Auf Flederwischs Gesicht trat ein seltsamer Zug hervor, ein Gemisch von Unglauben, freudigem Erstaunen und Mißtrauen. »Alle Teufel, höre ich recht? Mensch, Perkins - daß Sie dick in der Wolle sitzen, weiß ich ja - aber warum haben Sie mir diesen Vorschlag nicht schon früher gemacht?«
Der Zug der freudigen Ueberraschung schwand, nur der des Mißtrauens blieb, und der Kapitän irrte sich nicht - eine Gefälligkeit sollte der andern wert sein.
»Paul,« fuhr Jenkins noch vertraulicher fort, »Sie hatten Ihre Schwester erwähnt. Sie steht ganz allein in der Welt, denn Sie sind ja nie zu Hause ...«
»Bitte, Imma hat ihre Tante,« fiel Flederwisch ein, nur um einen Augenblick Zeit zu gewinnen. Er sah den Mann mit dem pockennarbigen Gesicht, den Glotzaugen und den Froschschenkeln, und daneben tauchte das liebreizende Bild seiner Schwester auf.
»Die kränkliche Dame kann ihr erst recht keine Stütze sein. Uebrigens, Sie verstehn, wo ich hinaus will, also offen: Sie kennen mich, meine Verhältnisse und meinen Charakter, ich bin Ihrer Schwester in Gesellschaften begegnet, ich liebe Imma, und ich glaube, sie ist mir nicht abgeneigt, wenn ich auch noch keine Gelegenheit hatte, ihr in Worten das zu sagen, was mich seit langem für sie erfüllt ...«
Flederwisch hörte nicht mehr, was jener weiter sprach. »O, du Schuft, du willst mir meine Schwester abkaufen!« dachte er. »Du hast meine schwache Seite erkannt und willst mich daran fassen, aber meine Ehre taxierst du doch zu niedrig.«
»Wollen Sie auf meinen Vorschlag eingehn?«
»Auf was für einen Vorschlag?« erwachte der Kapitän aus seinen Gedanken.
»Daß Sie bei Ihrer Schwester mein Fürsprecher sind. Es ist selbstverständlich, daß ich für meinen zukünftigen Schwager Interesse habe und ihm helfe, wie ich kann.«
Er hatte das >zukünftig< betont, und das gab den Ausschlag. Es war in der Tat kein unbilliges Verlangen, es war ein Geschäft; Perkins wußte, welch großen Einfluß Flederwisch auf die unerfahrene Schwester ausübte.
Der Kapitän erhob sich, er war Geschäftsmann und Gentleman zugleich.
»Lieber Freund,« sagte er mit möglichst herzlichem Tone, »ich habe durchaus nichts gegen Sie, es sollte mich freuen, Sie als meinen Schwager begrüßen zu können, und ich werde auch zu meiner Schwester für Sie sprechen, auf mein Wort! Doch jetzt kann ich Ihr Anerbieten erst recht nicht annehmen. Ich weiß, Sie meinen es nicht so; aber es verträgt sich nicht mit meiner Ehre; mir käme es vor, als hätte ich meine Schwester verkauft. Nichts für ungut, wir bleiben die Alten, und das Weitere wird sich finden!«
Es war zugleich sein Abschiedswort gewesen, er ging.
Der Rechtsanwalt aber stand oben mitten im Zimmer und blickte nach der Tür, welche sich hinter der eleganten Gestalt geschlossen hatte; jetzt war der gutmütige Ausdruck des Gesichts verschwunden. Die wässerigen Augen funkelten boshaft, und ein namenlos verächtlicher Zug lagerte sich um die breiten Lippen.
»Du Narr,« machte sich das, was der Mann dachte, endlich in Worten Luft, »du elender, eitler, aufgeblasener Hanswurst du! Du sagst mir, es vertrüge sich nicht mit deiner Ehre, deine Schwester zu verkaufen? Hast du, geckenhafter Abenteurer, denn überhaupt noch Ehre? Du bist noch zu etwas ganz anderm fähig! Ein Ende mit Schrecken nimmt es noch mit dir! Ich ahne, ich ahne, deine Wege gehn schon sehr dicht am Zuchthaus vorüber. Warte, wir sprechen uns wieder, wenn die Quelle, welche du in ein grundloses Loch leitest, erschöpft ist, und deine Schwester bekomme ich schließlich auch ohne dich!«
Nobody, der neue Bureauvorsteher, saß tief gebeugt über seinen Akten, und doch entging ihm kein Wort dieses Selbstgespräches.
Imma, von der hier die beiden eben in so geschäftsmäßiger Weise gesprochen hatten, führte nicht eben ein freudenreiches Dasein im Hanse der englischen Tante. Sie wußte nicht nur, daß sie bloß als Anhängsel des Lieblings geduldet wurde, sie bekam dies sogar öfter von der rücksichtslosen Dame zu hören; nun sie einmal da war, konnte sie die alte, kränkelnde Tante pflegen. Sie verdiente sich also ihr Brot schwer genug.
Auch Imma schwärmte für den schönen Bruder, den kühnen Seehelden, sie liebte ihn mit der ganzen Kraft ihrer Seele, und doch stieß eine unsichtbare Macht sie von ihm ab. Es war das Gefühl der reinen Unschuld, welche ahnend vor der mit Sünden besteckten Atmosphäre des abenteuerlichen Mannes in sich zusammenschauert, und ihre weiße Stirn brannte stets noch lange, wenn seine Lippen sie berührt hatten, sie scheute sich, ihm den unentweihten Mund zu bieten.
Ganz anders Lady Muggridge! Wenn sich Paul in London befand, mußte ihr Abgott natürlich bei ihr wohnen, und es war selbstverständlich, daß er hier als untadelhafter Gentleman auftrat. Aber die alte Jungfer forderte ihn selbst auf, zu erzählen, wie es draußen zuging, sie wollte galante Abenteuer hören, es konnte ihr nie toll genug werden, und Flederwisch konnte allerdings erzählen, und wenn Imma bei solchen Gelegenheiten auch ferngehalten wurde, ihre keuschen Ohren bekamen doch manches zu hören, was sie um des geliebten Bruders willen bis zum Tode betrübte.
Aber noch etwas gab es, was sie manchmal in Pauls Gegenwart erzittern ließ. Sie war sich ihrer Hilflosigkeit und Schwäche bewußt, und sie fühlte den mächtigen Eindruck, den der wilde Mann nicht nur auf sie, sondern fast auf jeden Menschen mit nicht ganz gestähltem Charakter ausübte. Sie bebte unter seinem Blicke, wie die Taube unter dem der Schlange, wenn diese auch gesättigt ist.
Deshalb war es ihr überaus peinlich, daß der Bruder sie überrascht hatte, als sie dem blonden Fremden nachschaute. Flederwisch aber merkte nicht, warum die Schwester so tief errötet war.
Er gab sie aus seinen Armen frei und sagte:
»Es freut mich, daß ich dich einmal allein sprechen kann. Bitte, setze dich, ich habe eine Frage - es betrifft deine und meine Zukunft.«
Erschrocken sank Imma plötzlich auf einen Stuhl. Das war einer jener Momente, da sie sich ihrer Schwäche bewußt ward, und noch mehr ihrer willenlosen Ohnmacht dem starken Bruder gegenüber. Dann befand sie sich stets wie in einem hypnotischen Banne. Sie wußte noch gar nicht, was kommen würde, aber schon jetzt schrie es in ihrem Innern: >Nein, nein, ich tue es nicht!< während ihr Mund schon bereit war, zu allem >ja< zu sagen.
Der Kapitän hatte erst einen Gang durchs Zimmer gemacht, ehe er sich der Schwester gegenübersetzte.
»Sieh mich nicht so angstvoll an, Imma, ich will ja nur dein Bestes, das weißt du doch. Laß uns offen miteinander reden. Wir sind doch in der Welt allein aufeinander angewiesen - vorläufig wenigstens. Also kurz gefaßt! Es hat soeben jemand bei mir um deine Hand angehalten.«
Imma legte die Hand auf das Herz, dessen Schlag plötzlich aussetzte.
»Wer?« flüsterte sie tonlos.
»Rechtsanwalt Perkins. Er glaubt deiner Neigung sicher zu sein und hofft bestimmt, dich glücklich machen zu können.«
»Ich kenne ihn gar nicht,« murmelte Imma, »aber wenn du es wünschest ...«
»Mädchen, was fällt dir denn ein?« lachte er hell auf. »Bin ich denn Herr über deinen Leib und deine Seele, daß du dich so gebärdest? Nein, ich wünsche es nicht, so gut Perkins auch meine Interessen wahrt - sympathisch war er mir niemals. Ich dachte nur, du fühltest vielleicht für ihn ...«
»Nein, nein, ich liebe ihn nicht!«
»Beruhige dich doch nur,« lachte der Bruder, »du brauchst ihn ja nicht zu heiraten.« Dann fuhr er fort: »Der Rechtsanwalt gestand mir seine Neigung zu dir, bat mich, sein Fürsprecher zu sein, und ich habe hiermit meine Pflicht als Ehrenmann getan. Trotzdem,« - seine Stimme nahm wieder einen ernsten und doch zugleich zärtlichen Ton an - »Schwesterchen, ich möchte weiter über deine Zukunft mit dir reden. Wenn ich dir sage, daß du einen Beschützer brauchst oder besser einen Gatten, so brauchst du nicht an eine Spekulation meinerseits zu denken. O, solche Gedanken sind mir überhaupt ja ganz fremd. Mein Beruf hält mich von dir fern, eine zweite Heimat kann dir dieses Haus doch nie werden. Die Tante ist alt und schrullenhaft. Du stehst ganz allein, und nach ihrem Tode müßtest du dir doch wieder ein neues Unterkommen suchen. Nimm denn auch einmal den Fall an, es passierte mir ein Unglück auf einer meiner weiten Seefahrten. Du bist dann ohne jede Hilfe und Stütze in einem fremden Lande, ja, selbst ohne hinreichende Geldmittel, um dich vor Not und Entbehrungen zu schützen. Laß uns einmal offen gegeneinander sein, Imma! hast du schon an eine Heirat gedacht?«
»Nein,« lispelte sie, und es klang so naiv, daß der Kapitän wieder lächeln mußte.
»Na denn, liebst du jemanden? Aber sage nicht: den lieben Gott, dich und die Tante! Himmel, du bist doch kein Kind mehr! Du verstehst mich doch! Liebst du einen Mann?«
Da tauchte vor Immas Augen jener Unbekannte auf, dessen blutende Hand sie verbunden und den sie heute ganz unvermutet wiedergesehen hatte. Ihr Herz sagte ja, und ihr Mund verneinte des Bruders Frage.
Flederwisch blickte sie forschend an. Er glaubte, die Frauen von Grund aus zu kennen, aber das spiegelte ihm nur seine Eitelkeit vor - er kannte sie gar nicht, höchstens eine gewisse Sorte. Daher war er überzeugt, daß seine Schwester die Wahrheit sprach.
»Nun, Imma,« fuhr er fort, »du weißt, wie ich die Welt ansehe. Von Vorurteilen betreffs des Standes bin ich schon längst abgekommen. Für mich gilt der Mann nur durch sein Können. Heirate, wen du willst, er soll mir als Schwager willkommen sein, und daß meine Schwester ihr Herz keinem Unwürdigen schenkt, weiß ich. Aber du bist noch jung und unerfahren und - nimm es mir nicht übel - schrecklich naiv. Du kannst dich täuschen und betrogen werden. Dann müßte eine rauhe Hand kommen und dir manch schreckliche Stunde bereiten. Darum laß einen Erfahrenen für dich wählen - du bestätigst nur die Wahl - und wenn nicht, dann ist es auch gut! Gestattest du also, daß ich mich, solange ich noch hier bin, nach einem geegneten Manne umsehe und ihn dir als Freier zuführe? Sieh, ich frage: Gestattest du? Von einem Zwange ist also keine Rede. Ich möchte mein Schwesterchen so gern in guten Händen wissen und glücklich dazu, dann wäre ich einer großen Sorge enthoben. Darf ich?«
Wieder bejahte Imma, während ihr Herz stürmisch verneinte und rief:
»Den du mir vorschlägst, den nehme ich sicher nicht, den kann ich nicht lieben!«
Ihr Bruder küßte sie auf die Stirn; aber die Stelle, die seine Lippen berührt hatten, brannte wie Feuer. Imma schauderte zusammen.
»So, nun möchte ich einmal von mir selbst reden,« fuhr Flederwisch dann fort. Er stand auf und ging mehrmals hin und her, bis er vor Imma stehn blieb.
»Schwesterchen, was meinst du, wenn ich heiratete?«
Freudig erstaunt blickte sie zu ihm empor. Ihr war die Ehe ein Sakrament, durch dessen Weihe ihrer Meinung nach der böseste und wildeste Mensch gut und sanft werden mußte. Für ihren Bruder kam freilich nur der zweite Fall in Frage. Wenn Imma das Wort >Heirat< vernahm, dann hörte sie Glockengeläute, Orgelschall und die feierliche Stimme des Priesters; dann sah sie ein trauliches Heim und ein Gärtchen; eine junge Mutter schaltete am Herd und lehrte die spielenden Kinder; der Vater kam nach Hause und hob den jauchzenden Kleinsten an die Brust; und wenn er auch ein Seemann war, er hatte doch ein Heim, nach dem er sich sehnte.
»Ach ja, Paul, heirate!«
Imma sprang auf, ergriff des Bruders Hände und sah ihn mit überglücklichen Augen an.
»Nicht wahr, es ist Trudchen Böhme? Habe ich es erraten?«
Ein schattenhaftes, spöttisches Lächeln huschte über Flederwischs Züge. Er hatte mit dieser Freundin Immas, der Tochter eines in London ansässigen deutschen Agenten, neulich öfter getanzt und dem nach seinem Geschmack hausbacknen Mädchen absichtlich etwas den Kopf verdreht.
»Nein, Trudchen Böhme ist es nicht,« antwortete er. »Höre mich an, Imma! Ich will mich dir anvertrauen, ich muß es, allein kann ich mein Geheimnis nicht mehr wahren, es sprengt mir das Herz - so albern, so schwach ist der Mensch. Sage aber der Tante nichts, niemandem - hörst du? Das ist Bedingung - niemand soll etwas davon wissen, wenigstens vorläufig nicht.«
Wieder war Imma wie gelähmt niedergesunken. Was war das? Keinesfalls die Weise, wie man beginnt, wenn man ein süßes Geheimnis aus übervollem Herzen einem andern mitteilen will, leise hatte er gesprochen, scheu; er blickte verstört um sich; jetzt ging er in heftiger Erregung auf und ab, blieb etwas abseits von ihr stehn, stützte den Arm auf die hohe Lehne eines Stuhles, und wie er erzählte, ohne sie anzusehen, in abgerissenen Sätzen, ganz in die Erinnerung versunken, schwärmerisch, keuchend, fluchend, manchmal schluchzend, wußte er wohl nicht mehr, daß er seine Schwester vor sich hatte. Er sprach zu sich selbst, vergaß ihre Anwesenheit.
»In Quito war es, in Ecuador. Ich hatte von Guayaquil eine Reise dorthin gemacht, mir die Hauptstadt zu besehen. Ich weiß nicht, mich führte mein Geschick, mein Glück oder mein Unglück, in die Franziskanerkirche. Ja, den Altar von Diamanten wollte ich besichtigen. Und da sah ich sie! Es war Morgen. Die Orgel summte; in einer Ecke sang ein Pfaffe; Chorknaben durchschritten die Kathedrale und schwangen die Weihrauchgefäße. Ein süßer Duft erfüllte den Raum und betäubte mich. Und da sah ich sie. Sie kniete vor dem Muttergottesbilde und betete. Und da sah ich sie.«
Mit angstvollem Staunen blickte das Mädchen nach dem Bruder, der nur noch unartikulierte Laute von sich gab und mit den Fingern im Haar wühlte.
»Sie war schön wie ein Engel,« fuhr er dann fort, und es klang wie Zähneknirschen, »nein, schön wie die Sünde, wie ein sündhafter Engel! Ja, wie ein sündhafter Engel, der Buße tut! Denn sie betete! Wie ein sündhafter Engel! Die spanische Mantille war ihr von den Schultern geglitten. Und ich sah auch diese. Und ich kniete auch nieder, verdammt, ich kniete nieder und betete, betete sie an. Meine Augen durchbohrten sie und sahen noch mehr. Und daß ich nicht wahnsinnig geworden bin, wundert mich heute noch. Dann ging sie fort, und ich folgte ihr. Sie wohnte bei einer Verwandten, einer alten Megäre. Ich verschaffte mir Zutritt. Und ich fand sie noch schöner. Ich sah sie auch allein. Ich bat und flehte und bettelte und - ich glaube, ich habe auch geweint. Ich gab ihr seidne Tücher und seidne Kleider und glitzernde Geschmeide und Juwelen - und sie warf es mir vor die Füße. Ich lockte sie nach Guayaquil. Aber das Weib war klug wie eine Schlange. Ich wollte sie mit Gewalt auf mein Schiff schleppen. Da zeigte sie mir, wie man sich mit seiner eignen Haarflechte erwürgt. Und lebendig wollte ich sie haben! Ah, sie war verdammt schlau. Heiraten! Aber nur in meiner Heimat wollte sie sich trauen lassen, meine Verwandten als Zeugen. Oder eine Bürgschaft. Dann folgte sie mir auch aufs Schiff. Hunderttausend Dollar, und die vermaledeite Hexe ging keinen blutigen Cent herunter. Ich riß mich los. Ich war ja ein wahnsinniger Narr. Und ich kann nicht, kann ja nicht! Tod und Hölle ...«
Er schrak zusammen, blickte sich scheu um, sah seine Schwester, erschrak nochmals.
»Du hier, Imma?« hauchte er.
Ihr Aussehen mußte ihm auffallen. Er raffte sich zusammen, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. Sein Lächeln war ein durch krampfhafte Gewalt erkünsteltes.