Kapitän Flederwisch war seinerzeit der berühmteste Schmugglerkapitän, der Schrecken aller Hafen-Zollbehörden, der kühne Held, von dem man sich überall die verwegensten Stückchen erzählte; man wußte, daß er die Schmuggelei nicht aus schnöder Habsucht trieb, sondern einzig und allein der unzähligen Gefahren wegen, die damit verbunden waren und die wohl kein andrer Mann immer sieghaft bestanden hätte.
Die Fahrt Kapitän Flederwischs nach den Gallopagos aber war sein letztes und kühnstes Schmugglerunternehmen. Unbemerkt lenkte Nobody, der daran teilnahm, das Geschick seines spätern Freundes. Er half diesem, die versunkenen Goldschätze zu finden, zugleich aber duldete er, daß ein schweres Mißgeschick den Schmugglerkapitän betraf, daß derselbe, gerade als er seines Erfolges ganz sicher zu sein glaubte, unter dem furchtbaren Verdachte des Mordes verhaftet wurde.
»Nordsee - Mordsee,« reimt der Seemann, und in der Tat ist wohl kein Meer so verrufen bei den Schiffern aller Nationen, wie das, dessen Wogen die Küsten Jütlands, des nordwestlichen Deutschlands, Hollands und Englands bespülen, und nirgends sind die Kreuze auf den >Friedhöfen der Namenlosen< so zahlreich, wie auf den friesischen Inseln und an der >Jammerbucht<.
Mit fahlgrauem Lichte brach wieder einmal die Nacht an. Nur das Schlagen der Schiffsglocke bewies, daß es wirklich so war, denn der dichte Nebel, der seit viermal vierundzwanzig Stunden über der See lag, bewirkte, daß die Unterschiede zwischen Nacht und Tag kaum bemerkbar waren.
Schwerfällig rollen die Wogen gegen den Bug des Seglers, der seinen Weg ins Ungewisse hinein verfolgt. Stark tropft es aus der Takelage. Gespenstisch ragen die Masten in die dicke Luft, und schon auf kurze Entfernungen sind die Männer und Gegenstände an Bord unsichtbar. Von Zeit zu Zeit dringt aus dem Nebelmeer ein dumpf brüllender Laut; die Sirene eines Dampfers heult. Stöhnend antwortet das Nebelhorn der schlankgebauten Bark dem Warnungsruf.
Erregt schreitet der Kapitän an Deck auf und nieder. Wasserdichtes Oelzeug umhüllt seine riesige Gestalt. Der Südwester ist tief in das von Wind und Wetter gerötete Antlitz gezogen, das ein blonder Bart umrahmt.
Ein kräftiger Seemannsfluch entringt sich den Lippen des Mannes.
»Steuermann!« dröhnt der Ruf über Deck.
»Kapitän!« klingt es von irgendwoher zurück. Dann taucht ganz plötzlich der Gerufene auf, ebenfalls im Oelzeug. Die beiden verschwinden in der Kajüte. Karten sind auf dem Tische ausgebreitet.
»Was meint Ihr, Steuermann, wo wir sind?«
Der Kapitän hat seinen triefenden Südwester unwirsch in eine Ecke geschleudert. Jetzt gleicht der Mann mit dem lichtblonden Haupt- und Barthaar einem jener altnordischen Wikingsrecken, und dazu paßt die breitbrüstige Gestalt.
Der Steuermann zuckt die Achseln. Dann deutet er mit dem Zeigefinger auf einen Punkt der Karte - er hätte auch einen beliebigen andern wählen dürfen, es hätte ebensogut der richtige sein können.
Da poltern Schritte die Treppe herunter. Die Kajütentür wird aufgerissen.
»Kapitän, es klart auf!« ruft der Schiffsjunge den beiden zu.
An ihm vorüber stürmen sie nach oben. Wahrhaftig! Die Nebelmassen sind in Bewegung geraten. Ein tiefer Seufzer befreit die Brust von dem darauf lastenden Druck.
»Es klart auf!«
Wer von der Besatzung abkommen kann, der drängt sich an die Reeling.
Die Blicke aller spähen voraus. Jetzt muß sich's zeigen, wo man sich befindet. Der Kapitän hat den Sextanten bereits in der Hand.
Ein Schrei ertönt - nicht freudig - nicht erschreckt - aber wie von einer schlimmen Ahnung erpreßt.
Mild leuchtet ein Feuer durch die weichenden Nebelmassen. Ein Wegweiser für die verirrten Seeleute - gleichzeitig jedoch auch ein Warner.
Es muß sich sofort erweisen, was es für diese hier bedeutet.
»Ein Feuer voraus - zwei Strich über Backbord!« schreit der Ausguck.
Kapitän und Steuermann schauen einander einen Moment an. Nicht die Furcht hat dieselben erbleichen lassen - die kennt der deutsche Seemann nicht - aber die Verantwortung.
Dort drüben die beiden Feuer reden eine eindringlich warnende Sprache.
Und kaum ist der Alarmruf verklungen, da tönt es abermals über Deck:
»Brandung voraus!«
»Ruder hart Steuerbord!« schreit der Kapitän mit voller Lungenkraft zurück.
Im Nu reißt der Mann am Steuer das Rad herum. Totenstill ist's auf dem Schiffe, nur ein fernes Donnern ist vernehmbar - dort wartet die Brandung auf ihr Opfer.
Niemand regt sich mehr. Der nächste Augenblick muß entscheiden.
Da - ein leises Knirschen - dann ein Ruck - noch einer - und jetzt der letzte.
Krachend kommen die Rahen von oben hernieder und schmettern aufs Deck, auf das die Männer geschleudert worden sind. Ein Stück der Reeling ist zum Teufel.
Fluchend springen die Leute auf.
»Wir sitzen fest!«
»'S ist keine Gefahr fürs Schiff!« sagt der Kapitän gleichmütig - wenigstens scheint es so - dann winkt er dem Steuermanne. Sie steigen abermals in die Kajüte, und nun brauchen sie nur einen Blick auf die Karte zu werfen, da wissen sie, wo sie sind.
»Schade um die Bark!« brummt der Steuermann, denn ihm macht der Kapitän nichts vor. Sie kommen im Leben nicht wieder ab von der Bank. Die Küste ist zwar nahe, eine Insel, aber zwischen ihr und den Festgesegelten wütet die Brandung, und die Wolkenwand, die im Nordwesten aufsteigt, verkündet Sturm.
»Den Raketenapparat?« fragt Jürgens halblaut.
»Geht zum Teufel, Mann! Kapitän Flederwisch hilft sich selber!« knurrt der Kapitän. Er bleibt allein, doch er setzt sich nicht dumpf grübelnd an den Tisch, sondern schreitet unruhig durch den engen Raum, und draußen donnern die Wasser gegen die Planken der Bark. So verstreicht die Zeit.
Am Strande drüben drängen sich die wetterharten Gestalten der Inselbewohner, Männer und Frauen, und seltsam hebt sich unter den letztern ein schlankes junges Mädchen im Regenmantel ab, dessen Kapuze von dem blonden, leichtgewellten Haar geglitten ist.
Das ist keine eingeborne Friesin, die sind derber gebaut als sie. Das ist feinere Art, edlere Rasse.
>Imma< heißt sie - genau wie die Bark drüben.
Klas Klüsen, der eben durch das Glas gelugt hat, schüttelt das Haupt, ehe er jedoch seine Entdeckung kundgibt, späht er noch einmal hinüber. Sicher muß der Mann gehn.
»Das Dunnerwedder!« Der Priem rutscht aus der rechten in die linke Backentasche. »Fräulein - das ist wahr - es ist die >Imma<, Kapitän Flederwisch!«
»Die >Imma
Ein breites Lächeln geht über die Gesichter der Friesen. Gutmütiger Spott liegt darin.
»Kapitän Flederwisch läßt sich nicht helfen!« sagt einer.
Sie bleiben aber trotzdem alle am Strande. Gehört hat jeder von dem verwegnen Schmugglerkapitän, aber gesehen hat ihn noch keiner. Da lohnt sich's schon, zu warten.
Nur der Lotsenkommandeur, Piet Jensen, schüttelt bedächtig den Kopf.
»Wir kriegen einen Sturm aus Nordnordwest!« sagt er, zu Imma gewendet.
Imma - ein schöner Name - die Fleißige bedeutet er - schaut den Sprecher fragend an.
»Dann kommt er ab?«
»Neeee! Er geht verloren!«
Die Schwester des Kapitäns Flederwisch versteht genug von der Seemannssprache. Sie weiß, daß Piet Jensen das Todesurteil über die Bark da drüben gesprochen hat, aber sie kennt auch ihren Bruder. Er wird nicht zu lange zögern, die Boote auszusetzen.
Was er nur in dieser Gegend zu suchen hatte?
Von allen den Leuten am Strande der Insel ist Imma die einzige, die noch nicht erfahren hat, daß ihr Bruder der berühmte Schmugglerkapitän ist.
Hui - ein Windstoß jagt heran.
Fest muß man stehn, will man nicht von ihm zu Boden geschleudert werden.
Eine Wolke von Wasserstaub oder Regen ergießt sich über die Wartenden, dann wird es wieder ganz ruhig. Jetzt aber schauen bereits viele Augen erst nach der festgelaufenen Bark, dann nach der schwarzen Wolkenwand mit fahlgelben Rändern, die fast den ganzen Nordwesthimmel einnimmt.
»Dimmi, das ist nun Zeit!« murrt Piet Jensen.
»Holt den Signalapparat!« befiehlt der Lotsenkommandeur, gerade als die zweite Bö heranbraust. »Das Rettungsboot klar!«
Die Männer, die heute am Dienste sind, eilen fort, so schnell wie ihre Kleider und ihr Phlegma es erlauben; in verhältnismäßig kurzer Zeit ist der Apparat aufgestellt.
Piet Jensen bedient ihn selbst und läßt die erste Rakete gegen den Himmel steigen, an dem die Wolken mit rasender Schnelligkeit dem Lande zutreiben.
»Braucht ihr Hilfe?«
An Bord der >Imma< versteht man die Frage wohl, aber man beachtet sie gar nicht.
»Kapitän Flederwisch läßt sich nicht helfen!«
Er ist fertig mit der Berechnung, die er anstellte, während er in der Kajüte auf und nieder wanderte. Es klappt alles. Mag die Bark mitsamt der Ladung zum Teufel gehn! Wozu ist sie denn hoch versichert?
Flederwisch steigt an Deck.
Ein einziger Blick trifft die drohende Wolkenwand, der zweite schweift hinüber nach dem Strande der Insel - fast verächtlich. Des Kapitäns scharfes Auge hat ohne Zuhilfenahme eines Fernrohres erkannt, daß die Leute Vorbereitungen zu seiner Rettung treffen.
»Die Boote klar!«
Flederwisch kehrt noch einmal in die Kajüte zurück - er betritt sie zum letzten Male - eine kleine, eiserne Kassette mit den Schiffspapieren nimmt er an sich - vielleicht ist auch Geld drin. So, fertig! Leb wohl, wackere Imma! Du hättest ein rühmlicheres Ende verdient.
Ein donnerndes Krachen - ein scharfes Splittern und dann ein Heulen und Pfeifen und Sausen, als wenn die Hölle ihre sämtlichen Teufel losgelassen hätte!
Zagend tritt der Steuermann zu dem an Bord kommenden Kapitän. Es ist mit ihm nicht gut Kirschenessen, wenn er zornig ist. Aber Flederwischs männlich schönes Antlitz ist ehern und unbewegt. Es bedarf keiner Meldung. Er sieht sofort, daß die Boote verloren sind, zerschmettert beim Versuche, sie auszuschwingen.
»Der Junge ist über Bord gewaschen!« brüllt der Steuermann aus nächster Nähe dem Kapitän ins Ohr, anders kann er sich bei dem Tosen des Nordweststurms nicht verständlich machen.
Flederwisch erwidert nichts. Seemannslos! Da hilft kein Bedauern! Für die alte Mutter des Ertrunkenen wird schon gesorgt werden.
Brecher auf Brecher stürzen über Deck, die Reeling vollends zerschmetternd. Die >Imma< erzittert wie in Todesangst.
Der Strand ist nicht mehr zu sehen. Zwischen ihm und der Bark wütet die kochende, brausende See. Der >blanke Hans< lechzt nach neuen Opfern. Er will sich die todgeweihte Besatzung nicht entreißen lassen.
Ja, wenn der wackere Piet Jensen nicht wäre!
Die Raketen, die eine Rettungsleine zu den Schiffbrüchigen tragen sollten, sind auf halbem Wege vom Sturme ins Meer geschleudert worden. Da hilft es nichts, da muß das Rettungsboot hinaus.
Die Fischerfrauen haben die blonde Imma mit ins Dorf ziehen wollen. Sie aber hat sich verzweifelt gewehrt und ist geblieben.
Der Sturm will ihr die Kleider vom Leibe reißen, die Haare haben sich gelöst und flattern wild um das weiße Antlitz, aber sie stemmt sich fest ein.
Ihr Bruder ist in Gefahr, da darf Imma nicht eher vom Platze weichen, als bis sie den Geretteten in den Armen hält.
Sechzehn Mann haben sich die Korkgürtel um die Leiber geschnallt. Sie verteilen sich auf beide Seiten des Rettungsbootes und schieben es auf dem niedrigen Rädergestell den Strand hinab - hinein in die wildbewegten Wasser.
Jetzt rollt eine mächtige Woge heran, um die kühnen Männer mitsamt ihrer Nußschale zurückzuschleudern. Doch im Nu sind sie ins Boot gesprungen. Die mächtigen Riemen ruhen in den stählernen Fäusten.
»Ho - o - o - o!«
Der Kampf der Friesen mit ihrem Erbfeinde, mit dem >blanken Hans< beginnt - und - er siegt - -
Brüllend wälzt er Woge auf Woge heran.
Jetzt hebt eine das Boot auf ihre Schultern.
Es kentert, aber sofort haben die Männer die Leinen erfaßt, die rings um den Rand des Fahrzeugs laufen. Es sinkt nicht, denn die großen, mit Luft gefüllten Kammern am Bug und am Heck halten es über Wasser, und auch die Korkwesten tun ihre Schuldigkeit.
Eine neue Woge schleudert alles zusammen auf den sandigen Strand zurück.
Einen Moment verschnaufen die Friesen, dann schieben sie das Boot von neuem ins Meer - wieder erfolglos.
Achtmal versuchen sie das Wagnis, und achtmal ist ihr Heldenmut vergebens. Zähneknirschend, keuchend stehn sie am Strande, und der greise Piet Jensen schüttelt in grimmiger Drohung die Fäuste gegen die brüllende See.
Hier sind Menschenkräfte ohnmächtig, hier kann Gott allein helfen.
Imma steht wie versteinert. Sie bestürmt die Wackern nicht mit nutzlosen Bitten, aber sie kann es auch nicht verhindern, daß ihr die Tränen in großen Tropfen über die erblaßten Wangen rinnen - salzige Zähren, die sich mit der sprühenden Salzflut des Meeres vermischen. - -
Woher er gekommen, wie er so plötzlich mitten unter ihnen auftauchen konnte, das hat später niemand zu sagen vermocht; sie wußten nur, daß er tags zuvor auf die Insel gekommen war.
Ein noch jugendlicher Mann war's, bartlos das edelschöne, energische Gesicht. Ein vom Regen vollkommen durchnäßter, leichter Flanellanzug umhüllte die schlanke Gestalt, und mächtig blitzten die Augen die friesischen Fischer an.
Da wußten alle, was er wollte, und ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte, stemmten sich abermals sechzehn kraftvolle Schultern gegen das Boot.
Zum neunten Male verschwand es in der finstern Nacht, und diesmal brachte keine Woge es zum Kentern. Es war, als wenn selbst das Meer sich dem Willen des Unbekannten beugte.
Lange, ewig lange Minuten verstrichen und wurden zu Stunden.
Angstvoll spähten hundert Augenpaare in das Dunkel. Da - auf dem Rücken einer mächtigen Woge kam es heran - am Ruder, aufrecht stehend, der Unbekannte, der tapfere Held - und zwischen den Duchten, den Sitzbänken der Ruderer, kauerten die Geretteten.
Aufjauchzend eilte Imma den mutigen Rettern entgegen. Von neuem erbleichend musterte sie die Leute, die dem Boote entstiegen.
»Wo ist mein Bruder? Wo ist euer Kapitän?« schweigend deutet der Steuermann hinaus auf.
Imma versteht. Als letzter geht der Kapitän von Bord seines Schiffes oder er versinkt mit ihm.
Das zitternde Weib will eine Bitte wagen. Seine Augen begegnen denen des Fremdlings - nur eine Sekunde tauchen die Blicke ineinander, lange genug, um jedem das Bild des andern unverwischlich in die Seele zu bannen.
Imma muß unwillkürlich an St. Michael, den Drachentöter denken, dann sieht sie, wie die Männer zum zehnten Male die Todesfahrt wagen. Wieder steht am Ruder der blonde Held mit den sieghaften Augen, die seine unbeugsame Willenskraft dartun, und wieder spähen alle ins grauenhafte Dunkel.
Wieder verstreichen Stunden - und zum letzten Male kehren die Wackern zurück. Das schöne Mädchen ist in die Knie gesunken.
Triefend von Nässe schreitet der Fremdling auf sie zu. Auf seinen starken Armen trägt er einen Mann mit blutender Stirn - Kapitän Flederwisch - und läßt ihn vor Immas Füßen auf den Sand gleiten.
»Er lebt! Eine fallende Spiere traf ihn!«