Es folgten noch einige geschäftliche Auseinandersetzungen, während welcher Flederwisch jetzt den Likörflaschen, sich Mischungen bereitend, trotz der Warnung seiner Schwester, wiederholt zusprach, bis ein Diener meldete, des Kapitäns Wagen sei vorgefahren.
Dieser empfahl sich mit einem »Good bye!« Die Herren aber eilten an die Fenster, von einem und demselben Gedanken beherrscht, als sie jenen in die vor dem Hause harrende Equipage steigen sahen, leichtfüßig, graziös, ganz harmonierend mit dem eleganten Gefährt, bespannt mit zwei feurigen Rossen.
»Ein seltsamer Mensch, ein vollkommenes Rätsel!« meinte der jüngere Higgins kopfschüttelnd.
»Never mind,« entgegnete der ältere Bruder, »er hat bezahlt, und ob er nun einen Scheck ausstellt oder die Tausendpfundnoten aus dem Frühstückspapier wickelt, was geht's uns an? Jedenfalls ist es ein Vergnügen, mit solch einem Manne ein Geschäft zu machen.«
Nur der erste Buchhalter, ein bejahrter, kleiner Mann mit träumerischen Augen, stand abseits und blickte gedankenvoll nach den häßlichen Blutflecken am Boden.
»Nun, was denken denn Sie von diesem deutschen Kapitän?« wandte sich lächelnd ein Ingenieur an ihn.
Der alte Buchhalter galt für einen Schwärmer und Philosophen, welcher gern über den Zweck des Daseins und die Bestimmung des Menschen nachgrübelte.
Mit einem Seufzer erwachte der Gefragte aus seinem Brüten.
»Schade, daß er kein Engländer und nicht einige Jahrhunderte früher geboren worden ist. Er wäre ein gewaltiger Held geworden.«
»Ja, ein kühner Seeräuber!« lachte der andre.
»Er ist auch jetzt ein gewaltiger Mensch,« entgegnete der Kleine feierlich, und dann setzte er leise hinzu: »Und daran wird er zugrunde gehn!«
Bevor Kapitän Flederwisch der Einladung der Lady Muggridge zum Mittagessen entsprach, ließ er sich noch zum Rechtsanwalt Washington Perkins fahren, den er in dessen Privatarbeitszimmer fand.
Perkins war auch Notar und stand in reger geschäftlicher Verbindung mit Lady Muggridge, deren Reichtümer er verwaltete. Durch die Empfehlung der Dame war er auch zu Flederwisch in Beziehungen getreten und erteilte diesem oft anscheinend uneigennützige Ratschläge in Geldangelegenheiten.
Der Rechtsanwalt war nicht gerade mit einem einnehmenden Aeußern begabt. Auf zierlichen, wohlgeformten, aber viel zu dünnen Beinchen ein plumper Rumpf mit Embonpoint, auf dicken, kurzen Hals unbeweglich ein Kopf gesetzt mit zurücktretender Stirn, darüber glattgestrichen das spärliche Haar, ein nichtssagendes Gesicht, mit hervorquellenden Augen, ein Mund mit schmalen Lippen, die fast von einem Ohre bis zum andern reichten.
Der Beschreibung nach ist solch ein Froschgesicht überaus abstoßend, aber in Wirklichkeit ist es nicht der Fall, im Gegenteil, es macht meist einen gutmütigen Eindruck, und so war es auch bei Mister Perkins, obgleich die Natur sein Antlitz zum Ueberfluß noch mit Pockennarben entstellt hatte. Außerdem sind die Besitzer solcher Froschphysiognomien gewöhnlich Männer von großer Geisteskraft, und so blickten auch die wässerigen Augen des Rechtsanwaltes durch die Gläser der Brille recht klug in die Welt.
Er hatte dem Kapitän auch jenes Dokument ausgestellt, laut dessen er als alleiniger Erbe des Vermögens seiner alten Tante beglaubigt wurde, jenen Schein, den der ermordete Davis als Bürgschaft empfangen hatte, und der seit der Schreckensnacht mit den andern Papieren zusammen spurlos verschwunden war.
Kapitän Flederwisch hatte, wie bekannt, von seinem Steuermann Werner bar 50.000 Pfund Sterling empfangen. Ebensoviel hatte die Versicherungssumme für die >Imma< betragen, und von dieser Riesensumme hatte der Kapitän doch nur 65.000 Pfund verausgabt. 10.000 Pfund wollte er noch auf die innere Ausstattung des neuen Schiffes verwenden, da blieben ihm, kleinere Nebenausgaben mitgerechnet, immer noch 20.000 Pfund, also ein recht hübsches Kapital. Trotzdem kam Flederwisch einer Anleihe wegen zu seinem Rechtsanwalt.
Ein Bureauvorsteher, den der Kapitän noch nicht hier gesehen hatte, und der allein in dem eigentlichen Geschäftsraum weilte, meldete den Besuch seinem Herrn an, dann zog er sich in das Vorderzimmer zurück. Hier eilte er sofort zur Eingangstür, verriegelte sie sonderbarerweise und lauschte dann einen Moment.
Es war alles still. Klienten waren außerhalb der Expeditionszeit nicht zu erwarten.
Leise huschte der sonderbare Bureauvorsteher zu der Türe, die ins Arbeitszimmer seines Chefs führte, beugte sich nieder, legte das eine Ohr an das Schlüsselloch und horchte.
»Dachte ich es mir doch,« murmelte er nach geraumer Zeit, »er will noch mehr Geld haben, aber daß er dafür bereit sein könnte, auf die Zumutungen des Mister Perkins einzugehn, das traue ich dem Flederwisch von einem Schmugglerkapitän denn doch nicht zu! Ha, Nobody,« fuhr der Mann nach einer kurzen Pause ebenso leise fort, »das war ein glücklicher Einfall, daß du dich probeweise von diesem Rechtsanwalt engagieren ließest!«
Ohne durch eine Miene zu verraten, daß er ihr Gespräch belauscht hatte, stand der Bureauvorsteher an seinem Pult, als die Herren die Expedition durchschritten. Der Inhalt der Unterredung aber war ein recht schwerwiegender gewesen.
»Nun, mein lieber Perkins, haben Sie das Geld aufgetrieben?«
Mit diesen Worten war Kapitän Flederwisch in das Arbeitszimmer getreten.
Langsam erhob sich der Rechtsanwalt. Er hatte den Kommenden erwartet.
»Zehntausend Pfund habe ich aufgetrieben, fünftausend verschaffe ich Ihnen bis morgen,« entgegnete seine fettige Stimme, »beides zu zehn Prozent.«
Flederwisch stieß einen Fluch aus, schleuderte den feinen Filzhut auf das Sofa und setzte sich.
»Wieder zehn Prozent! Immer zahlen und immer zahlen! Ist denn nur jeder Geldmann zum Halsabschneider geworden? In Deutschland wäre das Wucher!«
»In England nicht. Bei mäßigen Zinsen verlangt man wenigstens sichere Papiere, und wer sein Geld bei Ihnen riskiert, tut es nur gegen hohe Zinsen.«
»Ist es bei mir nicht etwa ebenso sicher?«
»Durch die Versicherung, das ist aber auch alles, und zu der mußte ich Sie erst bewegen. Daß Sie bisher Ihr Schiff nie versichert haben, hat Sie in den Ruf eines gefährlichen Spekulanten gebracht. Sie können froh sein, daß ich eine solche gewaltige Summe überhaupt noch für Sie zusammengebracht habe. Dann gibt es bei der Seefahrt auch noch andre Fälle zu bedenken. Ihre Gläubiger rechnen damit, daß sie doch einmal das leere Nachsehen haben könnten, wenn Sie sich auf etwas einließen, was das Gesetz nicht erlaubt, etwa auf einen Schmuggel ...«
Bisher hatte der sonst so stolze Flederwisch ruhig zugehört. Er mußte dem Rechtsanwalt tief verpflichtet sein, daß er es überhaupt tat. Jetzt fuhr er empor, und mit wildem, fast verstörtem Ausdruck blickte er den Sprecher an.
»Was sagen Sie da?« stieß er rauh hervor. »Was trauen Sie mir zu?«
»Nun, nun,« beschwichtigte der andre, ohne ihn anzusehen, »ich meinte ja nur, daß es eben Fälle gibt, bei denen man den ganzen Einsatz trotz der Versicherung mit einem Schlage verlieren kann. Mir fiel gerade der Schmuggel ein. Ebensogut hätte ich sagen können, wenn Sie ohne Lichter fahren - diese sind durch Zufall ausgegangen. Sie werden gerammt - weder für Ihr Schiff, noch für Ihre Ladung wird ein Penny Ersatz geleistet. Das kann bei Staatspapieren und Grundstückshypotheken doch nicht vorkommen.«
Der Kapitän hatte sich wieder beruhigt, und leise, fast wie klagend, ganz seltsam kontrastierend zu dem schönen, stolzen, kühnen Antlitz, kam es über seine Lippen:
»Sie haben recht. Aber ich - aber ich - unter welcher Arbeit, unter welchen Strapazen und Gefahren muß ich mein Geld verdienen! Ich schlage mein Leben hundertmal dafür in die Schanze; die glühende Sonne dorrt meine Knochen aus; eisige Wogen lassen mein Blut erstarren, oft lechze ich nach einem Trunk faulenden Wassers, und von Würmern zerfressenes Hartbrot ist meine Nahrung, ich arbeite, ringe und darbe - und alles, alles nur für andre!«
Perkins entgegnete auf diesen Gefühlsausbruch nichts, er wandte sich ab und griff nach den Geschäftsbüchern. Beide gingen dann dieselben durch.
Der junge Kapitän hatte wohl Ursache, einmal zu verzweifeln, aber kein Recht, zu klagen, und ebenso zeigte es sich hier, daß er auch Grund hatte, seine Geschäfte von einem Freunde, der etwas davon verstand, nicht aber von einem berufsmäßigen Bankier führen zu lassen.
Mit Schulden hatte er begonnen - das war unvermeidlich gewesen - aber die Schuldenlast war fort und fort gewachsen, trotzdem die Bücher enorme Einnahmeposten verzeichneten - die Ausgabe war immer größer gewesen. Auch Perkins war als Gläubiger stark beteiligt; selbst der Schwester kleines Kapital war mit verwendet worden, ohne deren Wissen; jetzt hatte Flederwisch eine Schuld von über einer Million und jährlich mehr als 30.000 Pfund Zinsen zu zahlen, und die wollten allerdings auch erst mit einem Schiffe verdient sein. Wiederum aber bewies die Buchung, daß die Zinsen regelmäßig und pünktlich beglichen worden waren. Es war ein rätselhaftes Gemisch von Ordnung und Liederlichkeit: große Summen verschwanden spurlos, und dabei war der Kapitän kein Spieler. Das Geld zerrann ihm eben unter den Händen.
Der Rechtsanwalt, der bisher gestanden hatte, entlastete seine dünnen Beinchen, indem er den schweren Körper auf einen Stuhl fallen ließ. Er putzte mit einem gewaltigen Taschentuche erst die Nase, dann die Brillengläser und drehte sich endlich Flederwisch zu.
»Wie soll das enden?« begann er mit väterlicher Teilnahme.
Aber der Gefragte befand sich jetzt nicht mehr in sentimentaler Stimmung. Trotzig warf er den Lockenkopf zurück und lächelte.
»Gut, sehr gut! Mit dem neuen Schiffe wird es anders! Sie werden staunen, wie ich mich ändern werde, die Frithjof faßt doppelt so viel, wie die Imma, ich werde doppelt so viel verdienen, mehr noch, ich habe ein kolossales Geschäft mit ihr vor, es macht mich zum reichen Mann. In einem Jahre ist alles gedeckt, ich verspreche es Ihnen. Passen Sie auf, was für Summen ich Ihnen abliefern werde! Bah, was haben denn die lumpigen paar tausend Pfund zu bedeuten?«
Perkins schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ich traue Ihren guten Vorsätzen nicht mehr. Sie sind ein Geschäftsgenie, aber ein leichtsinniges, wie die Genies einmal sind. Sie haben das neue Schiff nicht zu teuer gekauft, aber wozu diese Unsummen für die innere Ausrüstung? Ihre Schiffskabine soll ein wahrer Prunksalon werden, mit Mahagoni verkleidet ...«
»Das ist mein einziges Vergnügen,« unterbrach ihn Flederwisch schnell. »Meinen Beruf verstehe ich, ich arbeite, ich scheue nichts, ich kann darben, aber dafür will ich mich auch mit etwas Komfort umgeben.«
»Dagegen will ich gar nichts sagen. Aber wozu in aller Welt diesen Luxus, den Sie mit Ihrer Mannschaft treiben?«
»Mann, das verstehn Sie nicht! Dafür habe ich die beste Mannschaft der Welt an Bord; jeder Matrose ist bei mir ein Mann vom Scheitel bis zur Sohle, ich habe sie mir einzeln zusammengeholt aus allen Erdteilen, jeder ist unbezahlbar, und durch sie eben kann ich leisten, was ich im Segeln leiste.«
»Doch, das verstehe ich als Engländer, daß Sie mit dem Geschäft den Sport verbinden ...«
»Nein, eben weil Sie ein Engländer sind, können Sie mich nicht verstehn,« unterbrach ihn Flederwisch wieder, diesmal aber aufspringend, und mit einer ganz unmotivierten Leidenschaft. »Ihr Engländer huldigt dem Sport mit Leib und Seele, ihr betet das im Derby siegende Pferd an, für euch Engländer aber ist es doch nur ein Tier, ihr taxiert nur seine Knochen, Muskeln und Sehnen. Bricht es zusammen, so wird es getötet, und eure Liebe wendet sich dem Nachfolger zu. So ist für euch die schnellste Jacht auch nichts weiter als eben eine Jacht aus Holz. Ganz anders bei mir! Mein Schiff ist nicht nur meine Freude, mein Stolz, es ist mit mir verschmolzen, ich fühle seinen Herzschlag und seine zitternde Kampfbegier, sich mit Sturm und Wogen zu messen, es erbebt unter meiner Faust wie das Roß, und auch das Schiff fühlt mit mir, und zum Schiff gehört die Mannschaft! O,« fuhr er mit wachsender Leidenschaft fort und streckte die geballte Faust empor, »in der Frithjof will ich mein Ideal verwirklichen, ein Schiff will ich schaffen, wie es die Welt noch nicht geschaut hat, ein Heldenschiff, bemannt mit Helden, und der Kühnste und der Stärkste und der Edelste ist der König ...«
Er brach kurz ab, sank zurück und strich sich das Haar aus der Stirn.
»Doch was phantasiere ich Ihnen da vor! Nicht einmal Imma versteht mich, kein Mensch, am wenigsten ein beefsteakliebender Engländer wie Sie.«
Allerdings, für Perkins waren es ganz unverständliche Worte gewesen.
»Sie sind ein Phantast,« meinte er trocken.
»Das bin ich, ich sage es ja selbst. Aber ich bin auch der Mann, mein Ideal zu verwirklichen.«
»Das wäre ja alles recht schön und gut, wenn Sie nur auf einer geordneten Unterlage aufbauten. Ich will nichts davon sagen, daß Sie die ganze Mannschaft behalten, auch wenn das ganze Schiff nichts zu tun hat, was freilich kein andrer Kapitän tut, daß Sie Gehälter zahlen, als wären die Matrosen Künstler, daß Sie sie, wenn angängig, mit wahrer Hotelkost füttern. Auch davon will ich nicht sprechen, daß Sie jetzt wieder für alle beim ersten Schneider neue, eigne Uniformen bestellt haben, daß Sie ihnen richtige Schlafsalons bauen lassen. Das sind Passionen, die Sie sich noch leisten können. Wie ich gehört habe, hat jetzt jeder auch noch ein Zweirad bekommen, damit er in Afrika oder China mit Ihnen spazieren fahren kann. Kostenpunkt: vierhundertundfünfzig Pfund, nur erstklassige Maschinen, dort liegt die Rechnung. Aber ist es denn nötig, daß Sie den Matrosen in jedem Hafen glänzende Feste geben, bei denen der Champagner in Strömen fließen soll? Muß das denn zu allem übrigen auch noch sein?«
»Jawohl, das muß sein!« entgegnete Flederwisch trotzig, wenn auch lächelnd. »Basta, meine Burschen sollen sich amüsieren, das ist nun einmal meine Freude!«
Der Rechtsanwalt schneuzte sich wieder, dann legte er die fleischige Rechte dem Kapitän vertraulich aufs Knie.
»Ich möchte mit Ihnen einmal ganz offen über Ihre Lage sprechen.«
»Ich dächte, Sie ließen es nie an der nötigen Offenheit fehlen. Nur keine Epistel mehr, bitte! Oder können Sie mir einen Vorschlag machen, wie ich meine Gläubiger mit einem Schlage loswerde? Dann höre ich gern zu.«
»Ich glaube, ich kann es.«
»Ah, das wäre?« rief Flederwisch überrascht.
Aber erst mußte er sich doch gefallen lassen, daß ihm Perkins nochmals seine bedrängte Lage auseinandersetzte. Wenn ihm jetzt jemand eine Hypothek kündigte, kam das neue Schiff sub hasta. Immer ungeduldiger wurde der Kapitän. Das wußte er alles selbst. Dann aber horchte er hoch auf, als jener fortfuhr:
»Ich habe jetzt gerade alle meine Gelder flüssig bekommen. Ich kündige sämtliche Hypotheken und stecke mein ganzes Geld in Ihr Schiff und Ihre Unternehmungen, und zwar nur zu drei Prozent, hören Sie? Zu nur drei Prozent! Dies allein bedeutet für Sie schon eine jährliche Ersparnis von siebentausend Pfund, mit der Sie mich abbezahlen. Außerdem bin ich bereit, mich mit noch einigen Tausenden zu beteiligen, denn die zweitausend Tonnen Ihres neuen Schiffes wollen auch geladen sein, und Sie operieren doch wieder auf eigne Faust, und selbst, wenn Sie ganz billige Fracht nehmen, kommen Sie unter einer halben Million nicht weg. Ich vertraue Ihrem Finanzgenie, ich beteilige mich daran, nur zu drei Prozent. Nun?«