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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15529 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Trotzdem fand dieser hin und wieder Zeit, mit Imma zu plaudern, dabei aber benahm er sich, wenn auch als Gentleman, doch immer als der Untergebener ihres Bruders.

Eines Tages fand Imma ihn über einem großen Stoß von Briefen, und sie brachte selbst noch eine Menge eben eingelaufener Schriftstücke dazu.

»Was steht denn nur in all den vielen Briefen? Hat denn mein Bruder wegen des neuen Schiffes eine so große Korrespondenz?«

»Viele Briefe wären allerdings nicht nötig, es sind oft Anfragen, welche nur aus Höflichkeit beantwortet werden müssen. Ich hatte ja auch Ihrem Herrn Bruder geschrieben, ob er mich nicht anstellen könne, als ich vernahm, daß er ein neues Schiff ausrüste. Hier sind noch hunderte solcher Anfragen von Steuerleuten.«

»Sie hatten erst geschrieben? Das weiß ich gar nicht. Ich dachte, Sie wären nur so zufällig als erster Steuermann angenommen worden.«

»Mein Schiff, der Hamburger Dampfer >Merkur< war in Marseille an eine französische Reederei verkauft worden. Mir wurde zwar gleich eine andre Kapitänsstelle angeboten ...«

»Eine andre Kapitänsstelle?« unterbrach ihn Imma erstaunt. »Ich denke, Sie sind Steuermann?«

Nobody mußte die einmal übernommene Rolle durchführen, und daher antwortete er:

»Ich besitze das Kapitänspatent für große Fahrt, fahre schon seit drei Jahren als Kapitän von großen Dampfern. Sie wundert das, daß ich nun wieder als Steuermann gehe und gar auf ein veraltetes Segelschiff? Ich glaubte, Sie kennten diese Verhältnisse. Zunächst gibt es zahllose Seeleute, welche zwar das Steuermannsexamen schon gemacht haben, aber noch als Matrosen fahren müssen, weil sie als Steuerleute noch nicht ankommen können, und nicht jeder, der das Kapitänspatent besitzt, bekommt gleich ein Kommando. Ach, da muß man manchmal gar lange warten! Dann muß auch der Seemann beständig lernen, und seine beste Schule ist das Segelschiff. Ich war ja Zeuge, wie Kapitän Flederwisch die Imma verlor, und als ich hörte, daß er ein neues Schiff auszurüsten gedenke, bewarb ich mich sofort schriftlich um die Stelle. Als ich nicht gleich eine Antwort bekam, reiste ich direkt hierher, und es ist mir ja geglückt. Ja, ich wäre als Matrose mitgegangen - als Schiffsjunge, wenn es nur angängig gewesen, nur um Ihren Herrn Bruder segeln sehen zu können, um ihm die Kommandos und Kunstkniffe abzulauschen. In allen Häfen der Welt, wo die >Imma< je das Ankermanöver ausgeführt hat, kennt man ihn als den tüchtigsten Kapitän, ich habe selbst gesehen, wie er ohne Lotsen mit vollen Segeln in den schwierigen Hafen von Algier einfuhr, und seitdem war es immer mein sehnlichster Wunsch, einige Fahrten unter seinem Kommando machen zu können. Nun darf ich ja sogar neben ihm auf der Brücke stehn.«

Ein namenloser Stolz schwellte Immas Herz, als sie solche Worte über ihren Bruder aus diesem Munde hörte, denn dieser Mann war weder der Lüge noch der Schmeichelei fähig. Aber ihrem Charakter gemäß konnte sie nun auch nicht mehr davon sprechen, sie mußte von etwas anderm anfangen.

»Ist es denn wirklich wahr, daß der Kapitän auf See einen Ungehorsamen gleich totschießt?« fragte sie in ihrer naiven Weise, und sie ahnte nicht, welche Bedeutung die Frage einst für sie erlangen würde.

»So schlimm ist es nicht,« lächelte Alfred, fuhr dann aber sehr ernst fort: »Freilich, das Recht steht immer auf seiner Seite. Es gibt an Bord nur einen Willen, und das ist der des Kapitäns; unbedingter Gehorsam gegen ihn ist die erste Pflicht des Seemanns. Wer dem Kapitän den Gehorsam verweigert, macht als Gefangener die Reise mit, unter Umständen in Eisen, und eine sehr harte Bestrafung wartet seiner. Lehnen sich nur zwei in Verabredung gegen ihn auf, vielleicht in einer geringfügigen Sache, so ist das schon Meuterei, das englische Seegericht kann diese mit dem Galgen bestrafen. Wer aber auch nur eine Hand gegen den Kapitän erhebt, den darf er auf der Stelle töten, und alle Gerichte der Welt sprechen ihn frei.«

»Das ist furchtbar,« flüsterte Imma.

»Das ist gerecht. Der Kapitän ist als unumschränkter Monarch an Bord seines Schiffes anerkannt, heilig und unverletzlich, und das muß sein! Ein Schiff, auf welchem auch nur zwei gleichzeitig befehlen wollten, würde nicht den ersten Sturm bestehn kommen.«

»So besitzt der Kapitän eine furchtbare Macht. Wenn er sie nun mißbraucht?«

»Die Macht des Kapitäns über seine Leute ist unbegrenzt. Ist er ein roher Patron, schlägt er, mißhandelt er die Matrosen, die Offiziere - ohne Murren muß man alles hinnehmen, will man sich nicht sein Recht verscherzen. Denn im nächsten Hafen kann man ihn ja verklagen, und er wird bestraft, sogar härter als ein andrer Mensch, eben wegen seiner Macht; wegen jeder Beleidigung muß er sich verantworten, und einem Offizier steht es ja frei, ihn zum Zweikampf zu fordern. Aber an Bord darf er nichts gegen ihn unternehmen!«

»Auch Sie würden sich sogar geduldig schlagen lassen?« fragte Imma leise, und es lag ein seltsamer Klang darin.

»Mein Fräulein,« antwortete Alfred, »man muß immer unterscheiden, was man tun soll, und was man im Impuls des Augenblickes tun würde. Von dem letztern darf man eigentlich gar nicht sprechen, da soll man nur sagen: Der Herr führe uns nicht in Versuchung! Doch ich glaube meinen Charakter zu kennen. Ja, ich würde mich beherrschen. Ich stelle mich unter das Gesetz und verlange daher von dem Gesetze, daß es mich schützt oder, wenn dies im Augenblicke nicht angängig ist, den Beleidiger meiner Ehre bestraft!«

Er hatte zuletzt in einem feierlich gehobenen Tone gesprochen, und es war auch ein bedeutungsvolles Wort gewesen. Wie ganz anders dachte da Flederwisch! Er war der Mann der Selbsthilfe, bei ihm war das Recht die rohe Kraft, der trotzige Mut und das klingende Geld. Wie erhaben waren dagegen die Grundsätze dieses Mannes!

»Bitte, nur noch eins!« forschte Imma weiter. »Ich verstehe immer noch nicht, ich habe mich noch gar nicht darum gekümmert. Sie sprechen doch nur immer vom Bordleben, wenn das Schiff also auf hoher See ist. Da läßt sich ja die Notwendigkeit eines bedingungslosen Gehorsams begreifen. Aber nun an Land, wenn Sie auch schon sein Steuermann sind, darf Sie denn da mein Bruder beleidigen, Sie ausschelten und ...«

Verlegen brach sie ab; sie war persönlich geworden.

»Ich weiß, woran Sie denken, Sie müssen Zeuge einer Szene zwischen ihm und mir geworden sein,« sagte er langsam. »Es tat mir leid, Fräulein, wenn Sie mich falsch beurteilten. Das ist keine Kunst, die Arbeit hinzuwerfen und seiner Wege zu gehn; das ist keine Kunst, wieder zu beleidigen oder im Duell als Märtyrer zu sterben. Aber ohne Murren zu gehorchen, treu auszuharren, sich selbst zu bezwingen, wenn man auch einmal eine Ungerechtigkeit einzustecken hat, das will gelernt sein, und wer es nicht lernen will, dem bringt es das Schicksal mit harter Hand bei, und ganz besonders der Seemann muß es gelernt haben, um selbst dereinst befehlen zu können. Ja, Fräulein, ich bin stolz darauf, es in dieser Kunst schon so weit gebracht zu haben. - Uebrigens hat dies alles nichts zu bedeuten,« setzte er in leichterm Tone hinzu, »wir Seebären sagen uns manchmal Grobheiten und meinen es dabei herzensgut, und ich glaube, Ihr Herr Bruder ist ein ausgezeichneter Mensch.«

Wie beschämt hatte Imma tief den Kopf sinken lassen.

»Es ist doch furchtbar, wenn der Mensch, wie ein Kapitän, solche Macht über andre besitzt, wie leicht kann er sie mißbrauchen!« sagte sie, nur um ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Er darf sie aber nicht mißbrauchen, oder er wird bestraft dafür. Freilich, das ist eine schlimme Sache. Wenn der Kapitän etwas verlangt, was die Sicherheit des Schiffes oder der Mannschaft gefährdet, wenn das jeder gesunden Vernunft einleuchten muß, oder wenn er direkt zur Ausführung eines Verbrechens auffordert, dann kann und muß ihm der Gehorsam verweigert werden, er kann sogar von der Mannschaft überwältigt werden, denn er könnte ja irrsinnig geworden sein. Solche Szenen kommen besonders bei den der Trunksucht frönenden Kapitänen oft genug vor. Zum Mörder, Seeräuber oder Halunken braucht aus Gehorsam natürlich niemand zu werden. Es gibt aber auch noch heikle Fälle. Zum Beispiel, der Kapitän befiehlt mir, von dem auf hoher Reede ankernden Schiffe eine Kiste im Boot an Land zu bringen, sie irgendwo abzuliefern. Durch Zufall erfahre ich, daß Schmuggelwaren darin sind. Was soll ich tun? Gehorche ich, so begehe ich wissentlich einen Betrug. Gehorche ich nicht, hat der Kapitän das Recht, mich krummschließen zu lassen. Erst an Land kann ich ihn anzeigen, das bedingen ja schon die Verhältnisse, dann ist es aber vielleicht zu spät, der Betrug, vielleicht sehr verhängnisvoll, ist bereits geschehen. Das sind eben die Fälle, wo jeder Mensch den Kampf zwischen Verstand und Herz selbst ausfechten muß, und die Gesetze wissen das zu würdigen, indem kein Gericht die Mannschaft zwingen kann, gegen ihren Kapitän zu zeugen.«

Es trat eine kleine Pause ein. Der Steuermann ordnete die Briefe, Imma stand seitwärts am Schreibtisch, die Augen niedergeschlagen.

»Und in demselben Verhältnis wie Sie zum Kapitän, steht der Bootsmann zu Ihnen?« begann sie dann leise.

»Ja, sobald ich als Offizier Wache gehe und auch sonst, wenn es der Dienst erfordert, nur daß ich dem Kapitän die letzte Entscheidung überlassen muß und er meine Befehle aufheben kann.«

»Wenn sich nun der Bootsmann gegen Sie tätlich vergeht?«

»So wäre dies geradeso, als hätte er sich gegen den Kapitän selbst vergriffen. Töten dürfte ich ihn allerdings nur in höchster Notwehr.«

Aengstlich sah Imma ihn lange an.

»Ach Gott, wenn mein Bruder nur den Manuel entlassen wollte! Es ist ein so roher Mensch, ich vergehe vor Angst.«

Da schellte die Tante nach ihr. Imma mußte fort.

Nach zehn Tagen kam Flederwisch unvermutet zurück, in der heitersten Laune, blühend wie eine Rose. An der Hand fehlte ihm ein Diamantring, dafür trug er plötzlich am kleinen Finger einen Damenreif, und Manuel hatte von der Schläfe bis zum Kinn ein breites, weißes Pflaster, das einen frischen Messerhieb verdeckte.

Die Frithjof lag fix und fertig im St. Katharinendock am großen Quai des Hafens, eines jener ungeheuren Segelschiffe, wie sie jetzt immer mehr gebaut werden, allen Fortschritten der Maschinentechnik und Elektrizität zum Trotz, denn auch die Kunst, den Wind auszubeuten, schreitet vorwärts, und was der Mathematiker in stiller Studierstube am Schreibtisch berechnet, der Physiker im Laboratorium beobachtet, kommt auch dem Seefahrer zugute. Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Zeit der Segelschiffe sei vorüber. Noch jetzt hat z. B. Deutschland achtmal so viel Segler wie Dampfer, und nie werden diese jene völlig verdrängen. Stürme und Winde werden noch mit Milliarden von Pferdekräften wehen, wenn alle Kohlenlager der Erde erschöpft sind, man wird die Elemente ausnutzen lernen, wenn auch nicht gerade allein den Wind durch Segel.

Die Taufe war von Lady Muggridge vollzogen worden, welche wohl mehr aus geschäftlichen Rücksichten als aus Galanterie von Kapitän Flederwisch als Patin gebeten worden war.

In dem Salon unter Deck, welcher wirklich eher für die ersten Kajütenpassagiere eines Schnelldampfers bestimmt zu sein schien als für den Kapitän eines Segelschiffes, war eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, und viele waren von weither gekommen, auch aus Deutschland, ehemalige Kameraden und Bekannte von schon ältern Jahren, und Flederwisch hatte mit guter Absicht jene eingeladen, deren er sonst gar nicht mehr gedacht. Nur Rechtsanwalt Perkins hatte abgesagt, aus leicht begreiflichen Gründen.

Obgleich die Gerichte ausschließlich in der Kambüse, der Schiffsküche, zubereitet wurden, ließ das Essen dem verwöhntesten Gaumen doch nichts zu wünschen übrig, Flederwisch konnte mit seinem schokoladenfarbigen Koch aus Indien prahlen; er hatte ihn tatsächlich in der ersten Küche von Paris >studieren< lassen, und so hätte sich auch kein französisches Hotel der von den Händen des italienischen Stewards arrangierten Tafel und seiner Geschicklichkeit beim Servieren zu schämen brauchen; desgleichen waren Biere, Weine und Champagnersorten nicht nur zu dieser Gelegenheit bezogen, sondern sie hatten in einem von der Eismaschine gekühlten Raum ihr festes Lager.

Alles Reichtum, geschmackvolle Pracht, Luxus - es war wohl keiner unter all den geladenen Jugendfreunden und bemoosten Häuptern, die einst gesagt, das traurige Ende des leichtsinnigen Jungen sei vorauszusehen gewesen, welcher jetzt nicht den jungen Kapitän beneidete oder doch anstaunte, der so etwas aus sich gemacht hatte, der auf seinem Schiffe freier als ein König herrschte; und manche Dame träumte davon, wie herrlich es wäre, könnte sie das Herz dieses Mannes erobern, wie romantisch, könnte sie mit ihm als Königin auf dem stolzen Schiffe durch die weite Welt fliegen. - Aber er war ein Schmetterling, der von Blume zu Blume flatterte und sich nicht fangen ließ.

Gerade jedoch solche Gedanken waren es ja, welche der eitle Kapitän erwecken wollte, deshalb hatte er ja die, welche ihn früher gekannt und dereinst verurteilt hatten, eingeladen, er wollte bewundert, angestaunt, beneidet sein, und wie sie ehrfürchtig zu ihm emporsahen, so blickte er verächtlich auf sie herab.

Nur mit einem Manne an Bord hatte Flederwisch sich in die Bewunderung der Gäste zu teilen, mit seinem ersten Steuermann Alfred Werner, die Rede war selbstverständlich auf den Schiffbruch gekommen, den die Imma erlitten hatte, und so konnte die Heldentat nicht verschwiegen werden, durch die der Steuermann die gesamte Besatzung, sowie Flederwisch selbst gerettet hatte.

So sehr letztrer auch spottend über jene Affäre hinwegzukommen sich bemühte, er konnte nicht hindern, daß Alfred zeitweise der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit ward, daß gar manche vornehme und schöne Dame insgeheim einen Vergleich zwischen dem Kapitän und seinem Steuermann anstellte, und daß erstrer dabei nicht gewann.

Auch hier gab man jenem Lotsenkommandeur nicht unrecht, der den Retter der Schiffbrüchigen als einen Prinzen bezeichnet hatte.

Trotzdem ahnte natürlich noch niemand, welchen ruhmvollen Klang dereinst der Name >Nobody< haben würde, den Flederwisch auch jetzt wieder seinem Steuermann gab.

Der Kapitän aber war viel zu gut gelaunt, um sich dauernd in Mißstimmung versetzen zu lassen. Stundenlang unterhielt er die Gesellschaft mit dem Vorführen seiner Leute, er ließ sie wie im Variété auftreten. Sie marschierten als chinesische Kapelle, und zwar in echten, seidenen Kostümen, mit Tsching und Kong auf und parodierten die musikalischen Zopfträger in köstlicher Weise. Zwei Matrosen traten als exzentrische Clowns auf und ließen die Lachmuskeln der Zuschauer nicht zur Ruhe kommen. Ein Sachse bewies sich denen, welche Deutsch verstanden, als unvergleichlicher Improvisator in sächsischer Mundart. Jedes Thema, welches ihm aufgegeben wurde, behandelte er in Knüttelversen mit wirklich geistreichem Witz. Ein andrer Deutscher entpuppte sich als ein wahrhafter Violinvirtuose und produzierte sich dann noch als Herkules. Er wurde aber noch übertroffen durch einen Schweizer, der Latein und Griechisch beherrschte. Ein andrer bewies seine Geschicklichkeit im Harpunenwerfen, die er sich auf einem Walfischfahrer angeeignet hatte - kurz, jeder der vierunddreißig Mann starken Besatzung besaß irgend eine spezielle Fertigkeit.

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