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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15746 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Doch er mußte erst abwarten. Warten! Ein schreckliches Wort für diesen Mann. Er begann im Zimmer auf und ab zu rasen, er bekam wirklich Nasenbluten, und so wie er mochte jetzt noch manch andrer Mann, der mit Davis verkehrt hatte, sich der Verzweiflung hingeben und jedesmal mit stockendem Herzschlag zusammenschrecken, wenn die Haustür ging, denn es konnte ein Kriminalbeamter mit dem Verhaftbefehl sein.

Nehmen wir einstweilen schnell Kenntnis davon, was der Seemann denn eigentlich unter einer >Schieberei< versteht.

Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist es der Regierung und der Steuerbehörde ganz gleichgültig, was aus ihrem Lande exportiert wird, d. h. sie kümmert sich nicht um jeden einzelnen Fall. Nur der Eingang wird wegen des Zolles kontrolliert. Dagegen ist es manchmal dem fremden Konsul sehr von Interesse, zu wissen, was nach dem Lande, das er vertritt, abgeht.

Gesetzt den Fall, der englische Konsul in Hamburg erfährt, ein Dampfer wird mit Schießpulver nach Indien befrachtet. Wozu? Die englische Armee in Britisch-Indien braucht kein Schießpulver aus Deutschland, in Indien selbst gibt es Pulverfabriken, oder es wird aus England bezogen. Die Hindu dürfen nicht einmal Waffen tragen. Da liegt die Vermutung sehr nahe, daß es unter die Eingebornen für einen vorzubereitenden Aufstand gepascht werden soll. Ganz sauber kann die Geschichte jedenfalls nicht sein.

Die Ausfuhr hindern kann der Konsul nicht. Aber er wird sofort die Regierung seines Landes von dem Falle in Kenntnis setzen, und in Indien wird man das Schiff mit der verdächtigen Fracht beaufsichtigen oder es womöglich gleich aus allen Häfen ausweisen.

Aber der englische Konsul braucht gar nicht davon zu erfahren. Der deutsche Fabrikant, bei dem der indische Agent das Schießpulver bestellt, kümmert sich nicht darum, wohin seine Ware geht. Es muß nur ein Schiffsmakler gefunden werden, welcher die Sache in die Hand nimmt und seine vertrauten Kapitäne hat. Solch ein Schiffsmakler hat z. B. gleichzeitig noch eine Ladung Mehl nach Schweden zu besorgen. Nun vertauscht er einfach die Frachten, das Mehl geht in Pulverfässern und als Pulver designiert nach Schweden ab, wo es ohne Umstände eingelassen wird, und das Schießpulver wird als Mehl in Mehlsäcken auf das nach Indien bestimmte Schiff verladen. Obenauf kommt noch eine Schicht Säcke mit richtigem Mehl - platzt beim Verladen ein Sack, desto besser, nur kein Pulversack darf platzen - und die Sache ist all right. Das Seemannsamt, die Steuerbehörde und die Konsuln kümmern sich nicht darum, wenn den hungernden Indiern Mehl gebracht wird. Der Schiffsmakler aber hat die Frachten >geschoben<. Es läßt sich denken, daß hierzu ein wohlorganisiertes Heer von Agenten gehört, über die ganze Erde verteilt. Alle solche Unternehmer arbeiten eben unter einer Decke sich gegenseitig in die Hand - vielleicht teilen sie auch den Gesamtgewinn - und sind daher in der Lage, alle nur möglichen Frachten zu vertauschen. Die Folge davon ist, daß sie zu verschlagenen Betrügern werden, indem sie direkt den Schmuggel begünstigen, wofür sie sich natürlich entsprechend bezahlen lassen.

Der Schiffsmakler, welcher der einfachen Schieberei überführt ist, wird wegen falscher Buchführung, Vorspiegelung falscher Tatsachen und noch wegen andrer Vergehen bestraft und ihm die Konzession entzogen; der Kapitän, der ihm gedient, ohne daß ihm direkter Schmuggel nachgewiesen werden kann, verliert zwar nicht sein Patent, aber er findet, trotz aller sonstigen Tüchtigkeit bei keiner soliden Reederei mehr Stellung.

»Ein Gentleman wünscht den Herrn Kapitän zu sprechen,« meldete eine eintretende Dienerin.

Sofort fuhr Flederwisch zusammen.

»Ist's ein Seemann?«

»So sieht er nicht aus. Er ist im Gesellschaftsanzug,« entgegnete das Mädchen.

»Er soll eintreten!«

Eine Minute später stand der Gemeldete vor dem Kapitän.

»Sie sind's, Steuermann?« rief dieser. »Warum nannten Sie der Dienerin nicht Ihren Namen?«

Der hochgewachsene, blonde, junge Mann lächelte.

»Sie vergaß, mich darnach zu fragen,« erwiderte er leichthin.

Allerdings, wenn diesen ideal schönen Menschen ein Weib sah, dann konnte es verschiedenes vergessen. Da mußte es an andres denken, da klopfte das Herz so ungestüm, daß der Kopf nicht zur Geltung kam.

»All right!« lächelte jetzt auch Flederwisch, dann deutete er auf einen Sessel. »Nehmen Sie Platz, Herr Werner!«

Alfred Werner, so hatte sich gestern der junge Mann genannt, der den Kapitän bereits einmal aus Todesnot gerettet hatte, ließ sich in den Polsterstuhl sinken.

»Sie haben schon von dem Morde in der Fleetstreet gehört?« begann Flederwisch das Gespräch, denn der Gedanke an das grauenhafte Ereignis beherrschte ihn noch vollständig.

Das Gesicht des Steuermanns ward ernst.

»Gewiß,« sagte er ruhig. »Es wird deswegen mancher heute und die folgenden Tage keine Ruhe mehr finden.«

Der Kapitän erblaßte. Er mußte sich gewaltig zusammennehmen, um nicht aufzufahren und seinem Gegenüber zuzuschreien: >Woher weißt du das? Hast du etwa auch schon mit Davis zu tun gehabt?<

»Sie spielen auf die Gerüchte an, die über die geheimen Geschäfte des Ermordeten im Umlauf sind?« fragte er in Wirklichkeit, und er hoffte, daß Werner das leise Beben seiner Stimme nicht hören würde.

»Jawohl,« nickte dieser. »Uebrigens ist der Täter in ganz raffinierter Weise zu Werke gegangen. Er muß mit seltener Kaltblütigkeit gehandelt haben. Jedenfalls hatte er ein großes Interesse an den spurlos verschwundenen Papieren.«

»Das stand in den Zeitungen,« bemerkte Flederwisch, um nur etwas zu sagen.

»Es kann kein Europäer gewesen sein,« fuhr der Steuermann fort.

Wieder erbleichte der Kapitän.

»Woraus schließen Sie das?« fragte er mit erzwungenem Lachen. »Sie scheinen eine ausgezeichnete kriminalistische Begabung zu besitzen.«

»Richtig, mein lieber Flederwisch,« sagte da Nobody, der ja die Rolle des Steuermanns Alfred Werner angenommen hatte, zu sich, »und du wirst bald an dir selber noch mehr von dieser Begabung erfahren.« Laut aber entgegnete er: »Nun, man kombiniert eben in solchen Fällen, und die Wildheit, mit der dieser Mord verübt ward, brachte mich zu der Ueberzeugung, daß nur ein Farbiger, vielleicht auch ein weißer Südländer Davis ums Leben gebracht und beraubt hat. Sie kennen ja diese heißblütigen Gesellen aus eigner Erfahrung, Kapitän. Uebrigens,« fuhr er ablenkend fort, »kam ich wegen Ihrer Entscheidung in betreff der Geldangelegenheit. Wie steht es damit?«

Flederwisch schrak zusammen. Er hatte mit seinen Gedanken ganz wo anders geweilt.

Ein Farbiger sollte nach der Ansicht dieses Menschen da den Makler Davis ermordet haben? Zum Teufel, wenn Manuel -?!

»Ach, ja. Ich bestellte Sie heute. Es liegt mir nicht viel daran, aber ich möchte Ihnen gern gefällig sein - wieviel besitzen Sie denn, Mister Werner?«

»Sie meinen, wieviel die Erbschaft betrug? Hier, sehen Sie selbst!«

Er zog ein in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen aus einer Brusttasche seines eleganten Gehrocks und reichte es dem Kapitän.

Etwas hochmütig nahm dieser es entgegen. Die paar tausend Shilling!

Trotzdem wickelte er das Papier sorgsam ab, und er merkte nicht, wie scharf sein Steuermann ihn dabei beobachtete.

Die Finger Flederwischs begannen zu zittern. Er vermochte die Banknoten, die er hielt, kaum zu zählen. Gerade fünfzig Stück waren es, jede zu tausend Pfund - fünfzigtausend Pfund - über eine Million Mark. Das mußte eine sonderbare Erbtante gewesen sein.

Am meisten aber imponierte dem Kapitän Flederwisch, wie Alfred Werner dieses beträchtliche Vermögen aus der Rocktasche gebracht hatte. Das war ein feiner Trick, den mußte er bei der ersten Gelegenheit nachmachen.

Die Erziehung Flederwischs durch Nobody begann also bereits.

»Nun, Kapitän?« fragte dieser. »Könnten Sie die Summe noch unterbringen?«

»Ja, aber, Mann, das ist doch eine Million!«

»Eben deswegen! Ich weiß wahrhaftig nichts mit dem Gelde anzufangen!«

»Kaufen Sie sich doch selbst ein Schiff!« rief Flederwisch.

»Als Steuermann?« lächelte Werner.

»Ach so! Richtig! Das geht nicht! Wie dachten Sie sich denn die Sache?«

»Ganz einfach! Sie kaufen das Schiff, das Sie im Auge haben und benutzen dazu mein Erbe, oder Sie beteiligen mich sonstwie an Ihrem nächsten Unternehmen. Wollten Sie nicht nach Südamerika?«

»Nach - Südamerika?« wiederholte Flederwisch aufs neue verwundert.

»Sprachen Sie nicht gestern davon?«

»Jawohl - es kann sein -«

»Na, also! Ich mache Ihnen keine Vorschriften. Benutzen Sie das Geld nach Belieben, Kapitän, und lassen Sie mir, bitte, rechtzeitig sagen, wann ich mich Ihnen zur Verfügung zu stellen habe.«

Flederwisch hielt die fünfzig Tausendpfundnoten noch in der Hand, aber diese zitterte nicht mehr. Er betrachtete die Summe bereits als sein Eigentum.

»Well,« sagte er nach kurzem Ueberlegen. »Etwas Schriftliches muß sein. Ich verstehe es nicht aufzusetzen. Kommen Sie heute nachmittag in das Bureau des Rechtsanwaltes Perkins - um vier Uhr - ich werde dort sein. Und Ihr Dienst? Der beginnt morgen früh - ich habe eine Masse Vorbereitungen zu erledigen.«

Der Steuermann verbeugte sich mit tadellosem Anstand, dann verließ er das Zimmer und das Haus.

Als er die Straße betrat, schaute er unbemerkt zu einem Fenster empor.

»Sie hat gewartet,« murmelte er leise vor sich. »Die schöne Imma hat mich wiedererkannt! Was soll daraus werden? Verraten darf ich mich nicht, und zu einer flüchtigen Tändelei ist Flederwischs Schwester doch zu gut.«

Er hatte recht. Am Fenster stand die blonde Imma und schaute mit klopfendem Herzen und wogendem Busen hinunter zu dem kühnen, herrlichen Mann, der ihr in der furchtbaren Sturmnacht den Bruder rettete. Imma hatte nach dem Unbekannten geforscht, aber sie hatte nichts über ihn zu erfahren vermocht.

Nur darüber waren sich alle Fischer einig, daß es der tüchtigste Seemann gewesen, den sie gesehen - wenn nicht ein vom Himmel zur Rettung erschienener Engel. Als dann der Pfarrer in der Kirche für die Rettung der Schiffbrüchigen einen Dankgottesdienst abhielt, legte er der Predigt die Worte unter: Wie hieß der barmherzige Samariter? Niemand weiß es, die Bibel nennt nicht seinen Namen, und er hat auch nicht seine Belohnung abgeholt.

Heute erst hatte sie ihn wiedergesehen, vorhin, als sie eben zum Fenster trat, war er plötzlich unter den Passanten aufgetaucht. Mit stockendem Herzschlag hatte Imma ihn erkannt. Sie hatte das Fenster öffnen und ihn anrufen wollen, da war er quer über die Straße herübergekommen und ins Haus getreten - in ihr Haus! Imma hatte sich nicht zu fragen getraut, zu wem er kam - vielleicht zu ihrem Bruder - sie wartete, bis er wieder gehn würde, und inzwischen erlebte sie noch einmal die Ereignisse jener Sturmnacht.

Nun endlich sah Imma ihn wieder! Sie wollte, alle Scheu vergessend, rufen, aber wie hieß er denn? Sie bog sich weit, weit aus dem Fenster, nur um ihn zu sehen - da verschwand er um die Ecke. Sie war unglücklich. Dann erschrak sie heftig, ein Arm hatte sich um ihren Leib geschlungen.

»Schwesterchen, du wirst zum Fenster hinausstürzen. Wem zuliebe riskierst du denn dein Leben?«

»Ach, Paul, du bist es - nach dir - ich habe dich nicht kommen sehen,« stammelte sie verwirrt.

»Und doch bist du vor lauter Ausspähen ganz rot geworden? Schwesterchen, Schwesterchen!« drohte er lächelnd mit dem Finger. »Nun, du brauchst nicht gleich ein beleidigtes Gesicht zu machen, du hast dich nur zu weit hinausgelehnt. Was macht Tante?«

»Sie beaufsichtigt das Decken des Mittagstisches; da sei ich nur im Wege, sagte sie. Sie gibt das Essen, nur um dein neues chinesisches Porzellanservice zu zeigen - o, und was hast du mir mitgebracht!«

Sie erfaßte mit beiden Händen die seinen.

»Das Beste, was ich finden konnte, und doch noch nicht genug für meine liebe, schöne Schwester. Hast du das riesengroße Paket endlich ausgepackt? Schade, daß ich nicht dabeisein konnte. Du erwartetest wohl, etwas ganz andres darin zu finden als nur ein kleines Brillantkollier? Ja, ich hatte es ungefähr fünfhundertmal eingewickelt. Aber ich sehe dich ja schon in Toilette, und du trägst es nicht?«

»Es ist zu wertvoll.«

»Für dich ist nichts zu wertvoll, mir nicht, und deiner ist der Schmuck jeder Fürstin würdig. Du wirst es doch anlegen, mir zuliebe?«

Eine grenzenlose Zärtlichkeit sprach aus jedem seiner Worte, aus seinen Augen, wie er ihre Hand streichelte. Es war ein schönes Bild geschwisterlicher Liebe.

Der Lebensgang des Kapitäns Flederwisch ist bereits an andrer Stelle kurz geschildert worden, hier braucht nur noch nachgetragen zu werden, was jener Matrose nicht gewußt hatte.

Paul Müller, bekannter unter dem Namen Kapitän Flederwisch, war nicht beim Steuermannsexamen hängen geblieben. Er war sogar Reserveoffizier der kaiserlichen Marine, nur machte er kein großes Aufhebens davon, so gern er auch sonst renommierte. In England gab man nicht viel auf den Offizierstitel.

Nachdem aber Pauls Vater gestorben war, hatte sich herausgestellt, daß von dem vermeintlichen großen Vermögen desselben nur noch ein verschwindend kleiner Rest vorhanden war. Den Sohn traf diese Erkenntnis jedoch weniger hart als die Tochter, die blonde Imma, die nun aus dem trauten Vaterhaus hinaus sollte in den Strudel des Lebens, um als Erzieherin ihr Brot zu verdienen. Dem Bruder wollte sie nicht zur Last fallen.

Da hatte dieser sie überredet, erst einmal einer alten Tante in London einen Besuch abzustatten.

Diese Lady Muggridge hatte über Katzen, Hunden und dem Hüten ihrer Schätze das Heiraten vergessen, entgegen ihrer Schwester in Deutschland, von der sie im Charakter ohnedies grundverschieden war. Mit fragendem Staunen empfing sie den unangemeldeten Besuch der ihr ganz unbekannten Schwesterkinder, um schon nach einer Woche über dem ritterlichen Neffen ihre Katzen vergessen zu haben. Es war dem geschmeidigen Paul ein leichtes gewesen, sich in das Herz der alten Jungfer zu schmeicheln.

Imma blieb ganz im Hause der kränklichen Dame, wenn auch nur wegen des Bruders geduldet. Dieser musterte als zweiter Steuermann auf einem englischen Kauffahrer an, wurde noch auf derselben Reise zum ersten ernannt, bestand bei seiner Rückkehr das Kapitänsexamen für große Fahrt - für einen deutschen Marineoffizier ja alles Spielerei - machte noch eine Reise als Kapitän und sah sich dann nach einem eignen Schiffe um.

Wenn er aber geglaubt, die reiche Tante würde ihm eins kaufen, so hatte er sich geirrt. In Geldangelegenheiten hörte die Herrschaft des sonst vergötterten Lieblings auf. Beerben würde er sie, das hatte sie selbst gesagt; aber bei Lebzeiten bekam er keinen Penny, das merkte er jetzt. Schließlich brachte er doch die Summe zusammen, um für billiges Geld die >Imma<, eine hölzerne Bark, aber ein guter Segler, kaufen zu können. Noch schwerer wurde es dem unbekannten, jungen Kapitän, eine Ladung für das Schiff zu bekommen; hatte er es doch nicht einmal versichert, weil er, wie er hochmütig sagte, so etwas gar nicht nötig habe, er tat, als könnten ihm Sturm und Klippen nichts anhaben.

Endlich gelang es ihm doch, eine Ladung wertlosen Plunders nach New-York zusammenzubringen. Da plötzlich kam der Name der >Imma< und ihres Kapitäns in aller Mund. Die elende Bark hatte alle bestehenden Rekorde gebrochen. Kapitän Paul Müller war von Liverpool nach New-York in nur elf Tagen gesegelt, und zurück, vom umgesprungenen Winde begünstigt, in nur wenig längerer Zeit.

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