»Wenn sie alle so sind,« murmelte der Kapitän nochmals.
»Ich garantiere dafür. Es ist doch mein eigner Schaden, wenn's nicht so wäre. Die Fabrik ist reell.«
»Woher kommen sie?«
»Das bleibt meine Sache, wie ich Ihnen schon oft gesagt habe.«
»Hm, 's ist zwar kein >made in Germany< darauf, aber sie kommen doch aus Deutschland. Wieviel und bis wann können sie geliefert werden?«
»In sechs Wochen, so viel Sie wollen. Tausend Tonnen? Sagen wir rund: zwei Millionen.«
»Zwei Millionen, abgemacht!« erwiderte Flederwisch, und es klang wie ein Aechzen.
Der Alte brachte Papier und Schreibzeug herbei und schrieb Zahlen; der Kapitän rechnete ebenfalls in seinem Notizbuche.
»Hundertundvierzigtausend einhundertneununddreißig Pfund Sterling,« sagte er, und der andre bestätigte es.
Es war ein Geschäft von drei Millionen Mark, nicht zu groß für eine ganze Schiffsladung, da kommen oft noch ganz andre Zahlen zur Berechnung, aber ungeheuerlich groß war es für diese Umgebung, und seltsam, wie das Geschäft abgeschlossen wurde.
Wieder war eine feierliche Pause eingetreten, die beiden sahen sich nur an.
»Und was nehmen Sie fürs Schieben, Davis?« ergriff Flederwisch leise wieder das Wort.
»Das wissen Sie: fünfundzwanzig Prozent vom Zoll. Ein Piaster steht auf den Revolver, das sind nach jetzigem Kurse gerade vier Shilling. Hunderttausend Pfund Sterling, ein Viertel davon bar Anzahlung, die ausgemachte Bürgschaft, und Sie haben sich überhaupt um nichts mehr zu kümmern.«
»Abgemacht,« seufzte Flederwisch erleichtert auf.
»Haben Sie's mit? Ich brauche Geld, ich muß den Fabrikanten bezahlen.«
»Bah, das wird bei Ihnen nicht so eilig sein. Ja, ich habe es mit.«
»Junger Mann, solch eine kolossale Schiebung habe ich noch nicht gemacht,« sagte der Alte, und es lag ein Staunen in seinem Tone, das sonst gar nicht zu dem ausgetrockneten Männchen passen wollte; übrigens setzte er auch gleich wieder phlegmatisch hinzu: »Na, wenn Sie die Dinger loswerden können, mir soll's recht sein.«
»Mit Leichtigkeit. Rechnen Sie aus, Südamerika hat zirka siebzig Millionen Einwohner! Wieviel Kinder werden dort jährlich geboren, kein Mensch ist dort ohne Waffe, und das Rätsel ist gelöst.«
»Trotzdem, 's ist viel. Wo wollen Sie die Dinger an Land schmuggeln?«
»Das geht nun eigentlich wieder Sie nichts an, Davis. Von Schmuggeln ist überhaupt keine Rede, es geschieht mit der Erlaubnis einer hochwohllöblichen Regierung.«
»Das machen Sie mir altem Mann nicht weis, ich kenne die Verhältnisse dort unten auch. Diese verhungerten Regierungen lassen zwei Millionen Dollar nicht ohne weiteres fahren. Ja, wenn ein Krieg in Aussicht wäre! Aber davon ist jetzt keine Rede.«
»Was heißt dort unten Regierung?« entgegnete Flederwisch achselzuckend. »Heute Republik, morgen Monarchie, übermorgen Anarchie. Wer dreist ist und Geld hat zum Bestechen, wird Präsident, und wer noch kecker ist und noch mehr Geld hat, wirft diesen hinaus und setzt sich als Kaiser auf den Thron. Na, Davis, Ihnen kann ich es ja sagen, eine Krähe hackt der andern kein Auge aus: solch einen Mann mit Gelüsten nach der Krone gibt es in Quito, einen portugiesischen Kaufmann, der von seiner klugen, englischen Schwiegermama geleitet wird; wahrscheinlich stecken auch noch andre dahinter, englische Kapitalisten und Börsenjobber. Er hat der Regierung die Guanofelder als Pfand abgenommen, hat daher jetzt die Macht in Händen, und ihm liefere ich die Revolver. 'S ist so gerade die richtige Fasson, sie in einem Volkshaufen, wenn so bei der Wahl Mann an Mann steht, aus der Tasche zu reißen und loszuknattern. Und die Rebellion geht weiter. Vielleicht gibt es bald ein vereinigtes Kaiserreich von Kolumbia, Ecuador und Peru.«
»Glück zu!« sagte Davis, der sich wenig für diese Politik zu interessieren schien. »Also Sie meinen, Sie könnten die Kisten gleich so ohne weiteres ohne Zoll an Land schaffen?«
»Nein, nein, das geht nicht. Ich brauche auch noch Deckung, zweihundert Tonnen habe ich noch frei. Das andre, was ich bekommen habe, ist leichter Papierkram, kann ich nicht dazu benutzen. Was schlagen Sie vor?«
»Daß Sie die Fracht nicht als Revolver versichern, kann ich mir lebhaft denken, sonst brauchten Sie mich nicht,« kicherte Davis. »Nach Südamerika? Hm, da gehn am besten Waffen, Oberhemden und Champagner.«
»Unsinn, gerade darauf steht ja der höchste Zoll. Eisengut muß es natürlich sein, nicht ganz zollfrei, sonst sind die Schnüffelhunde nicht zufrieden, wenn sie gar nichts Verzollbares finden.«
Der Alte erhob sich, schlurfte an den Sekretär und entnahm einem Schubfache ein gewöhnliches Türschloß mit daranhängendem Schlüssel. Es trug in einem Stempel den lächerlichen, sich aber an allen guten, billigen Bedarfsartikeln Englands in verschiedenen Variationen wiederholenden Vermerk: Englisches Fabrikat, gemacht in Deutschland.
»Werden Sie das los?«
»Famos, das geht!« rief Flederwisch erfreut. »In sechs Wochen zweihundert Tonnen?«
Auch dieses Geschäft wurde gemacht, die Fracht für das neue Schiff war besorgt. Die beiden besprachen noch, wie und besonders in welcher Reihenfolge die Kisten an das im St. Katharinendock liegende Schiff herangefahren werden sollten, welches geheime Merkmal die Revolverkisten von denen mit den Türschlössern unterschied.
»Nun aber die Anzahlung und die Bürgschaft,« drängte Davis.
Flederwisch zog aus der Brusttasche ein dünnes Päckchen, und während der Alte es in Empfang nahm und jede der vierundzwanzig Tausendpfundnoten prüfend durch die Finger gleiten ließ, bedeckte der Kapitän den ganzen Tisch aus einer andern Tasche mit Zehnpfundnoten, einige Goldstücke hinzufügend.
Immer noch stand Manuel wie eine eherne Statue in der dunklen Ecke. Nur seine Augen bewegten sich, bald blickten sie glühend nach dem Tisch, wo eine halbe Million aufgezählt wurde, bald funkelten sie nach dem Sekretär hinüber, welcher den Schatz aufnahm, bald rollten sie durch die ganze Stube, daß manchmal fast nur das Weiße sichtbar war.
Da zog Flederwisch noch ein Papier hervor, und wieder bebten seine Hände. Kein Wort wurde gesprochen. Der Alte las und nickte zufrieden, die Feder ging von einem zum andern, es wurde geschrieben und unterzeichnet.
Es war eine sehr kalte Februarnacht, das Zimmer ungeheizt, und doch mußte sich der Kapitän immer die dicken Schweißtropfen von der Stirn wischen.
Das ganze Vermögen der Lady Muggridge, seine zukünftige Erbschaft war es, welche er verpfändet hatte, und sie mußte ihm ganz sicher sein, sonst hätte dieser alte Mann sie nicht als Bürgschaft angenommen. Was aber hätte wohl die gute Tante gesagt, wenn sie es erfahren? Nun, vielleicht wäre sie mit dem spekulanten Neffen zufrieden gewesen, der es ja nur tat, um dadurch noch mehr Geld zu gewinnen.
Auch dieses kostbare Papier wanderte in den Schreibsekretär, verfolgt von des Mulatten im Dunkeln glühenden Augen.
Flederwisch hatte sich beruhigt.
»Sie bewahren das viele Geld und die Papiere einfach so in dem alten Holzschrank auf?« fragte er.
»Das Geld bleibt nicht lange drin, geht schon morgen wieder weg, und die Dokumente liegen dort sicher. Warum auch nicht?«
»Na, ich danke! Sie wohnen hier in einer netten Gesellschaft!«
»Sicherer als in jedem andern Hause, die Mädels unten sind die besten Wächter, die schlafen nur am Tage, wenn niemand einbricht. O, sie haben's schon ein paarmal versucht, bei mir hereinzukommen. Aber die Mädels haben es immer gleich gemerkt, wenn jemand auf dem Dache herumkroch, und so leicht geht das auch nicht.«
Der Mulatte fand diese Angelegenheit so interessant, daß er sich schnell umwandte und durch das kleine Fenster spähte. Doch nur einen Blick hatte er hinausgeworfen, dann stand er wieder regungslos wie zuvor da.
»Und wenn's mal brennen sollte,« fuhr der Alte gleichmütig fort, »die paar Papiere sind mit einem Griff in meinen Händen, und verbrenne ich, na, dann mag auch der Plunder verbrennen. Meine Erben kenne ich gar nicht.«
»Den Teufel auch!« fuhr Flederwisch auf. »Dann verbrennen meine fünfundzwanzigtausend Pfund mit, und ich sitze mit dem dicken Kopfe und mit meinem leeren Schiffe in einer schönen Lage da!«
»Ohne Sorge, junger Mann, die nötigen Briefe schreibe ich noch heute abend, und Ihr Geld wird gleich morgen früh in Sicherheit gebracht, wie ich schon sagte. Daß ich's noch heute nacht auf die Post trage, können Sie nicht verlangen, also brauchen Sie nur diese Nacht einmal unruhig zu schlafen, das ist das einzige Risiko, und ein solches muß doch bei so einer Sache sein, sonst machte sie gleich jeder nach!«
Der Alte hatte wohl scherzhaft gesprochen, aber der Kapitän ging nicht darauf ein.
»Weiß nicht,« meinte er, »wenn ich so ein alter, einsamer Mann wäre, der immer große Summen bei sich hat, möchte ich doch nicht hier wohnen. Ueberdies könnten Sie sich auch ein anständigeres Quartier nehmen, daß man nicht bei Nacht und Nebel zu Ihnen schleichen muß!«
»Ja, Sie sind auch eine Ausnahme. Ich kann mich nicht allein nach Ihnen richten. Die Kapitäne, mit denen ich solche Schiebereien mache, sind sonst alles derbe, vierschrötige Kerle, die in so ein Haus passen und einmal unten einkehren. Was kann ich dafür, daß Sie ein Gentleman sind?«
»Dafür machen Sie aber auch mit mir andre Geschäfte. Es ist schon gut, Sie sind ein filziger Geizhals, Davis. Das Haus bildet allein da unten eine Goldgrube, und ich möchte wissen, was Sie schon zusammengescharrt haben. Dabei leben Sie von Wasser und Brot. Oder haben Sie mir einen Kognak anzubieten?«
»Nein,« kicherte der Alte, »da müssen Sie hinuntergehn. Oder soll ich Ihnen einen heraufholen? Ein Shilling das Gläschen.«
»Lassen Sie nur! Wenn ich bloß wüßte, wie Sie zu den Verbindungen gekommen sind, daß Sie heute einen ganzen Dampfer mit Essig befrachten können, und derweilen sind Spirituosen in den Fässern, und morgen eine ganze Schiffsladung zollfreie Nägel liefern, und wenn man sie auspackt, sind es Uhren geworden. Sollte man denn glauben, daß in dieser armseligen Spelunke Aufträge ein- und auslaufen und über Summen abgeschlossen wird, welche das Herz manches großen Bankiers erzittern machten?«
Flederwisch blickte sich in der Dachkammer um, und als er über der Tür den Spruch: »Gott segne deinen Eingang« las, lachte er laut auf.
»Jeder Mensch hat seine Profession,« meinte Davis, »und versteht er sie, ist nüchtern und kein Spieler, so bringt er es zu etwas. Ich verstehe mich darauf, Schiffsfrachten zu vertauschen, und ich begreife wieder nicht, wie Sie es fertig bringen können, zwanzigtausend Zentnerkisten unbemerkt an Land zu schmuggeln. Ich war in meinen jungen Jahren auch draußen auf See, habe auch bei Nacht und Nebel Spirituosen fässerweise nach Long Island gepascht und ein schönes Geld dabei verdient, versorge ja manchen Kapitän mit geeigneter Ware, aber daß man die Sache so im großen betreiben kann, das haben Sie mir erst mit der >Imma< gezeigt. Und nun gar zwei Millionen Revolver! Wenn Sie nur einen Shilling am Stück verdienen! Aber Sie stecken doch den ganzen Zoll in Ihre Tasche! Mann, Kapitän, Sie müssen doch schon längst ein vielfacher Millionär sein?!«
Flederwisch hatte sich achselzuckend erhoben, ohne eine Antwort zu haben, er fühlte den lauernden Blick, der diese Frage begleitete, und wieder färbte sich sein Antlitz vor innerer Aufregung dunkelrot.
»Wenn Sie in Südamerika sind,« ließ sich des Alten Fistelstimme wieder vernehmen, »können Sie sich ja gleich die Tonne Gold ehrlich verdienen.«
»Was schwafeln Sie da?«
»Vielleicht finden Sie das Goldschiff.«
»Welches Goldschiff?«
»Haben Sie die Abendzeitungen noch nicht gelesen?«
»Nein.«
»Ein kleiner mexikanischer Dampfer wird vermißt, von Accapulco nach Panama, mit fünfzig Tonnen ausgeschmolzenen Goldbarren an Bord.«
»Alle Wetter!« flüsterte Flederwisch und sank auf den Stuhl zurück.
»Das Gold ist von der englischen Münze zusammengekauft worden, aus Kalifornien, Mexiko und überallher, war bezahlt, wurde in Accapulco als einfaches Frachtgut auf einem mexikanischen Dampfer aufgegeben, sollte nach Panama gehn, von dort über den Isthmus nach Portobello, wo schon ein englisches Kriegsschiff zum Empfange bereit lag. Das Schiff ist einfach weg, schon seit vier Tagen ist es überfällig, und man kann hier keine Hoffnung mehr haben, sonst würde man nicht hunderttausend Pfund - das sollen zwei Prozent sein - schon dem zusichern, der nur eine Mitteilung macht, wo das Schiff geblieben ist.«
Der Kapitän stierte vor sich hin und wühlte mit den Fingern im Haar.
»Wieviel sind fünfzig Tonnen wert?«
»Berechnen Sie es sich doch aus den zwei Prozent: fünf Millionen Pfund Sterling! Es muß sehr feines Gold sein, fertig zum Prägen. Klingt sehr viel, aber für die engli[s]che Münze ist das eine Kleinigkeit.«
»Fünf Millionen Pfund Sterling - hundert Millionen Mark - sie liegen vielleicht auf dem Meeresgrund! Was sich überhaupt da unten für Schätze angehäuft haben mögen! Davis, ich möchte nur vierundzwanzig Stunden ein Walfisch sein, ich wollte mir die Backentaschen tüchtig vollstopfen. Haben Sie die Zeitung hier?«
»Nein, die ist unten. Wahr ist es aber, alle Spalten stehn voll davon, sonst hätte ich's nur für die Phantasie eines Zeitungsschreibers gehalten; denn das will mir gar nicht in den Kopf, daß solch ein Schatz als gewöhnliches Frachtgut verschickt wird. Sind die denn verrückt?«
»Das verstehn Sie nicht, so wird es in Amerika immer gemacht. Das Washingtoner Schatzamt zum Beispiel schickt Gold- und Silbersummen stets als ordinäres Frachtgut, manchmal mit der Begleitung eines Bankbeamten, manchmal auch ohne den, oft Hunderte von Millionen, Banknoten gehn in einfachen Briefen fort, die Erfahrung hat gelehrt, daß dies sicherer ist als die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln, die Spitzbuben werden weniger darauf aufmerksam gemacht. Denn was ist solch einem amerikanischen Gauner unmöglich! Der stiehlt gleich einen ganzen Eisenbahnzug und ein ganzes Kriegsschiff, wenn's nur lohnend ist. Diebstähle kommen freilich trotzdem noch oft genug vor, dann aber haben meistens die Beamten ihre Hand selbst im Spiele. Haben Sie nicht die köstliche Geschichte gehört, die drüben vor Jahren passierte? Vom Schatzamt in Washington werden zwei Kisten mit Gold nach San Francisco abgeschickt, sie gehn als das Gepäck zweier Beamten mit, die sich für Bleirohrreisende ausgeben müssen, und der Inhalt der Kisten ist denn auch als Bleirohr deklariert. Sie kommen in San Francisco an, die Kisten sind unverletzt, und als sie aufgemacht werden - wissen Sie, was drin ist?«
»Steine! Die Beamten oder die Gepäckschaffner haben unterwegs das Gold durch Steine ersetzt.«
»Nein, eben Bleirohre waren drin, wie angegeben! Die Gesichter der beiden Beamten möchte ich gesehen haben, hahaha! Denn die haben das Gold sicher nicht gestohlen, der eine ist auch im größten Elend gestorben. Das Gold ist sehr einfach schon im Washingtoner Schatzamt verschwunden, die Kisten sind überhaupt mit Bleirohren vollgepackt worden, und zwar auf höhern Befehl, denn die Sache ist dann von oben totgeschwiegen worden. - - Fünf Millionen Pfund Sterling! Heiliger Gott, wenn ich wüßte, wo die lägen!«