»Siehst du, so geht's, wenn man verliebt ist. Da weiß man nicht einmal, was man spricht. Ja, ich werde Carmencita heiraten.«
Imma antwortete nicht; sie sah den Bruder mit entgeisterten Augen an.
»Nun, Schwesterchen, was sagst du zu meinen Heiratsgedanken?«
»Paul, ich bitte, tue es nicht!«
Es hatte flehend, verzweiflungsvoll geklungen, aber er schien es nicht zu hören, denn wie er jetzt auflachte, das klang natürlich.
»Warum denn nicht? Ja, ich weiß, ich habe dir da durch meine unsinnigen Worte ein nettes Bild entworfen. Nein, es ist ein braves, ehrbares Mädchen, das wirst du wohl selbst herausgehört haben, und was du sonst merkwürdig findest, das mußt du meinem bizarren Charakter und den ganzen Verhältnissen zugute rechnen, denn es ist ja eine spanische Südamerikanerin. Die Sache ist also die: meine nächste Reise mit dem neuen Schiff geht wieder nach Guayaquil, und dort wird sich das Kommende entscheiden. Mache ich das erwartete große Geschäft, so stelle ich die Bürgschaft von hunderttausend Dollar. Ich heirate Carmencita gleich dort, nehme sie wahrscheinlich auch an Bord, sie bleibt bei mir. Das ist dir wohl nichts Auffälliges. Habe ich die Summe aber nicht überflüssig, so fährt meine Braut mit einem Passagierdampfer nach London, und die Hochzeit findet nach meiner Rückkehr hier statt. Ob sie mich dann auf meinen Reisen begleitet oder hierbleibt, wird sich später entscheiden. Nun frage ich dich, Imma, wenn der letztre Fall eintreten sollte, ob du Carmencita als meine Braut empfangen und als deine Schwägerin behandeln willst. Es ist eine exotische Blume, sie kommt fremd hierher, und ich liebe sie über alles in der Welt. Willst du ihr eine Schwester sein?«
Viel, viel Unverständliches gab es für Imma. Seine klaren Auseinandersetzungen waren nur noch mehr dazu angetan, sie in Verwirrung zu setzen. Nur darin fand sie nichts, daß er seine junge Frau gleich mit an Bord nehmen wollte; das tun besonders englische Kapitäne sehr oft, Frau und Kinder kommen gar nicht wieder von Bord. Jetzt aber wurde sie nur von einem Gedanken beherrscht: er hatte an ihre Schwesterliebe appelliert.
»Ich will, Paul!« sagte sie feierlich.
»Ich danke dir, und mehr Worte bedarf meine Schwester nicht, um mich zu beruhigen.«
Er wollte sie küssen; doch sie senkte schnell das Haupt, daß seine Lippen nur das Haar berühren konnten, und er war daran gewöhnt.
»Es bedarf noch einiger weitern Erklärungen,« fuhr er fort. »Daß meine Braut eine Bürgschaft verlangt, könnte dir auffallen. Carmencita ist eine Farbige, eine Quadrone. Stelle dir nicht etwa eine Schwarze vor, ihre Haut ist weiß wie frisch gefallener Schnee ... Doch das kennst du ja bei deiner Bildung selbst, ebenso aber wirst du wissen, wie verachtet in Amerika, ganz speziell im spanischen Süden, die Farbigen sind. Und ist der Mann schön wie Apollo, tugendhaft wie Cato, wäre er ein gottbegnadetes Genie, durch seine Schöpfungen bewiesen - seine Ur-Ur-Urgroßmutter war eine Negerin, also gehört er zum Auswurf der Menschheit. Dies gilt erst recht vom farbigen Weibe; hier aber kommt das Weib als solches in Betracht. Es ist in ganz Südamerika rein unmöglich, daß eine Weiße einen Farbigen heiratet. Allerdings kann ein Liebesverhältnis einmal vorkommen, die Liebe entspringt ja dem unvernünftigen Herzen, dann aber gibt es nur zweierlei, den Tod oder Flucht aus Amerika. Die schönen Farbigen dagegen scheinen nur dazusein, um von den weißen Männern vorübergehend geliebt zu werden; so sind die Mulatten, Terzeronen, Quadronen, Quintonen und so weiter entstanden, und auf allen lastet der Fluch der Verachtung. Das ist die Gemeinheit der Herren der Schöpfung. Ich bin natürlich über so etwas erhaben. Nun wirst du jedoch Carmencitas Forderungen verstehn. Sie liebt mich, sie hat es mir unter Tränen gestanden, aber meine Geliebte will sie nicht werden, dazu steht sie zu hoch, und sie traut auch meinen Schwüren nicht, sie kann es nicht, das liegt in den Verhältnissen; daß ich sie wirklich heiraten will, kommt ihr so unmöglich vor, als wenn hier ein Schustergeselle um die Kronprinzessin wirbt, und sie traute mir auch nicht, wenn ich sie in ihrer Heimat ehelichte. Denn sie ist ja nicht die einzige ihrer unglücklichen Rasse, welche stolz auf ihre Jugend hält, aber wie leicht wird auch die Vorsichtigste in dem käuflichen Amerika betrogen. Die Hochzeit und alles war nur Schein, und dann steht sie wieder rechtlos und verlassen da. Deshalb sagt sie: entweder die Trauung in deinem Lande in Gegenwart deiner Verwandten - oder sie verlangt eine für ihre Begriffe kolossale Bürgschaft in Geld, und sie hat recht, denn sie kann nicht wissen, daß ich, obgleich unter englischer Flagge fahrend, ein Deutscher bin. Im übrigen ist sie durchaus gebildet, weiß sich in der gewähltesten Gesellschaft zu bewegen und ist, für dich wohl die Hauptsache, ein gutes, liebes, braves Mädchen.«
»Ich will, Bruder!« sagte Imma wie vorhin, aber mit viel weicherem Tone, und schon lange tropften aus ihren Augen große Tränen. »Ach, wenn sie doch lieber hierherkäme!«
»Also, Imma, es bleibt unter uns. Die Tante braucht noch nichts zu erfahren, ich weiß, sie hat besondre Pläne mit mir vor, und da darf ich ihr nicht ohne weiteres einen Strich durch die Rechnung machen. Wir werden die Sache schon mit diplomatischer Schlauheit arrangieren. Verzeih, ein Geschäft ruft mich.«
Er ging, blieb in der Mitte des Zimmers plötzlich stehn, neigte Kopf und Oberkörper zurück, streckte beide Arme sehnsüchtig aus, und begeistert, jauchzend erklang seine prächtige Stimme:
»O, hätten ein Eiland wir, schimmernd und hehr,
Verlassen und einsam im bläulichen Meer,
Wo die ...«
»Doch nein,« brach er kurz ab, »nicht dieses Eiland der Liebenden - eine nordische Felseninsel im Sturm, und eine Heldenschar darauf, die Brandung donnert, und die Schwerter klirren, blutende Wunden und Todesröcheln, aber es klingt wie Siegesjubel, denn es sind Helden - und ich bin ihr König und sie die Königin. Ach, Imma, warum gleichst du nicht mir!«
Er eilte hinaus.
Imma war allein mit den auf sie einstürmenden Gedanken, bis ein Poltern sie aus ihren Träumen schreckte. Es war Manuel, der Mulatte, welcher vor dem Schreibtisch stand und unter verdrießlichem Brummen Bücher und Papiere durcheinanderwarf. Sein unhörbares Hereinschleichen erklärte sich aus seinen nackten Füßen, was sich in dem parkettierten Salon seltsam genug ausnahm.
Imma fürchtete sich vor dem unheimlichen Gesellen, welcher mit im Hause wohnte, wie er seinen Herrn überhaupt nie verließ, hier aber in unverschämtester Weise auftrat. Nur der Kapitän hatte ihm zu befehlen, niemand weiter, jedem andern gegenüber hatte er nur Trotz und Rücksichtslosigkeit, machte auch bei Lady Muggridge keine Ausnahme, und diese ließ sich das gefallen, wie sie überhaupt alles verehrte, was mit ihrem Neffen in Verbindung stand, sie amüsierte sich sogar über die Unverschämtheit des Mulatten.
»Was suchen Sie, Mister Manuel?« fragte Imma schüchtern.
»Sie wissen's doch auch nicht liegen,« war die mürrische Antwort, »die Schiffsliste - die Weibsbilder haben sie doch wieder verkramt!«
»Es war aber niemand an dem Tisch.«
»Ja, kennen wir, im Ausreden seid ihr alle gleich - da ist sie!«
Das war so eine Probe seines Auftretens im Hause. Er ging hinaus, den Tisch mit durchwühlten Schubfächern in wüster Unordnung lassend. Mehr die Beschämung über sich selbst, daß sie sich solch eine Behandlung gefallen ließ, als der Zorn trieb Imma das Blut in die Wangen, als sie dem finstern Manne nachsah. Wehe, wer dessen Haß einmal auf sich zog! Wenn man diesen Mulatten beobachtete, mußte man jenen recht geben, welche behaupten, die Neger seien überhaupt keine Menschen, sie hätten wohl Vernunft, aber keine Seele. Manuel besaß große geistige Fähigkeiten, er beherrschte fast alle Kultursprachen, wie man solches Sprachtalent überhaupt vielfach bei der Negerrasse - und bei Slaven - findet; wenn sein Herr ihn als dressierten Pudel vorführte, ließ er ihn fünfstellige Zahlen im Kopfe multiplizieren. Aber er besaß kein Herz, kein Gemüt. Es war ein gefährliches Spielzeug, welches sich der junge Kapitän da zugelegt hatte, ein gezähmter Panther. Es war eine abenteuerliche Geschichte, wie er zu ihm gekommen war. In einem kubanischen Hafen, gleich bei der ersten Reise mit der >Imma<, sah er, wie eine wütende Volksmenge den Polizisten einen verhafteten Schwarzen entriß, um ihn am nächsten Laternenpfahl zu hängen. Der herkulische Mulatte wehrte sich verzweifelt, doch wäre sein Schicksal besiegelt gewesen, wenn ihn nicht Flederwisch, abenteuerlich wie immer und ebenso wie immer alle Gesetze verhöhnend, mit seinen Matrosen herausgehauen und in Sicherheit gebracht hätte, was ihm dann eine schwere Summe kostete. Damals war es ihm nur darum zu tun gewesen, seinem ritterlichen Charakter entsprechend, dem Unterliegenden gegen die Uebermacht beizustehn; jetzt war Manuel sein Bootsmann, er sei ein tüchtiger Seemann, sein treuer Hund, und damit basta. Was er aber begangen hatte, daß er verhaftet wurde und gelyncht werden sollte, darüber herrschte Unklarheit; wenn der Kapitän davon erzählte, gab er immer irgend einen andern Grund an, der ihm gerade einfiel. Etwas Sauberes konnte es nicht sein. -
Am nächsten Tage harrte Immas eine große und freudige Ueberraschung.
Sie saß allein am Fenster, mit einer Stickerei beschäftigt. Da ertönte ein heiteres Lachen aus dem Nebenzimmer. Die Tür, die in dieses führte, stand offen, und Paul trat ein.
»Komm, Schwesterchen,« sagte er gutgelaunt, »ich will dir meinen neuen ersten Steuermann vorstellen. Es ist ein alter Bekannter. Ich hätte ihn schon gestern zu dir gebracht, als er sich bei mir meldete, aber mir fehlte es an Zeit. Jetzt jedoch sollst du ihn kennen lernen.«
Der Kapitän führte Imma durch das Nebenzimmer in ein drittes, und dort - der Herzschlag des Mädchens stockte - stand in schwarzem Gehrockanzug der blonde Held von der Frieseninsel - Sankt Michael. Lachend deutete Flederwisch auf ihn.
»Kennst du ihn noch, unsern Prinzen von Nirgendwo, unsern Noboby, wie ich ihn nannte? Jetzt hat er mir allerdings seinen Namen verraten müssen - Herr Alfred Werner - meine Schwester Imma!«
Der blonde Recke verbeugte sich tief und mit vollendetem Anstand, und Imma hatte inzwischen vermocht, die verlorne Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Nie, nie sollte jemand merken, was in ihrem Herzen für den Retter ihres Bruders lebte. Eine innere Stimme sagte dem schönen Mädchen, daß dieser Mann da hoch über ihr stehe - nicht gesellschaftlich, denn er war ja nur ein Untergebener ihres Bruders - Imma aber empfand instinktiv, daß eine unübersteigliche Schranke sich zwischen ihr und ihm erhob, die durch nichts beseitigt werden konnte.
In diesem Augenblick begrub Imma ihre Liebe zu dem stolzen, schönen und kühnen Mann, von dem sie bisher nicht einmal den Namen gewußt hatte!
Kapitän Flederwisch freute sich noch immer, daß die Ueberraschung so gut geglückt war. Hinter dem Steuermann aber stand Manuel, am Tische lehnend, die muskulösen Arme über der Brust verschränkt, und ließ die dicke Unterlippe hängen.
»Nun, findet ihr denn gar keine Worte?« rief der Kapitän lachend, als Imma und Alfred noch immer schweigend voreinanderstanden. »Also, Steuermann, Ihr könnt jetzt gleich Eure - halt, in Gesellschaft per Sie, an Bord und überhaupt in allen dienstlichen Angelegenheiten per Ihr - jetzt sind Sie mein Gast, Herr Werner, und verzeihen Sie, wenn ich Sie manchmal in Erinnerung an jene Sturmnacht Nobody nenne! Also lassen Sie Ihre Sachen herbesorgen. Manuel hier wird Ihnen dabei helfen. Er ist mein Bootsmann, mein Diener, mein Sklave und mein Hund, treuer als Gold, lernen Sie ihn nur erst kennen. Er hat Ihnen unbedingt zu gehorchen, auch an Land, und wenn er einmal dickköpfig oder unverschämt ist, dann schlagen Sie ihm das kolbige Nasenbein ein - auf meine Rechnung; er fühlt sich manchmal nicht ganz wohl, wenn er nicht seine Tracht Prügel weg hat!«
Imma fing den furchtbar gehässigen Blick auf, der aus des Mulatten Augen auf den neu angemusterten Steuermann schoß, es war ihr plötzlich, als kralle sich eine eiskalte Faust in ihr Herz.
Aber da verbeugte Kapitän Flederwisch sich bereits vor seiner Schwester - bot ihr den Arm und führte sie in den Salon zurück, welcher bald eine große Gesellschaft meist älterer Damen aufnehmen sollte, denen Lady Muggridge ihren schönen, stattlichen und reichen Neffen und Seehelden präsentieren wollte.
Die Ausrüstung und Designierung eines neuen Schiffes bringt viel Arbeit mit sich. Flederwisch verwertete seinen ersten Steuermann als Korrespondenten, Kommis, Kopisten, Markthelfer und Laufburschen; er selbst ging mit gutem Beispiele voran, und wer den jungen, leichtlebigen Kapitän nur aus der Gesellschaft kannte, hätte in ihm nimmermehr den an alles denkenden Geschäftsleiter, den weitblickenden Spekulanten und den nimmer rastenden Arbeiter vermutet. Jedoch gab es, abgesehen von seinem wirklichen Geschäftstalent, eine sehr einfache Erklärung für diese Doppelnatur: Flederwisch strengte alle seine Kräfte an, um möglichst viel Geld zu verdienen, weil es seine Leidenschaft war, dasselbe wieder zu verschwenden. Dieses Einsetzen aller Kräfte verlangte er auch von seinem Personal, um ihm dann wieder die größten Freiheiten zu geben.
Imma bekam Alfred nur an der gemeinsamen Tafel zu sehen. Lady Muggridge fand Gefallen an dem weitgereisten und doch so bescheidenen Seemanne, der gut zu erzählen verstand, dessen Bildung in jedem Fache beschlagen war. Flederwisch beteiligte sich an der Unterhaltung und suchte seinen Maat in Erzählungen von humoristischen Abenteuern zu Wasser und zu Lande zu überbieten, er zog oftmals Gesellschaft heran, und hatte der Kapitän den Steuermann des Abends nicht zu einer geschäftlichen Besprechung mitgenommen, so entwickelte sich am Teetisch ein gemütliches Familienleben.
Besonders gefiel Imma, daß ihr Bruder seinen Steuermann durchaus als Gentleman behandelte, in Gesellschaft wie in der Familie, ihm gegenüber auch nie wieder in jenen Ton verfiel, den er bei der Vorstellung angeschlagen hatte.
Wie erschrak sie daher, als sie einmal im geheimen Zeuge wurde, wie Paul in seiner Arbeitsstube Herrn Werner wegen eines ganz geringfügigen Versehens hart anfuhr, ihn - wie man sagt - >abtoffelte<, und zwar in einer Weise, die sich kaum der schüchternste Lehrjunge hätte gefallen lassen. >Dummkopf, Einfaltspinsel, grüner Junge< waren die mildesten Ausdrücke, die meisten Worte bestanden aus Tiernamen. Die entsetzte Imma glaubte, nein, sie hoffte sogar, jetzt müsse da drinnen etwas Schreckliches passieren, jetzt müßten Stühle umstürzen, ein Ringkampf entstehn, ein Mann müsse zu Boden geschlagen werden, mindestens mußte Alfred ihrem Bruder die Papiere vor die Füße werfen und gehen - nichts von alledem, kein Wort der Entgegnung fiel: einige Minuten später erschien der Steuermann mit unbefangener Miene am Tisch und ließ sich von Paul wie immer mit freundlicher Höflichkeit begegnen, dieselbe erwidernd. Keine Spur von Zorn, Aufregung und Verletztheit. Traurig sah ihn Imma manchmal während des Essens an - ach, sein Glorienschein strahlte nicht mehr so hell wie sonst!
Flederwisch mußte geschäftlich nach Liverpool, vielleicht auf acht Tage. Daß ihn der Mulatte begleitete, war selbstverständlich. Alfred blieb hinter einem Tisch mit Stößen von Briefen zurück, welche alle beantwortet sein wollten; es gab Rechnungen zu kontrollieren, den Schiffsproviant aufzustellen, das Loggbuch anzulegen, die vielen Förmlichkeiten mit den Behörden zu erledigen, außerdem auch noch persönlich den Fortgang der innern Einrichtung auf dem Schiffe zu beobachten - eben alle jene Arbeiten, welche sonst das wohlgeschulte Personal des Bureaus einer Schiffsreederei unter sich verteilt. Kapitän Flederwisch hatte allerdings schon bewiesen, daß er dies alles ganz allein fertig bringe, nun verlangte er einfach, daß es ein andrer auch allein könne, und so wälzte er die ganze Last auf die Schultern seines Steuermanns.