sobald einer an Deck war, wurde er mit einer fabelhaften Geschwindigkeit an Händen und Füßen gebunden und wie ein Mehlsack durch eine Luke ins Innere der Dschonke befördert.

Wirklich, diese echten und verkappten Chinesen arbeiteten mit einer fabelhaften Geschwindigkeit, die mußten schon Uebung in so etwas haben!

Aber nicht alle im Wasser treibenden Piraten waren geneigt, die Rettungsleine oder die dargebotene Stange zu ergreifen. Sie mochten ahnen, was ihrer wartete, es waren eben Piraten, die diesmal das Spiel verloren hatten. Sehr viele zogen vor, nach ihrer Insel zurückzuschwimmen, auf die Gefahr hin, unterwegs die Beute eines Haifisches zu werden. Die Haie lieben solch ein Getümmel in ihrem Reiche nicht; jetzt zwar sah man keinen, aber dem einzelnen Schwimmer würden sie schon zu Leibe gehen. Trotzdem also wurde die Tour riskiert.

Da hatte nun die Besatzung der Dschonke ein originelles Mittel, um diejenigen, welche der Einladung keine Folge leisten wollten, dennoch an Bord zu bekommen. Ein Mann, welcher trotz seiner chinesischen Kleidung eher wie ein deutscher Steinetreiber aussah, produzierte sich als unübertrefflicher Lassowerfer. Er rollte ein ziemlich starkes Hanfseil zusammen, wirbelte die Schlinge um den Kopf und schleuderte sie nach einem der sich entfernenden Schwimmer. Die Schlinge legte sich kreisförmig um denselben, sie schien beschwert zu sein, sank sehr schnell unter, und nun konnte der Lassowerfer ganz genau den Zeitpunkt berechnen. Sobald er zuzog, hatte er jedesmal den Schwimmer mit unfehlbarer Sicherheit unter den Armen gefangen.

Während der Mann schon wieder nach einer zweiten Wurfleine griff, deren er eine ganze Menge handbereit liegen hatte, zogen die Matrosen den Gefangenen schnell heran und herauf an Bord - und in demselben Augenblick band ihm der eine die Hände auf den Rücken, ein andrer die Füße, dann hatten ihn schon zwei andre angepackt und transportierten ihn nach der offnen Luke, aus der sich vier Hände emporstreckten, um den Kerl in Empfang zu nehmen - es ging alles wie's Brezelbacken, und da wurde schon wieder ein mit dem Lasso Geangelter herangeschleppt.

Dabei wurde fröhlich gescherzt, was mir freilich ganz unverständlich blieb.

»Wieder tausend Taler,« hörte ich unten in der Luke sagen, als ein neuer Mann hinabbefördert wurde.

»Nee, nee, für den gebe ich bloß fünfhundert,« wurde dagegen protestiert. »Dem fehlen ja zwei Finger an der Hand!«

»Aber der hier, das ist ein Prachtkerl, der schafft für zwei.«

»Ja, für den gebe ich drei Taler mehr.«

Was sollte das? Das ging ja gerade wie auf dem Sklavenmarkte zu.

Nun hatten aber dennoch sehr viele Schwimmer das Weite gewonnen, ehe sie von der Wurfschlinge erreicht wurden. Da wußte sich die Besatzung der Dschonke, der es so viel darauf anzukommen schien, die Piraten gefangenzunehmen, in andrer Weise zu helfen.

An Deck lagen lange Ruder, sie wurden durch Löcher in der Bordwand gesteckt, je zwei Matrosen bewegten stehend ein Ruder, und so hatte sich die Dschonke in eine Galeere verwandelt.

Eigentlich liegt es überhaupt sehr nahe, daß man solche kleine Fahrzeuge, wie die Dschonken doch nur sind, wenigstens im Verhältnis zu andern Seeschiffen, mit Rudern ausrüstet. Die Dschonken haben in diesen Gewässern viel von Windstillen zu leiden. Sie sind manchmal schon dicht am sichern Hafen, da plötzlich hört der Wind auf, und sie können nicht weiter, sie werden unrettbar ein Opfer des der Windstille folgenden Sturmes.

Warum werden da nicht große Ruder angeschafft, welche doch Aussicht gewähren, noch den sichern Hafen erreichen zu können? Ja, das ist bei den Chinesen eben immer die alte Geschichte. Vor tausend Jahren hat es in China keine Dschonken gegeben, welche gerudert wurden, und da werden eben auch heute noch keine Ruder geführt. Man kennt es nicht. Vielleicht verbietet es sogar ein Gesetz. Hier war es anders. Es waren verkappte Chinesen, die sich einer Dschonke nur bedienten, um die Seeräuber anzulocken.

Mir hatte das Seebad nichts geschadet, und als ich von meiner Hundekette befreit war, sprang ich an eine Ruderstange, an der nur ein einziger Mann arbeitete, und legte mich mit Macht ins Zeug.

»Na, na,« lachte da der deutsche Matrose, »brich nur nicht das Ruder ab! Das geht hier bei uns doch alles allein! 'S ist bloß, daß wir rudern müssen, falls uns einer zuguckt.«

Ich verstand durchaus nicht, was der Mann meinte. Wir wollten doch die Schwimmer einholen, und solch eine plumpe Dschonke von 100 und mehr Tonnen ist kein leichtes Ruderboot, das von wenigen Menschen fortbewegt werden kann.

Da aber machte ich eigentümliche Wahrnehmungen. Wir kamen sehr schnell von der Stelle, waren gleich wieder mitten zwischen den Schwimmenden, von denen einer nach dem andern mit dem Lasso heraufbefördert wurde. Und mein schweres Ruder ging so merkwürdig leicht! Es schien im Wasser gar keinen Widerstand zu finden. Es war, als ob die Dschonke von ganz allein führe. Ich blickte nach den andern Matrosen - auch diese strengten sich gar nicht an, spielten nur so, ruderten womöglich nur mit einer Hand.

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