Doch Imma sieht nicht auf den bewußtlosen Bruder - sie hat nur Augen für seinen Retter, und plötzlich springt sie auf.
»Ihre Hand - Sie sind verwundet!«
Das Spitzentaschentuch, das vom Regen und Spritzwasser längst durchweicht ist, zieht sie hervor, und ehe er es hindern kann, hat sie ihm die Wunde verbunden; aber kein Wort des Dankes kommt über ihre bebenden Lippen.
Ohne daß Imma weiß, was sie tut, kehrt sie zu ihrem Bruder zurück. Neben diesem kniet bereits der Steuermann, und da schlägt Kapitän Flederwisch die Augen auf.
Er erblickt Imma - er staunt - und dann fragt er:
»Wo ist er?«
Alle wissen, wen er meint, alle spähen nach dem Helden, doch der ist verschwunden, wie er gekommen.
Flederwisch ist aufgesprungen.
»Kanntest du ihn, Schwester?«
Imma schüttelt wie träumend das Haupt.
»Es war Sankt Michael!« murmelt sie.
Piet Jensen tritt zu ihnen.
»Kapitän,« sagt er geheimnisvoll, »wollt Ihr wissen, wer es war?«
Dann beugt er sich weit vor, bis sein Mund das Ohr Flederwischs erreicht.
»Es war Prinz Alfred!«
Dazu macht der Lotsenkommandeur eine Armbewegung. »Von dort drüben!« soll sie bedeuten.
»Bah!« lacht Kapitän Flederwisch. »Prinz Alfred - von dorther? Mann, ebensogut könnt Ihr ihn den Prinzen Niemand nennen. He, was meinst du, Imma, wenn wir meinen unbekannten Retter Nobody taufen? >Wer hat Euch von der Bark geholt, Flederwisch?< wird man mich fragen, und ich werde antworten: >Wer? Na, wer denn sonst als der Mister Nobody, der Prinz von dorther!<«
Lachend beschrieb er einen Kreis in der Luft. »Komm, Schwesterlein,« sagte er dann, »ein steifer Grog wird uns gut tun!«
In den Flur eines vornehmen Privathauses in dem feinsten Viertel Londons trat ein hochgewachsener, breitschultriger, aber trotzdem schlankgebauter Mann.
Von einem Kleiderständer nahm er einen weiten Mantel und warf ihn über die Schultern, dann preßte er einen breitkrempigen Schlapphut auf die blonden, leicht gewellten Haare.
Der Kapitän Flederwisch war im Begriff, trotz der späten Nachtstunde noch einmal auszugehn. Er hatte nach dem Verlust seiner Bark >Imma< sich zur Regelung der Versicherungsangelegenheit nach London begeben und wohnte dort, wie immer, im Hause seiner Tante, einer unverheirateten, sehr reichen Dame, Miß Muggridge mit Namen.
Hastig tastete der Kapitän noch einmal an seine Taschen, als wenn er sich überzeugen wollte, daß er alles zu sich gesteckt habe, was er brauchte. Dann schritt er durch den Flur bis zu einer Treppe, stieg dieselbe empor, gelangte vor eine Tür und klopfte an dieselbe.
Unmittelbar darauf öffnete er sie und trat in das Zimmer.
Der Mondschein erleuchtete es.
Von dem Bette erhob sich ein untersetzter, kräftig gebauter Mensch, ein Mulatte. Er war vollständig angekleidet, mußte also den späten Besuch noch erwartet haben.
»Bist du fertig, Manuel?« fragte Flederwisch.
Schweigend setzte der Mann eine Mütze auf.
»Ich habe viel Geld bei mir. Bist du bewaffnet?«
Ohne auch jetzt etwas zu erwidern zog Manuel aus dem Aermel seiner Jacke ein langes, breitklingiges Messer, die Hauptwaffe der kubanischen Bevölkerung, eine Machete, mit der man ebensogut hauen, wie stechen kann.
Während er die Klinge im Mondschein funkeln ließ, grinste der Mulatte vielsagend, so daß sein weißes Wolfsgebiß sichtbar ward.
Kapitän Flederwisch nickte.
»Es ist gut,« sagte er, sich zum Gehn wendend. »Wir benützen zunächst einen Wagen, dann aber müssen wir laufen - durch Whitechapel. Niemand darf erfahren, wohin ich mich begebe, welches Haus ich betrete. Schon aus diesem Grunde mag ich mit keinem Konstabler etwas zu tun haben. Du selbst aber kommst mir nur im äußersten Notfall zu Hilfe. Verstanden?«
Manuel nickte grinsend.
»Kannst du nicht reden, schwarzes Vieh?« fuhr Flederwisch ihn an.
Doch sofort beruhigte er sich wieder.
»Wie gefällt dir unser neuer Steuermann?« fragte er den Mulatten.
Diesmal brummte der Gefragte zwar etwas vor sich hin, aber es blieb unverständlich. Das reizte von neuem den Zorn des Kapitäns.
»Verdammt!« fluchte er. »Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du den Mann nicht ausstehn kannst, daß du ihn haßt? Er sieht dir zu ehrlich aus. Du hältst ihn für einen Aufpasser, den ich mir selbst auf den Nacken gesetzt habe. Hahaha! So dumm ist Kapitän Flederwisch nicht. Ich sage dir, Manuel, der Kerl ist zu gebrauchen. Denke an die >Imma<, wie wir festsaßen und er uns Mann für Mann von Bord holte!«
»Und wie Eure Schwester ihm die Hand verband!« murrte der Mulatte.
»Hund, was willst du damit andeuten?«
»Andeuten? Sie liebt ihn!«
Der blonde Riese machte eine Bewegung, als wollte er den Frechen mit einem Faustschlag niederschmettern. Plötzlich aber lachte er laut auf.
»Desto besser, wenn du recht hättest! Desto eher würde er Gefallen an unserm Treiben finden - und eine feine Hand an Bord ist er. Jetzt aber merke dir, du Rabenvieh! Wenn du noch einmal eine solche Andeutung fallen laßt, wie eben, dann prügle ich dich räudigen Hund windelweich. Vorwärts! Komm!«
Der Mulatte mußte wirklich eine Hundeseele besitzen. Sein Gesicht war grimmig wie das eines Bullenbeißers, aber treuherzig blickten die Augen seinen Herrn an, und dabei zitterte er, weil dieser ihn hart anfuhr.
Sie verließen die Kammer und das Haus. Es war eine finstre Februarnacht, die Straße schneelos und trocken. Flederwisch ging nach dem nächsten Droschkenhalteplatz, nahm aber nicht ein Hansom, den schnellen, zweirädrigen Wagen, den der geschäftige Engländer benutzt, sondern eines der seltenen, geschlossenen Fuhrwerke mit vier Rädern, das Kab.
»Aldgate Station,« gab er dem Kutscher an.
Manuel stieg nach ihm ein.
Es war eine sehr lange Fahrt. Durch die zugezogenen Fenster drang der brausende Lärm der Londoner Straßen an das Ohr der Schweigenden, dann wieder umgab sie manchmal ein Grabesstille, nur die Pferdehufe klapperten auf dem Holz- oder Asphaltpflaster, wenn der Wagen eines jener zahllosen, stillen Squares passierte, die, wie einsame Inseln im brandenden Weltmeer, in der Riesenstadt verstreut liegen.
Stumm lehnte Flederwisch in einer Ecke; das im Dunkeln glühende Auge des Mulatten war unverwandt auf ihn gerichtet.
Der Wagen hielt. Das lärmende Gewoge an der Aldgate Station, an der Grenze zwischen der City und Whitechapel gelegen, umgab die Aussteigenden. Das verrufene Whitechapel, wo sich alles zusammenfindet, was die Sechsmillionenstadt an Elend und Laster auszustoßen hat, ist bekannt. Allerdings darf man sich nicht ein ganzes Viertel der Armut vorstellen.
Den Hut tief in die Augen gedrückt, überschritt Flederwisch stationenweise die von vier doppelten Wagenreihen belebte Hauptstraße, die elektrisch beleuchtete Whitechapelroad, noch ein Kampf mit einer sich stauenden Menschenmenge, und er verschwand in einer finstern Court, einem Durchgange, einem der Schauplätze der Taten eines Jack des Aufschlitzers.
Als er den Gang auf der andern Seite verließ, hatte sich die Szenerie total geändert. Enge Gassen, in denen sich zwei Menschen kaum ausweichen können, armselige Hütten, eine Totenstille, dann wieder keifende Stimmen, wüstes Lärmen; dann wieder zehnstöckige Lagerhäuser und dazwischen immer eine Spelunke, drinnen an der Bar zechende Bettlergestalten, draußen johlende Männer und sich prügelnde Weiber.
Noch einige Wendungen, und die Schnapsatmosphäre wurde von einem Teergeruch verdrängt. Flederwisch befand sich in der gefährlichsten Gegend Londons, zwischen der Dockstreet oder dem Highway und dem St. Katharinendock liegend, am Tage sehr rege durch den Hafenverkehr belebt, am Abend der Sammelpunkt des schlimmsten Gesindels. Die Matrosen, welche sich von den hier gebotenen Genüssen angezogen fühlen, bilden noch das bessere Publikum; das andre, die eigentliche Einwohnerschaft dieses Viertels, besteht ausschließlich aus Dirnen aller Nationen und deren Zuhältern. Wehe, wer hier auch nur eine Messinguhrkette zeigt! Er kann sicher sein, sie nicht wieder herauszubringen, wenn er überhaupt selbst lebendig wieder herauskommt. Ein Londoner wagt sich gar nicht in diese Mördergrube; nur den Konstabler zwingt die Pflicht, die Gassen abzuschreiten; der gewandte Detektiv treibt sich verkleidet hier herum, die eine Hand am Revolver, in der andern den Totschläger.
Eine wildjohlende Bande von Männern kam die Straße herauf. Plötzlich verstummte der englische Gassenhauer, und im Nu war der Mulatte an Flederwischs Seite.
»Sie haben es auf uns abgesehen,« flüsterte er, und seine Faust verschwand im Aermel.
»Es sind englische Matrosen, mit denen werde ich fertig,« war die gleichgültige Antwort. Der Kapitän schritt weiter, Manuel wieder einige Schritte hinter ihm, die Augen vor Mordlust funkelnd.
Die Matrosen hatten sich verabredet, sie henkelten sich ein, daß sie die hier ziemlich breite Gasse versperrten. Flederwisch mußte vor ihnen stehn bleiben.
»Nun, was soll das?«
»Die Schleuse ist geschlossen, wie Ihr seht,« lachte ein breitschultriger, untersetzter Kerl. »Ein Shilling Zoll, dann kommt Ihr durch.«
Die schlimmste Sorte war das nicht. Es war nur eine rohe Art von Bettelei, die Burschen hatten kein Geld mehr zum Trinken.
»Und wenn ich den Shilling verweigere?«
»Dann müßt Ihr einen Gang mit mir machen, und daß Ihr's gleich wißt: Ich bin Bob Ned, der Championboxer von England.«
Das klang schon eher wie eine Drohung. Was tun? Hier war es das beste, nachzugeben. Flederwisch griff also in das Seitentäschchen des Mantels und drückte dem Matrosen ein Goldstück in die Hand.
Verdutzt betrachtete es der Mann.
»Eine Guinee! Hallo, Platz für den Gentleman, das ist ein wirklicher Gentleman, ein hip hip Hurra für ihn!«
Der Weg durch die brüllenden Matrosen war frei. Aber der Kapitän hatte das Goldstück nicht gegeben, um sich freizukaufen. Hier zeigte sich sein Charakter von einer andern Seite.
»Nein, mein Junge, so billig kommst du nicht davon. Erst sollst du mir beweisen, daß du wirklich ein Championboxer bist.«
Er nahm den Mantel ab und warf ihn dem sich an die Häuserwand schmiegenden Mulatten zu, welcher von jenen noch gar nicht bemerkt worden war. Der Matrose kannte etwas von Edelmut. Er weigerte sich anfangs; schließlich zog er aber doch die Jacke aus.
Der Kampf begann, und bereits nach fünf Sekunden schmetterte Flederwischs Faust dem Gegner zwischen die Augen, daß er wie ein gefällter Stier zu Boden stürzte und stöhnend und mit Blut bedeckt liegen blieb. Der Sieger brauchte nicht zu fürchten, daß sich nun die Kameraden auf ihn stürzen würden. Die Unparteilichkeit in allem, was Zweikampf heißt, ist dem englischen Volke in Fleisch und Blut übergegangen und bildet wenigstens eine Tugend selbst der verkommensten Klassen.
Die Gleichgültigkeit, mit welcher sich Flederwisch von dem Mulatten den Mantel umhängen ließ und seinen Weg fortsetzte, als wäre nichts geschehen, war erkünstelt, denn er hatte plötzlich einen ganz andern, federnden Gang angenommen, welcher seinen innern Stolz verriet.
»Bei dem bist du einmal an den Unrechten gekommen, Bob; aber wer hätte das dem auch zugetraut, - und erst gibt er uns ein ganzes Pfund,« hörte er hinter sich noch sagen, und das war es, was der Kapitän hören wollte. Und je mehr seine Brust vor Eitelkeit schwoll, desto demütiger schlich Manuel hinter ihm drein.
Vor einem baufälligen Häuschen, dessen verhangene Parterrefenster hell erleuchtet waren, blieb Flederwisch stehn und ließ den eisernen Klopfer ertönen.
»Ich habe es mir anders überlegt, du kommst mit hinauf,« sagte er zu dem Mulatten.
Eine ältere, geputzte und geschminkte Frau öffnete. Ohne ein Wort zu verlieren, ging der Kapitän, von dem Bootsmann gefolgt, an ihr vorüber, an einigen Türen vorbei, hinter denen Gläserklingen, Singen und Kreischen erscholl, stieg eine winklige Treppe hinauf, immer an vielen Türen vorbei, eine zweite Treppe, die ihn auf den durch eine Oellampe erleuchteten Bodenraum brachte, und klopfte an der einzigen Tür, die sich hier oben befand und einen Verschlag verschloß.
Der Oeffnende war ein altes, dürres Männchen mit Habichtsnase und Geieraugen, in einen zerfetzten Schlafrock gehüllt.
»Da sind Sie ja, Kapitän,« sagte seine Fistelstimme, die wie ein Kichern klang. »Und wer ist das?« setzte er mißtrauisch hinzu.
»Mein Bootsmann, weiß alles,« war die lakonische Antwort.
»All right, kommt herein!«
Ein kleines Zimmer mit schiefer Vorderwand, eben nur ein Verschlag mit hölzernen Wänden, erbärmlich möbliert, nahm sie auf. Ein Schreibsekretär war der einzige Gegenstand, der nicht vor Altersschwäche zusammenzubrechen drohte. Auf dem wurmstichigen Tische stand die brennende Petroleumlampe, daneben lag ein Revolver.
Es war eine seltsame Szene, welche den Besuch einleitete. Ohne ein Wort zu sprechen, ging Flederwisch mit zwei großen, hastigen Schritten an den Tisch, nahm den Revolver, betrachtete ihn von allen Seiten, erst im Stehn, dann setzte er sich auf den ächzenden Stuhl und brachte die Waffe dicht ans Licht, drehte sie immer wieder in den Händen, hielt sie dicht vor die Augen und wieder weit von sich ab - kurz, er besichtigte sie mit einer Sorgfalt, als prüfe er einen kostbaren Diamanten auf seinen Wert oder eine nicht zu ersetzende Urkunde auf ihre Echtheit, und doch war es nur ein ganz einfacher, dicker, kurzläufiger Revolver, neu, die blanken Teile leicht eingefettet, der Kolben mit zinnernen Figuren ausgelegt, eine ganz billige Waffe, das Stück vielleicht sechs Mark im deutschen Ladenpreis. Flederwisch ließ ihn repetieren, visierte und drückte los, stand auf, prüfte ihn auf seine Handlichkeit, steckte ihn in die verschiedenen Taschen, wie sich diese bauschten, riß ihn heraus, tat, als schösse er, setzte die Mündung sogar mit einer raschen Bewegung gegen die eigne Schläfe.
»Schraubenzieher!« sagte er kurz.
Den hatte der Alte schon in der Tasche des Schlafrocks. Mit zitternden Fingern löste Flederwisch die Schrauben, unterzog die einzelnen Teile einer eingehenden Prüfung, setzte den Revolver wieder zusammen und legte ihn endlich tief aufatmend auf den Tisch.
Während dieses Vorganges hatte der Mulatte unbeweglich wie eine Statue in einer Ecke gestanden, der Alte auf dem ungemachten Bette gesessen und dem Prüfenden zugeschaut. Als dieser jetzt fertig war und sich die Blicke beider begegneten, lag etwas wie Feierlichkeit in ihren Mienen und in der stummen Pause.
»Nun?« fragte der Alte.
»Wenn alle so sind?«
»Einer wie der andre, alles eine Maschinenarbeit. Ist's das rechte Format?«
»Ja, das ist's, gerade das beliebte, um es verborgen bei sich zu tragen und im rechten Moment den Kopf seines Nächsten zu zerschmettern. Ich kenne den Geschmack dort. Kostenpunkt?«
»Zehn Pfund das Gros, die handliche Verpackung in Zentnerkisten extra ein Shilling drei Pence, frei ans Schiff.«
Von neuem betrachtete Flederwisch den Revolver. Er tat es wohl nur, um seine furchtbare Aufregung niederzukämpfen, seine Hände zitterten noch mehr als vorhin.
»Wie sie's so billig machen können?« kicherte der Alte. »Die Menge tut's; aus den Fabrikarbeitern schinden sie's heraus. Aber ohne mich hätten Sie's auch nicht so billig bekommen.«